Prophylaxe


Pilotstudie: Verbessert das Anfärben der Plaque die Ergebnisse einer PZR?

Fast jeder Deutsche kennt die „Stiftung Warentest“ – was sie sagt, wird schon richtig sein, denken viele. Was die Stiftung Warentest im vergangenen Jahr zur Professionellen Zahnreinigung befand, wollte PnC-Chefredakteur Dr. Klaus-Dieter Bastendorf aber nicht unbesehen akzeptieren und führte daher in seiner Familienpraxis eine Pilotstudie zur Professionellen Zahnreinigung (PZR) durch.

Pilotstudie in eigener Praxis – Zusammenfassung

Ziel der Studie:

Ziel der Untersuchung war es, die Qualität der Biofilmentfernung mit vorherigem Anfärben des Biofilms (Kontrollgruppe) und ohne vorheriges Anfärben (Testgruppe) zu vergleichen. Dabei sollte die Frage geklärt werden, ob im Rahmen der Qualitätskontrolle der durchgeführten Oberflächenreinigung bei der Kontrollgruppe ein erneutes Anfärben und Entfernen der Restbeläge notwendig ist.

Material und Methode:

Sowohl für die Kontroll- wie auch die Testgruppe wurden je 10 Patienten zufällig ausgesucht und nach demselben Protokoll (Guided Biofilm Therapy, s. u.) behandelt. Der Kontroll- und der Testgruppe wurden je 6 Frauen und 4 Männer zugeordnet. Der jüngste Patient in der Kontrollgruppe war 19 Jahre alt, in der Testgruppe 10 Jahre. In beiden Gruppen war der älteste Patient 70 Jahre alt. Das Durchschnittsalter lag bei 46,7 Jahren in der Kontrollgruppe und 46,5 Jahren in der Testgruppe. Bei der Kontrollgruppe wurde der Plaque Control Record (PCR; s. u.) mit 6 Messstellen vor und nach der professionellen Zahnreinigung erhoben, bei der Testgruppe nur nach der professionellen Zahnreinigung. Von allen Patienten wurden Fotos mit den angefärbten Belägen angefertigt.

Ergebnis:

Die PCR-Werte lagen in der Kontrollgruppe
• vor der Reinigung zwischen 92 % (höchster Wert) und 34 % (niedrigster gemessener Wert); der errechnete Durchschnittswert betrug 65 %.
• Nach der Reinigung wurden Werte zwischen maximal 8 % und 2 % gemessen; errechneter Durchschnittswert: 6 %. Die PCR-Werte lagen in der Testgruppe nach der Reinigung zwischen 33 % (höchster Wert) und 10 % (niedrigster Wert); Durchschnitt: 20 %.

Schlussfolgerung:

In der Kontrollgruppe, also mit vorherigem Anfärben, konnte der Biofilm wesentlich gründlicher entfernt werden als in der Testgruppe. Letztere wies dreimal mehr Restbeläge (20 %) auf als die Kontrollgruppe (6 % Restbeläge).

 

 

Die Stiftung Warentest rät: Plaque anfärben zur Qualitätskontrolle

 

Das Team der Testzeitschrift „test“ (Stiftung Warentest) stellte im vergangenen Jahr die Effektivität der Professionellen Zahnreinigung in Zahnarztpraxen auf den Prüfstand [1]. Zu diesem Zweck schickte es zehn Probanden zu einer PZR in Zahnarztpraxen in Berlin und in Nordrhein-Westfalen. Danach beurteilten „Experten“ (nicht näher bestimmt) die Effektivität der PZR. Der zu diesem Zweck durchgeführte Färbetest ergab, dass keine der zehn Praxen ein optimales Ergebnis nach den Untersuchungsmaßstäben erreicht hatte. Im Durchschnitt sei etwa die Hälfte der Beläge nicht entfernt worden; gerade die Zahnzwischenräume seien nur mangelhaft gereinigt worden. Zudem wurde in den Testpraxen keine „Analyse“ durchgeführt und in einigen Fällen wurden keine „Pflegetipps“ (also keine Motivation und Instruktion zur häuslichen Mundhygiene) gegeben. Das Fazit der Tester lautete [1]: „Entfernen Profis Zahnbeläge perfekt? Nein. In den meisten Praxen werden sie mittelmäßig bis schlecht beseitigt. Kunden sollten selbst auf wichtige Schritte achten und das Ergebnis kontrollieren.“ Die Prüfer empfehlen den Patienten, mittels Anfärben verbliebene Plaque nach der PZR sichtbar zu machen und eventuell Nachbesserungen zu fordern. Auch dem Zahnarzt rieten sie zum Anfärben des Biofilms bei der PZR, um eine Qualitätskontrolle zu haben.


Diese Untersuchung von Stiftung Warentest sollte nicht überbewertet werden, da sie schon aufgrund der sehr kleinen Probandenzahl nicht repräsentativ sein kann, gibt aber Anstoß zum kritischen Nachdenken. Offenbar werden PZR-Sitzungen mancherorts nicht mit der gebotenen Sorgfalt durchgeführt bzw. eventuell führen nicht alle Vorgehensweisen zum Erfolg.

 

Überprüfung der „test“-Empfehlung sowie der etablierten Vorgehensweise

 

Die Ergebnisse veranlassten uns, die Effektivität unseres eigenen Vorgehens bei der PZR zu hinterfragen und durch eine Pilotstudie in eigener Praxis zu überprüfen. Ob es sinnvoll ist, gereinigte Zähne zur Kontrolle anzufärben, wie von Stiftung Warentest empfohlen, floss in unsere zentrale Fragestellung ein:

1. Gelingt die Biofilmentfernung bei vorherigem Anfärben der Zähne besser als ohne Anfärben?
2. Ist ein erneutes Anfärben sinnvoll, um nach der PZR verbliebene Belage zu entfernen?

Das Vorgehen bei der PZR folgte der Guided Biofilm Therapy (GBT). Dies ist eine Fortschreibung des Inhalts der Recall-Stunde nach Axelsson/Lindhe (Abb. 1) [2-4]. Die GBT basiert auf den wissenschaftlichen und technischen Fortschritten der vergangenen 45 Jahre (Abb. 2) [5-12]. Im Detail sieht die Vorgehensweise in der Praxis des Autors wie folgt aus:

• Erklärung der Vorgehensweise gegenüber dem Patienten

• Spülung mit Chlorhexidin 0,2 %

• Parodontitis-Diagnostik (BOP, PBI, PPD, CAL, PSI)

• Anfärben des Biofilms (Abb. 3a u. b) und Erhebung der Mundhygieneindizes (modifizierter Plaque Control Record) und Dokumentation aller aktuellen Befunde, Reevaluation der Diagnostik und Dokumentation

• Remotivation und Reinstruktion des Patienten für die häusliche Mundhygiene

• Behandlungsvorbereitung von Patient und Behandler (Schutzmaßnahmen)

• Supra- und subgingivale Entfernung von Verfärbungen und Biofilm mit Air-Flow und Air-Flow-Plus (EMS), eventuell (bei Taschen über 4 mm) „Nozzle“-Aufsatz einsetzen (Abb. 4)

• Entfernung von harten supragingivalen und subgingivalen Ablagerungen (Piezon NO PAIN, EMS, und PS-Spitze)

• Kontrolle des Reinigungsperfektionsgrades mit feiner Tastsonde (Hu-Friedy EXD 11/12), eventuell Kontrollanfärben und „Repolishing“

• Kontrolle der Behandlung, Bewertung der diagnostischen parodontalen Daten und Mundhygieneindizes, Durchführung der Diagnostik der Zahnhartsubstanzen durch den Zahnarzt

• Chemische Plaquekontrolle (Fluoride, CHX)

• Festlegung des neuen Recall-Termins

 

  • Abb. 1: Klassische Prophylaxestunde nach Axelsson/Lindhe.
  • Abb. 2: Guided Biofilm Therapy (GBT).
  • Abb. 1: Klassische Prophylaxestunde nach Axelsson/Lindhe.
  • Abb. 2: Guided Biofilm Therapy (GBT).

  • Abb. 3a: Vor Entfernung des Biofilms.
  • Abb. 3b: Und nach Entfernung des Biofilms.
  • Abb. 3a: Vor Entfernung des Biofilms.
  • Abb. 3b: Und nach Entfernung des Biofilms.

  • Abb. 4: Air-Flow Plus von EMS Electro Medical Systems, München.
  • Abb. 4: Air-Flow Plus von EMS Electro Medical Systems, München.

 

Dieser Rahmen wird für unsere Patienten individuell angepasst. Wir unterscheiden die Gruppen: gesunde Kinder, gesunde Erwachsene, Patienten mit Karies, Patienten mit Gingivitis, Patienten mit Parodontitis, Patienten mit Perimukositis und Patienten mit Periimplantitis.

 

Material und Methode

 

Sowohl für die Test- wie auch für die Kontrollgruppe wurden jeweils zehn Patienten zufällig ausgewählt. Alle Patienten werden bereits seit längerer Zeit regelmäßig im Recall betreut. In der Kontrollgruppe wurde streng nach unserem GBT-Konzept mit Anfärben vor der Belagsentfernung vorgegangen. In der Testgruppe wurde vom GBT-Protokoll abgewichen. Es wurde nur nach der PZR angefärbt. Für die Auswertung wurde der Plaque Control Record (PCR) von O‘Leary et al. [13] herangezogen. Der PCR ist ein dichotomer Index, bei dem nach dem Anfärben an vier oder sechs Stellen das Vorhandensein von Plaque überprüft wird. Wir haben bei unserer Arbeit sechs Messstellen bewertet (distal, zentral, mesial, jeweils bukkal und oral). Die Plaquemenge (Ausdehnung/Dicke) wird bei diesem dichotomen Index (ja/ nein) naturgemäß nicht berücksichtigt. Von allen Patienten wurden Fotos nach dem Anfärben der Beläge gemacht (Kamera EOS 60 D/Ringblitz). Alle Patienten wurden von derselben Mitarbeiterin behandelt; sie trug immer eine individuelle Lupenbrille mit Licht. Die Mitarbeiterin gab subjektiv an, dass sie in der Gruppe ohne vorheriges Anfärben (Testgruppe) aufgrund des routinemäßigen Anfärbens in der Kontrollgruppe) „verfälschte“, zu gute Ergebnisse erzielen würde. Denn die nicht entfernten Beläge befanden sich sehr oft an denselben Schwachstellen: den Zahnzwischenräumen der 6er und 7er, die Sie aufgrund ihres Wissens in beiden Gruppen besonders intensiv reinigt.

 

Ergebnisse

 

Die PCR-Werte lagen in der Kontrollgruppe vor der Reinigung zwischen maximal 92 % und 34 %, der Durchschnittswert betrug 65 %. Nach der Reinigung wurden Werte zwischen 8 % (Maximum) und 2 % gemessen; der Durchschnittswert beträgt 6 %. Die PCR-Werte lagen in der Testgruppe nach der Reinigung zwischen maximal 33 % und dem besten Ergebnis mit 10 % Restplaque. Der errechnete Durchschnittswert beträgt 20 %. Um die zugrunde liegende Fragestellung zu beantworten, sind weitere, umfangreichere Studien notwendig. Die Ergebnisse dieser Modellstudie zeigen jedoch klar eine Tendenz auf: Nach vorherigem Anfärben (Kontrollgruppe) ist die Restbelastungsmenge an Plaque wesentlich geringer als ohne Anfärben (Testgruppe). Also scheint das Anfärben die Effektivität der Plaqueentfernung zu erhöhen. Die Frage, ob im Ablaufprotokoll unserer GBT im Rahmen der Qualitätskontrolle nochmals angefärbt werden muss, um Restbeläge zu entfernen, ist – vorläufig zumindest – mit „nein“ zu beantworten. Alle Werte lagen unter dem kritischen Wert von 10 %. Darüber hinaus waren die Biofilmreste oft nur noch punktförmig und mit der Lupenbrille erkennbar.

 

Diskussion und Schlussfolgerung

 

Bei der Auswertung zeigt sich ein Nachteil des dichotomen PCR-Index: Damit konnte dem Umstand, dass die Restbeläge in der Kontrollgruppe eine geringere Ausdehnung hatten als in der Testgruppe, nicht Rechnung getragen werden. Auch fällt das Ergebnis für die Testgruppe zu positiv aus, da die Prophylaxemitarbeiterin ihre Schwachstellen immer besser kennen und eliminieren lernte. Die Chronologie der Ergebnisprotokolle zeigt, dass sich die Ergebnisse in der Testgruppe durch das Kennenlernen der Schwachstellen verbesserten. Mit der in unserer Praxis etablierten zielorientierten und qualitätsgesicherten GBT erreichen wir erheblich bessere Werte als jene, die von den Prüfern der Stiftung Warentest ermittelt wurden. Unsere Vorgehensweise führte sowohl in der Test- wie auch in der Kontrollgruppe zu deutlich besseren Ergebnissen als die Werte, die in der Zeitschrift „test“ nach den Prophylaxesitzungen veröffentlicht wurden, wobei die Ergebnisse nur bedingt vergleichbar sind. Um herauszufinden, wie Qualitätsunterschiede bei PZR-Sitzungen entstehen, läge es nahe, die unterschiedlichen Vorgehensweisen zu untersuchen; insbesondere die „klassische Politur“ mit rotierenden Instrumenten, unter Einsatz von Bürsten, Gummipolierern und Polierpaste, bei der erfahrungsgemäß die Zahnzwischenräume sehr schwer zu reinigen sind, im Vergleich zum Air-Polishing. Neben den unterschiedlichen Vorgehensweisen könnte noch eine Vielzahl weiterer Faktoren eine Rolle spielen. Zusammenfassend lässt sich festhalten: Mit der Guided Biofilm Therapy erscheint es möglich, eine sehr gute Biofilmentfernung, und zwar ohne erneutes Anfärben und Nachreinigung, zu erreichen. Zu Beginn der Reinigung Plaque anzufärben scheint aber tatsächlich hilfreich zu sein.

 

 

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Klaus-Dieter Bastendorf , Dr. Nadine Strafela-Bastendorf , Petra Mann


Weiterführende Links

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