Praxismanagement


Generationskonflikt im zahnärztlichen Team – was tun?

.
.

Äußere Umwelt und Gesellschaft haben sich in den vergangenen 60 Jahren stetig gewandelt, was sich u.a. in der unterschiedlichen Sozialisation und in verschiedenen Erziehungsstilen äußert, denen die Generationen – von den Babyboomern bis zur heutigen Generation Z – unterworfen waren. Dass damit auch unterschiedliche Werte, Erwartungen und Einstellungen gegenüber Beruf und Arbeit einhergehen, liegt nahe. Wer nun die Perspektive anderer Generationen kennt, hat es im beruflichen Miteinander einfacher, Verständnis zu entwickeln und dem anderen ein Stück entgegen zu kommen.

Das Thema „Generation Z“ ist in der Presse derzeit sehr präsent. In Onlinemedien dominieren reißerische Headlines: „Lieber arbeitslos als ein sinnloser Job“, „Generation Z mischt den Arbeitsmarkt auf – Keine Karriere um jeden Preis“, „Wie tickt die Generation Z?“, „Hast auch du keinen Bock, 100% zu arbeiten?“ oder auch „Bloß keine Überstunden!“ [1-5], so heißt es auf verschiedenen Seiten recht provokant. Wie geht es Ihnen hiermit? Bemerken Sie im Praxisteam oder in der Familie ebenfalls Differenzen zwischen verschiedenen Generationen?

Tiefer nachgedacht, nicken fast alle Befragten; die teils gravierenden intergenerationalen Unterschiede sind omnipräsent. Sie beeinflussen das Miteinander am Arbeitsplatz sowie im Privatleben. Seit einigen Jahren geht die Generation der Baby-Boomer zwar sukzessive in Rente, doch ist ein Teil der zwischen ca. 1950 bis 1965 Geborenen noch im Arbeitsleben aktiv.

Die Generationen X, Y, und Z befinden sich ebenfalls mit beiden Beinen im Arbeitsleben (Abb. 1). Somit treffen vier verschiedene Generationen aufeinander. Dazu kommt die Generation Alpha je nach Schulabschluss in spätestens 4 Jahren ebenfalls in die Ausbildung und somit im Arbeitsleben an.

  • Abb. 1: Generationsübersicht nach Schnetzer 2022 [8]. Dies ist eine mögliche, zeitliche Einteilung für die
Generationsabfolge. Dass es unterschiedliche Einteilungen hierzu gibt, liegt daran, dass Generationen als
soziologische Konstrukte keinen eindeutig definierten historischen Referenzrahmen besitzen. Soziologen,
Jugendforscher und Medienvertreter sind sich uneinig, welche Begebenheiten so formend waren, um einen
Übergang von der einen zur nächsten Generation zu bewirken. Bedeutend sind prägende technische und
gesellschaftliche Einflüsse [8].
  • Abb. 1: Generationsübersicht nach Schnetzer 2022 [8]. Dies ist eine mögliche, zeitliche Einteilung für die Generationsabfolge. Dass es unterschiedliche Einteilungen hierzu gibt, liegt daran, dass Generationen als soziologische Konstrukte keinen eindeutig definierten historischen Referenzrahmen besitzen. Soziologen, Jugendforscher und Medienvertreter sind sich uneinig, welche Begebenheiten so formend waren, um einen Übergang von der einen zur nächsten Generation zu bewirken. Bedeutend sind prägende technische und gesellschaftliche Einflüsse [8].
    © Waterkotte

Aus Sicht der Soziologie setzte sich Karl Mannheim bereits 1928 mit der Generationenthematik auseinander und prägte die Anfänge der Generationstheorie, auf welche wissenschaftliche Auseinandersetzungen folgten. Mannheim fiel auf, dass bisherige Arbeiten zur Einteilung der Generationen lediglich gleiche Jahrgänge im selben historischen und sozialen Umfeld sahen. Da er hier die zeitlich genaue Abgrenzung vermisste, markierte Mannheim 3 zentrale Charakteristika für jede Generation [6].

Nach Mannheim ergeben die Generationszusammenhänge, die Generationserlebnisse und die Generationslagerung für jede Generation die spezifischen Merkmale und Werte. Generationszusammenhänge impliziert hierbei die Zugehörigkeit zu existenten sozialen und geistigen Inhalten sowie Schicksalen, die Generationserlebnisse wiederum sind die beeinflussenden Erlebnisse in der Kindheit und Jugend derselben Generation. Die Generationslagerung bedeutet, dass die Menschen einer Generation zwangsläufig in dieser Generation miteinander leben [6].

Diese Merkmale zeigen sich beim Individuum in der Einstellung zum Menschen und zu verschiedenen Lebensbereichen, wie etwa zur Politik, zur Bildung und auch zum Thema Arbeit. Alle generationsspezifischen Besonderheiten wirken sich im Individuum auf das Privatleben wie auf das Berufsleben aus [7].

Von der Work-Life-Balance zur Work-Life-Separation

Im Hinblick auf die unterschiedlichen Werte, Erziehungsstile und Sozialisationen treffen in Zahnarztpraxen sehr heterogene Gruppen unterschiedlicher Altersklassen aufeinander. Die Baby-Boomer, geprägt durch Konformität und Strebsamkeit, sind es aus der Erziehung gewohnt, überall mit anzupacken und mitzuhelfen. Dagegen zeigt sich die Generation X eher freiheitsliebend, selbstständig und in der Grundhaltung skeptisch.

Schließlich formte sich der Begriff „Schlüsselkinder“ in dieser Generation aufgrund einer erhöhten Frauenarbeitsquote; die Kinder und Jugendlichen waren viel sich selbst und den Geschwistern überlassen [10,11]. Während die Baby-Boomer ein hohes Arbeitsethos an den Tag legen, da bei ihnen das Gefühl gebraucht zu werden, im Vordergrund steht, sehen die Generationen X und Y die Arbeit eher als Mittel zum Zweck: Sie arbeiten, um zu leben. So hat Generation X als erste Generation das Konzept einer Work-Life-Balance adaptiert.

Generation Y hingegen wusste aufgrund der weltweiten, medial präsenten Krisen – man denke an den 11. September 2001, die nukleare Katastrophe von Fukushima oder die Ausbreitung weltweiten Terrorismus – nicht, ob sie überhaupt eine Zukunft haben wird und reagierte überraschend mit einer „Jetzt-erst-recht-Haltung“ [10,11]. Generation Z hat ähnliche Werte wie Generation Y, wobei erstere noch einen Schritt weitergeht. Denn während Generation Y eine Karriere in einem flexiblen Work-Life-Blending anstrebt, will Z kaum mehr Karriere machen.

Zudem hat der sichere Arbeitsplatz wenig Relevanz im Leben der Generation Z, da deren Angehörige um den Mangel an Fachkräften und die für sie gute Arbeitsmarktlage wissen. Die McDonalds Ausbildungsstudie von 2015 titelte dazu: „Entschlossen unentschlossen. Azubis im Land der (zu vielen) Möglichkeiten“ [9]. Generation Z lebt eine Work-Life-Separation und pflegt die Einstellung, dass die Arbeit zum Leben passen muss [10,11].

Sie haben erlebt, wie illoyal Unternehmen sein können und haben deshalb mehr Distanz zum Arbeitsplatz. Man kann sagen, sie arbeiten in der Zahnarztpraxis, aber nicht für die Zahnarztpraxis. Sie wünschen sich zudem flache Hierarchien [12].

Im Gegensatz zur Generation Baby-Boomer und X, sind die beiden jüngeren Generationen Y und Z die sogenannten Digital Natives I und II. Sie sind mit dem Handy großgeworden und nutzen es hochfrequent und kompetent. Ältere Generationen gelangen zum Eindruck, dass die Jungen das Handy kaum aus der Hand legen können.

Im Gegensatz dazu sind gerade Frauen aus den älteren Generationen weit weniger technikaffin, was die jungen Generationen wiederum schwer nachvollziehen können. Zwar ist die Digitalisierung für die Baby-Boomer die interessanteste Entwicklung am Arbeitsplatz, gleichzeitig ist die Geschwindigkeit des Wandels die größte Herausforderung für sie [13].

Auswirkungen differenter Erziehungsstile

Gegen Ende der 1970er Jahre lösten sich strenge, autoritäre Erziehungsstile auf und gingen in Mitspracherechte, Absprachen bis hin zu direkter familiärer Demokratie über. Die Generationen Y und Z wurden sehr behütet und umsorgt durch die Eltern großgezogen. Diese Erziehungsstile wirken sich auf Erwartungen und Arbeitsverhalten aus.

So könnte man die älteren Generationen als autark und meist leistungsstark im Arbeitsalltag beschreiben. Die jungen Generationen hingegen reagieren auf Anleitung, Unterstützung und Feedback, schließlich sind sie Rückmeldungen und Austausch in der Familie gewohnt. Die Übernahme häuslicher Aufgaben war in der Baby-Boomer-Generation gefordert und daher eine Selbstverständlichkeit.

Die jüngeren Generationen wurden weniger stark mit Pflichten eingebunden. Sie profitierten eher von Elternhäusern, in denen ihnen vieles geboten wurde. Als Digital Natives erschloss sich ihnen eine „digitale Dimension“ neben der äußeren Realität, in der vielfach soziale Kontakte gepflegt werden.

Daraus ergibt sich eine Erwartungshaltung, die für manchen in der älteren Generation geradezu provokativ erscheint. Diese ist von der Erfahrung, „Was wichtig ist, kommt zu mir“, geprägt.

Darin kann man einen Erklärungsansatz sehen, weshalb heute tendenziell weniger Nachfragen von Auszubildenden kommen oder manche geradezu desinteressiert wirken – auch wenn dies gar nicht der Fall ist. Tatsächlich hat es sich oftmals schon als hilfreich erwiesen, der jüngeren Generationen ausreichend Anleitung, Unterstützung und Feedback zu bieten.

Toleranz ist der Schlüssel zu guter Zusammenarbeit

Im Team der Zahnarztpraxis ist Toleranz und das Wissen um die generationsspezifischen gesellschaftlichen Bedingungen und ihre Auswirkungen der Schlüssel im Miteinander, da gegenseitige Akzeptanz so gefördert wird. Die junge Generation versteht die älteren Kollegen wesentlich besser, wenn das Verständnis dafür sensibilisiert wurde, dass den „Älteren“ Strebsamkeit und Konformität anerzogen wurde und sie wenig Mitspracherechte innerhalb der Familie genossen. Umgekehrt haben sich gerade Mitspracherechte in den folgenden Generationen sehr stark ausgeprägt.

Aufgrund dieser Entwicklung möchten die jungen Generationen den Arbeitsalltag aktiv mitgestalten und fordern Mitspracherechte ein. Ein wichtiger Gedankenanstoß ist das Wissen darum, dass jedes Individuum in eine schon vorhandene Kultur hineingeboren wird. Niemand kann sich die Werte oder die bereits bestehende Kultur als Einzelindividuum aussuchen oder präferieren [14].

Fazit

Allein dieser kurze Abriss verdeutlicht, inwiefern sich die verschiedenen gesellschaftlichen Bedingungen, gepaart mit den entsprechenden Erziehungsstilen im Arbeitsleben auswirken können. Es braucht Lösungen im gemeinsamen Arbeitskontext, für die die Einsicht in die stark abweichenden Werte und Einstellungen der unterschiedlichen Generationen eine Basis ist.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Ramona Waterkotte


Erfahren Sie im kostenlosen Live-Webinar „EVO fusion – digital hergestellte Prothetik kombiniert mit etablierten klinischen Protokollen“ von Permadental am 15.02.2023 von 14:00–15:00 Uhr mehr über die verschiedenen Lösungen im EVO fusion-System und die Vorteile für Praxis und Patient. 

 

Jetzt kostenlos anmelden