Parodontologie


Mundgesundheit bei Kieferorthopädie-Patienten


Eine aktuelle systematische Literaturrecherche zum Thema „Kariesinzidenz nach Behandlung mit festsitzenden kieferorthopädischen Apparaturen“, die 266 Patienten und 5.622 Zähne einschloss, zeigte nach einer durchschnittlichen Kfo-Therapiezeit von 12,4 Monaten eine mittlere Kariesinzidenz von 37,5 % [1]. Die Bereiche um Brackets, Bänder, Behandlungsbögen und Bewegungselemente stellen künstliche Prädilektionsstellen dar. Dort nimmt die Plaqueansammlung deutlich zu. Während der Behandlungsdauer mit kieferorthopädischen Apparaturen sind die Patienten folgerichtig der Kariesrisikogruppe zuzuordnen. Begleitende prophylaktische Maßnahmen zur Senkung des Kariesrisikos müssen deshalb ein integraler Bestandteil der kieferorthopädischen Therapie sein.

Präventionsstrategie, die die Akkumulation des Biofilms minimiert

Das Prophylaxekonzept unserer Praxis orientiert sich an den Arbeiten von Axelsson/Lindhe [2–4], die nach wie vor den Goldstandard der präventiven Betreuung darstellen. Die wesentlichen Elemente finden sich modifiziert in unserem „Praxishandbuch Prophylaxe“ wieder [5]. Es beschreibt die Ziele, die Strategien und Erfolgskontrollen der risikoorientierten, altersspezifischen professionellen Individualprophylaxe.

Durch die Eingliederung orthodontischer Apparaturen entsteht auf den Zahnoberflächen nicht nur eine Vielzahl artifizieller Retentionsstellen. Hinzu kommt, dass die natürliche Reinigung durch Speichel und Muskelbewegungen eingeschränkt [6] und die häusliche Mundhygiene erschwert wird. Diese Faktoren begünstigen die Entwicklung eines Keimspektrums, das häufig zu Karies und Gingivitis führt.

Vorgehen in der Praxis

  • Abb. 1: Prophylaxeprogramm bei kieferorthopädischen Patienten.

  • Abb. 1: Prophylaxeprogramm bei kieferorthopädischen Patienten.
Für diese Patienten ist ein stringentes Prophylaxeprogramm unabdingbar. Es besteht aus der risikoorientierten professionellen PZR und einer entsprechend angepassten häuslichen Mundhygiene (Abb. 1). Bereits vor der kieferorthopädischen Behandlung, die in der Regel von der Praxis veranlasst wird und bei der im Fall der festsitzenden Therapie auf eine strenge Indikationsstellung auch unter dem Gesichtspunkt einer ausreichenden Mundhygiene geachtet wird, erfolgt die Aufklärung des Patienten über die neue Situation [7]. In diesem Gespräch wird er – ein Jugendlicher im Beisein der Eltern oder Erziehungsberechtigten – über die speziellen Herausforderungen aufgeklärt und auf die notwendige Verkürzung der Recall-Abstände auf ein 3-Monats-Intervall hingewiesen.

  • Abb. 2: Supragingivale Biofilmentfernung mit Proxyt (Bilder: Melanie Thumm).

  • Abb. 2: Supragingivale Biofilmentfernung mit Proxyt (Bilder: Melanie Thumm).
  • Abb. 3: Biofilmentfernung supragingival mit Airpolishing.

  • Abb. 3: Biofilmentfernung supragingival mit Airpolishing.
Das professionelle Biofilmmanagement wird in der Praxis mithilfe von Piezon Ultraschall von EMS (nur wenn mineralisierte Beläge vorliegen), mit AIR-FLOW-Geräten (EMS) und AIR-FLOW Pulver Plus (EMS) oder klassischer Politur mit Polierpasten Proxyt (Ivoclar Vivadent), Bürstchen, Kelchen, Superfloss und Interdentalraumbürsten durchgeführt (Abb. 2 u. 3). Neben der Kontrolle des Perfektionsgrades der professionellen Zahnreinigung mit der Tastsonde EXS3A von Hu-Friedy hat sich das Anfärben eventuell noch vorhandener Restbeläge bewährt.

Der chemischen „Plaquekontrolle“ als Abschluss der PZR kommt aufgrund des erhöhten Kariesrisikos eine besondere Bedeutung zu. Nach relativer Trockenlegung werden alle Glattflächen und speziell die artifiziellen Retentionsstellen sorgfältig mit einer Kombination aus einem chlorhexidinhaltigen Lack (Cervitec Plus von Ivoclar Vivadent) und einem Fluoridlack (Fluor Protector von Ivoclar Vivadent) touchiert (Abb. 4 u. 5). Dabei ist auf die richtige Vorgehensweise zu achten: Zuerst Cervitec Plus fein auftragen und trocknen lassen, danach Fluor Protector dünn applizieren und trocknen lassen. Um die Wirkung zu fördern, darf der Patient unmittelbar nach der Behandlung ausspucken, aber nicht spülen und sollte 45 Minuten nichts essen und die Zähne nicht putzen. Diese Vorgehensweise ist bei Patienten mit festsitzenden kieferorthopädischen Apparaturen wissenschaftlich gut belegt. So konnten Kronenberg et al. bei dieser Kombination nachweisen, dass sich neue
  • Abb. 4: Zuerst Applikation des chlorhexidinhaltigen Schutzlackes Cervitec Plus.

  • Abb. 4: Zuerst Applikation des chlorhexidinhaltigen Schutzlackes Cervitec Plus.
  • Abb. 5: Nach kurzem Trocknen des Chlorhexidinlackes Applikation des Fluoridlackes Fluor Protector.

  • Abb. 5: Nach kurzem Trocknen des Chlorhexidinlackes Applikation des Fluoridlackes Fluor Protector.
klinisch sichtbare Schmelzdemineralisationen nur in 0,7 % der untersuchten Bereiche zeigten [8]. Bei hoher Keimbelastung verbessert Chlorhexidin die Rahmenbedingungen für Fluorid, seine schützende Wirkung entfalten zu können. Øgaard et al. stellten fest, dass die Entstehung neuer primärer Kariesläsionen an oberen Schneidezähnen mit der Kombinationsbehandlung tendenziell effektiver vermieden werden kann als mit der Fluoridlackapplikation allein [9]. Eine signifikante Reduktion der Mutans-Streptokokken-Zahl im Speichel bereits nach einer einmaligen Applikation des chlorhexinhaltigen Lackes zeigten Eronat und Alpöz. Die Autoren empfehlen, die Applikation alle drei Monate zu wiederholen [10].

Häusliche Mundhygiene und Empfehlung für Patienten

Für die mechanische häusliche Plaquekontrolle stehen geeignete kieferorthopädische Handzahnbürsten, elektrische Zahnbürsten, Schallzahnbürsten, Interdentalraumbürsten, Zahnseide, Superfloss, Einbüschelzahnbürsten und Färbetabletten zur Verfügung. Nach der individuellen Auswahl der passenden Hilfsmittel findet die Instruktion zur korrekten Handhabung statt. Im Rahmen der Recall-Sitzungen erfolgen dann die Remotivation und Reinstruktion, ein wiederholtes Mundhygienetraining und Lernerfolgskontrolle. Immer wieder wird die Reinigung der Problemzonen geübt.

Wegen des hohen Kariesrisikos ist auch die häusliche chemische Plaquekontrolle sehr wichtig. Dafür stehen den Patienten neben der Basisprophylaxe mit fluoridierten Zahnpasten und fluoridiertem Kochsalz weitere Präparate zur Verfügung. Die zusätzliche Verwendung von Fluoridgelen und Fluoridspülungen zur Unterstützung der Remineralisation sowie der Einsatz antimikrobieller Gele und Spüllösungen mit Chlorhexidin (Cervitec Gel/Cervitec Liquid von Ivoclar Vivadent) oder antibakterieller Spüllösungen auf Aminfluorid-Zinnfluorid-Basis (Meridol von GABA) helfen, das Kariesrisiko zu minimieren.

Kneist et al. konnten die Reduktion hoher Mutans-Streptokken-Zahlen bei kieferorthopädischen Patienten nach Verwendung von Chlorhexidin in Gel, Mundspüllösung und Lack nachweisen [11, 12]. Besonders erfolgreich ist zum Beispiel eine regelmäßige „Cervitec-Gel-Kur“. Das Mundpflegegel enthält 0,2 % Chlorhexidin und 900 ppm Fluorid und eignet sich sehr gut für die häusliche Mundhygiene bei Multibracket-Apparaturen, wie die Arbeit von Püstow zeigte [13]. Die Patienten setzten über den Zeitraum eines Jahres Cervitec Gel anstelle der Zahnpasta im Abstand von jeweils acht Wochen zwei Wochen lang abends zur Zahnreinigung ein. In der Folge konnte eine Abnahme extrem hoher Mutans-Streptokokken-Zahlen registriert werden, was sich auch positiv auf die Prävention initialer kariöser Läsionen auswirkte.

Quintessenz für die Praxis

Initiale Kariesläsionen während und nach der Behandlung mit festsitzenden kieferorthopädischen Apparaturen stellen ein häufiges Problem dar. Die Ursachen liegen in erschwerter natürlicher Selbstreinigung, schwierigerer Compliance und größeren Mengen an bakteriellem Biofilm. Das flankierende individuelle, risikoorientierte, altersspezifische Prophylaxeprogramm beinhaltet die Anpassung sowohl der häuslichen als auch der professionellen Maßnahmen. Das Hauptaugenmerk gilt der chemischen Plaquekontrolle mit Chlorhexidin und der Stimulation der Remineralisation mit Fluorid. Für den Therapieerfolg erweist sich häufig die Kombination beider Substanzen als sinnvoll. Darüber hinaus ist das Verkürzen des Recall-Intervalls während der Behandlung mit festsitzenden kieferorthopädischen Apparaturen indiziert.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Klaus-Dieter Bastendorf

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Klaus-Dieter Bastendorf


Die Oberflächenpolitur als ein fester Bestandteil der Prophylaxe-Sitzung wird immer wieder thematisiert. Auch aufgrund der neuartigen Materialien, Mechanismen und Möglichkeiten kommt bei Prophylaxe-Profis häufig die Frage auf: „Ist eine abschließende Politur der Zahnoberflächen überhaupt noch sinnvoll & erforderlich?“

Anne Bastek und Sabrina Dogan geben Tipps aus der Praxis für die Praxis!

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