Wohlfühlen

Ein schleichender Prozess mit vielen Gesichtern

Burnout: Krise und Chance

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Fühlen Sie sich ausgelaugt, müde und frustriert? Hegen Sie geringe Erwartungen an sich selbst bzw. Ihr Team und reagieren Sie zunehmend aggressiv oder gleichgültig? Wenn solche Verhaltensweisen und Gefühlslagen über längere Zeit anhalten, könnte es sein, dass ein Burnout Ursache ist oder zumindest eine Gefährdung besteht; medizinische Professionen sind ohnehin besonders oft betroffen. Schnelle Hilfe ist hier entscheidend, um gegenzusteuern und gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

Möglicherweise sind Sie in den vergangenen Jahren in unterschiedlichen Zusammenhängen mit der Thematik „Burnout“ in Berührung gekommen. Obgleich diese Problematik bereits in den 1970er-Jahren von Herbert Freudenberger und Christina Maslach schlüssig konzeptualisiert wurde, erlebte dieses Phänomen erst in der zurückliegenden Dekade zunehmende gesellschaftliche Aufmerksamkeit und Akzeptanz. Die Erkenntnisse der Erstbeschreiber fußten auf den Beobachtungen, dass primär Angehörige von medizinischen Professionen von einer mannigfachen physischen und psychischen Symptomatik von Krankheitswert betroffen waren.

Risikogruppe: Zahnärzte und Personal

Insgesamt fällt eine Häufung dieses Beschwerdebildes v.a. bei Menschen in helfenden Berufen auf. In einer bundesweiten Online- Befragung unter Zahnärzten erlebten knapp 61% (n = 730) der Studienteilnehmer ihre Berufstätigkeit als überdurchschnittlich stressig [1]. Als „Hausarzt für die Zähne“ wird dem Zahnarzt ein hohes Maß an medizinischem Fachwissen, außerordentliche manuelle Geschicklichkeit und körperliche Leistungsfähigkeit abverlangt. Neben diesen Kompetenzen erwarten die Patienten vom Behandler Empathie, Wertschätzung sowie eine souveräne wie fürsorgliche Patientenführung, auch in emotionalen Ausnahmesituationen, die durch Angst oder Aggression des Patienten gekennzeichnet sind.

Dies gilt in ähnlicher Weise für das gesamte Team: Im Praxisalltag wird das organisatorische Kerngeschäft einer ZFA häufig als anstrengend und herausfordernd empfunden. Routine und lähmende Wiederholungen führen oftmals zu geistiger und körperlicher Erschöpfung. Dennoch wird auch hier ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen, Freundlichkeit, Verbindlichkeit und Ruhe erwartet.

Darüber hinaus ist der Zahnarzt, wie jeder mittelständische Unternehmer, als ökonomischer Denker mit Managementqualitäten, sozialkompetenter Arbeitgeber (Teamführung) und kreativer Werbestratege permanent herausgefordert. Somit befinden sich die Leistungsträger in einem stetigen und stressreichen Spannungsfeld konkurrierender und teilweise divergenter Interessen und Bedürfnisse.

Wenngleich die Berufsgruppe der Zahnärzte nahezu dafür prädisponiert zu sein scheint, Überbelastung über lange Zeit auszuhalten und zu kompensieren, stellen diese Bedingungen dennoch maßgebliche Stressoren dar, welche oftmals zur Ausbildung von Stressfolgesymptomen führen. So spiegelt sich die komplexe Anforderungssituation bei der zahnärztlichen Berufsausübung auch in einer erhöhten Prävalenz von Burnout in dieser Berufsgruppe wider.

Während im Bevölkerungsdurchschnitt 4,2% der Erwerbstätigen in westlichen Industriestaaten im Laufe ihres Lebens am Burnout-Syndrom erkranken (Frauen gelten mit 5,2% stärker betroffen als Männer mit 3,3%), sind unter den deutschen Zahnärzten 13,6% von Burnout betroffen sowie 31,9% von Burnout gefährdet. Dies ermittelten Wissel et al. in einer Online-Studie [1]. Faridani berichtet 2004 für Niedersachsen sogar von über 16% von Burnout betroffenen und von 39% Burnout-gefährdeten Zahnärzten [2].

In ihrer Online-Befragung stellen Wissel und Kollegen fest, dass mehr als die Hälfte der befragten Zahnmediziner relevante stressbedingte Symptome wie Antriebsmangel, Müdigkeit, Schlafstörungen und Ängste angaben [1]. 44% (n=506) leiden nach eigener Einschätzung an Depressionen, 13% formulieren das Vorhandensein von Suizidgedanken. Diese Befundkonstellation ist in der Regel das Resultat eines fortgesetzten dysfunktionalen und maladaptiven Entwicklungsprozesses, der im Folgenden erläutert wird.

Dauerstress als Auslöser von Burnout

Burnout kann aus Dauerstress resultieren, der auf der physischen Ebene als eine Störung der autoprotektiven Rückkoppelung des Organismus beschrieben werden kann. Während der Organismus bei akutem Stress – nach einer kurzfristigen Bereitstellungsreaktion (Adrenalin- und Cortisolfreisetzung) – sein vegetatives Erregungsniveau nach Ende der herausfordernden Situation spontan in einen neutralen Bereich zurückregulieren kann, ist dies bei Dauerstress nicht der Fall: Über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse werden fortlaufend Signale an die Nebennieren gesandt, welche kontinuierlich das Stresshormon Cortisol ausschütten.

Durch diese permanente Überstimulation kommt es in diesem Regelkreis zu Habituationseffekten an der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, wodurch weitere, ungehemmte Cortisolausschüttung trotz bereits hohem Cortisolblutspiegel erfolgt. Diese dauerhaft hohe Cortisolkonzentration im Blutkreislauf kann im gesamten Organismus zu schwerwiegenden Konsequenzen führen. Entsprechend der individuellen Prädisposition und aktuellen Konstitution manifestieren sich Funktionsstörungen sowohl auf der physischen als auch auf der psychischen Ebene und im Verhaltensbereich im unterschiedlichen Ausmaß.

Kernsymptome und Genese des Burnout-Syndroms

Als Kernsymptome dieser Problematik formuliert die Pionierin der Burnout-Forschung Christina Maslach folgende drei Dimensionen [3]:

  • Emotionale Erschöpfung: Die Betroffenen fühlen sich ausgelaugt, müde und frustriert
  • Gefühle des Zynismus und der Distanziertheit
  • Gefühle von Wirkungslosigkeit, gepaart mit einer geringen Selbstwirksamkeitserwartung

Die Betroffenen verbalisieren ihr Befinden mit folgenden Beschreibungen: „Wie eine ausgebrannte Hülle“, „Eine Kerze, die an beiden Enden brennt“, „Infarkt der Seele“, „Ich kann weder vor noch zurück“.

Die Genese der Burnout-Symptomatik wird im Rahmen des Vulnerabilitäts-Stress-Modells als multifaktorielles Geschehen betrachtet. Die vier wesentlichen Größen „Arbeitsplatz“, „Privatleben“, „Persönlichkeit“ und „Gesundheit“ stehen dabei in einem dynamischen Wechselspiel, wobei es sowohl zu ausgleichenden als auch stressverschärfenden Konstellationen kommen kann. Neben objektiven Arbeitsbedingungen und möglichen Ressourcen in den Bereichen Familie und Freizeit spielen die eigenen kognitiven Bewertungsmuster sowie das Repertoire an Copingstrategien eine zentrale Rolle.

Aufgrund der individuell unterschiedlichen und insgesamt sehr polymorphen Ausprägung der Symptomatik erscheint eine fundierte somatische und psychische differenzialdiagnostische Abklärung als essenziell, um andere schwerwiegende Störungen (Tab. 1), die primär auf Symptomebene ähnlich beginnen, rechtzeitig identifizieren zu können. Trotz des Vorliegens suffizienter diagnostischer Verfahren (z.B. Maslach Burnout Inventar) wurde das vorliegende Störungsbild bis heute nicht als eigene Entität in die beiden Klassifikationssysteme ICD-10 und DSM-IV aufgenommen. Als „Ausweichdiagnosen“ bieten sich neben der Anpassungsstörung (F 43.2) die unterschiedlich stark ausgeprägten depressiven Erkrankungen an. Daneben sieht die ICD-10 unspezifische Zusatzcodierungen (z.B. Z 73) vor.

 

UrsachenKrankheiten/Störungen
SomatischAnämie, Eisenmangel, Vitamin-D-Mangel, Hypothyreose, Diabetes, Nebenniereninsuffizienz, Herzinsuffizienz, COPD, Niereninsuffizienz, Borreliose, HIV, Tuberkulose, Malignome, Lymphome, Leukämien, Entzündliche Systemerkrankungen, Degenerative Erkrankungen des ZNS, Schlafapnoe-Syndrom, Restless-Legs-Syndrom, Medikamentennebenwirkungen
PsychischDepression, Anpassungsstörung, Insomnie, Neurasthenie, Somatisierungsstörungen, Generalisierte Angsterkrankung, Posttraumatische Belastungsstörung, Chronic-Fatigue-Syndrom, Substanzmissbrauch

Krankheitsentwicklung in 7 Phasen

Die Erkrankung schreitet in 7 Phasen (nach Burisch) voran [4]. Nach einem zunächst überhöhten Energieeinsatz (Phase 1; Pflichtgefühl, Idealismus, überhöhter Perfektionismus) stellen sich erste Anzeichen von Erschöpfung, nicht zuletzt aufgrund verminderter Erholung ein. Oftmals folgen ein reduziertes Engagement (Phase 2) mit Nachlassen der Kräfte, Aufbau von Widerwillen und innerer Distanz gegenüber Arbeit und beruflicher Umgebung sowie ein vermindertes Erleben von Selbstwirksamkeit.

Reaktiv stellen sich häufig emotionale Reaktionen (Phase 3) wie Ermüdung, Verbitterung, Gereiztheit sowie verzerrte Selbst- und Fremdwahrnehmung ein. Aggressives Verhalten sowie depressive Affekte treten auf. Nachfolgend (Phase 4) kommt es zu Einbrüchen auf der gesamten kognitiven Ebene, welche sich einerseits durch ein Nachlassen von amnestischen Fähigkeiten (Konzentration und Gedächtnis) zeigen. Andererseits lassen komplexe kognitive Funktionen wie Kreativität und differenziertes Denken nach.

Ohne Intervention geraten Betroffene nun leicht in einen depressiven Teufelskreis (Phase 5) bestehend aus emotionaler Verflachung, Energielosigkeit, Gleichgültigkeit, Rückzug mit Verstärkerverlust, Zunahme von Einsamkeit und Grübelneigung. In Verbindung damit zeigen sich psychosomatische Reaktionen (Phase 6) wie Schlafstörungen, Rückenschmerzen, Muskelverspannungen und Verdauungsbeschwerden. Darüber hinaus kommen häufig maladaptive Kompensationshandlungen (wie vermehrtes Essen, Trinken von Alkohol, Rauchen) zum Tragen.

Im Endzustand des Burnouts (Phase 7) erlebt sich der Betroffene als hilflos, ausgeliefert und jedem Sinn des Lebens enthoben, häufig mit Suizidgedanken. Spätestens in dieser Phase lässt sich eine klinisch relevante Depression zweifelsfrei diagnostizieren.

Therapie: Wiederherstellung eines nachhaltigen und dynamischen Gleichgewichts

In einer ersten Phase der Rekonvaleszenz (Reset für das Stresssystem) mit gedanklicher Distanzierung, einem erholsamen Schlaf, positiven Aktivitäten und dem Aufbau eines adäquaten Konsumverhaltens (Essen, Alkohol, Nikotin) ist oftmals eine engmaschige externe Begleitung der Betroffenen äußerst hilfreich, da ihre autoregulativen Kapazitäten zur Wiederherstellung einer Homöostase häufig noch zu erschöpft sind. Ziel ist hier eine Unterbrechung der chronischen psychophysischen Stressreaktion mit Reduktion des Plasma-Cortisolspiegels und Herunterregulation der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse.

In der sich nun anschließenden Analyse erfolgen die Identifikation von auslösenden und aufrechterhaltenden Faktoren sowie die Entwicklung eines maßgeschneiderten Behandlungskonzeptes, welches entsprechend den individuellen Bedürfnissen Anwendung findet: Eruieren dysfunktionaler Grundannahmen (z.B. „Liebenswert bin ich nur, wenn ich Leistung bringe“, „Fehler sind unverzeihlich und führen zur Katastrophe“, „Ich muss immer perfekt sein“) mit anschließender kognitiver Umstrukturierung entsprechender maladaptiver Glaubenssätze („Ich gebe mein Bestes und achte dabei auf meine Grenzen“, „Fehler bieten die Chance zur Reflexion und zum Lernen“) und Übertragung der situationsadäquateren Bewertungsmuster auf die Handlungsebene (Abgrenzung, Nein-Sagen).

„Nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern die Einstellung zu den Dingen“ (Epiktet)

Übertragen auf die Therapiesituation bedeutet dies, dass ein Betroffener wieder Selbstwirksamkeit entwickelt, wenn es ihm gelingt, zu realisieren, dass sein Stresslevel wesentlich von seiner subjektiven Situationseinschätzung abhängt. Ein anderer wesentlicher Aspekt ist die balancierte Lebensführung: Nachdem im Zuge der Burnout-Entwicklung oftmals regenerierende, supportive und sinnstiftende Aktivitäten in den Hintergrund getreten sind, ist nun der Aufbau eines achtsamen Umgangs mit den eigenen Ressourcen elementar. Rituale im Alltag (Bewegung, kleine Pausen, regelmäßige Mahlzeiten, Schlafhygiene, Entspannungsroutinen und Selbstfürsorge) sowie der Aufbau eines tragfähigen Unterstützungsnetzwerkes scheinen hierbei äußerst hilfreich.

Auch die Optimierung von arbeitsorganisatorischen Prozessen ist ein wesentlicher Bestandteil eines umfassenden Behandlungskonzeptes. Entsprechende Inhalte können sein: Zeitmanagement, Abgrenzung, Prioritäten setzen, Multitasking vermeiden, Delegieren und Führen, kontinuierliche Reflexion des eigenen Arbeitshandelns (siehe Kasten unten).

Allumfassendes Ziel dieser Maßnahmen ist letztendlich die Wiederherstellung eines nachhaltigen und dynamischen Gleichgewichts mit der Stärkung autoregulativer Fähigkeiten. Dies beinhaltet auch die proaktive Nutzung sozialer Unterstützung sowie das achtsame Wahrnehmen eigener Grenzen.

Fazit

Neben einem gravierenden individuellen Leiden für den Burnout-Betroffenen lassen sich auch erhebliche Auswirkungen auf die Betriebsstätte/Praxis konstatieren: steigende Fehlerhäufigkeit, Mehrbelastung der übrigen Mitarbeiter, Zunahme an Fehlzeiten, sinkende Arbeitsleistung, reduzierter Teamgeist, Unzufriedenheit der Mitarbeiter, höhere Fluktuation, Verlust von Know-how.

All diese Faktoren können den wirtschaftlichen Erfolg und die Reputation einer Praxis empfindlich stören. Daher sollte es im ureigensten Interesse des Praxisinhabers liegen, sowohl bezogen auf seine eigene Person als auch auf sein Team, die erörterte Thematik achtsam in den Blick zu nehmen. Erste Hinweise auf eine etwaige Gefährdung lassen sich mittels einschlägiger Selbstbeurteilungsverfahren (z.B. Stressbeschleuniger-Selbsttest, Dirk Lehr, 2015) erheben.

Obschon das Auftreten von Burnout sowohl für das Individuum als auch sein gesamtes Arbeitsumfeld das Risiko für eine existenzielle Krise bergen mag, so liegt in dieser Entwicklung auch gleichzeitig das Potenzial für kritische Reflexion und erfolgreiche Neuausrichtung. Das Outcome einer gelungenen Therapie kann nicht nur Verbesserungen für den Betroffenen, sondern auch einen großen Benefit für die gesamte Praxis bedeuten.


Erste konkrete Maßnahmen zur Stärkung des Gleichgewichts und regulativer Fähigkeiten für die Zahnarztpraxis können sein:
  • Entwicklung von Strategien im Umgang mit herausfordernden Patienten (Trennung von Verhalten und Person).
  • Implementierung einer konstruktiven Unternehmenskultur, in welcher Fehler als Chancen zum Lernen im Sinne einer kontinuierlichen Verbesserungspraxis betrachtet werden.
  • Erwerb von kommunikativen Kompetenzen zum erfolgreichen Führen von schwierigen Patientengesprächen.
  • Etablierung von Debriefing-Ritualen (Reflexion von schwierigen Situationen).
  • Förderung eines positiven Arbeitsklimas (vergl. günstige Auswirkung auf die Mitarbeiterzufriedenheit) und des Teamzusammenhalts (gegenseitige Wahrnehmung und Unterstützung).

Individuelle Maßnahmen können sein:

  • Rückzugsmöglichkeiten nutzen
  • Einsatz von Atem- und Entspannungstechniken
  • Bewegungspausen einplanen
  • Formulieren von Energiesätzen („Ich bin und bleibe ruhig und gelassen“)
  • Positive Gedanken am Morgen, z.B.: „Was kommt heute Gutes auf mich zu?“ „Was kann ich zum Gelingen des heutigen Tages beitragen?“
  • Positive Gedanken am Abend, z.B.: „Welcher Patient war heute besonders nett?“ „Was habe ich heute gelernt?“
  • Reflexion eigener (perfektionistischer) Leistungsansprüche
Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Cornelia Beer-Demisch - Christian-Alexander Demisch


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