Parodontologie


Sitzt alles gut?

25.02.2013

Wie viel bewegen wir uns eigentlich noch? In einer Zahnarztpraxis ist man wohl noch relativ beweglich, im Gegensatz zu vielen anderen Berufsgruppen. Während der Zahnarzt zwischen den Behandlungen auf seinem Bürostuhl Platz nimmt und sich bewegte Gedanken zur Wirtschaftlichkeit seiner Praxis macht, bewegen sich seine Mitarbeiterinnen durch die immer größer werdenden Praxisräume.

In einer Praxis von 420 qm bewegen sich die Helferinnen über drei Etagen. Sie erreichen häufig eine Schrittzahl von 10.000 Schritten/Tag. Das sind bei entsprechender Schrittlänge 5 km. Um auf diese Schrittzahl zu kommen, müssten die etwa 17 Millionen Menschen, die in Deutschland einer Büroarbeit nachgehen, deutlich mit aktivem Sport nachhelfen. Übrigens: Erwachsene sitzen 10–14 Stunden, Schulkinder 8–9 Stunden und Kindergartenkinder 5–6 Stunden am Tag!

Theorie und Praxis

In einer Zahnarztpraxis hat jede berufliche Qualifikation aus arbeitsmedizinischer Sicht einen anderen Schwerpunkt. Stellen wir uns eine Uhr vor: Der Zahnarzt bewegt sich in einem Bereich von 9 nach 10 Uhr, seine jeweilige Assistenz zwischen 3 und 12 Uhr und die ZMP/DH nicht selten von 3 nach 9 Uhr. Hierbei handelt es sich nicht um eine unterhaltsame Talkshow, sondern um harte Arbeit. Die gesamte Muskulatur steht unter Strom, leider meist in einer extremen Zwangshaltung. Wir bemerken viel zu spät, dass wir dabei selbst Parafunktionen wie Pressen oder Knirschen ausübten. Einerseits konzentriert sich alles auf die Belange im Mund, andererseits muss ich stets bemüht sein, an meine eigene Arbeitshaltung zu denken. Am Ende des Tages lassen wir uns ein CMD-Rezept vom Chef ausstellen und planen einen Gang zur Physiotherapie.

Während unserer Ausbildung mussten wir streng auf unsere ergonomische Haltung bei der Arbeit am Patienten achten. Die Praxis zeigt, dass die erlernten Mechanismen nicht immer funktionieren: Wir haben ältere Patienten, die unter Drehschwindel leiden, Patienten mit starkem Würgereiz oder einer äußerst kleinen Mundöffnung. Wenn wir mit Instrument, Wasser und Absaugung gleichzeitig arbeiten, in jedem Quadranten und in jeder noch so schwer zugänglichen Ecke des Patientenmundes, dazu im fortwährenden Kampf gegen Zungen- und Wangendruck, dann wird auch das besteinstudierte ergonomische System mitunter ausgehebelt und man weicht vom empfohlenen System ab. Dann bewegt sich die ZMP/DH sehr häufig auf der „Zeitbahn“ von 3 nach 9 Uhr.

Selbsthilfe

Damit wir lange Freude an der Behandlung unserer Patienten haben, müssen wir die reibungslosen Abläufe und Maßnahmen überdenken. Es beginnt mit vermeintlichen Banalitäten: Habe ich bequeme Praxisbekleidung an, in der ich mich bewegen kann und auch wohl fühle? Habe ich die richtige Brille auf? Ist der Patient so gelagert, dass wir beide uns angenehm fühlen können?

Ist das Licht stets gut ausgerichtet? Gibt es eine höhenverstellbare Trayablage, die mittig angeordnet ist? Ist sowohl das Arzt- als auch Assistenzelement für mich gut erreichbar, höhenverstellbar und leicht in der Handhabung? Habe ich den richtigen Arbeitsstuhl für mich gefunden? Ist der Fußboden so beschaffen, dass die Laufrollen des richtigen Stuhls auch rollen? Halte ich im Idealfall meine erlernte ergonomische „Quadrantenhaltung“ ein?

Mein Arbeitsstuhl

Auf ihn beziehen sich viele der eben gestellten Fragen direkt oder indirekt. Auf ihm verbringen wir – ähnlich wie klassische Büroarbeiter – bis zu 60 % unserer Dienstzeit mit „dynamischem Sitzen“. Der Rest sollte aus Stehen und gezieltem Umhergehen bestehen. Das sogenannte dynamische Sitzen ist allerdings eher auf die klassische Bürotätigkeit zugeschnitten. Hierbei geht es um einen Arbeitsstuhl, der ein dynamisches Hin- und Her des Körpers ermöglicht. Weil ich an meinem Arbeitsplatz ebenfalls „dynamisch“ sitzen wollte, habe ich mir die Mühe gemacht, möglichst viele dieser Arbeitsstühle einmal kennenzulernen oder auch zu testen.

Immer mehr Praxen favorisieren inzwischen den Sattelstuhl. In der Regel hat man beim Behandeln alle Elemente auf die Sitzhöhe des Sattelsitzes eingestellt und kann somit zweckmäßig und ergonomisch arbeiten. Die Assistenz hat es schon etwas schwerer. Falls sie nämlich doch einmal aus ihrer Sitzposition herausgehen muss, um Material oder ein zusätzliches Instrument zu holen, steigt sie umständlich aus dem Sattel und muss sich anschließend wieder in der Behandlungskonfiguration „einnorden“. Sollte sie in ihrer Sitzgrößenposition nicht einwandfrei zum Behandler passen, wird es für den Rücken problematisch. Mit dem Sattelsitz befindet man sich in einer höheren Position als mit allen anderen Stühlen, der Winkel von Oberschenkel und Oberkörper beträgt idealerweise 135°. Also muss die Höhe der Bedienelemente verstellbar sein. Ist dies unmöglich, hat der ganze Sattelsitz keinen Sinn und unser Rücken muss sich doppelt anstrengen, um diese Höhendifferenz auszugleichen. Der „Salli“-Sattelstuhl wird vom Hersteller von Modell zu Modell verfeinert. Ich persönlich gebe „Salli Swing“ den Vorzug. Da wir uns über Stunden hinweg immer wieder nach links, rechts und vorne beugen müssen, ist die bewegliche Sitzfläche dieses Stuhls eine große Hilfe; darauf könnte man durchaus dynamisch sitzen.

Mein dringender Rat: Probieren Sie den Stuhl Ihrer Wahl unbedingt aus, bevor Sie eine Entscheidung treffen. Und holen Sie Ihren Arbeitgeber mit ins Boot, bevor er selbst Rückenschmerzen bekommt.

War das alles?

Natürlich nicht! Etwas mehr als nur einen Stuhl braucht es schon, um gesund ins (Regel-)Rentenalter zu kommen. Wenn wir es wirklich richtig machen wollen, dann müssen wir die andere Seite der Medaille, unsere Fitnessübungen, vom Fachmann für uns modifizieren lassen. Dafür braucht man eine Person seines Vertrauens, wie z.B. einen Physiotherapeuten, Osteopathen, Sport- oder auch Rehabilitationsmediziner, der unbedingt einmal in unserer Sprechstunde hospitieren sollte, um sich von der individuellen Problematik ein Bild machen zu können. In meiner eigenen Qualifikationsphase erhielt ich von einer geschulten und sehr erfahrenen Physiotherapeutin Tipps zum Muskelaufbau, welche sicher sehr gut bei der Geburtsvorbereitung helfen würden, aber nichts mit unserer einseitigen Arbeitsbelastung zu tun hatten. Ich habe selbst mindestens eineinhalb Jahre gebraucht, um mit meinem Osteopathen die richtigen Rückenübungen für zu Hause zu finden und zu perfektionieren!

Fazit

Die Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems liegen mit 27,7 % an erster Stelle in der Statistik der Arbeitsunfähigkeit. Voraussetzung für ein gesundheitsförderndes Verhalten am Arbeitsplatz ist in erster Instanz, ein Problembewusstsein zu entwickeln. Das gilt für Arbeitgeber und -nehmer gleichermaßen. Wer sein Gewissen mit einem Hands-on-Kurs am Stuhl und einem gelegentlichen Waldlauf beruhigt, hat zu kurz gedacht. Es ist wie mit einer guten Lebensversicherung: Die schließt man lange vor der Rente ab und zahlt für sie konsequent jeden Monat einen substanziellen Beitrag ein. Wer auf eine hübsche Zusatzrente ebenso wie auf eine schmerzfreie Rentenzeit hofft, darf sich damit nicht erst kurz vor Renteneintritt befassen! Und nicht weniger wichtig ist die gemeinsame Prävention berufsbedingter Haltungsschäden: Neben einem krummen Zahnarzt machen Sie sich auch immer krumm! Ziehen Sie immer alle gemeinsam an einem Strang!

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Sabine Preuße


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