Prophylaxe


Reinigen, schützen, remineralisieren: Ein Fitnessprogramm für die Zähne

Abb. 1: Ausgangssituation mit Verfärbungen im Unterkiefer- Frontzahn-Bereich und freiliegenden Zahnhälsen, hier besonders gut sichtbar an den Zähnen 13, 23 und 24.
Abb. 1: Ausgangssituation mit Verfärbungen im Unterkiefer- Frontzahn-Bereich und freiliegenden Zahnhälsen, hier besonders gut sichtbar an den Zähnen 13, 23 und 24.

Modernes Biofilmmanagement – das ist weit mehr als die einfache Entfernung von Plaque. Schließlich ist das Ziel dieser Maßnahme die Gesunderhaltung und ein langfristiger Schutz vor der Entstehung von Karies und Parodontalerkrankungen, für die u. a. in der Mundhöhle vorhandene Bakterien verantwortlich sind. Diese lassen sich weder durch die häusliche Mundpflege noch durch eine professionelle Zahnreinigung vollständig aus dem Mund verbannen. Ziel muss demnach sein, trotz Biofilm die Mundgesundheit zu fördern. Dentalhygienikerin Gülistan Tapti stellt im Folgenden ein umfassendes Konzept zur Prävention anhand eines Patientenfalles vor.

Den Bakterien dient der Biofilm als Nährstoffspeicher, der für ihren Stoffwechsel wichtige Substanzen enthält. So wird beispielsweise Calcium aus dem Biofilm bezogen, das bestimmte Bakterien für die Verstoffwechselung von Zucker benötigen. Reicht das dort vorhandene Calciumangebot nicht aus, so wird das Mineral unter Säurebildung aus dem Schmelz gelöst. Die Bakterien geben nach Abschluss der Stoffwechselaktivität das Calcium wieder ab, je nach Grad der Demineralisierung ist jedoch eine komplette Wiederherstellung des Ursprungszustandes am Zahn nicht mehr möglich. Die Widerstandskraft bleibt geschwächt und der Zahn anfälliger für die Angriffe kariesbildender Bakterien.

Das Präventionskonzept

Gegen die Substanzschwächung und Kariesbildung hilft die Versorgung der Zahnhartsubstanz mit Calcium, Phosphat und Fluorid. Fluorid hat sich bereits zur Härtung des Zahnschmelzes bewährt. Ist Calcium frei im Mund verfügbar, muss es nicht aus dem Zahn gelöst werden. Die Folge: weniger Säurebildung und keine Schädigung des Zahnschmelzes. Zusätzlich kurbelt Calcium gemeinsam mit Phosphat die Remineralisierung an.

Für dieses Konzept bietet 3M (Seefeld) eine Vielzahl an Prophylaxeprodukten an, mit denen sich die Zähne reinigen, vor Säureattacken schützen und nachhaltig remineralisieren lassen. Ihre Anwendung und die damit verbundenen Vorteile werden im Folgenden erläutert.

Hintergrund

Der 49-jährige Patient (Abb. 1) hatte bereits vor einigen Jahren eine Parodontaltherapie abgeschlossen. Seitdem erscheint er alle vier Monate zur professionellen Zahnreinigung (UPT) in der Fachzahnarztpraxis Ates in Köln. Aufgrund des Zahnfleischrückgangs im Seitenzahnbereich leidet er unter Überempfindlichkeiten, deren Behandlung im Rahmen des anstehenden Recall-Termins geplant war.

Reinigung

Zur Entfernung von sub- und supragingivaler Plaque sowie von Verfärbungen kam die Ultraschalleinheit mit dem Pulverstrahlgerät combi touch (mectron Deutschland, Köln) zum Einsatz (Abb. 2). Zur Vorbereitung wurde die Perio-Pulverkammer mit 3M ESPE Clinpro Glycine Prophy Powder gefüllt (Abb. 3), die Prophy-Kammer mit Natriumbicarbonat-Pulver von mectron. Zur Einstellung des Pulverstrahls und Überprüfung einer gleichmäßigen Ausgabe wurden beide Strahlgeräte über der Absaugung für einige Sekunden aktiviert.

  • Abb. 2: combi touch, Ultraschalleinheit und Pulverstrahlgerät in einem.
  • Abb. 3: Befüllen der Pulverkammer mit Clinpro Glycine Prophy Powder.
  • Abb. 2: combi touch, Ultraschalleinheit und Pulverstrahlgerät in einem.
  • Abb. 3: Befüllen der Pulverkammer mit Clinpro Glycine Prophy Powder.

  • Abb. 4: Schutz des Patienten mit einem Tuch. Alternativ ist das Tragen einer Schutzbrille möglich.
  • Abb. 4: Schutz des Patienten mit einem Tuch. Alternativ ist das Tragen einer Schutzbrille möglich.

Zu Beginn der PZR spülte der Patient den Mundraum mit einer 0,2%igen Chlorhexidinlösung. Anschließend erfolgten die Befundaufnahme (PA-Status, BOP- und Plaqueindex) und die Remotivation des Patienten. Zu seinem Schutz wurden das Gesicht und seine Augen mit einem Tuch abgedeckt (Abb. 4). Die behandelnde Dentalhygienikerin bzw. Prophylaxefachkraft sollte eine Schutzbrille tragen. Nun wurden die mineralisierten Beläge mittels Ultraschallgerät entfernt und die starken Verfärbungen im Schmelzbereich mit Natriumbicarbonat beseitigt. Da Natriumbicarbonat eine höhere Partikelgröße aufweist als glycinbasiertes Prophylaxepulver, wirkt es abrasiver auf der natürlichen Zahnhartsubstanz. Es sollte deshalb nur indikationsbezogen (bei schwer entfernbaren Verfärbungen auf Schmelz) angewendet werden. In jedem Fall ausgeschlossen ist der Einsatz auf Wurzelzement und Dentin. Um Natriumbicarbonat ausschließlich supragingival einzusetzen, wurde die Düse vom Weichgewebe weg in einem Arbeitswinkel von rund 45 Grad über die Zähne geführt (Abb. 5).

Anschließend wurde flächendeckend das weniger abrasive glycinbasierte Clinpro Glycine Prophy Powder angewendet. Hierbei ist eine Two-in-one-Reinigung möglich, d. h., sowohl supra- als auch subgingival lässt sich substanzschonend Plaque entfernen. Der Arbeitswinkel betrug gemäß den Herstellerangaben 30 bis 60 Grad – geneigt wurde die Düse zum Sulkus hin, um das Pulver in die Taschen zu leiten (Abb. 6). Die Anwendung ist auf allen natürlichen und künstlichen Zahnoberflächen im „Patchwork-Gebiss“ möglich.

Die nachfolgende Behandlung mit Polierpaste (hier: 3M ESPE Clinpro Prophy Paste) ist bei ausschließlicher Anwendung von Clinpro Prophy Powder optional möglich (Abb. 7). Die Glattflächenpolitur erfolgte im vorliegenden Fall selektiv in dem Bereich, in dem Natriumbicarbonat zum Einsatz kam. Das Ergebnis der Zahnreinigung zeigt Abbildung 8.

  • Abb. 5: Anwendung von Natriumbicarbonat zur Entfernung der starken Verfärbungen.
  • Abb. 6: Subgingivale Reinigung mit Glycin-Pulver.
  • Abb. 5: Anwendung von Natriumbicarbonat zur Entfernung der starken Verfärbungen.
  • Abb. 6: Subgingivale Reinigung mit Glycin-Pulver.

  • Abb. 7: Politur mit Clinpro Prophy Paste.
  • Abb. 8: Ergebnis der Reinigung.
  • Abb. 7: Politur mit Clinpro Prophy Paste.
  • Abb. 8: Ergebnis der Reinigung.

Schutz

Um die Hypersensitivitäten zu lindern und die freiliegenden Zahnhälse vor erosiven Schädigungen sowie der Entstehung von Wurzelkaries zu schützen, wurde 3M ESPE Clinpro XT Varnish ortsspezifisch angewendet. Dafür wurde das Zwei- Komponenten-Material auf einen Anmischblock gegeben, mit einem Spatel zu einer homogenen, glänzenden Masse vermischt (Abb. 9 u. 10) und schließlich Quadrant für Quadrant in einer hauchdünnen Schicht auf alle freiliegenden Dentin- und Wurzeloberflächen appliziert (Abb. 11). Wichtig ist, dass die Oberflächen vor der Applikation frei von Plaque und Verunreinigungen sind; Ansammlungen von Speichel und Wasser sind zu entfernen. Es folgte das Lichthärten der Schutzschicht (Abb. 12). Abschließend ist zu prüfen, ob Kanten, Überstände und Materialüberschüsse vorhanden sind, die entfernt werden müssen (Abb. 13).

So angewendet, schützt das Glasionomer-Versiegelungsmaterial die Zahnsubstanz zuverlässig vor Säuren, Bakterien und Abrasion. Zudem wird die Widerstandskraft des Zahnes gestärkt, da die Schutzschicht über einen Zeitraum von bis zu sechs Monaten kontinuierlich Fluorid, Calcium und Phosphat freisetzt. Dieser langfristige Effekt wird u. a. durch die Wiederaufladbarkeit mit fluoridhaltiger Zahncreme sichergestellt. Clinpro XT Varnish eignet sich auch zum Schutz von kariesanfälligen Bereichen (z. B. erodiertem Zahnschmelz) und wird in diesem Zusammenhang nach Anätzen der Oberfläche eingesetzt.

  • Abb. 9: Anmischen des Glasionomer-Materials.
  • Abb. 10: Glänzende Masse mit homogener Konsistenz. Ein zügiges Auftragen wird empfohlen.
  • Abb. 9: Anmischen des Glasionomer-Materials.
  • Abb. 10: Glänzende Masse mit homogener Konsistenz. Ein zügiges Auftragen wird empfohlen.

  • Abb. 11: Applikation auf die gereinigten, feuchten Zahnhälse.
  • Abb. 12: Polymerisation für 20 Sekunden je Oberfläche.
  • Abb. 11: Applikation auf die gereinigten, feuchten Zahnhälse.
  • Abb. 12: Polymerisation für 20 Sekunden je Oberfläche.

  • Abb. 13: Kontrolle der nahezu unsichtbaren Schutzschicht.
  • Abb. 13: Kontrolle der nahezu unsichtbaren Schutzschicht.

Remineralisierung

Neben der lokalen Stärkung der geschwächten bzw. besonders anfälligen Zahnhartsubstanz galt es, die Widerstandsfähigkeit der Schmelzareale zu erhöhen. Zu diesem Zweck wurde 3M ESPE Clinpro White Varnish verwendet. Dabei handelt es sich um einen Fluoridlack, der bis zu zwölf Stunden auf den Zahnoberflächen haftet, in Zwischenräume fließt und die Zähne mit Calcium, Phosphat (in Form von funktionalisiertem Tricalciumphosphat) und Fluorid versorgt. Das Material wurde in der Einzelverpackung durchgeknetet (Abb. 14), auf ein Mischtablett aufgebracht, gemischt und schließlich in horizontalen Bewegungen in einer dünnen Schicht appliziert (Abb. 15). Bei Patienten mit Milchzähnen bzw. Mischgebiss sollte nicht die gesamte Menge des Materials appliziert werden – hier empfiehlt sich die Verwendung des mitgelieferten Dosierstickers. Zur Abbindung des Materials wurde der Patient gebeten, den Mund zu schließen.

Für eine tägliche Zufuhr von Fluorid, Calcium und Phosphat sorgt der Patient ab sofort selbst: Er verwendet zweimal täglich 3M ESPE Clinpro Tooth Creme mit fTCP und 950 ppm Fluorid.

  • Abb. 14: Vorbereitung des Varnish zur optimalen Durchmischung.
  • Abb. 15: Horizontales Auftragen auf mehrere Zähne.
  • Abb. 14: Vorbereitung des Varnish zur optimalen Durchmischung.
  • Abb. 15: Horizontales Auftragen auf mehrere Zähne.

Fazit

Durch die beschriebene Behandlung ist es möglich, nicht nur die Anzahl der Bakterien im Mund zu verringern, sondern beste Voraussetzungen für die Erhaltung eines Gleichgewichts in der Stoffwechselaktivität der im Biofilm enthaltenen Bakterien zu schaffen. Solange genügend Calcium zur Verfügung steht, wird einer Demineralisierung des Zahnes entgegengewirkt und zugleich die Remineralisierung angeregt. Gleichzeitig lassen sich mit den geeigneten Produkten schutzbedürftige Oberflächen vor Säureattacken abschirmen und zusätzlich stärken. Der Effekt ist vergleichbar mit dem eines Fitnessprogramms für den Körper.

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Gülistan Tapti

Bilder soweit nicht anders deklariert: Gülistan Tapti


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