Praxisorganisation


Burn-out: rechtzeitig erkennen, verstehen und vorbeugen

07.12.2022

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Das Thema „Burn-out“ ist nicht neu, wird jedoch seit Neuestem auch dank starker Medienpräsenz nicht mehr als Tabu behandelt. Ob Fernsehkoch, Musiker oder Sportler – wie bekannt wurde, hatten sich zuletzt mehrere Prominente für einige Zeit wegen Burn-out aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Doch was eigentlich ist ein Burn-out, wer ist gefährdet, welche Warnsignale gibt es und wie kann man effektiv der Entstehung vorbeugen? Um Antworten auf diese Fragen sowie hilfreiche Maßnahmen und nützliche Tipps geht es im nachfolgenden Artikel.

In den 1970er Jahren beschrieb der amerikanische Psychoanalytiker Herbert Freudenberger zum 1. Mal das „Ausgebranntsein“ [1]. Er nannte Erschöpfung, Überforderung und Lustlosigkeit als Folgen starker Belastungen in den helfenden Berufen (Ärzte, Ärztinnen, Pflegekräfte). Freudenberger verstand Burnout ausschließlich als Krise des sozial Engagierten, der nicht mehr in der Lage ist, sein vorheriges hohes Engagement weiter aufrechtzuerhalten.

Heute sieht man das Syndrom allgemeiner und in allen Berufen vorkommend. Nach dem „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“ (ICD) ist Burn-out keine eigenständige Krankheit. Nach der neuen ICD 11, die am 1. Januar 2022 in Kraft getreten ist, definiert die WHO Burn-out als „Faktor, der den Gesundheitszustand beeinflusst“.

Als Kriterien werden Energielosigkeit, Erschöpfung, eine zunehmende geistige Distanz, negative Haltung oder Zynismus in Bezug auf die eigene berufliche Tätigkeit sowie ein verringertes berufliches Leistungsvermögen angeführt [2]. Die Entstehung und der Verlauf eines Burn-outs Ein Burn-out kommt nicht von heute auf morgen. Vorausgegangen ist in der Regel eine längere stressige Phase oder chronischer Stress.

Erholungsphasen am Wochenende oder auch Urlaube von 1 oder 2 Wochen Dauer reichen nicht mehr aus, um wieder Kraft für den Alltag zu gewinnen. Die Techniker Krankenkasse erhob in ihrem Stressreport 2021, was Deutschland stresst [3]. Darin werden als größte Belastungen am Arbeitsplatz mit 32% „zu viel Arbeit“ und „Termindruck, Hetze“ genannt (Tab. 1).

Die größten Belastungen am Arbeitsplatz
1Zu viel Arbeit (32%)
2Termindruck, Hetze (32%)
3Störungen und Unterbrechungen (28%)
4Informationsüberflutung (23%)
5Schlechte Arbeitsplatzbedingungen (19%)
6Ungenaue Anweisungen, Vorgaben (19%)
7Ergonomie im Homeoffice (17%)
8Zu wenig Handlungsspielraum (13%)
9Unzureichende Trennung Berufs- und Privatleben im Homeoffice (12%)
10Schlechte Stimmung im Team (12%)
11Probleme Vereinbarkeit Beruf und Familie (11%)
12Unterforderung (10%)
13Mangelnde Anerkennung der eigenen Leistung (10%)
14Ungerechte Bezahlung (9%)
15Erforderliche Erreichbarkeit in Freizeit/Urlaub (7%)
16Probleme mit Vorgesetzten (5%)

Tab. 1: Entspann dich, Deutschland! TK-Stressstudie 2021.

Manchmal kommen zusätzliche Anforderungen hinzu wie schwere Krankheit eines Angehörigen, Konflikte oder Probleme mit dem Lebenspartner*innen oder Kolleg*innen in der Zahnarztpraxis, ständige Erreichbarkeit usw., die das Fass schließlich zum Überlaufen bringen. Dabei gelten laut der TK-Stressstudie 2021 die Menschen als besonders gestresst, die hohe Ansprüche an sich selbst stellen.

Prof. Dr. Matthias Burisch entwickelte ein Modell, das in 7 Phasen den Prozess des Burn-outs darstellt [4]. Obwohl der Verlauf sehr individuell ist und einzelne Stadien übersprungen werden können oder auch gar nicht auftreten, ist das Modell zur Orientierung gut geeignet (Abb. 1).

  • Abb. 1: 7-Phasen-Modell nach Burisch.
  • Abb. 1: 7-Phasen-Modell nach Burisch.
    © eigene Darstellung A. Schmitt

1. Phase: Übermotivation/hohes Engagement/Hyperaktivität

Die Phase ist gekennzeichnet durch erhöhte Erwartungen an sich selbst und den Zwang, sich zu beweisen. Eigene Bedürfnisse werden vernachlässigt. Man arbeitet mit Begeisterung grenzenlos – ohne Pausen, am Wochenende und im Urlaub – und übernimmt weitere Aufgaben in der Praxis oder Dienste der Kollegen.

Delegation fällt schwer. Das Gefühl der Unentbehrlichkeit stellt sich ein. Im weiteren Verlauf treten Anspannung, Reizbarkeit und Unausgeglichenheit auf. Überarbeitung und Überlastung werden verleugnet.

Erste Erschöpfungssymptome wie chronische Müdigkeit, Energiemangel und Lustlosigkeit machen sich bemerkbar. Mit dem Mehrkonsum von Kaffee, Zigaretten, Aufputschmitteln, Alkohol und Beruhigungsmitteln versucht man gegenzusteuern.

2. Phase: Rückzug und reduziertes Engagement

Private und berufliche Kontakte sind belastend und werden reduziert, Hobbys werden aufgegeben, Teilnahme an betrieblichen Festen und Veranstaltungen abgesagt, Einsamkeit wird gesucht. Man geht mit Widerstand zur Arbeit. Es treten erste Fehlleistungen (Vergessen von Terminen, Ungenauigkeit usw.) auf.

Körperliche Beschwerden nehmen zu. Positive Gefühle gehen verloren, man stumpft ab, wird hart, berechnend, zynisch. Andere Personen sind zunehmend Schuld an Problemen, Intoleranz und Aggressivität bestimmen immer mehr den Umgangston.

Die Einstellung zur Arbeit wird negativ, „innere Kündigung“ beginnt. Es stellt sich das Gefühl von mangelnder Anerkennung und Desillusionierung ein. Da diese Persönlichkeitsveränderungen deutlich zu erkennen sind, ist es ratsam, spätestens zu diesem Zeitpunkt das Gespräch mit dem Mitarbeitenden zu suchen.

3. Phase: Schuldzuweisungen

Die Schuld wird entweder bei sich selbst (Depression) oder bei anderen (Aggression) gesucht. Im 1. Fall geht dies einher mit sinkendem Selbstwertgefühl, Selbstmitleid, Stimmungsschwankungen, Ruhelosigkeit, Pessimismus bis zu Suizidgedanken. Wird die Schuld bei anderen gesucht, so treten Reizbarkeit, Negativität, Misstrauen, Vorwürfe und ähnliche Verhaltensweisen auf.

4. Phase: Abbau der Leistungsfähigkeit

In dieser Phase nimmt die kognitive Leistungsfähigkeit ab. Konzentrationsschwäche tritt auf. Zerstreutheit und Flüchtigkeitsfehler sowie Vergesslichkeit sind als Warnsignale erkennbar. Es fällt schwer, Entscheidungen zu treffen.

Die Flexibilität ist gering, jede Veränderung ist zu viel und der Widerstand dagegen hoch. „Eigenbrötelei“ und Selbstmitleid nehmen zu.

Man verzettelt sich in Kleinigkeiten. Gutgemeinte Zuwendung wird ärgerlich zurückgewiesen. Motivation und Produktivität nehmen ab.

5. Phase: Gleichgültigkeit

Das Leben verflacht: Alles ist gleichgültig, der Rückzug aus dem sozialen Leben setzt sich weiter fort, Desinteresse gegenüber anderen nimmt zu. Eigene Bedürfnisse und Hobbys treten in den Hintergrund.

Die Emotionskontrolle ist gering. Tränen oder Wutausbrüche bei Kleinigkeiten können auftreten.

6. Phase: psychosomatische Reaktionen

In den vorangegangenen Phasen können sich psychosomatische Reaktionen wie Verspannungen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Erschöpfung und andere Reaktionen zeigen. Ab diesem Zeitpunkt nehmen die körperlichen Beschwerden und die Fehlzeiten deutlich zu.

7. Phase: Verzweiflung

Ohnmachtsgefühle und Hilflosigkeit steigern sich. Existentielle Verzweiflung, Interessenlosigkeit, Selbsthass, wenig persönliche Anteilnahme an anderen, Sinnlosigkeit des Lebens, Apathie bis hin zu Suizidgedanken und dem Wunsch, nicht mehr aufwachen zu müssen – all das sind Kennzeichen dieser letzten Phase.

Das Immunsystem ist angegriffen und am Ende steht die völlige Erschöpfung mit dem körperlichen, psychischen und emotionalen Zusammenbruch. Dieser Notfall ist akut gesundheits- und lebensgefährlich.

Burn-out-Prävention:

Stressquellen erkennen und abbauen

Nur wer seine eigenen Grenzen und Bedürfnisse kennt, ist in der Lage, rechtzeitig gegenzusteuern. Darüber hinaus ist es wichtig, die möglichen individuellen Stressoren zu identifizieren, um diese reduzieren oder vermeiden zu können. Beispiele und Maßnahmen zur Bewältigung von Stressoren:

  • Aufgaben lassen sich delegieren.
  • Ein gutes Zeitmanagement hilft, planbare Aufgaben rechtzeitig zu beginnen, sodass ausreichend Zeit bleibt.
  • Mit einem klaren „Nein“ vermeiden Sie die nächste Aufgabe oder die nächste Arbeitszeitverschiebung.
  • In einem Gespräch mit dem Vorgesetzten kann Überlastung thematisiert und nach Lösungen gesucht werden.
  • In einer Besprechung im Praxisteam entscheidet man gemeinsam, welche Aufgaben in Zeiten mit hoher Arbeitsbelastung liegen bleiben dürfen.
  • Im Team lassen sich Vereinbarungen zur gegenseitigen Unterstützung treffen.

Den größten Stress machen wir uns selbst. Typische Glaubenssätze wie „Ich muss immer alles 100% machen“, „Wenn ich „Nein“ sage, werde ich nicht mehr gemocht:“ oder „Ich muss immer für alles die Verantwortung übernehmen, sonst macht es niemand“ können jedoch aufgelöst werden. Denn der eigene Anspruch lässt sich verändern und auch das „Neinsagen“ ist trainierbar.

Die Krankenkassen bieten vielfältige Angebote zur Stressbewältigung an: Die Auswahl reicht von Onlinekursen oder Präsenzseminaren bis hin zu Selbstlernkursen und Sportangeboten. Die Kurse werden im Rahmen des Präventionsgesetzes bezuschusst, sodass geringe Kosten bei der (regelmäßigen) Teilnahme entstehen.

Neben Maßnahmen zur Stressbewältigung wird auch der Steigerung der Selbstfürsorge ein positiver Nutzen bei der Burn-out-Prävention zugeschrieben: Regelmäßige Pausen, ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung, das Pflegen sozialer Kontakte sowie ausgleichende Freizeitaktivitäten können ebenso wie beispielsweise das Erlernen von Entspannungstechniken oder ein Achtsamkeitstraining dazu beitragen, arbeitsbedingten Belastungsfolgen vorzubeugen und die psychische Gesundheit zu fördern. Selbstfürsorge und Achtsamkeit helfen nicht nur dabei, die Energie zu steigern und innere Widerstandskraft zu verbessern, sondern sorgen auch für mehr Lebensfreude und Gelassenheit.

Fazit

Chronischer Stress oder längere stressige Phasen können in eine Burn-out-Erkrankung münden und sollten daher niemals auf die leichte Schulter genommen werden. Bei Warnsignalen, die auf ein beginnendes Burn-out hindeuten, ist es ratsam, sich interne oder externe Hilfe zu suchen.


Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Anja Schmitt


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