Parodontologie

Für das Praxisteam: Wie sag ich’s meinem Patienten?

Halitosis – auch ein Problem für „eingebildete“ Kranke?

24.10.2012

Über die Ursachen der Halitosis braucht man wohl nicht mehr viel zu sagen – längst hat jede Prophylaxeassistentin und Dentalhygienikerin die einschlägigen Weiterbildungen zum Thema besucht. Jeder von uns kennt sowohl die möglichen Ursachen des Mundgeruchs als auch Maßnahmen zu dessen Beseitigung. Wie gehen wir aber in der Praxis damit um?

„Ja, kenn ich. Meine Tante, die riecht ganz eklig aus dem Mund!“ Diese Aussage war deutlich und es handelte sich im wahrsten Sinne des Wortes um den sogenannten Kindermund. Mein kleiner Patient war ca. acht Jahre alt und hatte
keine Scheu, sich mit mir über Mundgeruch zu unterhalten. Kinder lernen erst noch, dass man in bestimmten Momenten auch wahre Gedanken besser zurückhält. In der Pubertät sind es dann eher die Mädchen, die dank zunehmender Eitelkeit die Zahnseide zur Hand nehmen. Kommt ein Junge dieser Altersgruppe zu mir und sein „Style“ hat sich seit der letzten Individualprophylaxe auffallend verändert, dann ist dies der richtige Moment, um (wiederholt) auf Zahnseide, Zungenreinigung und Mundgeruch einzugehen.

Ungern glaubt man uns, dass über 80 % der Ursache für Mundgeruch aus
dem oralen Bereich kommen und nicht, wie meistens angenommen, aus dem
Intestinaltrakt. Diese Annahme hält sich ganz hartnäckig. Magen- und Darmerkrankungen sind seit Jahrhunderten bekannt und gelten im Gegensatz zum öffentlichen Tabuthema MUND als sozial anerkannt. Da können wir uns in der professionellen Zahnreinigung noch so abstrampeln ... Es sei denn, es steht oft genug in der Apothekenzeitschrift oder einer drittklassigen Illustrierten, dann könnte es stimmen. Wir sollten nicht verzagen, vielleicht können wir in vielen Jahren einmal sagen: „Ich war dabei, als noch niemand wusste, wofür man einen Zungenreiniger gebrauchen könnte.“

Praktischer Umgang mit dem Thema Mundgeruch

Gibt es eine Mundgeruchssprechstunde, übernimmt der behandelnde Zahnarzt die ersten Schritte und wird im Anschluss die entsprechende Therapie empfehlen. Sollte feststehen, dass der Patient keinen anderen Facharzt oder spezialisierten Zahnarzt aufsuchen muss, lernen wir ihn in der Prophylaxe bzw. der Initialtherapie kennen.
Wir betreuen Patienten, die:
A – Mundgeruch haben, es aber nicht wissen,
B – um ihren Mundgeruch wissen und deshalb in die Praxis kommen,
C – nur glauben, Mundgeruch zu haben, den wir aber nicht bestätigen können.

Alle drei Gruppen brauchen bei unserer Hilfe einen ganz individuellen Ansatz. Dies gilt auch für den zumeist für problemlos gehaltenen C-Patienten, dem wir uns unten speziell widmen.

A-Patienten frage ich zunächst nach einem spürbaren schlechten Geschmack. Diese Frage wird von Patienten mit Parodontitis meistens zustimmend beantwortet. Ein idealer Einstieg in das heikle Thema! Bei einem „Nein“ erläutere ich das Entstehen von Schwefelverbindungen im Mund, durch deren Anwesenheit Mundgeruch entstehen kann. Wenn eine bestehende Parodontitis nicht behandelt und/oder keine Interdentalraumreinigung durchgeführt würde, könne es zu einem unangenehmen Atem kommen, den man an sich selbst leider nicht bemerke ... Ein guter Trick kann der Hinweis auf das eigentliche Problem dieses Phänomens sein: Man werde so gut wie nie von anderen darauf aufmerksam gemacht, dieser Mundgeruch könne aber gleichzeitig Gesprächsthema unter Bekannten und Kollegen sein. Er dagegen habe jetzt das Glück ...

Bei B-Patienten ist es vergleichsweise einfach. Sie kommen mit einem konkreten Problem und wir können alle möglichen Ursachen, wie Fasten, Mundtrockenheit und Mundatmung, Rauchen, Medikamenteneinnahme und Allgemeinerkrankungen, Mundhygiene etc., ansprechen und abklären.

Der C-Patient ist dagegen wieder ein Problem. Die Grundregel lautet hier: Wir geben auch diesem Patienten das absolute Gefühl, dass wir ihn ernst nehmen. Nachdem ich ihm aufmerksam zugehört habe, frage ich ihn ganz direkt, worauf sich seine Überzeugung stütze, dass er Mundgeruch habe. Erfragen Sie, ob ihn im privaten Umfeld mehrere Personen schon häufiger auf Mundgeruch angesprochen haben. Und falls ja – in welchen Situationen. Im Rahmen der zeitlichen Möglichkeiten der Sprechstunde muss man hier manchmal Detektiv spielen. Ich erinnere mich an einen männlichen Patienten, der ein gelegentliches Halitosis-Problem ansprach. Nach einigen gezielten Fragen stellte sich heraus, dass er Radsportler war und regelmäßig bis zu sechs Stunden im Sattel saß. Es lässt sich gut vorstellen, wie sich die Bakterien bei eher sporadischem Trinken während der Fahrt und bei wegen körperlicher Höchstleistung permanent offenem Mund dort tummelten. Wer wäre da nicht sogar vor dem Sieger der Tour de France zurückgewichen ...

Dem „C-Patienten“ müssen wir ebenso wie dem „A-Patienten“ klarmachen, dass man seinen eigenen Atem nicht olfaktorisch wahrnehmen kann. Es wird uns nicht immer in einer Sitzung gelingen, den Patienten von seiner „Geruchslosigkeit“ zu überzeugen. Hilfreich kann da unser eigenes Bekenntnis zum allmorgendlich auftretenden unangenehmen Geschmack sein, der vielleicht auch einen spürbaren Geruch erzeugt, aber spätestens beim Frühstück oder der ersten Mundhygiene verschwindet. Für Patienten, die es gewohnt sind, als ein wenig hypochondrisch betrachtet zu werden, ist es eine gewisse Beruhigung, dass man ihr Problem aus eigenem Erleben kennt.

In jedem Falle gehört in diese erste Sitzung aber auch die Suche nach Spuren zerstörerischer Putzmaßnahmen an den Zahnhälsen und der marginalen Gingiva sowie die Frage nach den benutzten Hygiene-Hilfsmitteln inklusive des RDA-Wertes der Paste. Etwaige Schäden müssen eindringlich demonstriert und potenzielle Folgeschäden erklärt werden. In solchen Fällen kann es also auch einmal um das Herunterfahren der Mundhygienemethoden auf ein vernünftiges Maß bzw. auf vernünftige Techniken gehen.

Finden sich aber weder mechanisch verursachte Gingivaschäden noch Zahnhals-Attritionen, sollte man sich gut überlegen, ob es psychologisch geschickt ist, einen in Sachen Mundgeruch etwas überängstlichen Patienten insoweit zu „beruhigen“, dass er seine momentan vernünftige Mundhygiene nun herunterfährt. Ich räume ihm ein, dass er auch tagsüber einen schlechten Geschmack verspüren und dadurch den Verdacht auf Mundgeruch bekommen kann. Ich beruhige ihn aber auch dahingehend, dass zum aktuellen Zeitpunkt kein Problem besteht. Und ich empfehle eine regelmäßige Kontrolle, damit der C-Patient sich mit seinem Problem erst genommen fühlt (siehe oben!) und auch die Sicherheit hat, im Zweifelsfalle sofort Hilfe zu bekommen, ohne sich in einer anderen Praxis erneut offenbaren zu müssen. Bei diesen Kontrollen ist mithilfe der üblichen Indizes auch gut erkennbar, ob der Patient jetzt in seiner Mundhygiene nachlässt.

Zungenreiniger

Aber egal, um welche Patientenkategorie es sich handelt, und egal, ob in der Praxis eine Halitosis-Sprechstunde etabliert ist: Die Zungenreinigung sollte mittlerweile fester Bestandteil der Mundhygieneinstruktionen sein. Sie ist ein guter Einstieg in jede Prophylaxesitzung! Sollten Sie dabei maschinell mit einem Bürstchen arbeiten, liegt es nahe, auch für den Hausgebrauch den aufsteckbaren Zungenreiniger zur elektrischen Zahnbürste von Oral-B zu empfehlen. Bevorzugen Sie dagegen die manuelle Reinigung, dann empfiehlt sich z.B. der „Tongue Sweeper“ von Dentocare. Er lässt sich wie jedes andere Instrument in der Zahnarztpraxis desinfizieren und bei 134 Grad sterilisieren. Hält ewig – besser geht’s nicht!

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Sabine Preuße

Bilder soweit nicht anders deklariert: Sabine Preuße