Prophylaxe


Prophylaxe im Alten- und Pflegeheim: Es gibt noch viel zu tun

08.01.2021

Dr. Klaus-Dieter Bastendorf, Pionier der Prophylaxe in Deutschland und Chefredakteur der Plaque n Care, hat 9 Jahre lang die Bewohner von mehreren Alten- und Pflegeheimen der Wilhelmshilfe e. V. in Göppingen zahnmedizinisch betreut. Seine Erfahrungen schilderte Dr. Bastendorf in einem Vortrag bei der DG PARO-Jahrestagung* im September 2020. Während die restaurative Versorgung der Älteren und Pflegebedürftigen unter organisatorischem Aufwand und dem Einsatz von geeigneten Hilfsmitteln zu meistern war, scheiterte er – nach eigener Einschätzung – bei der Umsetzung der Prophylaxe im Pflegeheim. Wir haben nachgefragt, welche Gründe dazu führten.

Plaque n Care: Wie muss die Vorbereitung eines zahnärztlichen Besuchs aussehen, damit eine Untersuchung bzw. Behandlung im Alten- und Pflegeheim funktioniert?

  • Dr. Klaus-Dieter Bastendorf, Chefredakteur der Plaque n Care.

  • Dr. Klaus-Dieter Bastendorf, Chefredakteur der Plaque n Care.
    © Bastendorf
Dr. Klaus-Dieter Bastendorf: Eine gute Organisation ist die Grundvoraussetzung für ein gezieltes Arbeiten vor Ort. In der Regel ruft ein Mitarbeiter des Alten- und Pflegeheims an unserer Praxisrezeption an und bittet um einen Besuch. Zuerst wird dann der Name des Patienten, das Alten- und Pflegeheim sowie der Grund des Besuches erfragt.

Handelt es sich um einen neuen Patienten, muss uns eine Einverständniserklärung zur Behandlung vorgelegt werden, außerdem muss die jeweilige Einrichtung für uns einen sogenannten Überleitungsbogen vorbereiten, dieser enthält alle relevanten persönlichen und medizinischen Daten des Patienten. Handelt es sich um einen bei uns bereits registrierten Patienten, bereiten wir eine Behandlungskarte vor. Auch das Formblatt, auf dem wir die von uns durchgeführte Behandlung dokumentieren, wird von unserer Praxis-Verwaltungsmitarbeiterin erstellt.

Für die aufsuchende Betreuung sind Sie mit einem „mobilen Zahnarztkoffer“ unterwegs: Welche Instrumente, Geräte und Hilfsmittel beinhaltet dieser?

  • Mobil und immer im Koffer dabei: Polierhandstück und ein Ultraschallgerät zur Zahnsteinentfernung.

  • Mobil und immer im Koffer dabei: Polierhandstück und ein Ultraschallgerät zur Zahnsteinentfernung.
    © Bastendorf
Wir haben einen 3-teiligen Koffer, der alles beinhaltet, was wir für unsere Behandlungen benötigen. Den Inhalt im Detail zu beschreiben, würde das Interview sprengen. Grundsätzlich ist der Inhalt des Koffers über die Jahre hinweg aufgrund der gesammelten Erfahrungen immer wieder geändert, ergänzt und erweitert worden. Für die Prophylaxe haben wir einen Mini-Master, also ein mobiles Zahnsteinentfernungs-Ultraschallgerät von EMS, und das akkubetriebene RHD Freedom Polierhandstück von Midwest eingepackt.

Welche Behandlungen sind gut durchführbar? Wo gibt es Grenzen?

In der aufsuchenden restaurativen Betreuung bieten wir folgendes Behandlungsspektrum: Untersuchungen, Druckstellenentfernungen, Mundschleimhauterkrankungen, provisorische Füllungen, Kariesarretierung, Prothesenreparaturen, Prothesenneuanfertigungen sowie einfache Extraktionen.

Die Grenzen der zahnärztlichen Behandlung im Alten- und Pflegeheim sind vielfältig: Sie können beim Patienten liegen (Gesundheitszustand, Kooperation usw.), aber auch beim Behandler und dessen begrenzter Ausstattung. Aus diesen Gründen haben wir ein 3-gliedriges Konzept entwickelt. 1.: Die Behandlung im Alten- und Pflegeheim steht immer an 1. Stelle. 2.: Wenn aus technischen Gründen in der Einrichtung keine Behandlung möglich ist, führen wir diese in unserer Praxis durch. 3.: Wenn aus technischen – oder meist gesundheitlichen – Gründen eine Behandlung nicht möglich ist, erfolgt diese bei einem kooperierenden Kieferchirurgen (mit Klinikbett).

In Ihrem Vortrag erwähnten Sie auch die Dankbarkeit der Bewohner für die Behandlung. Waren es vor allem restaurative Behandlungen, die von den älteren Menschen als Wohltat erlebt wurden, etwa, weil eine insuffiziente Situation verbessert werden konnte, oder waren die Bewohner eher für die PZR dankbar?

  • Dr. Klaus-Dieter Bastendorf im Einsatz in einem Alten- und Pflegeheim.

  • Dr. Klaus-Dieter Bastendorf im Einsatz in einem Alten- und Pflegeheim.
    © Bastendorf
Die Patienten sind vor allem dankbar, dass sie aufgesucht werden und ihr vertrautes Umfeld nicht verlassen müssen – denn ein Verlassen der gewohnten Umgebung ist in der Regel mit erheblichen Schwierigkeiten, etwa dem Transport, verbunden. Ein großer Teil der Dankbarkeit der Patienten resultiert auch daher, dass sie Besuch haben, dieser Besuch sie vor Ort behandelt und außerdem oft noch Zeit hat, sich mit ihnen zu unterhalten. Viele Patienten klagen über Einsamkeit und freuen sich darüber, wie schön es ist, wieder einmal mit jemandem reden zu können.

Sie sagen, dass es Ihnen nicht gelungen sei, die Prophylaxe so zu integrieren, dass es erkennbare Verbesserungen der Mundhygiene gab. Wie sah Ihr ursprüngliches Prophylaxe-Konzept der aufsuchenden Betreuung aus?

Unser Prophylaxe-Konzept beinhaltet folgende Elemente: 2 Mal im Jahr führen wir für die Mitarbeiter der Alten- und Pflegeheime eine theoretische Fortbildung über Prophylaxe allgemein und im Speziellen für Patienten mit Pflegebedarf durch, außerdem schulen wir praktisch individuell das Pflegepersonal (gegenseitiges individuelles Mundhygiene-Training). Darüber hinaus erstellen und besprechen wir einen persönlichen Mundpflegeplan mit einem Ampelsystem für jeden Patienten.

Woran ist dieses Konzept nun gescheitert?

Warum die Prophylaxe in den von mir betreuten Alten- und Pflegeheimen nicht funktioniert hat, hat viele Gründe: Zum einen lag der Hauptfehler sicher bei mir, da ich einfach ein erfolgreiches Praxis-Prophylaxe-Konzept in die Anwendung in Alten- und Pflegeheimen übertragen wollte. Die Praxis-Prophylaxe hängt ebenso wie die Verbesserung der häuslichen Mundhygiene und die Verkürzung des Recall-Intervalls von der Mitarbeit der Patienten ab.

Mein Fazit daraus: Für eine erfolgreiche Prophylaxe müssen wir alle – die Zahnärzte, Kammern, Universitäten, Versicherungen, die Industrie u.v.m. – Systeme und Produkte entwickeln, die Mundhygiene-Maßnahmen unabhängiger von der Mitarbeit der Patienten machen – ein Beispiel dafür wäre etwa die „automatische“ Zahnbürste Amabrush.

In Ihrem Vortrag waren erschreckende Bilder zu sehen: „überwucherte“ Prothesen, ungepflegte Implantate, Menschen mit desolatem Gebisszustand. Weshalb haben die Pflegekräfte die häusliche Prophylaxe bei den Bewohnern so wenig unterstützt bzw. oft so spät für eine Behandlung gesorgt?

Pflegekräfte, und vor allem ausgebildete, fehlen überall. Aktuell haben wir deutschlandweit einen Mangel an rund 20.000 Pflegekräften zu verzeichnen (siehe auch die verzweifelten Versuche unseres Gesundheitsministers, Pflegekräfte per Gesetz zu rekrutieren). Viele arbeiten oft an der Grenze ihrer Belastbarkeit, und dann soll jetzt auch noch die Zahnhygiene dazukommen … Die Pflege der Mundhöhle gehört übrigens erst seit Kurzem zur Ausbildung des Personals in Alten- und Pflegeheimen.

Könnte das Projekt „MundZaRR – Mundgesundheitsverbesserung durch zahnärztlich delegierte, pflegebegleitende Remotivation und Reinstruktion“ (siehe Kasten) durchschlagende Verbesserungen in der zahnärztlichen Versorgung von Älteren und Pflegebedürftigen bringen?

Es existieren verschiedene Ansätze, die zahnärztliche Versorgung in Alten- und Pflegeheimen zu verbessern. Den Ansatz von Mund- ZaRR halte ich für einen der besten, einen ähnlichen Grundgedanken verfolgt ein weiteres interessantes Projekt an der Uniklinik Köln unter Prof. Michael Noack.

Ein Weg in die richtige Richtung ist meines Erachtens auch die bereits erwähnte Amabrush. Hier soll es ein optimiertes Nachfolgeprodukt geben. Und manchmal ist auch ein Blick über die Grenzen gut: In der Schweiz zum Beispiel laufen erste Projekte, bei denen Dentalhygienikerinnen ganztägig in Alten- und Pflegeheimen angestellt sind.

Sie haben die Aufgabe der aufsuchenden Betreuung vor Kurzem in jüngere Hände abgegeben. Was haben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg gegeben?

Meinen kompletten Koffer und meine sonstigen Hilfsmittel. Natürlich habe ich ihn ausführlich eingearbeitet und ihm viel Glück und Dankbarkeit in dieser neuen Tätigkeit gewünscht. Und was ich allen im Versorgungssystem Tätigen und Verantwortlichen als Fazit mitgeben möchte: Für die zahnmedizinischen Risikogruppen der Menschen mit Behinderung und betreuten Älteren sind noch erhebliche Anstrengungen erforderlich, um deren Mundgesundheit und die restaurative Behandlung zu verbessern.

 

Neue Ansätze zur Mundgesundheitsverbesserung

Alte Menschen, Menschen mit Pflegebedarf bzw. mit Beeinträchtigungen sind zahnmedizinisch häufig schlechter versorgt als der Bevölkerungsdurchschnitt in Deutschland. Zudem ist die zahnmedizinische Versorgung bei diesen Gruppen besonders anspruchsvoll. Prävention sollte eine wichtige Rolle spielen, um invasivere – bei diesen Gruppen besonders schwierig durchführbare – Maßnahmen zu vermeiden. Bislang sollte das Konzept von BZÄK und KZBV zur vertragszahnärztlichen Versorgung von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderung (AuB) eine gute Versorgung unterstützen. Es beinhaltet eine formblattbasierte Unterweisung der Pflegekräfte, die in die Maßnahmen der Mundhygiene eingebunden sind, sowie eine halbjährliche zahnärztliche Untersuchung. Bei Bedarf sollte der Patient zur Weiterbehandlung an die Zahnarztpraxis überwiesen werden.

Da dieses Konzept bislang nicht den gewünschten Erfolg brachte, wurde nun das Projekt „MundZaRR – Mundgesundheitsverbesserung durch zahnärztlich delegierte, pflegebegleitende Remotivation und Reinstruktion“ initiiert. Unter Konsortialführung der Christian- Albrechts-Universität zu Kiel (Prof. Dr. Katrin Hertrampf) und Charité-Projektleitung von PD Dr. Falk Schwendicke (Charité Centrum Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde) sollen neue Lösungen gefunden werden. Insbesondere soll das AuB-Konzept an die Anforderungen in stationären Pflegeeinrichtungen angepasst werden. Langfristig sollen dadurch die Mundgesundheit und damit auch die Lebensqualität der Bewohner in der stationären Seniorenpflege verbessert und zahnassoziierte Notfälle und Begleiterkrankungen reduziert werden.

Auf Basis einer Machbarkeitsstudie werden einzelne Maßnahmen entwickelt und deren Wirksamkeit wird durch eine klinische Studie in 18 Einrichtungen in Rheinland-Pfalz mit über 600 Bewohnern des Pflegegrades III bis V überprüft werden. Der Innovationsfond fördert das Projekt über 3 Jahre mit insgesamt ca. 1,35 Millionen Euro.

Projektpartner:

Charité-Universitätsmedizin Berlin, Universitätsklinikum Jena, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, praxisHochschule Köln

 

Quelle:
www.innovationsfonds.g-ba.de