Praxisorganisation


Zahnseide: Schon im Kindesalter den Grundstein legen

12.05.2016
aktualisiert am: 18.05.2016

Der Grundstein für den richtigen Gebrauch der Zahnseide wird schon früh gelegt.
Der Grundstein für den richtigen Gebrauch der Zahnseide wird schon früh gelegt.

Die Zahnseide führt ein Schattendasein. Das ist beklagenswert – sagt doch schon der gesunde Menschenverstand, dass es sinnvoll wäre, Essensreste und Plaque zwischen den Zähnen zu entfernen. Vermutlich hilft es, Patienten bereits im Kindesalter an dieses Hilfsmittel zu gewöhnen. Dazu im Folgenden ein Tipp aus der Praxis.

Die Deutschen tun sich nach wie vor schwer, wenn es um die regelmäßige Verwendung von Zahnseide geht. Bei einem täglichen Verbrauch von ca. 50 cm bräuchten wir etwa 182 Meter im Jahr. Laut GABA elmex Forschung liegt der Verbrauch aber bei nur 3,75 Metern pro Kopf. Aus der praktischen Erfahrung wissen wir ohnehin, dass nur wenige Menschen täglich zur Zahnseide greifen, die meisten Menschen tun dies gar nicht.

Im Sinne einer effektiven Individualprävention sollte sich diese Situation ändern. Hier sind insbesondere die Fachkräfte in den Praxen gefragt, die ihre Patienten für Zahnseide motivieren können. Um langfristige Erfolge zu erzielen, ist es sinnvoll, bereits in der frühen Jugend mit dem Gebrauch dieses Hilfsmittels zu beginnen. „Jugend“ ist allerdings noch keine genaue Altersangabe und klingt nach „irgendwann“. Ein passender Zeitpunkt wäre das sechste Lebensjahr, da gesetzlich versicherte Kinder in Deutschland dann im halbjährlichen Rhythmus zur Individualprophylaxe in die Zahnarztpraxis kommen sollen. Doch sind Kinder in diesem Alter bereits motorisch in der Lage, Zahnseide sinnvoll einzusetzen?

Motorik: Wer Geige spielt, kann auch Zahnseide fädeln

Ab dem ersten Lebensjahr beherrschen fast alle Kleinkinder den sogenannten Pinzettengriff, welcher mit Daumen und Zeigefinger ausgeführt wird und sie in die Lage versetzt, kleinste Gegenstände aufzunehmen. Bei entsprechender Förderung entwickelt sich die Feinmotorik stetig. Viele Vier- oder Fünfjährige sind aus der Nachahmung heraus fähig, den Touchscreen des Handys der Eltern zu bedienen, und dies mit Leichtigkeit und Tempo. In den ersten Jahren des Grundschulalters sind Grob- und Feinmotorik schon gut entwickelt. Die Hand-, Finger- und Unterarmmotorik ist bereits so weit ausdifferenziert, dass ein Instrument erlernt – und Zahnseide benutzt werden kann.

Die manuelle Geschicklichkeit ist natürlich bei Kindern und Jugendlichen, wie auch bei Erwachsenen, individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt. Insofern ist nicht jedes Grundschulkind bereits in der Lage, die Zahnseide gut zu handhaben; die meisten aber durchaus.

Zahnseide als etwas Selbstverständliches kennenlernen

Wenn meine jungen Patienten mit sechs Jahren zur ersten Individualprophylaxe kommen, sind bei den meisten Kindern die ersten bleibenden Zähne der Unterkiefer- und Oberkieferfront durchgebrochen. Das heißt, diese Zähne sind für Kinder und Eltern gut sichtbar und noch günstig zu erreichen. Nach der Plaque-Anfärbung zeige ich den Kindern im Handspiegel genau, an welchen Stellen sich die rosa gefärbte Plaque befindet. Ich beweise den Kindern, dass sich diese mit einer Zahnbürste nicht vollständig beseitigen lässt, indem wir die Zähne bürsten und danach gemeinsam erneut im Spiegel die Zähne kontrollieren: Im Interdentalraum und an den Approximalflächen gibt es immer noch eine Rosafärbung; es ist also noch Restplaque vorhanden.

Anschließend demonstriere ich meinen jungen Patienten, wie die Zahnseide um die Finger gewickelt und der Zahnzwischenraum gereinigt wird und übe dies mit ihnen gemeinsam ein. Dabei umgehe ich zu diesem Zeitpunkt noch das Reinigen unterhalb der beweglichen Gingiva, da es genau dort häufig zu einer kurzen Blutung kommen kann und feine Fasern verletzt werden können. Jegliche Motivation wäre dann verwirkt.

Das Einbeziehen der beweglichen Gingiva lege ich nach der individuellen Situation des Kindes fest. Der Umgang mit der Zahnseide muss Routine geworden sein und auch eine geringe Blutung darf kein Entsetzen beim Heranwachsenden auslösen. Um das 12. Lebensjahr herum ist die intellektuelle Voraussetzung gegeben, um den Zusammenhang von Blutung und nicht sachgemäßer Anwendung der Zahnseide nachzuvollziehen.

Das Erlernen dieser Anwendungstechnik erfordert viel Geduld und ist ohne die Mitwirkung und Unterstützung der Eltern undenkbar. Hier ist Aufklärungsarbeit nötig: Häufig trauen Eltern ihren Kindern die filigrane Handhabung der Zahnseide gar nicht zu; nicht selten, weil sie diese selbst nicht benutzen. Ein doppelter Gewinn, wenn die Eltern zum Gebrauch der Zahnseide bewegt werden können: Sinnvoll für ihre eigene Mundhygiene, und die Vorbildhaltung trägt zur Motivation der Kinder bei.

Der Wechsel vom Milchgebiss zum vollständigen bleibenden Gebiss vollzieht sich bis ungefähr zum zwölften Lebensjahr. Er wird halbjährlich vom Fachpersonal begleitet. In den ersten Jahren werden die Kinder noch von ihren Eltern unterstützt. Je nach Selbständigkeit des Kindes können Eltern ab dem 8. Lebensjahr ihren persönlichen Einsatz und Hilfestellung nach und nach zurückstellen, oder nur gelegentlich Nachbessern.

Wenn die Pubertät einsetzt, müssen die Jugendlichen verstärkt an die Benutzung von Zahnseide erinnert werden. Doch das Praxisteam hat gute Chancen: Wer vom sechsten Lebensjahr an gewohnt ist, Zahnseide zu verwenden, wird dies mit zunehmendem Alter als eine selbstverständliche Maßnahme der Körperhygiene empfinden. Diese Chance hat die ältere Generation nicht gehabt – geben wir sie unseren Kindern und Kindeskindern.

 

 

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Sabine Preuße


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