Wohlfühlen

Erfolgsfaktor Stressresistenz – Langfristig gesund und leistungsfähig bleiben

Bewältigung von Stress in der Zahnarztpraxis

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Es gibt kein stressfreies Leben. Das heißt, das Vorhandensein von Stress können wir nicht ändern, aber unseren Umgang damit können wir optimieren. Wie das geht, was Stressresistenz überhaupt bedeutet und warum Stress mit einem Gewürz vergleichbar ist, darauf gibt Berater und Hochschuldozent Sebastian Pflügler im folgenden Beitrag Antworten.

Stressdefinitionen gibt es viele – mehrere Hundert sogar. Jede legt den Schwerpunkt ein wenig anders, deswegen möchte ich kurz mein Verständnis von Stress erläutern, das die meisten Aspekte der gängigen Definitionen abdeckt: Stress entsteht, wenn Anforderungen unter ungünstigen Bedingungen übernommen werden, Stressbewältigungsstrategien nicht ausreichend zur Verfügung stehen und ein Scheitern negativ beurteilt wird.

Stressresistenz ist erlernbar

Sehen wir uns diese Definition genauer an: Stress entsteht immer dann, wenn Anforderungen von außen an eine Person herangetragen werden, beispielsweise eine Kollegin Sie bittet, für sie einzuspringen zu einem Zeitpunkt, der auch für Sie ungünstig ist. Oder ein Mitarbeiter möchte ein Sabbatical einlegen, obwohl die Personaldecke ohnehin dünn ist. Wenn Sie direkt gute Stressbewältigungsstrategien an der Hand haben, also zum Beispiel direkt wissen, wie Sie den Personal- bzw. Zeitmangel ausgleichen oder durch eine Atemtechnik Ihr Stresserleben regulieren können, dann nimmt der Stress ab oder entsteht erst gar nicht. Wenn diese Optionen bzw. Fähigkeiten nicht zur Verfügung stehen, dann sind Grundlagen zur Entstehung von Stress gelegt.

Es braucht aber noch eine dritte Komponente: Potenzielles Scheitern wird negativ beurteilt, weil uns die Sache, um die es gerade geht, wichtig ist. Stress ist somit ein Anzeiger von Relevanz. Wenn es Ihnen egal wäre, dass die Praxis mit einer dünnen Personaldecke läuft oder die Kollegin enttäuscht wird, dann ist Ihnen die Situation vielleicht nicht mehr so wichtig, ergo wenig Stress entsteht. Stress hängt also von subjektiv beurteilten Voraussetzungen ab, ist deswegen auch so individuell: Was den einen stresst, bringt den anderen nicht einmal aus der Ruhe und umgekehrt.

Was ist nun Stressresistenz? Dieses Konzept beschreibt interindividuell stabile Unterschiede hinsichtlich des Ausmaßes, in dem Personen in der Lage sind, Stress ohne Leistungseinbußen und ohne auffällige körperliche und psychische Symptome zu verkraften [1]. Stressresistente Personen geraten also eher selten in Stresssituationen, weil sie erstens meist nur Anforderungen übernehmen, die zu ihren Leistungsmöglichkeiten passen. Zweitens sind sie in der Lage, ein mögliches Scheitern bei der Anforderungsbewältigung so zu bewerten, dass ein zu starker Erfolgsdruck und damit ausgeprägte Stressreaktionen vermieden werden können, und drittens sind sie erfolgreich darin, Stressreaktionen mit geeigneten Maßnahmen zu reduzieren [2]. Und die gute Nachricht ist: All das ist erlernbar (Abb. 1).

  • Abb. 1: Erlernbare Kompetenzen des Konstruktes Stressresistenz.

  • Abb. 1: Erlernbare Kompetenzen des Konstruktes Stressresistenz.
    © Pflügler

Stressreaktion wahrnehmen und Stressquelle lokalisieren

Der Umgang mit externen Stressoren – also ungünstigen Anforderungen, die von außen an uns herangetragen werden – wird in der Forschung als „Kompetenz zur Stressbewältigung“ bezeichnet [2]. Sie umfasst, gemäß dem wissenschaftlich evaluierten Stressresistenztraining (SRT) nach Schulz & Jansen [2], die Kenntnis der eigenen, oft typischen Stressreaktionen, das Wissen um die dominantesten Stressquellen und den gezielten Umgang damit.

Stressreaktionen können körperlicher Natur sein, z.B. Zittern oder Schwitzen, emotionalen Ursprungs sein (Gereiztheit) oder sich auf einer behavioralen Ebene niederschlagen (Konzentrationsschwierigkeiten). Die eigenen Stressreaktionen zu kennen ist deswegen so wichtig, weil sie der Anker und das Warnsignal für uns sind, mit dem wir erkennen können, dass wir uns in einer Stresssituation befinden. Sobald wir das bemerkt haben, sollten wir uns die Frage stellen: „Was ist die Stressquelle?“

Das SRT unterscheidet acht Stressquellen. Es würde den Rahmen sprengen, hier alle vorzustellen, deswegen möchte ich mich auf jene fokussieren, die meine Workshop-Teilnehmer quer durch alle Branchen als häufigste ansehen:

Erstens: unvereinbare Anforderungen. Stress entsteht dadurch, dass unvereinbare Aufgaben oder Erwartungen an Sie herangetragen werden und Sie bei der Erfüllung der Erwartungen in jedem Fall jemanden enttäuschen müssen oder selbst enttäuscht werden. Vorgesetzte tragen beispielsweise sich widersprechende Anforderungen an Sie heran oder ein Patient möchte die beste Behandlung, aber nichts dafür bezahlen. Ein Beispiel aus dem Privatleben: Sie sind zu zwei Partys zur selben Zeit eingeladen. Diese widersprüchlichen Anforderungen führen zu stressigen Dilemmata, da wir das eine nur unter Auschluss des anderen erreichen können. Da Ambivalenz aufgrund der zunehmenden Komplexität eine immer grundlegendere Erfahrung in unserer Welt wird, gewinnt diese Stressquelle an Bedeutung.

Zweitens: unklare Anforderungen. Stress entsteht dadurch, dass Sie im Unklaren darüber gelassen werden, was Ihre Aufgabe ist, was andere von Ihnen erwarten oder in welcher Form Sie eine Aufgabe erfüllen sollen. Zwei Beispiele: Sie sollen ein Teamevent planen mit der Vorgabe: „Das Event sollte allen Spaß machen und Preis-Leistung sollte halt stimmen.“ Ebenso unklar ist dieser Fall: Der Steuerberater erklärt nicht, welche Unterlagen er benötigt und wo diese abrufbar sind.

Drittens: fehlende Wertschätzung. Stress entsteht auch dadurch, dass eine Person trotz ihres Bemühens und trotz guter Leistungen keine angemessene Belohnung bzw. Anerkennung und Wertschätzung erhält oder dass sie vor der Erledigung einer Aufgabe schon weiß, dass sie keine Belohnung für ihre Leistungen erhalten wird. Eine solche Situation tritt in der Zahnarztpraxis ein, wenn sich kaum ein Patient beim Zahnarzt und beim Team bedankt, die Teammitarbeiter gegenseitig ihre Leistung nicht wertschätzen oder etwa die zwanzigjährige Praxiszugehörigkeit einer Mitarbeiterin bei der Weihnachtsfeier mit keinem Wort erwähnt wird. Ähnlich verhält es sich im Privaten: Der Partner, der aufwendig bekocht wurde, schlingt das Gericht herunter ohne eine Geste des Dankes oder der Würdigung.

Strategien zur Stressbewältigung planvoll einsetzen

Die dominante Stressquelle zu identifzieren ist wichtig, weil jede Strategie ins Leere läuft, wenn sie am falschen Punkt ansetzt. Daher sollte zunächst die Stressquelle diagnostiziert werden, um dann mit der richtigen Strategie zu intervenieren. Stressbewältigungsstrategien gibt es in der Forschung zahlreiche; sie lassen sich in 10 Blöcke zusammenfassen [2] (Abb. 2).

  • Abb. 2: Stressbewältigungsstrategien aus der Stressforschung.

  • Abb. 2: Stressbewältigungsstrategien aus der Stressforschung.
    © Pflügler

Es würde den Beitrag sprengen, jede einzelne Stressbewältigungsstrategie im Detail zu besprechen, die Vor- und Nachteile abzuwägen und den genauen Einsatzbereich zu definieren*. Grundsätzlich muss im ersten Schritt der Bewältigung in einer konkreten Situation abgewogen werden, ob zunächst an den eigenen Stressemotionen gearbeitet werden muss, um überhaupt wieder handlungsfähig zu werden. So bringt es wenig, ein Kritikgespräch unter hohem Adrenalinspiegel zu führen. Zur Beruhigung helfen die Strategien 7 bis 10, dargestellt in Abbildung 2.

"Aussitzen" in manchen Situationen erlaubt

Wenn es darum geht, die Stressquelle anzugehen, sollten Sie sich fragen, ob die Stressquelle beeinflussbar ist oder nicht. Ist sie es nämlich nicht, dann können Sie sich mit den Strategien 1, 3 und 5 direkt in einen Burn-out katapultieren. Der Rat, stets alle Aufgaben anzugehen, ist grundfalsch. Viele Stressquellen lösen sich nämlich in Wohlgefallen auf, wenn man sie sprichwörtlich „aussitzt“. Auch die Warnung vor psychosomatischen Störungen durch das Ignorieren und Verdrängen von Anforderungen ist nicht vollumfänglich zutreffend. Wenn diese Strategien kompetent ausgeführt werden – z.B. für einen bestimmten Zeitraum unter bewusstem Abwägen von Kosten und Nutzen – kann dies sinnvoll sein. Sie brauchen einen flexiblen Methodenkoffer im Umgang mit Stress. Denn nicht jede Stresssituation ist ein Nagel und der Hammer nicht in jedem Fall die Lösung.

Sich selbst weniger Druck machen

Die zweite Kompetenz der Stressresistenz besteht darin, sich selbst keinen zusätzlichen Druck zu machen. Gerade, wenn hohe Anforderungen von außen mit Stresspotenzial einströmen, ist es umso wichtiger, innerlich ruhig zu bleiben. Gleiches gilt aber auch, wenn es im Außen eigentlich entspannt zugeht und der innere Druck für manche Menschen dennoch zunimmt. Solche Personen, die dazu tendieren, sich selbst enorm unter Druck zu setzen, bilden langfristig sogenannte stressverstärkende Überzeugungen aus, nach dem Muster: „Ich muss immer 120%ig funktionieren“, „Wenn ich mal einen Fehler mache, halten mich alle meine Patienten für unfähig“ oder „Wenn ich nicht jeden Tag 12 Stunden arbeite, dann läuft die Praxis nicht“.

Solche Glaubenssätze zeichnen sich durch absolute und maximale Forderungen und Starre aus. Sie sind extrem, weil immer gleich „alle“, „immer“ (oder „nie“) betroffen sind. Und sie sind rigide, weil sie dem Denkenden kaum Freiheit lassen abweichend, d.h. frei zu handeln. In meinen Workshops identifiziere ich diese Glaubenssätze mittels eines Fragebogens und helfe den Teilnehmern mittels Framing diese in stressmindernde Glaubenssätze umzuwandeln [3]. Wenn der Klient diese weiter kultiviert, entsteht mit der Zeit eine wohltuende Gelassenheit.

Stresspuffer nutzen

Stressresistente Personen kennen ihr Stärken- und Schwächenprofil in Bezug auf Stress. Sie wissen, was sie gut können und bei welchen Anforderungen sie deswegen in Zukunft gelassen bleiben können, wo sie noch Kompetenzen erwerben dürfen und welcher Kelch in Zukunft an ihnen vorübergeht, weil diese Anforderungen sie nur stressen und keinen Mehrwert bieten. Schließlich möchte ich noch zwei Stresspuffer an die Hand geben, die generell helfen, in turbulenten Zeiten resilient zu bleiben.

Zum einen der WIR-Faktor, der Stressresistenz maßgeblich unterstützt. Er gründet v.a. in nahen, vertrauensvollen und als positiv erlebten Beziehungen. So zeigt eine Studie mit über 25.000 Befragten, dass Menschen, die Freundschaften pflegen und sich mit ihren Freunden treffen, sich wohler fühlen, mehr Vertrauen in ihr Umfeld und weniger Stress haben [4]. Dies hängt damit zusammen, dass das Bindungshormon Oxytocin gebildet wird, das den Cortisolspiegel senkt. Bemühen Sie sich also, vertrauensvolle Beziehungen zum Partner, den Kindern, Freunden, Kollegen, Vereinsmitgliedern etc. zu pflegen!

Der zweite Stresspuffer ist Sinn: Stellen Sie sich vor, Ihre Hand wird auf eine heiße Herdplatte gedrückt. Wie schlimm bewerten Sie diese Situation auf einer Skala von 1 bis 10? Stellen Sie sich vor, Ihre Hand wird wieder auf den Herd gedrückt, dafür retten Sie aber das Leben eines geliebten Menschen? Wie schlimm erscheint die Situation jetzt? Dieses Gedankenexperiment zeigt, dass Sinn ein wichtiger Faktor ist, um auch schwierige und stressige Situationen durchzustehen. Nietzsche wusste schon: „Wer ein Warum hat, dem ist kein Wie zu schwer.“

Diese Erkenntnis wird durch eine Metastudie des Psychologen Martin Pinquardt zum Zusammenhang von Sinn und Stress bestätigt. Daraus ging hervor, dass diejenigen, die ihr Leben oder ihr Schaffen als sinnvoll erachteten, wesentlich gesünder waren und auch mit Stress besser umgehen konnten [5]. Stellen Sie sich also die Frage: Was macht mein berufliches oder privates Tun sinnvoll? Welche mir wichtigen Werte kann ich dadurch leben? Was gibt mir Sinn und wie kann ich dies noch stärker in mein Leben integrieren?

Fazit

Stress lässt sich nicht vermeiden, aber ein kompetenter Umgang auf allen Ebenen ist möglich; eine gute Stressresistenz trainierbar. Wenn wir dieses Wissen verinnerlichen, dann wird Stress – frei nach Donald A. Tubesing – zu dem, was er im positiven Sinne sein kann: nämlich ein tolles Gewürz unseres Lebens! Nur muss die Dosis stimmen, zu viel davon würde uns den Hals zuschnüren, zu wenig lässt unser Leben fade schmecken. Ich wünsche Ihnen, dass Sie immer die richtige Dosis für Ihr Leben finden. Bleiben Sie gelassen und gesund.

*In den Seminaren des Autors wird dieser Punkt ausführlich behandelt. Näheres zu den Seminaren unter www.sebastian-pfluegler.com

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Sebastian Pflügler


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