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Medikamentenanamnese

Was nimmt der Patient wirklich ein?

22.03.2019

Der Zahnarzt muss für die Behandlung wissen, welche Medikamente der Patient einnimmt – wie oft und in welcher Dosierung. Dies ist einerseits wichtig, um den Gesundheitszustand des Patienten zu beurteilen. Andererseits müssen Medikamente, die der Zahnarzt im Therapieverlauf verordnet, auf bestehende Medikationen abgestimmt werden, um Wechselwirkungen zu vermeiden. Ein weiterer Aspekt besteht darin, dass Beschwerden wie Mundtrockenheit (Xerostomie) und Mundgeruch (Halitosis) oftmals auf Medikamente, die die Speichelproduktion beeinflussen, zurückzuführen sind. Allerdings: Ein typisches Problem in der Anamnese besteht darin, dass Patienten nicht alle Medikamente, die sie regelmäßig einnehmen, auf dem Anamnesebogen angeben. Daher ist es wichtig, im Gespräch mit dem Patienten nachzufragen. Eine Aufgabe, die auch das Team übernehmen kann. Wir sprachen mit Dentalhygienikerin Sandra Wooßmann über die Gründe der Patienten und ihre Strategie, sich Klarheit zu verschaffen.

PnC: Frau Wooßmann, wie viele Medikamente nehmen Patienten im Durchschnitt ungefähr ein?

DH Sandra Wooßmann: Unsere Patienten nehmen heute immer mehr Medikamente ein. Zwischen dem 60. und 64. Lebensjahr sind es statistisch zwei bis drei verschiedene Arzneimittel pro Tag; bei den über 80-Jährigen sind es sogar vier bis fünf*, und das sind nur die vom Arzt verordneten Medikamente.

Weshalb versäumen es Patienten, alle Medikamente im Anamnesebogen anzugeben?

Medikamente werden häufig nicht in dem Anamnesebogen genannt, da die Patienten der Meinung sind, dass diese für die Zahnarztpraxis nicht relevant sind. So denken viele meiner Patienten: Was hat der übrige Körper denn mit den Zähnen zu tun? Und sie sehen es nicht ein, uns Auskunft hinsichtlich ihrer Medikamenteneinnahme zu geben; andere wissen den Namen ihres Medikaments nicht genau und wollen sich keine Blöße geben. Und manche wiederum vergessen es wohl einfach, weil sie sich durch das Medikament gesund fühlen.

Der Patient vergisst einfach eine Dauermedikation, weil er sich gesund fühlt? Ist das wirklich schon vorgekommen? Wie haben Sie es bemerkt?

Das habe ich bei einem Patienten mit schwerem Asthma bronchiale erlebt: Das Inhalieren des Sprays ist dem Patienten so selbstverständlich geworden, dass er dies als völlig normal angesehen hat. Er hatte es daher vergessen anzugeben. Aber auch bei Patienten mit Hypertonie gibt es das immer wieder. In einem konkreten Fall fielen mir bei der oralen Inspektion plötzlich gingivale Wucherungen auf. Es zeigte sich, dass der Patient mit der Einnahme eines Medikaments gegen Bluthochdruck mit dem Wirkstoff Nifedipin begonnen hatte. Die Prävalenz von Gingiva-Wucherungen für diesen Wirkstoff liegt immerhin bei 6 bis 15%**. Nach Rücksprache mit dem Kardiologen konnte die Medikation umgestellt werden, das Zahnfleisch normalisierte sich wieder.

Gibt es noch weitere Gründe dafür, dass Patienten Medikamente nicht angeben?

Da wäre einmal die Annahme, dass nur Tabletten gemeint sind, wenn nach Medikamenten gefragt wird, nicht etwa Spritzen und Infusionen. Aber gerade diese können sehr relevant für die zahnärztliche Behandlung sein; ich denke da an Bisphosphonate, die sowohl bei der Behandlung von Osteoporose sowie in der Krebstherapie zum Einsatz kommen. Diese Patienten gehören zur Risikogruppe für Kiefernekrose.

Manchmal werden Medikamente nicht angegeben, weil es dem Patienten unangenehm ist. Ein Beispiel dafür sind Psychopharmaka zur Behandlung psychischer Erkrankungen.

Wie haken Sie nach, um eine wirklich vollständige Medikamentenanamnese zu erhalten?

Es ist wichtig, unseren Patienten den Zusammenhang zwischen Medikamenteneinnahme und Mundgesundheit zu verdeutlichen. Wenn sie den konkreten Einfluss von Medikamenten auf Zahnfleisch und Zähne erkennen, sind sie viel eher bereit Auskunft zu geben. Dabei frage ich selten direkt nach der Medikamenteneinnahme, sondern gehe individuell auf den jeweiligen Patienten ein. Ich frage nach seinem Umfeld, ob sich etwas auf seiner Arbeit oder in seinem Alltag verändert hat. Auf das, was mir der Patient an Informationen gibt, reagiere ich und lenke das Gespräch in geeignete Bahnen und komme auf die Allgemeingesundheit zu sprechen.

Ich achte zudem auf äußere Anzeichen für Gesundheitsprobleme: Ist der Patient stark außer Atem? Hustet er? Ist er blass? Alles wichtige Indizien, an denen man anknüpfen sollte. Überhaupt sollten wir auf unsere Sinneswahrnehmungen achten. Wenn der Patient starken Mundgeruch hat, schweißige Hände oder gar zittert, wirft das Fragen auf. Natürlich nicht nur für die Medikamentenanamnese – diese ist ja nur ein Teil der allgemeinen Anamnese.

Wenn ich einen auffälligen oralen Befund habe, den ich mir nicht erklären kann, dann frage ich nach, ob sich jüngst etwas im Leben des Betroffenen verändert hat oder es ein besonderes Ereignis gab. Im genannten Beispiel des Patienten mit Hypertonie war ein Unfall letztlich Auslöser für die Medikamenteneinnahme, von dem er mir erzählte.

Zum Schluss bitte noch ein Beispiel, welche Konsequenz die zusätzliche Information aus Ihrem Patientengespräch für Ihr Vorgehen hatte …

Im Fall des Patienten mit Asthma bronchiale, der zudem noch raucht: Nachdem ich von seiner Erkrankung erfahren hatte, arbeitete ich ohne Luft-Pulver-Wasserstrahl-Gerät bei der Zahnreinigung. Ansonsten hätte ich damit die starken Verfärbungen an seinen Zähnen entfernt. 


Sandra Wooßmann ist Dentalhygienikerin und Referentin im Fortbildungsinstitut der Zahnärztekammer Bremen und DH in der Zahnarztgruppe C BGZ Lucius D. Clay-Kaserne.

  • Sandra Wooßmann

  • Sandra Wooßmann
    © privat

Kontakt: sandrawoossmann@bundeswehr.org

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Quellen:

* Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Medikamente im Alter. Stand Dezember 2018. www.bmbf.de/pub/Medikamente_im_Alter.pdf

** Dannewitz B, Eickholz P: Ätiologie der Gingivawucherungen. Parodontologie 2015; 26(4):435–440.


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