Prophylaxe


Wirksame Entzündungsprophylaxe an Implantaten als Schlüssel für den Langzeiterfolg

24.10.2012

Abb. 1: Plaquebesiedelte Implantatversorgung.
Abb. 1: Plaquebesiedelte Implantatversorgung.

Laut der aktuellen Deutschen Mundgesundheitsstudie leiden ca. 52 % der erwachsenen Menschen unter einer mittelschweren und ca. 20 % unter einer schweren Parodontitis. Zudem werden wir – glücklicherweise – immer älter, werden somit mehr Implantate tragen und dann auch mit mehr Periimplantitiden zu kämpfen haben. Also brauchen wir auch konsequente Prophylaxekonzepte in der Implantologie. Zum einen sollten diese dem Patienten die Notwendigkeit der intensiven Kooperation mit der Praxis nahelegen, zum anderen müssen die Konzepte langfristig an den „alten“ Patienten angepasst werden.

Zunächst setzt eine adäquate Entzündungsprophylaxe eine Differenzierung zwischen gesundem und erkranktem Weichgewebe voraus. Während bei gesundem und straffem Gewebe eine Sondierung kaum möglich ist, verändert sich das klinische Bild bei einer Mukositis: Die periimplantäre Gewebekonsistenz wird schwammiger, es treten Blutungspunkte auf und es ist eine Plaqueanheftung festzustellen. Kommt dazu der Verlust von Knochenstruktur, spricht man von einer Periimplantitis.

Diagnostik

Ein zentraler Baustein ist die sorgfältige Beurteilung von Risikofaktoren, wozu auch die zu erfragenden Allgemeinerkrankungen (Diabetes!) und die Rauchgewohnheiten zählen.

  • Abb. 2: Sondierung mit einer Kunststoffsonde.

  • Abb. 2: Sondierung mit einer Kunststoffsonde.
In der Anamnese wird die bestehende Medikation festgehalten, welche neben dem Aspekt einer eventuellen Notfallversorgung auch Hinweise auf den Speichelfluss gibt. Die immer häufiger eingenommenen Psychopharmaka bringen, wie auch Herz-Kreislauf-Medikamente, leider oft eine Xerostomie als Nebenwirkung mit sich. Weniger Speichel aber begünstigt die Plaqueanhaftung, die ohnehin die Hauptursache für den multifaktoriellen Prozess der Periimplantitis darstellt (Abb. 1). Somit ist die Erhebung eines Plaqueindexes absolut notwendig. Ein weiterer Schlüsselparameter ist die Blutung auf Sondierung,
  • Abb. 3: Patientin mit einer schweren Parodontitis.

  • Abb. 3: Patientin mit einer schweren Parodontitis.
die sorgsam und vorsichtig geprüft werden sollte. Dabei darf ein Druck von 0,25 N nicht überschritten werden [1] (Abb. 2). Schließlich ist auch die Parodontitisvorgeschichte (Abb. 3 u. 4) bei der Erstellung einer Betreuungsstrategie zu berücksichtigen. Momentan wird zudem die Identifizierung von genetischen Risikofaktoren diskutiert und kann zukünftig für die Praxis interessant sein.

Mundhygiene-Strategien

Zunächst muss geprüft werden, was der Patient selbst leisten kann. Wie sind seine motorischen Fähigkeiten, welche Hilfen kann man ihm an die Hand geben? Hier ist manchmal auch Einfallsreichtum gefragt (Abb. 5).

  • Abb. 4: Nach Extraktion und Versorgung mit Implantaten.

  • Abb. 4: Nach Extraktion und Versorgung mit Implantaten.
Wichtig ist, eine möglichst schonende, aber dennoch effektive Möglichkeit der Implantat- und Suprakonstruktionspflege zu finden. Hierzu zählen neben weichen Zahnbürsten, Interdentalbürsten mit weichen Borsten und kunststoffummantelten Drähten auch Einbüschelbürsten, Zwei- und Dreikopfzahnbürsten und dicke Flossfäden. Auch stellen elektrische oder schallaktive Zahnbürsten probate Hilfsmittel dar. Der Patient sollte in der Praxis immer eine intensive Instruktion zum Umgang mit diesen Hilfsmitteln bekommen. Bei falscher Anwendung wird das umliegende Weichgewebe entweder traumatisiert oder uneffektiv behandelt. Sogenannte Softchemotherapeutika sind stets eine gute Unterstützung, beispielsweise Gele auf der Basis von Thymol und Chlorhexidin. Durch ihre hohe Viskosität haben sie ein hervorragendes Standvermögen am Applikationsort und sind bei Locator- oder Stegversorgungen besonders sinnvoll. Für die Praxis hat
  • Abb. 5: Modifizierte Mundhygienehilfsmittel.

  • Abb. 5: Modifizierte Mundhygienehilfsmittel.
sich ein „Starter Kit“ bewährt. Der Patient bekommt ein umfangreiches Einstiegspaket mit den für seine Situation geeigneten Mundhygienehilfsmitteln überreicht, die er sofort zu Hause einsetzen kann. Außerdem stellt dieses kleine Geschenk ein gutes Marketing für die Praxis dar.

Biofilmmanagement am Implantat

Die Entfernung von supra- und submukosaler Plaque und Zahnstein muss schonend erfolgen. Der Erfolg hängt von verschiedenen Faktoren ab:

  • Material und Form des Instrumentariums,
  • Makro- und Mikrostrukturen des Implantates,
  • Gestaltung der Suprakonstruktion und die damit verbundene Zugangsmöglichkeit zum Sulkus,
  • Gesundheitszustand des Weichgewebes und der Manschette,
  • Fachkompetenz des Teams.

Generell gilt der Grundsatz: So viel wie nötig, aber auch so vorsichtig wie möglich agieren. Für die manuelle Reinigung des Implantates stehen Handinstrumente aus Carbon, Keramik oder Titan zur Verfügung. Um mögliche Beschädigungen der Implantatoberfläche zu vermeiden, sollten die Instrumente nicht härter als Titan sein. Ferner sollten sie grazil gestaltet sein, um das Weichgewebe möglichst nicht zu verletzen und gleichzeitig einen guten Zugang in den periimplantären Sulkus zu finden.

  • Abb. 6: Einsatz eines dicken Flossfadens.

  • Abb. 6: Einsatz eines dicken Flossfadens.
Auch Ultraschallinstrumente sind geeignet, sie sollten aber über spezielle Ansätze aus Teflon, Polykarbonat oder ähnlichem Material verfügen. Auf eine ausreichende Kühlung an der Instrumentenspitze, das Schwingungsverhalten des Instrumentes und die resultierende Aerosolbildung ist zwingend zu achten! Mit dem Einsatz gering abrasiver Pulver auf Glycinbasis steht eine weitere Reinigungsmöglichkeit zur Verfügung. Den Abschluss einer professionellen Implantatreinigung bildet die Politur mittels gering abrasiver Pasten. Die Polierkörper sollten möglichst weich und flexibel sein. Der Einsatz eines dicken Flossfadens zur Reinigung des sulkulären Bereichs kann sehr dienlich sein (Abb. 6).

Wann soll der Patient wieder kommen?

Das Recall wird individuell an die Gegebenheiten des Patienten angepasst. Diabetiker z.B. sollten in einem kürzeren Abstand kommen als allgemein Gesunde. Ein Patient mit nicht optimaler Motorik kommt häufiger als ein Patient mit einer tipptopp Mundhygiene. Ein Recallintervall von 3–6 Monaten hat sich bewährt. Es gibt jedoch auch Patienten, die schon nach 6 Wochen wieder in der Prophylaxesitzung begrüßt werden. Wichtig dabei ist, den nächsten Termin aus der Praxis vorzugeben! Ansonsten besteht die Gefahr, dass der Patient die Abstände zwischen den Prophylaxesitzungen ausdehnt.

Zusammenfassung

Eine wirksame Entzündungsprophylaxe setzt eine enge Zusammenarbeit zwischen Patient und Praxis voraus. Nur wenn ich den Patienten gut kenne und viel über seine Befindlichkeiten und eventuellen gesundheitlichen Einschränkungen weiß, kann ich mein Konzept adäquat anpassen. Dazu gehört ein großes Maß an Eigenmotivation der Prophylaxemitarbeiterin, die sich immer wieder über die Belange des Patienten informieren muss, um konstruktiv mit ihm zusammenzuarbeiten. Die Betreuung der implantologisch versorgten Patienten ist eine große Herausforderung, macht jedoch jeden Tag aufs Neue viel Freude.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Ute Rabing

Bilder soweit nicht anders deklariert: Ute Rabing


Die Oberflächenpolitur als ein fester Bestandteil der Prophylaxe-Sitzung wird immer wieder thematisiert. Auch aufgrund der neuartigen Materialien, Mechanismen und Möglichkeiten kommt bei Prophylaxe-Profis häufig die Frage auf: „Ist eine abschließende Politur der Zahnoberflächen überhaupt noch sinnvoll & erforderlich?“

Anne Bastek und Sabrina Dogan geben Tipps aus der Praxis für die Praxis!

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