Parodontologie

Gender Nutrition

Ernährungsaspekte von Mann und Frau – Konsequenzen für die Mundgesundheit?

Abb. 1 u. 2: Unterschiede Sex und Gender.
Abb. 1 u. 2: Unterschiede Sex und Gender.

Gender Medicine, Gender Dentistry, Gender Pharmacology und Nutrition sind neue Sichtweisen auf menschliche Krankheitsbilder. Unsere Ernährungsgewohnheiten hängen stark vom Lebensort, vom sozialen Umfeld, aber eben auch vom Geschlecht ab. Unterschiedliche Ess- und Trinkgewohnheiten können zu verschiedenen Krankheitsbildern führen, auch im Zahn- und Mundbereich. Die Einbeziehung dieses Wissens sollte zur Optimierung der zahnärztlichen Tätigkeit führen.

Dass Männer und Frauen verschieden sind und dass jedes Geschlecht seine Besonderheiten hat, ist wohl allseits bekannt. Doch es gibt nicht nur biologische

  • Abb. 3: Wer bekommt was?

  • Abb. 3: Wer bekommt was?
Unterschiede. Wesentliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind auch durch die jeweilige Rolle in Familie und Gesellschaft geprägt (Abb. 1 u. 2) [2, 3, 7, 28, 30]. Aus dieser Erkenntnis entwickelte sich das Gender Mainstreaming, eine politische Strategie mit dem Ziel, in der (Re-)Organisation, Verbesserung und Entwicklung aller politischen Prozesse und aller Konzepte, also auch im Gesundheitswesen, eine geschlechterbezogene Sichtweise einzubeziehen [4, 13, 37].

Eine geschlechtssensible und geschlechtsspezifische Medizin, die sowohl das biologische (Sex) als auch das soziokulturelle Geschlecht (Gender) beachtet, ist ein neuer Zweig der Medizin, der in den nächsten Jahren von jeder Fachrichtung in Human- und Zahnmedizin Beachtung finden wird. Ohne Beachtung dieses Kriteriums wird kein Arzt mehr diagnostizieren und therapieren können, will er seine Patienten optimal versorgen [6, 11, 12].

Dabei ist zunächst ein häufiger Irrtum zu korrigieren: Geschlechtsbezogene Medizin ist nicht gleich Medizin für Frauen, sondern eine Medizin für beide Geschlechter. Gerade im medizinischen Bereich ist eine genaue Trennung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht selten möglich. Vielmehr nehmen beide Faktoren in unterschiedlichem Grad Einfluss auf Therapie und Prävention von Krankheiten. Ob bei Zahnverlust oder Herzinfarkt, Schlaganfall oder Parodontitis, normalem Essverhalten oder psychischen Essstörungen – es bestehen Unterschiede zwischen Frau und Frau, Mann und Mann, Mann und Frau. Auch wenn aufgrund ökonomischer Zwänge die Datenlage zu manchen Fragen – gerade im Bereich der Zahnmedizin – (noch) dünn ist, so wird die Einbeziehung von Genderkriterien für uns Ärzte zukünftig von großer Bedeutung sein [1, 3, 25, 26]. Die hier aufgeführten Erkenntnisse wurden durch Literaturrecherche (PubMed, nationale und internationale Fachzeitschriften, Bücher), persönliche Mitteilungen sowie eigene Beobachtungen gewonnen.

Stand der Literatur

Weiblichkeit und Männlichkeit sind an ein bestimmtes soziales Milieu gebunden [28]. Das soziale Milieu bestimmt, wie Jungen und Mädchen, Männer und Frauen

  • Abb. 4: Ernährungswelten von Männern und Frauen (modifiziert nach [30]).

  • Abb. 4: Ernährungswelten von Männern und Frauen (modifiziert nach [30]).
mit dem eigenen Körper umgehen, wie sie ihn schützen oder gefährden, pflegen, präsentieren, herausputzen und ernähren. Hier liegt ein großer Unterschied zu tierischem Verhalten. Alle Tierpaare essen und haben Vorliebe für das Gleiche, nur das Menschenpaar isst unterschiedlich (Abb. 3). „Mann-Sein“ und „Frau-Sein“ sind in allen Kulturen sozio-evolutionsbedingt mit spezifischen Nahrungsmitteln und Essregeln assoziiert [28]. Mittels Ernährung kann die Geschlechterzugehörigkeit ausgedrückt werden. Denn Ernährung enthält ein Machtpotenzial in der Entwicklung von Geschlechtshierarchien [7]. Der Zugang zu den Nahrungsmitteln trägt zur Lebensgestaltung des Menschen sowohl im sozialen, ökonomischen, politischen, aber auch moralischen Bereich in mächtiger, wenn auch zumeist subtiler Weise bei. Das bedeutet: Nahrungsmitteln wohnt die Möglichkeit inne, zwischen Mann und Frau sowohl zu differenzieren als auch zu verbinden [2]. Wie läuft dieses „Doing-Gender-Nutrition“ ab? Essgewohnheiten richten sich primär nach der Zufriedenheit mit dem eigenen Körper. Männer legen bei der Ernährung mehr Wert auf das, was sie erfreut. Frauen dagegen beachten mehr die Kalorien und den Gesundheitswert der Nahrungsmittel. Große Essportionen, große Bissen, schnelles Essen, starkes Kauen und Schlingen, Trinken aus der Flasche werden als „maskulin“ interpretiert. Dagegen gelten als „feminin“ Zurückhaltung im Essen, Pausieren während des Essens, langsames Kauen, Nippen an einem Glas Wein. Frauen essen „gesünder“, konsumieren mehr frisches Obst, Gemüse und Milchprodukte, sie essen mehr Rohgemüse und bevorzugen mehr Körnerprodukte. Männer dagegen verzehren mehr Nahrungsmittel mit hohem Energiewert, essen größere Mengen Fleisch, besonders rohes Fleisch, dazu kalte Schnitten und alkoholische Getränke. Frauen haben im Durchschnitt ein besseres Wissen von der Ernährung, denn gesunde Ernährung spielt eine lebenswichtige Rolle in ihrem Gesundheitskonzept. Männer dagegen agieren konform mit den sozialen Vorgaben eines „männeradäquaten“ Verhaltens. Für sie gelten Bewegung und Sport als wichtigste Gesundheitsfaktoren. Während unter den 25- bis 50-jährigen Männern, egal ob mit oder ohne Kinder, nur ca. ein Drittel (37 %) über die Ernährung nachdenkt, beschäftigt sich mehr als die Hälfte der Frauen (57 %), insbesondere wenn sie Kinder haben (62 %), mit Ernährungsfragen [30].

Auch im sozialen Ess- und Trinkverhalten erkennt man Unterschiede. Während Frauen die Kaffeerunde genießen, bevorzugen Männer die Theke in der Kneipe. Backen, Kochen, Versorgen, tägliches Essenbereiten für die Familie, liebevoll zubereitete Mahlzeiten sind ein Indikator für erfolgreiche Weiblichkeit. Beim Barbecue lässt es sich der Mann nicht nehmen, das Gefühl von Abenteuer, Freiheit oder auch als Chefkoch auszukosten. Ein Mann kocht nur bei speziellen Gelegenheiten und dann mit Performance, denn er braucht die Bewunderung der anderen [10, 16, 19, 28].

Lebensmittel lassen sich in „feminine“ oder „schwache“ bzw. „maskuline“ oder „starke“ unterscheiden. Feminine Lebensmittel sind mild, weich, leicht wie Quark, Früchte, Gemüse, Salate, süße Desserts; sozial interpretiert übernehmen sie die Eigenschaften wie „gesund“, „zart“, „vornehm“, „weiblich-sanft“. Diese Lebensmittel können ohne große Anstrengung gekaut und geschluckt werden und werden deshalb dem „schwachen“ Geschlecht, aber auch Kindern, Alten und Invaliden zugeschrieben. Maskuline Lebensmittel sind stark gewürzt, bitter,
  • Abb. 5: Ernährungsbedürfnisse von Immigranten verschiedener Migrationsstufen (modifiziert nach [30]).

  • Abb. 5: Ernährungsbedürfnisse von Immigranten verschiedener Migrationsstufen (modifiziert nach [30]).
sauer, sehr scharf, häufig kombiniert mit harten alkoholischen Getränken. Fleisch als bevorzugte Form der Ernährung erfordert wie alle maskulinen Lebensmittel ein kräftiges Zubeißen und bedeutet innerhalb der Evolution Männlichkeit [2, 28]. Betrachtet man das Kaleidoskop der Bedeutungen von Ernährung für uns Menschen (Abb. 4), dann erkennt man, dass die Ernährungswelten von Männern und Frauen in Deutschland stark differieren [30].

Wenn das soziale Schema bestimmte Essgewohnheiten erfordert, dann muss dieses adäquate Verhalten den Kindern schon von frühester Zeit bewusst und/oder unbewusst beigebracht worden sein. So werden Mädchen selten als gute Esser gelobt, sondern stattdessen oft reglementiert. Schon im frühen Alter werden sie so mit negativen Gefühlen wie Ärger und Angst in Verbindung mit Nahrungsmitteln belastet. Und dieses Verhalten wird bis in die Erwachsenenzeit geschult. So ist für Mädchen – später Frauen – Essen als reine Nahrungsaufnahme selten eine Quelle von Vergnügen und Wohlergehen. 50 % der Frauen verbinden Essen mit Kontrolle, nur 25–30 % der Frauen folgen ihrem eigenen Geschmack, im Gegensatz zu 75 % bei den Männern [30].

Jungen, die genussvoll zulangen, werden für gesund gehalten. Für ein gutes, volles Essen lassen Jungen alles stehen, sie fühlen sich danach besonders gut und fit. Die Erziehung ermutigt sie, frei nach ihrem Appetit zu wählen, große Portionen zu nehmen und ihren Teller leer zu essen [41]. So hat sich trotz
  • Abb. 6: Verzehr von Gemüse gesamt in g/Tag (modifiziert nach [5]).

  • Abb. 6: Verzehr von Gemüse gesamt in g/Tag (modifiziert nach [5]).
neuen Rollenverständnisses zwischen Männern und Frauen in Deutschland innerhalb der letzten 15 Jahre keine Interessensveränderung, geschweige denn -angleichung hinsichtlich gesunder Ernährung ergeben. Dass aber durch Veränderung des sozialen Umfelds das Ernährungsverhalten beeinflusst werden kann, zeigt die Veränderung von Ernährungsbedürfnissen beim Generationswechsel von Immigranten (Abb. 5). Lebensphasen scheinen mehr zu verbinden als die Herkunft [30, 38].

Doch wie essen und trinken die Deutschen? Und gibt es Unterschiede im Ess- und Trinkverhalten deutscher Frauen im Westen oder Süden, im Norden oder Osten der Republik, vice versa im Ess- und Trinkverhalten deutscher Männer? In der Nationalen Verzehrstudie von 2008 erkennt man, dass einerseits Bildung und Schichtzuteilung, andererseits aber auch Zugehörigkeit zu einem Bundesland, in dem wir uns aufhalten, einen großen Einfluss auf unser Ess- und Trinkverhalten ausüben [5, 28]. Vergleicht man den Verzehr einzelner Nahrungskomponenten von Männern und Frauen innerhalb Deutschlands differenziert nach ihrer sozialen Schicht, ergeben sich folgende Erkenntnisse (Abb. 6–18) [5]:

Obst und Gemüse
Beim Verzehr von Gemüse und Obst bzw. Obsterzeugnissen übertreffen Frauen die Männer. Je höher die soziale Schicht, desto höher der jeweilige Verzehr (Abb. 6 u. 7). Dabei übertrifft beim Verzehr von Obst/Obsterzeugnissen die untere Schicht der Frauen sogar die obere Schicht der Männer.
  • Abb. 7: Verzehr von Obst und Obsterzeugnissen gesamt in g/Tag (modifiziert nach [5]).
  • Abb. 8: Verzehr von Fetten gesamt in g/Tag (modifiziert nach [5]).
  • Abb. 7: Verzehr von Obst und Obsterzeugnissen gesamt in g/Tag (modifiziert nach [5]).
  • Abb. 8: Verzehr von Fetten gesamt in g/Tag (modifiziert nach [5]).

  • Abb. 9: Verzehr von Fleisch, Fleischerzeugnissen, Wurstwaren gesamt in g/Tag (modifiziert nach [5]).
  • Abb. 10: Verzehr von Fisch, Fischerzeugnissen, Krustentieren gesamt in g/Tag (modifiziert nach [5]).
  • Abb. 9: Verzehr von Fleisch, Fleischerzeugnissen, Wurstwaren gesamt in g/Tag (modifiziert nach [5]).
  • Abb. 10: Verzehr von Fisch, Fischerzeugnissen, Krustentieren gesamt in g/Tag (modifiziert nach [5]).



Fleischwaren
Bei Fett, Fleischerzeugnissen und Wurstwaren zeigt sich eine sozialschichtabhängige Abnahme des Verzehrs bei beiden Geschlechtern: je höher die Schicht, desto geringer der Verzehr dieser Komponenten (Abb. 8 u. 9). Dabei liegt der Verzehr der Frauen zu den Männern eindeutig niedriger, sogar bis zu einem Drittel niedriger bei Fleisch und Wurstwaren. Im Vergleich dazu ist der Verzehrunterschied innerhalb der Frauenschichten nicht sehr ausgeprägt.

Fisch
Bei Fisch, Fischerzeugnissen und Krustentieren zeigt sich ein deutlich ansteigender Verzehr bei ansteigender sozialer Schicht, insbesondere innerhalb der Männergruppe. Es lässt sich aber auch noch eine deutliche Differenz innerhalb der beiden oberen Schichten zwischen Männern und Frauen erkennen (Abb. 10).
  • Abb. 11: Verzehr von Süßwaren gesamt in g/Tag (modifiziert nach [5]).
  • Abb. 12: Verzehr von Limonaden gesamt in g/Tag (modifiziert nach [5]).
  • Abb. 11: Verzehr von Süßwaren gesamt in g/Tag (modifiziert nach [5]).
  • Abb. 12: Verzehr von Limonaden gesamt in g/Tag (modifiziert nach [5]).

  • Abb. 13: Verzehr alkoholischer Getränke gesamt in g/Tag (modifiziert nach [5]).
  • Abb. 13: Verzehr alkoholischer Getränke gesamt in g/Tag (modifiziert nach [5]).



Süßwaren
Hier bestehen nur geringe Differenzen zwischen Männern und Frauen mit einem leicht höheren Verzehr bei den Männern. Sowohl bei Männern als auch bei Frauen ist nur eine leicht abfallende Verzehrmenge innerhalb ansteigender Sozialschichtung zu erkennen. Ausnahme ist hier ein stärkerer Verzehr innerhalb der unteren Frauenschicht (Abb. 11). Bei Limonaden sinkt der Verzehr deutlich mit ansteigender sozialer Schicht, insbesondere innerhalb der Männergruppe. Gleichzeitig besteht eine um mehr als die Hälfte geringere Verzehrmenge der Frauen im Verhältnis zu den Männern (Abb. 12).

Alkohol
Hier ist der Unterschied innerhalb der sozialen Männerschichten nicht allzu groß, dafür liegt der Alkoholkonsum der Frauen um 2/3 niedriger. Allerdings ist der Konsum bei Frauen der oberen Mittelschicht und Oberschicht nahezu doppelt so hoch wie in der Unterschicht (Abb. 13). Dies mag durch den höheren Verzehr von Wein und Sekt bedingt sein (Abb. 15). Der größte Unterschied zwischen den Geschlechtern tritt beim Bier auf: Während die Frauen aller Schichten gleichmäßig nur 1/5 bzw. 1/6 der Biermenge der Männer trinken, ergibt sich eine mäßig abfallende Tendenz des Bierkonsums mit steigender Sozialschichtung (Abb. 14), während gleichzeitig der Genuss von Wein und Sekt zunimmt (Abb. 15). Dies könnte durch Preis und soziales Ansehen dieser Konsumgüter bedingt sein. Beim Konsum von Spirituosen zeigt sich eine große Differenz zwischen Frauen und Männern, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt wie beim Bier. Mit steigender Sozialschicht fällt bei Männern der Verbrauch von Spirituosen rasch (Abb. 16). Höhere Sozialgruppen konsumieren eher Wein und Sekt.
  • Abb. 14: Verzehr von Bier in g/Tag (modifiziert nach [5]).
  • Abb. 15: Verzehr von Wein und Sekt gesamt in g/Tag (modifiziert nach [5]).
  • Abb. 14: Verzehr von Bier in g/Tag (modifiziert nach [5]).
  • Abb. 15: Verzehr von Wein und Sekt gesamt in g/Tag (modifiziert nach [5]).

  • Abb. 16: Verzehr von Spirituosen gesamt in g/Tag (modifiziert nach [5]).
  • Abb. 17: Verzehr von Getreide/Getreideerzeugnissen (Länder) in g/Tag (modifiziert nach [5]).
  • Abb. 16: Verzehr von Spirituosen gesamt in g/Tag (modifiziert nach [5]).
  • Abb. 17: Verzehr von Getreide/Getreideerzeugnissen (Länder) in g/Tag (modifiziert nach [5]).



Regionale Unterschiede
Essen ist zwar ein individuelles Geschehen, dennoch gibt es regionale Gemeinsamkeiten und Essensvorlieben. Exemplarisch werden hier vier Ernährungskomponenten im Vergleich dargestellt, wie sie in unseren Bundesländern verzehrt werden: Beim Verzehr von Getreideerzeugnissen, Fetten, Limonade und Bier sind interessanterweise die Unterschiede von Männern und Frauen innerhalb der Bundesländer nicht kongruent: Für Getreideerzeugnisse zeigt sich in den westlichen/südlichen Bundesländern – bei beiden Geschlechtern nahezu synchron – eine wesentlich stärkere Vorliebe als in den östlichen Bundesländern (Abb. 17). Dabei ist die Verzehrmenge bei beiden Geschlechtern nahezu gleich.

Hinsichtlich der Fette und Öle ist eine Umkehrung dieser Verhältnisse erkennbar (Abb. 18), wobei es innerhalb der Länder kleine Verschiebungen im Vergleich der Geschlechter gibt. Über alle Ländergrenzen hinweg nehmen Frauen jedoch weniger Fette und Öle zu sich als Männer.

Beim Verzehr von Limonade besteht eine große Differenz: Männer nehmen im Durchschnitt 3- bis 4-mal so viel Limonade zu sich wie die Frauen, wobei ein Ost-West-Unterschied nicht erkennbar ist (Abb. 19). Erwartungsgemäß ist beim Bierverzehr der Unterschied zwischen Männern und Frauen am größten. Bei den Männern liegen die östlichen Bundesländer vorn. Nur Bayern konnte sich dazwischenschieben und erreicht den zweiten Platz hinter Sachsen (Abb. 20), wo doppelt so viel Bier verzehrt wird wie in Schleswig-Holstein. Bei den Frauen ist der Verzehr dagegen überall ähnlich niedrig (Abb. 20).
  • Abb. 18: Verzehr von Fetten/Ölen (Länder) in g/Tag (modifiziert nach [5]).
  • Abb. 19: Verzehr von Limonaden (Länder) in g/Tag (modifiziert nach [5]).
  • Abb. 18: Verzehr von Fetten/Ölen (Länder) in g/Tag (modifiziert nach [5]).
  • Abb. 19: Verzehr von Limonaden (Länder) in g/Tag (modifiziert nach [5]).

  • Abb. 20: Verzehr von Bier (Länder) in g/Tag (modifiziert nach [5]).
  • Abb. 20: Verzehr von Bier (Länder) in g/Tag (modifiziert nach [5]).

Ernährung und Mundgesundheit

Dass die Ernährungsgewohnheiten einen großen Einfluss auf die Mundgesundheit haben, wird in der Literatur nicht ernsthaft bestritten [31]. Wie groß dieser Einfluss ist, kann derzeit nur vermutet werden, da Mund- und Zahnkrankheiten ein multifaktorielles Geschehen voraussetzen. Aber wenn Zähne Teil des Körpers sind, sind sie nicht „gender-frei“ [8]. Rituelles Fasten oder Ernährungsrestriktionen während einer Schwangerschaft, aber auch der leichtere Zugang für Frauen bei der Essenszubereitung mit der Möglichkeit eines häufigen „snackings“ [20, 21] sowie hormonbedingte schädliche Essensgelüste [8, 42] können die Mundgesundheit schädigen. Denn Einnahmezeitpunkt und Verzehrhäufigkeit sind – besonders bei zuckerhaltigen Lebensmitteln – ein wichtiger Faktor [1]. Rauchen bedingt bei gleicher Konzentration und relativ korrigierter Menge eine höhere Schädlichkeit für Frauen, auch im Mundbereich [25, 35]. Obwohl die Frauen in der Mundhygiene sorgfältiger sind als gleichaltrige Männer, haben sie wahrscheinlich aufgrund der genannten Risiken einen schlechteren Mundgesundheitsstatus. Denn die Nahrungsauswahl beeinflusst sowohl Aufbau und Härte der Zähne als auch die Entstehung von Karies und parodontalen Erkrankungen [15, 42].

Bei Mädchen in der Lebensphase der Adoleszenz, also in der Loslösung von elterlichen Strukturen, machen sich Tendenzen zu ungünstigerem Ernährungsverhalten bemerkbar [28]. Besonders eine Ernährungsimbalance im frühkindlichen Alter kann eine Fehlausbildung des stomatognathen Apparats bewirken. Eine unzureichende Zufuhr von Proteinen kann zu
a) Atrophie der lingualen Papillen,
b) Veränderungen im Dentin- und Schmelzaufbau,
c) Veränderungen der Maxilla-Entwicklung,
d) Malokklusion und
e) linearer Hypoplasie des Kiefers führen [6, 33].

Eine unzureichende Zufuhr von Lipiden kann zu
a) entzündlichen und degenerativen Pathologien,
b) Parotisschwellung/Hyposalivation,
c) Degeneration des Drüsenparenchyms und
d) verändertem Mukosawachstum führen.

Eine unzureichende Zufuhr von Kohlenhydraten kann zu
a) einer veränderten Organogenese,
b) Einfluss auf den Metabolismus der Plaque,
c) Karies und
d) periodontalen Erkrankungen führen [12, 31].

Aber Ernährung kann auch wirkungsvoll zur Kariesprophylaxe beitragen [27]:
a) Durch erhöhten Verzehr von Ballaststoffen wird die Aufnahme von Zucker vermindert.
b) Nahrungsaufnahme mit einem Verhältnis von vielen Amiden zu wenig Zucker bewirkt weniger Karies.
c) Käse hat kariostatische Eigenschaften.
d) Kalzium, Phosphor und Kasein in der Kuhmilch verhindern Karies.
e) Kauzwingende Nahrung bewirkt verstärkte Salivation mit verbesserter Kariesprophylaxe.
f) Erdnüsse, harter Käse, Kaugummi sind ebenfalls gute Stimulatoren für eine verstärkte Speichelbildung.
g) Schwarzer Tee erhöht die Konzentration von Fluorid in der Plaque.

Gender Malnutrition mit den Krankheitsbildern Anorexia nervosa, Bulimie, Binge-Eating-Disorder, Obesitas beweist hingegen leidvoll den Einfluss pathologischer Ernährungsgewohnheiten auf den Mundbereich. Hinzu kommen weitere „Gender Malnutritionen“ wie Rauchen, Alkohol, Cannabis, deren pathologische Einflüsse uns Zahnärzten wohl bekannt sind [35]. Besonders bei den Malnutritionen erkennen wir Zahnärzte zumeist als Erste diese Krankheitsbilder und können eine Therapie einleiten.


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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Tim Constantin Nolting M.Sc.

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Tim Constantin Nolting M.Sc.


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