Prophylaxe

Studentenprojekt: Teddybär-Krankenhaus Heidelberg

Wenn der Teddybär über Zahnschmerzen klagt

01.10.2015

Abb. 1: Das Teddybär-Krankenhaus auf dem Heidelberger Universitätsplatz.
Abb. 1: Das Teddybär-Krankenhaus auf dem Heidelberger Universitätsplatz.

„Es gibt kein Alter, in dem alles so irrsinnig intensiv erlebt wird wie in der Kindheit. Wir Großen sollten uns daran erinnern, wie das war.“ [Astrid Lindgren]

Leuchtende Kinderaugen und ein breites Grinsen in dem kleinen Gesicht – und nein, dies nicht beim Anblick einer überdimensionalen Eistüte, sondern des geliebten Kuscheltieres, dem man gerade das Händchen beim Röntgen hält oder dessen große Bauchwunde eben zugenäht wird. Solche und ähnliche Szenen spielen sich jedes Jahr im Sommer im „Heidelberger Teddybär-Krankenhaus“ ab, wenn Kindergärten, Tagesstätten oder auch Eltern und Großeltern mit ihren Schützlingen bei den Heidelberger „Teddydocs“ vorbeischauen (Abb. 1).*

In Skandinavien, im Land der Helden von Astrid Lindgren, wurde in den 1990er Jahren die Idee des „Teddybär-Krankenhauses“ geboren und von dort aus weltweit bekannt. Schnell verbreitete sich das Konzept auch in ganz Deutschland, mittlerweile wird es von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) in Zusammenarbeit mit der europäischen Medizinstudentenvertretung EMSA wie auch der internationalen Medizinstudenten- Organisation IFMSA jährlich an 36 deutschen Universitäten umgesetzt. Der Grundgedanke des „Teddybär- Krankenhauses“ ist, Kinder für die Abläufe und Untersuchungen im Krankenhaus oder in einer Arztpraxis zu sensibilisieren, ihnen den Umgang mit medizinisch-technischen Geräten und Verfahren, wie z. B. Untersuchungsbesteck, CT, MRT, Röntgen, sowie mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten zu vermitteln und vereinfacht und anschaulich darzustellen. Dabei sollen positive Gefühle und Erinnerungen entstehen, die einen nächsten Arztbesuch erleichtern. Komplexe Themen wie Tod und schwere Krankheiten sollen vermieden werden – stets werden Fragen, Befunde und Rezepte positiv formuliert. Mit dem Krankenhaus und den Ärzten sollen keine negativen Erlebnisse oder Erinnerungen verknüpft werden.

Dementsprechend ähnelt der Universitätsplatz in der Heidelberger Altstadt an diesen Tagen äußerlich eher einem Zirkus als einer Institution: In großen weißen Zelten wird, über mehrere Tage verteilt, mit viel Herzblut eine kleine Krankenhauslandschaft für Kuscheltiere und ihre kleinen Besitzerinnen und Besitzer errichtet. Für die einzelnen Stationen sind Studentinnen und Studenten der Fachrichtungen Human- und Zahnmedizin sowie seit Kurzem auch der Pharmazie zuständig, welche die etwa 700 bis 900 Kinder an drei Tagen betreuen und auf ihrem Weg durch die Teddyklinik begleiten.

Lerneffekte für Kinder – und für Studierende

Auch Dozenten der Universität zeigen stets vollen Einsatz bei der Mitwirkung und Gestaltung dieser besonderen Veranstaltung, wie beispielsweise Dr. Sidney Cambridge, Dozent am Lehrstuhl für Anatomie und Zellbiologie, der seit Jahren die Teddydocs tatkräftig unterstützt: „Das alljährliche Teddybär- Krankenhaus ist ein ganz bemerkenswertes Projekt, welches völlig selbstständig von Heidelberger Studenten der Medizin, Zahnmedizin und Pharmazie organisiert und durchgeführt wird. Als Dozent kann ich solche studentischen Aktivitäten nur begrüßen – da werden auf spielerische Weise nicht nur die Kinder an einen Arztbesuch herangeführt, sondern auch die Studenten an den zukünftigen Umgang mit Patienten, egal ob jung oder alt. Ich war selber ganz überrascht, wie viele lernbare Aspekte im Teddybär- Krankenhaus stecken, vom „Üben“ des richtigen Händewaschens und Zähneputzens über Einblicke zur gesunden Ernährung bis zu den vielfältigen Therapiemethoden in der modernen Medizin gibt es viele pädagogisch sinnvolle Erfahrungen für die Kinder. Insofern kann ich nur hoffen, dass das Teddybär-Krankenhaus weiterhin von allen Beteiligten so gut angenommen wird!“

Der Ablauf für die Kinder beim Besuch der Teddyklinik gestaltet sich immer nach einem ähnlichen Muster: Wie im wahren Leben beginnt auch hier der Arztbesuch mit der Anmeldung und mündet zunächst in den Wartebereich, wo sich die Kinder die Zeit mit Malen und Basteln vertreiben können, bis sie von einem Teddydoc durchs Krankenhaus geführt werden. Diese stellen sich als Dr. Ted Sonnenschein, Dr. Ted Plüschi, Dr. Ted Langstrumpf, Dr. Ted Astronaut oder Dr. Ted Lilifee ihren jungen Patienten vor. Diese Namen sollen den Kindern positive Gefühle vermitteln und durch den Bezug zu bekannten TV- oder Comic-Helden eine gewisse Vertrautheit herstellen. Zusätzlich tragen alle Teddydocs neben ihren bunten Namensschildern, die die jeweilige Stellung des Teddydocs anzeigen (weiß für Teddydoc, blau für Obärarzt, rot für Stationsbärarzt), weiße Kittel oder entsprechend grüne OP-Bekleidung mit Handschuhen und Mundschutz. Zugleich werden die Kinder spielerisch mit den Themen Hygiene und Desinfektion, die besonders für den Aufenthalt im Krankenhaus und in der Arztpraxis relevant sind, vertraut gemacht. An einem Waschbecken aus Karton lernen sie beispielsweise die für Bakterien prävalenten Bereiche der Hand kennen sowie richtiges Händewaschen und Desinfizieren (Abb. 2). In den Behandlungsräumen finden kurze Anamnesegespräche mit den behandelnden Teddydocs sowie Untersuchungen und kleinere Maßnahmen statt, wie Impfen und die erste Wundversorgung mit Pflastern oder Verbänden. Die Kinder dürfen selbst auch mit einem Stethoskop Herz und Lunge der meist flauschigen Patienten abhören, Fieber und Blutdruck messen üben oder mit dem Reflexhammer vorsichtig auf die Knie ihres Lieblings klopfen.

  • Abb. 2: Effektives Händewaschen will geübt sein.

  • Abb. 2: Effektives Händewaschen will geübt sein.

Berührungsängste abbauen

Entwicklungspsychologisch betrachtet befinden sich die Besucherinnen und Besucher der Teddyklinik im sogenannten „präoperationalen Stadium“, in dem „für das Kind alles Bewegte (…) lebendig“ wird. „Das Kind empfindet ein Einssein mit der Welt; so wird Personen oder Gegenständen eine magische Allmacht zugeschrieben“ [1]. Handpuppen und Kuscheltiere können also die Brücke zur erfolgreichen Kommunikation zwischen Arzt und Kind schlagen. Zudem bieten diese Ersatzobjekte Beruhigung und Geborgenheit in fremden, ungewohnten Situationen. Alle Instrumente sind hierbei kindgerechtes Spielzeug aus Plastik ohne scharfe Kanten, damit sich niemand verletzen kann. Die Teddydocs achten stets darauf, dass der Nachwuchs seinen Spielgefährten auch selbst vorsichtig untersucht und behandelt. Orientiert an der „Tell-Show-Do-Methode“ nach Addelston (1959) werden Schritt für Schritt alle Utensilien vorgestellt und demonstriert, Behandlungsschritte sowie Krankheitsbilder sehr vereinfacht erklärt.

Je nach Ausmaß der ausgedachten Verletzung oder Krankheit entscheidet der Teddydoc mit dem Kind gemeinsam, ob das Kuscheltier in das benachbarte Radiologie- und OPZelt gehen muss, in dem Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren wie Röntgen und CT oder MRT durchgeführt werden. Mit selbst gemalten Bildern werden Knochenbrüche anschaulich. Hat der Teddy einen Gegenstand, z. B. eine Gummibärchentüte oder einen Schlüssel verschluckt, dann können die Kinder diesen auf den Aufnahmen entdecken. Individuell auf die erdachte Krankengeschichte abgestimmt, finden im OP-Bereich schließlich die entsprechenden Operationen statt, die neben dem Nähen und Stopfen von kleinen oder größeren Löchern auch das sterile Abdecken und Narkotisieren umfassen (Abb. 3). Des Weiteren werden hier im Bedarfsfall gebrochene Pfoten, Beine oder Rüssel mit bunten Gipsverbänden und lustigen Pflastern versorgt. Diese Aufgabe übernehmen oft ältere Studenten, die bereits den Umgang mit Haken und chirurgischen Nähten kennengelernt haben, oder Teddydocs, die speziell eingewiesen wurden. Ebenso werden Operationsbesteck und Narkose erklärt und die Kinder dürfen selbst Haken halten, Beatmungsbeutel bedienen oder dem Plüschfreund tapfer zureden und ihn besänftigend streicheln. Dass solche Operationen nicht selten mit großem Spaß verbunden sind, kann man sich leicht vorstellen, insbesondere wenn sich der verschluckte Gegenstand auf wundersame Weise als ein Gummibärchen entpuppt, welches erfolgreich entfernt werden kann

  • Abb. 3: Teddy wird verarztet.

  • Abb. 3: Teddy wird verarztet.

Nicht immer muss eine Krankheit oder Verletzung Nicht immer muss eine Krankheit oder Verletzung im Mittelpunkt stehen, manchmal kommen die Kuscheltiere auch nur zur Kontrolluntersuchung und man erarbeitet mit den Kindern den Sitz der Organe und den Aufbau der gesunden Knochen. In dem zugrunde liegenden Kommunikationsprozess macht man sich – theoretisch betrachtet – zunutze, „dass Sender und Empfänger nahezu identische Signale verwenden und dekodieren, um darüber verständliche Informationen auszutauschen“ [2]. Eine für das Kleinkind angepasste Sprache soll sich daher durch Vereinfachungen und Prosodien auszeichnen. Seiner Entwicklung entsprechend kann das Kleinkind durch seine Sprachbeherrschung indirekt und direkt vermittelt Empathien zu fremden Menschen entwickeln [3].

Nach erfolgreicher Behandlung gelangen die kleinen Patienten schließlich in die Apotheke, in der die Studentinnen und Studenten der Pharmazie gemeinsam mit den Kindern die von den Teddydocs ausgestellten Rezepte einlösen. Neben Gute-Laune-Gummibärchen oder Stark-und-fit-Säften sowie kleinen Büchern und Stiften, die sich die Mädchen und Jungen aussuchen dürfen, kann hier auch Tee selbst abgewogen werden. Mit einem gesunden Patienten, dessen munteren Besitzern mit prall gefüllter Apothekentüte und einer Tapferkeitsurkunde endet ein Besuch in der Heidelberger Teddyklinik.

Oder auch nicht – denn jedes Jahr steht den Studenten und Studentinnen der Teddyklinik außerdem ein erfahrener, passionierter Sanitäter zur Verfügung, der den interessierten Kleinen auf Wunsch einen Krankentransportwagen von innen und außen zeigt und erklärt.

Besuch auf der Zahnstation

Seit etwa einem Jahr ist zu beobachten, dass die kurz vor ihrer Entlassung stehenden Patienten häufig von akut auftretenden Zahnschmerzen überrascht werden, was den Besuch der – auf Initiative einiger engagierter Zahnmedizinstudentinnen neu gegründeten – Zahnstation unbedingt erforderlich macht. Anhand eines überdimensionalen Gebisses und einer entsprechenden Zahnbürste wird das richtige Zähneputzen erarbeitet (Abb. 4). Dabei wird nicht selten viel gelacht und zusammen das Zahnputzlied gesungen. Die Kinder dürfen auch selbst an einem originalgetreuen Gebiss üben oder das Putzen an ihrem Kuscheltier demonstrieren. Oft wissen diese schon ganz genau, wie sie mit der Zahnbürste umgehen sollen. Auch zahnärztliches Grundbesteck, Instrumente und Abdrucklöffel, die die Kinder häufig schon kennen, werden gezeigt und erklärt. Besondere Aufmerksamkeit zieht der surrende, rotierende Spielzeugbohrer auf sich, mit dem die Besucher ehrfürchtig, aber spielerisch Karies aus einem Plastikzahn herausbohren. Zudem können sie aus Knetmasse Zähne herstellen sowie an einem Spielkopf Exkavationen durchführen und das Stopfen von Löchern erlernen. Als Belohnung gibt’s dann eine Kinderzahnbürste in schillernden Farben.

  • Abb. 4: An der Zahnstation des Teddybär-Krankenhauses.

  • Abb. 4: An der Zahnstation des Teddybär-Krankenhauses.

Das Ziel der Zahnstation ist zum einen Kariesprophylaxe zu betreiben, korrekte Zahnpflege zu lehren und zu überprüfen; zum anderen durch die enge Kommunikation mit den jungen Patientinnen und Patienten das Arbeitsfeld des Zahnarztes verständlich näherzubringen. Durch die spielerische Herangehensweise soll – wie im medizinischen Bereich – ein angstfreier Umgang mit dem Arzt, den Behandlungsabläufen und Therapien sowie den Instrumenten hergestellt werden. Die „dental phobia“, „Zahnarztangst“, ist seit Langem kein unerkanntes Problem mehr, sondern wird als „spezifische Phobie“ im diagnostischen und statistischen Manual (DSMIV) der American Psychiatric Association aufgeführt. Nach Literaturanalysen von Hagenow (2007) leiden 10 bis 15 % der Gesamtbevölkerung in Deutschland an einer solchen Dentalphobie. Lindsey und Jackson (1993) vermuten ursächlich Traumata nach einer Behandlung beim Zahnarzt [4].

Den Studierenden bietet die Teddyklinik eine nützliche Praxiserfahrung. Denn der Umgang mit Kindern will geübt sein, insbesondere die Kommunikation mit den kleinsten Patienten benötigt viel Geduld und Einfühlsamkeit. Auf der Agenda für die nächsten Jahre steht der weitere Ausbau der Zahnstation sowie eine verstärkt realitätsgetreue Gestaltung durch innovative Ideen, wie beispielsweise den Bau eines kleinen Behandlungsplatzes für die Kuscheltiere.

Zahlreiche Unterstützer findet die Heidelberger Teddyklinik vor allem in den teilnehmenden Kindergärten, der Stadt Heidelberg unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters Dr. Eckart Würzner sowie – besonders für die Verpflegung der Teddydocs – in den städtischen Gastronomiebetrieben und Bäckereien. Auch zählen Apotheken und Gummibärenläden, das technische Hilfswerk, die Heidelberger Feuerwehr und das medizinische Versorgungszentrum Heidelberg, ebenso wie das Dentaldepot Henry Schein und die AG Zahngesundheit zu den Sponsoren, die das Projekt mit Gummibären, Fruchtsäften, medizinischem Versorgungsmaterial, Zahnbürsten und Zahnpasta unterstützen. Ihnen allen an dieser Stelle nochmals herzlichen Dank!

Eine Übersicht aller Sponsoren finden Sie auf: https://teddyklinikhd.wordpress.com/sponsoren

Mehr Informationen zur Teddybärenklinik Heidelberg: https://teddyklinikhd.wordpress.com

Alle Standorte sowie Web- und Kontaktadressen in Deutschland finden Sie auf: bvmd.de/projekte/tbk/standorte/

 

*Zusätzlich findet das Teddybär-Krankenhaus jeden Dezember in einem kleineren Format in der städtischen Kinderklinik statt.

 

 

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Kim Hennrich

Bilder soweit nicht anders deklariert: Kim Hennrich



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