Wohlfühlen

Gedankenspiele und Großzügigkeit

Teil 2: Keinen Bock mehr? Die Gegenstrategie

Die Lebenskunst-Pyramide.
Die Lebenskunst-Pyramide.


Wenn wir unmotiviert und unzufrieden mit unserer Lebenssituation sind, können nur wir selbst unser Leben verändern. Im vorherigen Teil dieses Beitrags (siehe Link unten) stellte die Psychologin Dr. Esther Oberle das Modell der Lebenskunst-Pyramide vor, das persönliche Ziele erreichbar macht. Im zweiten Teil klärt Dr. Oberle über die Macht der Gedanken auf – und die Bedeutung der Großzügigkeit gegenüber anderen.

Wer die Stufen der Lebenskunst-Pyramide erklimmt, kann eine gesteigerte Zufriedenheit mit sich und der eigenen Lebenssituation erreichen. Wie im ersten Teil dieses Beitrags mit den Stufen eins bis drei dargestellt, gilt es, zunächst ein Fundament aus Selbstmotivation zu legen. Darauf bauen die Eigenverantwortung und die Zielstrebigkeit auf. Ich muss mich also selbst anfeuern, die Verantwortung für mein Leben selbst übernehmen und bereit sein, mich für meine Ziele beherzt einzusetzen. Stufe 4 der Pyramide – die Macht der Gedanken – hilft, die gesetzten Ziele zu erreichen.

Stufe 4: Die Macht der Gedanken

Was meinen Sie: Können wir unsere Gehirnstruktur selbst verändern? Jawohl, das geht. Der Neurowissenschaftler Alvaro Pascual-Leone war davon überzeugt, dass alleine das Denken an etwas, also ein bloßer Gedanke, die physische Struktur des Gehirns verändert. Um seine These zu beweisen, führte er ein einfaches Experiment durch: Er bildete zwei Gruppen mit Teilnehmern, die noch nie im Leben Klavier gespielt hatten, und fertigte von ihnen Gehirnaufzeichnungen an. Dann brachte er beiden Testgruppen eine Tonfolge bei, indem er ihnen zeigte, welche Tasten sie auf dem Klavier zu drücken hatten. In den folgenden fünf Tagen musste die erste Testgruppe jeden Tag zwei Stunden vor einem Klavier sitzen und sich lediglich vorstellen, welche Tasten sie zum Spielen der Tonfolge drücken muss. Die zweite Testgruppe hingegen spielte in den fünf Tagen zwei Stunden täglich die Tonfolge real auf dem Klavier. Am Ende des Tests wurden erneut Aufzeichnungen der Gehirne gemacht. Dabei stellte Pascual-Leone fest, dass sich die Gehirne beider Testgruppen auf ähnliche Weise verändert haben. Es schien, als hätte die rein mentale Übung die gleiche physische Veränderung im Bewegungszentrum der Gehirne bewirkt wie die praktische Übung mit dem echten Klavier.

Mentale Übungen sind also eine ideale Ergänzung respektive eine ideale Vorbereitung, um Fähigkeiten mit minimalem Aufwand zu erlernen oder weiterzuentwickeln. Viele Sportler und Musiker wissen das. Sie hätten ohne solche Übungen niemals ihre Höchstleistungen vollbringen können. Durch die Macht der Gedanken lassen sich aber nicht nur körperliche Fähigkeiten erlernen oder trainieren. Patienten mit Depressionen können z. B. durch den Umgang mit den Gedanken die Aktivität in einem Gehirnareal erhöhen und in einem anderen verringern und so das Risiko einer depressiven Phase reduzieren. Und selbst Fähigkeiten wie Einfühlungsvermögen oder Moral können durch die Macht der Gedanken trainiert werden.

Negative Gedanken bremsen

Was bedeutet diese Erkenntnis für uns? Stellen wir uns vor, das Wartezimmer ist voller ungeduldiger Patienten und die Mitarbeiterin ist bereits 20 Minuten im Verzug. Das Telefon klingelt, die Kollegin sucht nach einem Instrument in Ihrem Zimmer und Ihre Chefin verlangt hier und jetzt absolute Präsenz. Abends müssen Sie noch einkaufen, zur Post gehen und die Wohnung putzen. Und ja, Ihr Herzallerliebster wünscht auch noch ein feines, entspanntes Dinner und Unterhaltung. Was für ein Druck, schrecklich! Und da sind sie wieder, die Gedanken. Nichts als Gedanken und doch haben sie ungeahnte Macht über unser Befinden, kreisen unentwegt um die anstehenden Arbeiten und verursachen Stress.

Nüchtern betrachtet könnte sich dieser Stress möglicherweise als unbegründet offenbaren. Wir könnten beispielsweise lernen, nicht alle Arbeiten gleichzeitig zu fokussieren. Längst wissen wir, dass Stress das ist, was man dafür hält. Menschen machen sich selbst Druck. Das passiert im Kopf. Allein mit der Kraft der Gedanken kann der Mensch messbar den Pegel des Stresshormons Cortisol steigen lassen.

Glücklicherweise ist das Gehirn keine Einbahnstraße. Ebenso gut ermöglicht es uns, mental zu entspannen. Die positive Kraft der Gedanken lässt z. B. Schmerzen abflauen und Kurzatmige tiefere Lungenzüge nehmen. Sie kann sogar Krankheiten lindern, hyperaktive Leute beruhigen und ihr Leben positiv verändern.

Es liegt nun an Ihnen, Ihre Gedanken zu prüfen. Wenn Sie z. B. frühmorgens erwachen, achten Sie darauf: Ihr Denkapparat springt sofort an. Und wie eine Herde wildgewordener Pferde stürmen die Gedanken in alle Himmelsrichtungen. Ganz ohne Ihr Dazutun. Und leider sind es oft negative Gedanken wie: „Oh je, heute kommt wieder dieser Patient“, oder „Oh nein, heute muss ich mit Kollege XY zusammenarbeiten“. Mein Tipp: Lassen Sie sich von solchen negativen Gedanken nicht den Tag vermiesen. Ziehen Sie die Reißleine, nehmen Sie diese Gedanken an die Zügel und verbieten Sie sich, gewisse negative Gedanken zu denken. Statt „Ich schaffe das eh nicht“, heißt es ab jetzt: „Ich schaffe das!“. Mit positiven Formulierungen können Sie auf lange Sicht Ihr Unterbewusstsein umprogrammieren.

Stufe 5: Das Prinzip des Gebens

Im Kochbuch heißt es: „man nehme“. Im Leben muss es heißen: „man gebe“. Ab und an sollte man sich also fragen, wie und wem man Nutzen bringen kann. In der Praxis sind es die Patienten. Hier heißt es: „Make the customer feel smart.“ Als Praxismitarbeiterin kann man sich überlegen, was man tun muss, damit sich der Patient smart fühlt. Von einem professionellen Dienstleister darf man erwarten, dass er seinen Service nicht bloß gut macht, sondern die Erwartungen übertrifft. Ein Profi geht mit Freude und Elan an die Arbeit, überrascht den Kunden mit Zusatzleistungen, Zusatz-Freundlichkeiten, Zusatz-Informationen usw.

„Customer“ ist aber nicht allein der Patient, sondern auch der Kollege, die Kollegin, die Chefin, der Chef, der Lieferant, der Hauswart, die Reinigungskraft usw. Was brauchen diese Leute? Was könnte der eigene Beitrag sein, dass sich diese Mitmenschen „smart“ fühlen? Fragen Sie sich selbst: Ist auf Sie Verlass? Sagen Sie das, was Sie denken, und denken Sie das, was Sie sagen? Können Sie auch mal schweigen und großzügig über Fehler des anderen hinwegsehen? Auch das Private zählt: Wie gestalten Sie Ihr Privatleben? Sind Sie da gewillt, erst einmal zu geben, statt zu nehmen und zu erwarten? Sind Sie bereit, gewisse Vorinvestitionen zu machen? Sind Sie bereit, zuerst zu verzeihen, den ersten Schritt zur Versöhnung zu machen? Sind Sie bereit, als Erster eine Entschuldigung zu formulieren und dem anderen die Hand zu reichen? Sind Sie bereit, zuerst Ihr Gemüt zu beruhigen und Ihre negativen Gedanken über Bord zu werfen? Sind Sie bereit, auch mal ganz bewusst wieder die rosarote Brille aufzusetzen und Ihr Gegenüber, Ihre Patienten, Ihre Auftraggeber, Ihre Praxis und sich selbst durch diese Brille zu sehen? In anderen Worten: Wollen Sie sich den Herausforderungen des Lebens stellen?

Fazit

Wir sind verantwortlich für das, was wir tun, aber auch für das, was wir nicht tun. Also müssen wir unser Leben selbst in die Hand nehmen. Wecken Sie starke Emotionen, um sich zu motivieren, und freuen Sie sich. Das ist die wahre Kunst der Selbstmotivation. Viele Menschen sind nur deshalb so einsam, weil sie Dämme bauen statt Brücken. Überprüfen Sie Ihre eigenen Anteile an Situationen und übernehmen Sie Eigenverantwortung für Ihr Leben, aber auch für Ihre Gefühle und Ihren Stress. Wachsen Sie über sich hinaus und duschen Sie mal kalt. Machen Sie mit Freuden das, was Sie können, mit dem, was Sie zur Verfügung haben, da, wo Sie gerade sind. Und werden besser und besser ... Sprengen Sie Ihre Grenzen und seien Sie sich im Klaren: Welches Ziel wollen Sie bis wann und wie erreichen? Legen Sie Zielstrebigkeit an den Tag. Welche Gedanken lassen Sie zu? Halten Sie diese im Zaum oder lassen Sie ihnen freien Lauf? Nutzen Sie Ihre Gedanken für Positives oder vermüllen Sie Ihr Hirn mit Negativem? Unterschätzen Sie nie die Macht der Gedanken. Machen Sie sich das Prinzip des Gebens zur Lebensmaxime. Die wahre Lebenskunst besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare und Exklusive zu sehen. Das ist wahre Souveränität.


Dr. Esther Oberle ist die Gründerin der Rüegger Partner Consulting GmbH. Sie hat sich spezialisiert auf Lehr- und Referententätigkeiten im Life-Sciences- und Healthcare-Bereich, führt Supervisionen vornehmlich in der Gesundheitsbranche durch und berät Manager und HR-Verantwortliche bei Recruiting und Assessments. Im November ist ein neues Buch von ihr erschienen - "Survival-Guide für die Seele", hier zum Inhalt:

Es muss Liebe sein, wenn eine gestandene Geschäftsfrau ihrem Ehemann dorthin folgt, wo sie nie freiwillig hingegegangen wäre: von der beschaulichen, übersichtlichen und wohlgeordneten Schweiz ausgerechnet nach Hyderabad in Indien, einer auf den ersten Blick chaotischen, lauten, schmutzigen Millionen-Metropole.

  • Buchcover.

  • Buchcover.

Esther Oberle hat viel gelernt bei diesem Abenteuer, über sich und andere. In spritzigen Anekdoten berichtet sie aus diesem fremden Land und wie sie sich von einem Moment auf den anderen darin zurechtfinden muss. Und in jeder noch so skurrilen Begebenheit steckt eine Lehre, die die Autorin uns auf charmante Weise "rüberbringt".

Esther Oberle: Survival-Guide für die Seele. Bellavista Verlag 2017, ISBN 978-3-937617-60-2, 17,90 Euro im Buchhandel.

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Esther Oberle



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