Prophylaxe


Versiegelung – Effektiver Kariesschutz für Grübchen und Fissuren

Abb. 1: Einsetzen eines flexiblen Lippen-Wangen-Halters.
Abb. 1: Einsetzen eines flexiblen Lippen-Wangen-Halters.


Fissuren und Grübchen unterliegen einem erhöhten Kariesrisiko. Sie stellen ideale Retentionsnischen für Bakterien dar und sind schwer zu reinigen. Einen nachhaltigen Schutz gegen Karies bietet die Versiegelung von Grübchen und Fissuren. So sind in Deutschland heute acht von zehn Kindern im Alter von 12 Jahren kariesfrei. Kinder ohne Fissurenversiegelungen dagegen weisen mit 0,9 DMF-Zähnen eine dreimal höhere Karieserfahrung auf [1, 2].

Kariesrisiko- und Kariesdiagnostik bilden die Grundlage für die Indikation der Versiegelung von Grübchen und Fissuren. Bleibende Molaren sind Zähne, die bei Kindern und Jugendlichen am meisten kariesgefährdet sind [3]. Im Risikofall wird die Versiegelung nicht nur für intakte Fissuren, sondern auch für nicht kavitierte initiale Läsionen empfohlen [3]. Einwandfreier Randschluss und langfristige Retention der Versiegelung gewährleisten die kariesprotektive Wirkung. Bei optimaler Arbeitstechnik sind Retentionszeiten von mehr als zehn Jahren möglich [4]. Lichthärtende Versiegler auf Kompositbasis mit oder ohne Fluoridfreisetzung haben sich besonders bewährt, z. B. Helioseal F oder Helioseal (Ivoclar Vivadent) [5, 6]. Für die Versiegelung von Fissuren und Grübchen empfehlen sich aufgrund ihres Fließverhaltens niedrig viskose Materialien. Dagegen eignen sich Flowable Komposits wegen ihrer deutlich höheren Viskosität eher für die erweiterte Fissurenversiegelung [3].

Die Arbeitstechnik, wesentlich für den Erfolg

Voraussetzungen für die Versiegelungsmaßnahme sind der vollständige Zahndurchbruch mit frei zugänglichen Fissuren und Grübchen sowie die Compliance der Kinder und Jugendlichen (Abb. 1). Bleibende Molaren des Oberkiefers weisen häufiger Teilverluste des Versieglers auf als die des Unterkiefers [7]. Dies wird auf arbeitsbedingte Fehler wie z. B. eine Speichelkontamination konditionierter Oberflächen oder ein Abfließen des Versieglers nach distal zurückgeführt. Um eine gute Sicht und eine optimale Arbeitstechnik zu fördern, sollte der Patient eine Liegeposition einnehmen. Grundsätzlich spielt die Trockenlegung eine Schlüsselrolle für den Behandlungserfolg, wobei unter Berücksichtigung der kindlichen Kooperationsfähigkeit meistens die relative Trockenlegung gewählt wird [3].

  • Abb. 2: Die professionelle Reinigung von Grübchen und Fissuren gehört zur Behandlung.

  • Abb. 2: Die professionelle Reinigung von Grübchen und Fissuren gehört zur Behandlung.
    © Dr. L. Enggist

Saubere Zähne sind für eine adäquate Untersuchung zur Bewertung des Kariesrisikos bzw. der Kariesaktivität unerlässlich. Aus diesem Grund gehört die professionelle Zahnreinigung als fester Bestandteil zur Behandlung (Abb. 2). Als Standardverfahren gilt das Reinigen mit einem rotierenden Bürstchen mit oder ohne Prophylaxepaste. Um eine optimale Retention des Kunststoffversieglers zu erzielen, erfolgt die Konditionierung des Zahnschmelzes mit gelförmiger Phosphorsäure. Dies gilt als Verfahren der Wahl. Nach gründlichem Abspülen der Säure und sorgfältigem Trocknen muss der Schmelz mattweiß aussehen. Andernfalls ist das Konditionieren zu wiederholen. Das gilt auch für den Fall einer Kontamination mit Speichel.

Der Versiegler wird auf das sehr gut getrocknete Fissurenprofil unter Vermeidung von Materialüberschuss und Luftblasen aufgetragen (Abb. 3). Die Aushärtungszeit hängt vom verwendeten Produkt sowie der Leistung des Polymerisationsgerätes ab. Grundsätzlich muss die gesamte Oberfläche des Versieglers belichtet werden. Die anschließende Okklusionskontrolle und Entfernung vorhandener Überschüsse beugen Retentionsverlusten vor. Die Politur des Versieglers beseitigt die oberflächliche Sauerstoffinhibitionsschicht und sorgt für glatte Übergänge zum benachbarten Zahnschmelz (Abb. 4). Die lokale Applikation eines fluoridhaltigen Lackes oder Gels fördert die Remineralisation geätzter, unversiegelter Bereiche. Regelmäßig sollte die Qualität der Versiegelung überprüft werden, wobei sich die Kontrollintervalle von der individuellen Einstufung des Kariesrisikos ableiten. Falls notwendig, ist die Versiegelung ganz oder teilweise zu erneuern.

  • Abb. 3: Applikation des Versieglers Helioseal F auf die konditionierte Fissur.
  • Abb. 4: Politur der Versiegelung.
  • Abb. 3: Applikation des Versieglers Helioseal F auf die konditionierte Fissur.
  • Abb. 4: Politur der Versiegelung.

Schutz für durchbrechende Zähne

Einem hohen Kariesrisiko unterliegen durchbrechende Zähne, da die Kinder sie nicht vollständig reinigen können. Hinzu kommt, dass der Schmelz noch relativ porös und nicht so widerstandsfähig ist. Weil Fissuren und Grübchen nicht frei zugänglich sind, ist eine Versiegelung kontraindiziert. Die risikoorientierte Applikation eines Schutzlackes bietet eine effektive Möglichkeit, das kritische Stadium bis zur Versiegelung zu überbrücken [8, 9]. Auch bei wenig kooperativen Kindern und Jugendlichen kann diese schnelle, wenig techniksensible Behandlung eine Option darstellen. Fluoridierung und Keimkontrolle in einem Applikationsschritt erlaubt z. B. das Lacksystem Cervitec F von Ivoclar Vivadent mit Fluorid, Chlorhexidin und CPC (Cetylpyridiniumchlorid). CPC trägt dazu bei, der Entwicklung von Zahnbelag und Zahnfleischentzündungen vorzubeugen, und unterstützt so die Wirkung des Chlorhexidins. Dank der relativ hohen Feuchtigkeitstoleranz lässt sich das Präparat auch dann anwenden, wenn ein Trockenlegen der Zähne nur bedingt möglich ist. Das gut fließende Lacksystem lässt sich schnell verteilen und dringt auch in schwer zugängliche Bereiche vor (Abb. 5). Bereits nach einer Minute ist die feine Schicht des farblos transparenten Lackes ausgehärtet. Poröse Stellen, teilbedeckte Oberflächen oder Fissuren mit komplexem Profil profitieren vom Mehrfachschutz durch die Kombination der Inhaltsstoffe.

  • Abb. 5: Applikation des Schutzlackes Cervitec F, um das Stadium
bis zur Versiegelung zu überbrücken.

  • Abb. 5: Applikation des Schutzlackes Cervitec F, um das Stadium bis zur Versiegelung zu überbrücken.
    © Dr. T. Repetto-Bauckhage

Die Resultate klinischer Untersuchungen zeigen, dass nach Anwenden des Schutzlackes bei Schulkindern im Alter von 7 bis 14 Jahren die Zahl der Mutans-Streptokokken in Fissuren deutlich zurückgeht [8]. Diese Keime gelten als Biomarker für einen Shift des ökologischen Gleichgewichtes in Richtung einer kariogenen Plaque, und ihre Reduktion kann das Kariesrisiko senken [10].

Normalerweise erfolgt die Lackapplikation vierteljährlich; falls indiziert, können kürzere Intervalle angesetzt werden. Grundsätzlich akzeptieren Kinder die schnelle Maßnahme sehr gut.

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Literaturverzeichnis

[1] KZBV, BZÄK: Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS V)  Kurzfassung. 1. Auflage, August 2016, Berlin/Köln.  

[2]  Ahovuo-Saloranta A, Forss H, Walsh T, Hiiri A, Nordblad A, Mäkelä M, Worthington HV: Sealants for preventing dental decay in the permanent teeth. Cochrane Database Syst Rev 2013; Mar 28; 3: CD001830.

[3]  Kühnisch J, Reichl FX, Heinrich-Weltzien R, Hickel R: Leitlinie Fissuren- und Grübchenversiegelung, Langfassung Januar 2017.

[4]  Trummler A, Weiss V, Müller D, Garcia-Godoy F, van Waes H: Kariesprophylaxe. Studie über Fissurenversiegelung. Zahnmedizin 2001; 16: 342-346.

[5]  Carlsson A, Petersson M, Twetman S: 2-year clinical performance of a fluoride-containing fissure sealant in young schoolchildren at caries risk. Am J Dent 1997; 10: 115-119.

[6]  Zimmer S, Strafela N, Bastendorf K-D, Bartsch A, Lang H, Barthel CR: Klinische Erfolgsraten von Fissurenversiegelungen mit Kompomer oder bis-GMA nach drei Jahren. Oralprophylaxe & Kinderzahnheilkunde 2009; 31: 8-12.

[7]  Morgan MV, Adams GG, Campaign AC, Wright FAC: Assessing sealant retention using a Poisson frailty model. Community Dent Health 2005; 22: 237-245.

[8]  Baca P, Munoz MJ, Bravo M, Junco P, Baca AP: Effectiveness of chlorhexidine-thymol varnish for caries reduction in permanent first molars of 6-7-year-old children: 24 month clinical trial. Community Dent Oral Epidemiol 2002; 30: 363-368.

[9]  Lipták L, Bársony N, Twetman S, Madléna M: The effect of a chlorhexidine-fluoride varnish on mutans streptococci counts and laser fluorescence readings in occlusal fissures of permanent teeth: A split-mouth study. Quintessence Int 2016 Jun 9. doi: 10.3290/j.q.a36327.

[10] Marsh PD, Head Da, Devine DA: Ecological approaches to oral biofilms: control without killing. Caries Res 2015: 49 (Suppl 1): 46-54

 

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Gabriele David


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