Wohlfühlen


Wenn die Hände streiken: Überlastungsbeschwerden der Hände in den Dentalberufen

Abb. 1: Schmerzlokalisation bei Entzündungen des 1. Strecksehnenfaches (Tendovaginitis de Quervain). Oft lässt sich hier ein schmerzhaftes Sehnenreiben spüren.
Abb. 1: Schmerzlokalisation bei Entzündungen des 1. Strecksehnenfaches (Tendovaginitis de Quervain). Oft lässt sich hier ein schmerzhaftes Sehnenreiben spüren.

Im Vergleich zu anderen Berufsgruppen leidet zahnmedizinisches Personal häufig unter Beschwerden im Bereich der Hände und Handgelenke. Symptome entwickeln sich oft über einen längeren Zeitraum und manifestieren sich in Form von dumpfen Schmerzen, Taubheitsgefühlen und geschwollenen Fingern. Viele dieser Probleme sind durch eine gute Ergonomie vermeidbar. Im Folgenden werden einige der wichtigsten Krankheitsbilder im Bereich der Hände vorgestellt. Es werden präventive Ansätze wie ergonomische Arbeitsweisen und der Einfluss des Instrumentendesigns auf die Belastung der Finger aufgezeigt.

Muskel- und Skeletterkrankungen gehören in der westlichen Welt zu den häufigsten arbeitsbedingten Gesundheitsproblemen. Hierbei handelt es sich meist um kumulative Schädigungen, die eine Folge lang anhaltender, repetitiver Belastungen (gleichförmige Arbeitsabläufe, ungünstige Haltungen, Vibrationen) sind. Gemäß einer aktuellen Literaturübersicht leiden zwischen 64 % und 93 % aller in den Dentalberufen tätigen Personen an muskuloskelettalen Beschwerden. Während Zahnärzte hierbei am häufigsten über Rücken- und Nackenbeschwerden (36–60 %) klagten, waren bei Dentalhygienikerinnen überwiegend die Hände und Handgelenke (60–69 %) betroffen [5]. Risikofaktoren in den Dentalberufen sind die ungünstige, vornübergeneigte Körperhaltung, die repetitiven Arbeitsabläufe sowie der kraftvolle Einsatz relativ kleiner und vibrierender Werkzeuge in gebeugter Stellung der Handgelenke (Dentalhygiene) [1].

Sehnenscheidenentzündungen (Tendovaginitiden)

Der Begriff „Sehnenscheidenentzündung“ wird oft unkritisch als allgemeine Bezeichnung für Schmerzen an der Hand, am Handgelenk und am Unterarm verwendet. Echte Sehnenscheidenentzündungen treten aber nur dort auf,

  • Abb. 2: Blick auf die geschwollene und entzündete Sehnenscheide des 1. Strecksehnenfaches anlässlich der Operation. Die Schnittführung zur Erweiterungsplastik ist eingezeichnet.

  • Abb. 2: Blick auf die geschwollene und entzündete Sehnenscheide des 1. Strecksehnenfaches anlässlich der Operation. Die Schnittführung zur Erweiterungsplastik ist eingezeichnet.
  • Abb. 3: Nach Entfernung des entzündeten Gewebes und Erweiterungsplastik der Sehnenscheide können die Sehnen im 1. Strecksehnenfach wieder gut gleiten.

  • Abb. 3: Nach Entfernung des entzündeten Gewebes und Erweiterungsplastik der Sehnenscheide können die Sehnen im 1. Strecksehnenfach wieder gut gleiten.
wo tatsächlich auch Sehnenscheiden anatomisch vorhanden sind. Ein Beispiel hierfür ist die Entzündung des 1. Strecksehnenfaches am Handgelenk, die Tendovaginitis de Quervain. Diese tritt gehäuft bei Frauen auf und äußert sich durch ein schmerzhaftes Reiben auf der Daumenseite des Handgelenkes (Abb. 1). Ursachen dieser Sehnenscheidenentzündung sind häufig repetitive Belastungen des Daumens sowie Fehlhaltungen des Handgelenkes. Anatomische Normvarianten wie mehrfach angelegte Daumenstrecksehnen oder ein zusätzliches Septum innerhalb des 1. Strecksehnenfaches können das Auftreten der Beschwerden begünstigen und lassen sich mittels Ultraschalluntersuchung nachweisen. In frühen Stadien der Entzündung stehen konservative Therapieoptionen (Ruhigstellung von Daumen und Handgelenk, entzündungshemmende Medikamente, eventuell Steroidinfiltration) im Vordergrund. Bei anhaltenden Beschwerden oder anatomischen Normvarianten kann eine handchirurgische Erweiterungsplastik des 1. Strecksehnenfaches durchgeführt werden (Abb. 2 u. 3).

Eine der häufigsten Funktionsstörungen an der Hand ist die Beugesehnenscheidenentzündung über den Fingergrundgelenken (Tendovaginitis stenosans). Initial treten hierbei Schmerzen unterhalb der Hohlhandbeugefurche sowie eine gewisse Steifigkeit der Finger, vor allem morgens, auf (Abb. 4). Unbehandelt entwickelt sich im weiteren Verlauf ein sogenannter „Schnappfinger“ oder „schnellender Finger“: Beim Versuch, einen Finger oder den Daumen zu strecken, kommt es zu einem unangenehmen Hängenbleiben der Beugesehnen am Eingang der Sehnenscheide. Im Anfangsstadium kann diese Blockade des Fingers durch einen erhöhten Kraftaufwand der Strecksehnen aktiv überwunden werden. Ein Therapieversuch mit entzündungshemmenden Salben und einer Steroidinfiltration kann dann sinnvoll sein. Bei anhaltenden Schnapp-Phänomenen oder dauerhaftem
  • Abb. 4: Schmerzlokalisation bei Beugesehnenscheidenentzündungen im Bereich der Fingergrundgelenke (Tendovaginitis stenosans). Anfänglich besteht nur eine gewisse Steifigkeit der Finger, unbehandelt entwickelt sich häufig ein „Schnappfinger“.

  • Abb. 4: Schmerzlokalisation bei Beugesehnenscheidenentzündungen im Bereich der Fingergrundgelenke (Tendovaginitis stenosans). Anfänglich besteht nur eine gewisse Steifigkeit der Finger, unbehandelt entwickelt sich häufig ein „Schnappfinger“.
  • Abb. 5: Ausbreitungsgebiet der Missempfindungen beim Karpaltunnelsyndrom. Taubheitsgefühle müssen nicht in allen Fingern vorhanden sein, häufig ist jedoch der Mittelfinger betroffen.

  • Abb. 5: Ausbreitungsgebiet der Missempfindungen beim Karpaltunnelsyndrom. Taubheitsgefühle müssen nicht in allen Fingern vorhanden sein, häufig ist jedoch der Mittelfinger betroffen.
Blockieren des Fingers in Beugestellung ist eine chirurgische Spaltung des Sehnenscheideneinganges zu empfehlen. Der Eingriff ist komplikationsarm und kann überwiegend ambulant in Lokalanästhesie durchgeführt werden.

Karpaltunnelsyndrom

Hierbei handelt es sich um eine sehr häufig auftretende Einengung des Medianus-Nervs beugeseitig im Bereich der Handwurzel. Dort verläuft der Nerv gemeinsam mit neun Beugesehnen durch einen Tunnel, der von den Handwurzelknochen und einem ca. 3 cm breiten Band begrenzt wird. Der N. medianus versorgt die Muskulatur des Daumenballens und vermittelt die Sensibilität von Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger und der dem Mittelfinger zugewandten Seite des Ringfingers (Abb. 5). Die typischen Symptome einer Nerveneinengung sind Taubheitsgefühle, „Ameisenlaufen“, Kribbeln sowie Einschlafempfindungen im Bereich dieser Finger. Meist treten die ersten Symptome nachts oder bei längerem Verharren der Handgelenke in einer Position (Autofahren, Zeitunglesen) auf. Zahlreiche klinische Studien beschreiben ein gehäuftes Auftreten bei der täglichen Arbeit von Dentalhygienikerinnen. Symptomauslösend sind hierbei in erster Linie die gebeugte Stellung der Handgelenke, das kraftvolle Einsetzen relativ schmaler Instrumente und die Verwendung vibrierender Instrumente [5, 9]. Weitere Risikofaktoren sind Dysfunktionen der Schilddrüse, ein manifester Diabetes mellitus, Rheuma und Gicht. Seltenere Ursachen, wie z.B. Raumforderungen innerhalb des Karpaltunnels, können mit einer Ultraschalluntersuchung ausgeschlossen werden. Die Diagnose sollte schließlich durch eine Messung der Nervenleitgeschwindigkeit des N. medianus bestätigt werden. Im Vergleich zur übrigen Bevölkerung beschreiben Studienteilnehmer aus den Dentalberufen diese Symptome deutlich häufiger während ihrer Arbeit, die Häufigkeit der neurologisch bestätigten Diagnosen ist in den Dentalberufen im Vergleich zur übrigen Bevölkerung jedoch nicht erhöht. Generell sind Frauen wesentlich häufiger betroffen. Bei milder Ausprägung der Symptome kann mit konservativen Maßnahmen wie abschwellenden Medikamenten und nächtlicher Ruhigstellung des betroffenen Handgelenkes in einer Manschette Linderung erreicht werden. Bei fortbestehenden Beschwerden und gesicherter Diagnose hat die handchirurgische Erweiterung des Karpaltunnels ihren festen Stellenwert. Hierbei wird das begrenzende Band über dem Karpaltunnel gespalten, um Platz für den eingeengten Nerv zu schaffen. Die Operation ist generell ambulant möglich und erfolgt meist in Regionalanästhesie. Nach der Operation wird das Handgelenk in der Regel über zwei Wochen ruhiggestellt, die Finger bleiben hierbei jedoch frei beweglich. Einschneidender als die Operation selbst ist für viele Patienten die für einige Wochen verminderte Belastbarkeit der Hand bis zum Abheilen der Narbe (Arbeitsausfall ca. sechs Wochen).

Kubitaltunnelsyndrom

  • Abb. 6: Ausbreitungsgebiet der Missempfindungen beim Kubitaltunnelsyndrom. Gefühlsstörungen treten auch auf dem Handrücken auf, werden jedoch nicht so störend empfunden.

  • Abb. 6: Ausbreitungsgebiet der Missempfindungen beim Kubitaltunnelsyndrom. Gefühlsstörungen treten auch auf dem Handrücken auf, werden jedoch nicht so störend empfunden.
  • Abb. 7: Blick auf den freigelegten Ulnaris-Nerv während der endoskopischen Dekompression eines Kubitaltunnelsyndroms.

  • Abb. 7: Blick auf den freigelegten Ulnaris-Nerv während der endoskopischen Dekompression eines Kubitaltunnelsyndroms.
Das Kubitaltunnelsyndrom ist die zweithäufigste Nervenengpassproblematik der oberen Extremität. Ursache ist eine Einengung oder Druckschädigung des Ulnaris-Nervs auf Höhe des Ellenbogens. Der Nerv verläuft hier in einem anatomischen Engpass, der Ellenbogenrinne (Kubitaltunnel). Ursache einer Druckschädigung können bindegewebige Stränge, derbe Muskelhüllen oder entzündliche Veränderungen sein. Lang anhaltendes Beugen des Ellenbogens beim Arbeiten kann die Kompressionswirkung zusätzlich verstärken. Im Gegensatz zum Karpaltunnelsyndrom kommt es hierbei zu Gefühlsstörungen an der Handkante, am Kleinfinger sowie an der äußeren Seite des Ringfingers (Abb. 6). Im fortgeschrittenen Stadium stellen sich eine Ungeschicklichkeit beim Schreiben und eine Schwäche beim Greifen ein. Für eine genaue Diagnosestellung ist eine neurologisch-elektrophysiologische Abklärung (Neurografie) unerlässlich. Im Frühstadium können konservative Maßnahmen (Ellenbogenpolster) und ein Vermeiden ungünstiger Gewohnheiten (Vermeiden der maximalen Beugung im Ellenbogen, kein Auflegen des Ellenbogens bei PC-Arbeiten) Linderung schaffen. Bei bleibenden Beschwerden ist jedoch meist eine Operation (Dekompression des N. ulnaris) angezeigt, was heute oft endoskopisch geschieht (Abb. 7), sodass eine raschere Heilung gewährleistet ist [6].

Ergonomie in der zahnärztlichen Praxis

Die entscheidenden Einflussfaktoren bei Überlastungsbeschwerden der Hände sind:

  • die Arbeitshaltung,
  • die Ergonomie und richtige Handhabung der Handinstrumente sowie
  • diverse Einflüsse der unmittelbaren Arbeitsumgebung (vibrierende Instrumente, Lärmpegel, Einfluss von Kälte und Nässe).

Achten Sie am Arbeitsplatz zunächst auf eine aufrechte Haltung der gesamten Wirbelsäule – häufig haben Beschwerden der oberen Extremitäten ihre Ursache in einer ungünstigen Belastung der Halswirbelsäule und des Schultergürtels. Stellen Sie Ihre Sitzhöhe so ein, dass unter Beachtung der optischen Arbeitsdistanz keine allzu starke Neigung der Halswirbelsäule resultiert. Stellen Sie Ihre Ablageflächen so ein, dass alle häufig verwendeten Handinstrumente in einem Distanzbereich von 25?50 cm bewegt und gegriffen werden können. Eine überwiegend körpernahe Armhaltung ist weniger ermüdend und vermeidet ungünstige Gelenkstellungen in den Endbereichen des Bewegungsumfanges. Das Abstützen der Finger auf dem Unterkiefer des Patienten reduziert nachweislich die Beanspruchung der Muskulatur und die erforderliche Greifkraft beim Halten der Dentalinstrumente [3]. Vermeiden Sie möglichst das längere statische Halten der Arme ohne Abstützung und legen Sie danach eine Erholungspause ein. Nutzen Sie die Behandlungspausen für regelmäßige Dehnübungen von Hand- und Unterarmmuskulatur.

Dehnungsübung:

  • Abb. 8 u. 9: Demonstration der Dehnungsübungen für die Handgelenke. Behandeln Sie beide Arme mehrmals täglich.

  • Abb. 8 u. 9: Demonstration der Dehnungsübungen für die Handgelenke. Behandeln Sie beide Arme mehrmals täglich.
Strecken Sie den Arm entlang des Körpers nach unten und ziehen Sie anschließend mit der anderen Hand das Handgelenk für jeweils 20?30 Sekunden in beide Richtungen. Dehnen Sie hierbei mit konstantem Zug. Behandeln Sie beide Arme unmittelbar nacheinander und dies mehrmals täglich (Abb. 8 u. 9). Die eigenen Hände sind in der zahnärztlichen Praxis das wichtigste Werkzeug – es gilt sie zu schützen und zu pflegen!

Ergonomische Aspekte der Handinstrumente

In vielen Zahnarztpraxen findet man auch heute noch Handinstrumente mit dünnen Griffen. Sie erschweren die Arbeit durch den erforderlichen Kraftaufwand zum Halten der Instrumente und führen zu Verspannungen und Verkrampfungen der Hand- und Armmuskulatur. Das zahnärztliche Instrumentieren erfordert ein Höchstmaß an Feinmotorik, Gefühl und Präzision der Bewegungen. Studien zum Instrumentendesign ergaben, dass ein Griffdurchmesser von 7,5?10 mm die Kraft zum Halten der Instrumente deutlich reduziert, andererseits aber ein graziles und punktgenaues Instrumentieren ermöglicht. Das Gewicht der Instrumente sollte dabei möglichst unter 15 g liegen. Im Bereich der Dentalhygiene ist neben der Präzision der Bewegungen auch Kraftaufwand und dosierte Geschwindigkeit beim Instrumentieren gefragt. Wichtig ist hier neben dem Durchmesser auch das Profil des Instrumentengriffes. Ein „handlicher“ Griff beinhaltet konvexe und konkave Griffflächen, um Druckpunkte zu vermeiden. Das Material sollte zudem Vibrationen absorbieren können (Silikongriffe) [4, 8].

Ergonomie und Gelenkschutz im Alltag

Unter Gelenkschutz versteht man den kraftsparenden und somit belastungsmindernden Gebrauch der Gelenke durch gezielten Einsatz von Alltagshilfen. Die kleinen Fingergelenke können auch im Alltag durch größere Griffe (Kugelschreiber, Zahnbürste, Besteck) entlastet werden. Durch speziell vorgefertigte Aufsätze – oder einfacher durch Moosgummischläuche – lassen sich viele Griffe im Haushalt erweitern und „griffiger“ gestalten. In Ergonomiefachgeschäften oder über die Rheuma-Liga sind nützliche Helfer für den Haushalt, wie z.B. kraftsparende Dosen- und Flaschenöffner, erhältlich. Wenn Sie viel am Computer arbeiten, prüfen Sie den Einsatz einer ergonomischen Tastatur oder einer vertikalen Computermaus. Letztere befreit Sie aus der zwanghaften Pronationsstellung der Hand und entlastet die Vorderarmmuskulatur. Platzieren Sie dabei die Maus derart, dass die Unterarme auf der Tischfläche breit aufliegen können. Generell gilt dabei: Gewöhnen Sie sich neue Bewegungsmuster an, die schrittweise die alten Muster ablösen. Es ist einfacher, sich neue Bewegungsabläufe anzugewöhnen als unerwünschte Haltungen oder Bewegungen bewusst abzugewöhnen!

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. med. Torsten Franz

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. med. Torsten Franz


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