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Zungenbeläge mittels Gel und Sauger entfernen

27.06.2018

Abb. 1 u. 2: Auflockern des Zungenbelags (Leonhard B, 2017, links) und Absaugen der Gel-Überschüsse und des gelockerten Zungenbelags.
Abb. 1 u. 2: Auflockern des Zungenbelags (Leonhard B, 2017, links) und Absaugen der Gel-Überschüsse und des gelockerten Zungenbelags.

Eine Zungenreinigung mit Zungensauger und chlorhexidinhaltigem Mundpflege-Gel kann in der Praxis unkompliziert durchgeführt werden. Gerade für Halitosis-Patienten ist diese Maßnahme sinnvoll. Eine Untersuchung der Autorin deutet darauf hin, dass Patienten eine Zungenreinigung akzeptieren und Zungenbeläge mittels Zungensauger und Gel effektiv reduziert werden können.

Die Zunge bietet Mikroorganismen einen optimalen Lebensraum. Auch geruchsbildende und parodontalpathogene Bakterien können sich hier ansiedeln. Die Kombination aus mechanischer und chemischer Zungenreinigung ist vorteilhaft, um diese Bakterien zu vermindern und Halitosis und Parodontalerkrankungen vorzubeugen.

Lebensraum Zunge

Mit ihren Krypten bietet die Zunge Mikroorganismen ausgezeichnete Rückzugsmöglichkeiten und einen sauerstoffgeschützten Lebensraum. Annähernd 60% aller oralen Mikroorganismen befinden sich auf der Zungenoberfläche [1]. Diese Mikroorganismen formieren einen Biofilm auf dem Zungenrücken sowie insbesondere in den Krypten der Zunge. In zahlreichen Studien konnte festgestellt werden, dass das Vorhandensein des Zungenbelags mit einer erhöhten Zahl an flüchtigen Schwefelverbindungen korreliert, sodass im Zungenbelag eine Ursache für schlechte Atemgerüche vermutet wird [2,5,14]. Dabei wird insbesondere den gramnegativen anaeroben Bakterien, die diesen Biofilm besiedeln, eine bedeutende Rolle zugesprochen. Der üble Geruch entsteht durch bakterielle Verstoffwechselung von schwefelhaltigen Aminosäuren, was zur Freisetzung flüchtiger Schwefelverbindungen führt [3,4]. Nach Quirynen et al. wird der bakterielle Zungenbelag in etwas mehr als der Hälfte der Fälle (57%) als Ursache für Halitosis angenommen [5].

Neben Schwefelverbindungen gelten auch Buttersäure und Kadaverin als Geruchsquellen [6]. Diese entstehen durch proteolytisch aktive Mikroorganismen wie Porphyromonas gingivalis [3,7,8]. Diese parodontalpathogenen Mikroorganismen sind nicht nur in der parodontalen Tasche, sondern auch auf dem Zungenrücken angesiedelt [3]. Somit besteht eine Verbindung zwischen Parodontalerkrankungen und Halitosis. Diese Vermutung wird durch die Studien von Yaegaki und Sanada aus dem Jahr 1992 unterstützt. Diese zeigten, dass Parodontitispatienten im Vergleich zu gesunden Patienten einen viermal dickeren Zungenbelag aufweisen [9]. Insofern rückt die Notwendigkeit der Zungenreinigung immer mehr in das Bewusstsein der Dentalhygiene und des Präventionsmanagements.

Die Zungenreinigung zielt darauf ab, den Zungenbelag zu zerstören und ihn weitestgehend von der Zungenoberfläche zu entfernen, um somit die Geruchsquelle zu beseitigen und den Stoffwechselprozess der Mikroorganismen zu unterbrechen. Seit 2015 kann die Zungenreinigung in der Zahnarztpraxis auch maschinell mit einem Zungensauger (TSpro) durchgeführt werden. Der Zungenbelag kann damit auch in den Krypten der Zunge reduziert werden.

Nutzen und Wirksamkeit einer Zungenreinigung

Da die Zungenreinigung ca. 70% der oralen Sulfide entfernt, ist sie für die Mundhygiene als Präventions- und Therapiemaßnahme sinnvoll [10]. Neben der mechanischen Reinigung der Zunge, kann eine Reduzierung der Mikroorganismen durch antimikrobielle Zungenreinigungsgele oder Mundspüllösungen erfolgen. Durch Chlorhexidin-(CHX)-haltige Mundspüllösungen konnte in Kombination mit der mechanischen Zungenreinigung nach einer Woche eine Verringerung flüchtiger Schwefelverbindungen um 73,3% und von Mundgeruch um 68,6% festgestellt werden [1,11]. Dies erlaubt den Rückschluss, dass die Kombination der mechanischen Zungenreinigung bei der Plaque entfernt wird, und der chemischen Zungenreinigung, die eine desinfizierende Wirkung hat, eine effektivere Maßnahme darstellt als alleiniges Reinigen ohne chemische Unterstützung. Die vorliegenden Erkenntnisse verdeutlichen die Notwendigkeit der mechanischen und chemischen Zungenreinigung im Rahmen der Parodontitis-Therapie sowie als Unterstützung in der Erhaltungsphase [3,4,5].

Untersuchungsergebnisse

Die Zungenreinigung (Abb. 1 und 2) wurde von mir im Zuge des professionellen individuellen Mundgesundheitscoachings bei 60 Patienten mit dem TS1® Zungensauger (TSpro) und dem Mundpflege-Gel Cervitec® Gel (Ivoclar Vivadent) durchgeführt. Ziel war, festzustellen, wie die Anwender den Einsatz und die Kombination beider Pflegeprodukte beurteilen. Die Patienten setzten sich aus je 30 Frauen und Männern zusammen; davon jeweils 15 Raucher und 15 Nichtraucher.

Vor und nach der Zungenreinigung wurde die Zunge fotografiert, um im Anschluss den Winkel-Tongue-Coating-Index (WTCI) zu ermitteln. Durch ihn lässt sich die Quantität des Zungenbelags ermitteln. Die Zunge wird hierzu in sechs Abschnitte unterteilt (Abb. 3). Jeder Abschnitt wird je nach Dicke des Belags mit den Werten 0 (kein Belag), 1 (leichter Belag) oder 2 (dicker Belag) bewertet. Nach der Addition der 6 erhobenen Werte, ergibt sich der WTCI [13]. Im Anschluss wurde die Zungenreinigungsmethode anhand eines Fragebogens durch die Patienten evaluiert. Für die Beantwortung des Fragebogens wurde die Likert-Skala herangezogen [12], welche sich in diesem Fall in die fünf Bewertungsstufen „trifft voll und ganz zu“ (5), „trifft zu“ (4), „trifft vorwiegend zu“ (3), „trifft eher nicht zu“ (2) und „trifft nicht zu“ (1) gliederte. Zusätzlich wurde der WTCI anhand der Fotos durch zwei externe Fachpersonen (Befunder 2 und 3) ermittelt, um die Übereinstimmung zwischen den Beurteilungen durch verschiedene Evaluatoren zu überprüfen.

  • Abb. 3: Mit dem Winkel-Tongue-Coating-Index (WTCI) kann die Quantität des Zungenbelags ermittelt werden.

  • Abb. 3: Mit dem Winkel-Tongue-Coating-Index (WTCI) kann die Quantität des Zungenbelags ermittelt werden.
    © Leonhard

Resultate

Durch die einmalige Anwendung des TS1® Zungensaugers in Kombination mit dem Mundpflege-Gel Cervitec® Gel (Ivoclar Vivadent) wurde eine durchschnittliche Belagsreduzierung um beinahe die Hälfte (45,4%) erreicht. Keine weiteren Ergebnis-Unterschiede wurden zwischen Rauchern und Nichtrauchern festgestellt. Ein gelungenes Ergebnis der Zungenreinigung zeigt Abbildung 4.

  • Abb. 4: Gelungenes Ergebnis der Zungenreinigung.
  • Abb. 5: Mittelwert-Differenzen zwischen WTCI-Messungen zu t0 (vor der Reinigung) und t1 (nach der Reinigung) nach Befundern.
  • Abb. 4: Gelungenes Ergebnis der Zungenreinigung.
  • Abb. 5: Mittelwert-Differenzen zwischen WTCI-Messungen zu t0 (vor der Reinigung) und t1 (nach der Reinigung) nach Befundern.

Die Überprüfung der Mittelwert-Differenzen unter den Befundern ergab ein positives Resultat (Abb. 5). Tendenziell wurde eine ähnliche Bewertung des WTCI zwischen Befunder 1 und 2 festgestellt.

Die kombinierte chemisch-mechanische Zungenreinigung mittels Zungensauger und Cervitec® Gel bietet die Möglichkeit, durch eine schnelle, hygienisch einwandfreie und einfache Anwendung den Zungenbelag wirksam und schonend zu reduzieren. Das zeigt sich in den durchweg deutlichen Reduktionen des Zungenbelags in allen Fällen. Die Evaluation der Patienten bezüglich des Cervitec ® Gels wies ebenfalls positive Ergebnisse auf. Die Anwendung des Cervitec® Gels wurde von der Mehrheit der Befragten (n = 56) als positiv beurteilt (Abb. 6). Die Frage, ob Irritationen während der Zungenreinigung wie Zungenbrennen, Schleimhautreizungen, Geschmacksirritationen festgestellt wurden, verneinten 78%. Diese haben überhaupt keine derartigen Wirkungen verspürt (Abb. 7).

  • Abb. 6: Auswertung des Fragebogens bezüglich des Anwendungsgefühls zur kombinierten Anwendung von Zungensauger mit Cervitec® Gel.
  • Abb. 7: Auswertung des Fragebogens: keine aufkommenden Irritationen des oralen Gewebes durch das Mundpflege-Gel Cervitec® Gel.
  • Abb. 6: Auswertung des Fragebogens bezüglich des Anwendungsgefühls zur kombinierten Anwendung von Zungensauger mit Cervitec® Gel.
  • Abb. 7: Auswertung des Fragebogens: keine aufkommenden Irritationen des oralen Gewebes durch das Mundpflege-Gel Cervitec® Gel.

Durch die Beseitigung des Zungenbelags und damit der Mikroorganismen werden auslösende Faktoren einer Halitosis und Parodontalerkrankungen deutlich reduziert. Die Zungenreinigung ist somit für das professionelle individuelle Mundgesundheitscoaching sowie in der Halitosis-Therapie hilfreich.

Bianca Leonhard, Dr. Christian Klode, Prof. Dr. Georg Gaßmann

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Literatur

[1] De Boever EH, Loesche WJ. Assessing the contribution of anaerobic microflora of the tongue to oral malodor. J Am Dent Assoc 1995;126(10):1384-93.

[2] Quirynen M, Mongardini C, van Steenberghe D. The effect of a 1-stage full-mouth disinfection on oral malodor and microbial colonization of the tongue in periodontitis. A pilot study. J Periodontol 1998;69(3):374-82.

[3] Hughes FJ, McNab R. Oral malodour--a review. Arch Oral Biol 2008;53 Suppl 1:S1-7.

[4] Scully C, el-Maaytah M, Porter SR, Greenman J. Breath odor: etiopathogenesis, assessment and management. Eur J Oral Sci 1997;105(4):287-93.

[5] Quirynen M, Dadamio J, Van den Velde S, De Smit M, Dekeyser C, Van Tornout M, Vandekerckhove B. Characteristics of 2000 patients who visited a halitosis clinic. J Clin Periodontol 2009;36(11):970-5.

[6] Goldberg S, Kozlovsky A, Gordon D, Gelernter I, Sintov A, Rosenberg M. Cadaverine as a putative component of oral malodor. J Dent Res 1994;73(6):1168-72.

[7] Awano S, Gohara K, Kurihara E, Ansai T, Takehara T. The relationship between the presence of periodontopathogenic bacteria in saliva and halitosis. Int Dent J 2002;52 Suppl 3:212-6.

[8] Persson S, Edlund MB, Claesson R, Carlsson J. The formation of hydrogen sulfide and methyl mercaptan by oral bacteria. Oral Microbiol Immunol 1990;5(4):195-201.

[9] Yaegaki K, Sanada K. Volatile sulfur compounds in mouth air from clinically healthy subjects and patients with periodontal disease. J Periodontal Res 1992b;27(4 Pt 1):233-8.

[10] Rosenberg M. Bad breath and periodontal disease: how related are they? J Clin Periodontol 2006;33(1):29-30.

[11] Quirynen M, Avontroodt P, Soers C, Zhao H, Pauwels M, van Steenberghe D. Impact of tongue cleansers on microbial load and taste. J Clin Periodontol 2004;31(7):506-10.

[12] Likert R. A technique for the measurement of attitudes. Archives of Psychology 1932; 140:14-26.

[13] Winkel EG, Roldán S, Van Winkelhoff AJ, Herrera D, Sanz M. Clinical effects of a new mouthrinse containing chlorhexidine, cetylpyridinium chloride and zinc-lactate on oral halitosis. A dual-center, double-blind placebo-controlled study. J Clin Periodontol. 2003 Apr;30 (4): 300-6.

[14] Allaker RP, Waite RD, Hickling J, North M, McNab R, Bosma MP, Hughes FJ. Topographic distribution of bacteria associated with oral malodour on the tongue. Arch Oral Biol. 2008 Apr;53 Suppl 1:S8-S12.

[15] Greenman J, McKenzie C, Saad S, Wiegand B, Zguris JC. Effects of chlorhexidine on a tongue-flora microcosm and VSC production using an in vitro biofilm perfu- sion model. J Breath Res. 2008 Dec;2(4):046005.

[16] Ratcliff PA, Johnson PW. The relationship between oral malodor, gingivitis, and periodontitis. A review. J Periodontol. 1999 May;70(5):485-9. 


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