Prophylaxe

Untersuchen, Anfärben und Motivieren – Basis der Guided Biofilm Therapy (Teil 1)

Patienten motivieren leicht gemacht

Warum erscheinen viele Patienten nicht mehr zur PZR oder zur unterstützenden Parodontaltherapie? Was ist zu tun, damit sie zuverlässig dabeibleiben?

Schlüssel zum Erfolg sind positive Gefühle, gute Kommunikation – und das Anfärben des Biofilms. Ohne Motivation ist alles nichts. Jeder Mensch benötigt einen Anreiz für sein Tun – und der hat immer zuerst mit Gefühlen zu tun [1]. Nach einer aktuellen Übersicht, in der 39 Studien ausgewertet wurden, springen die meisten Parodontitis-Patienten schon in den ersten Jahren nach der Initialtherapie ab [2]. Als Ursachen nennen sie am häufigsten:

  • dass sie nicht ausreichend über den Nutzen des Recalls informiert wurden und
  • dass die regelmäßige „Motivation“ fehlte.

Motivation lässt sich mit Botschaften erreichen, die auch Emotionen ansprechen – mit der sich Patienten „mitgenommen“ fühlen. Wichtig ist bekanntlich, einfühlsam zu sein, zum Beispiel durch aktives Zuhören [3,4]: Auf offene Fragen berichten Patienten, was ihnen wichtig ist. Meist werden gutes Aussehen, frischer Atem und Gesundheit genannt. Aus den Antworten ergeben sich Argumente für bessere Pflegegewohnheiten oder regelmäßiges Erscheinen zur Prophylaxe [4].

  • Abb. 1: Die 8 Schritte der Guided Biofilm Therapy (GBT): Jede Sitzung beginnt mit Anamnese und Diagnose (1), Anfärben (2) und Mundhygiene-Instruktion (3). Die letzten beiden Punkte beziehen sich direkt oder indirekt (auch) auf häusliche Maßnahmen.
  • Abb. 1: Die 8 Schritte der Guided Biofilm Therapy (GBT): Jede Sitzung beginnt mit Anamnese und Diagnose (1), Anfärben (2) und Mundhygiene-Instruktion (3). Die letzten beiden Punkte beziehen sich direkt oder indirekt (auch) auf häusliche Maßnahmen.
    © EMS

Wer die Praxis mit einem guten Gefühl verlässt, kommt wieder. Wichtig ist deshalb, dass am Ende jeden Recalls Zähne und Weichgewebe „tipptopp“ gereinigt werden – mit einer modernen und schonenden Methode. Stand der Technik ist die Guided Biofilm Therapy (GBT) (Abb. 1): Deren Grundprinzip ist, dass der Biofilm angefärbt und mit Airflow vollständig und sehr schonend entfernt wird [5,6]. Der erste Teil dieser kleinen Serie umfasst die GBT-Schritte 01 Diagnose, 02 Anfärben und 03 Motivation.

1. Schritt: 01 Diagnose

Nachdem mögliche akute Probleme abgeklärt sind, beginnt jede Recall-Sitzung mit der – gegebenenfalls aktualisierten – Anamnese. Raucht der Patient zum Beispiel, hat Übergewicht oder zurzeit persönliche Probleme, kann er oder sie schwieriger zu motivieren sein und benötigt besondere Aufmerksamkeit. Bei anderen Patienten erhöht ein nicht optimal eingestellter Diabetes die Entzündungsneigung und kann zu mehr Sondierungsblutungen führen [4].

Zu Beginn jeder GBT-Sitzung spülen Patienten grundsätzlich mit einer antimikrobiellen Lösung (vgl. Abb. 1, Schritt 01). Bisher wurde dafür 0,2-prozentiges Chlorhexidin verwendet. Um zusätzlich eine antivirale Wirkung in der aktuellen Covid-19-Situation zu erreichen, steht mit ViruProX® von EMS jetzt eine Alternative auf der Basis der empfohlenen Substanzen Wasserstoffperoxid (H2O2/1,5%) und Cetylpyridiniumchlorid (CPC/0,05%) zur Verfügung.

In jeder Sitzung sollten im Rahmen der Untersuchung ausgewählte Taschen sondiert werden, zum Beispiel mit dem Parodontalen Screening Index (PSI) [7]. Wer seine Recall-Patienten kennt, kennt auch deren dentale Problemzonen und kann dort gezielt untersuchen. Karies ist am besten nach der Zahnreinigung erkennbar. Die gründliche Untersuchung durch die Zahnärztin oder den Zahnarzt erfolgt deshalb am zweckmäßigsten am Ende der Sitzung.

2. und 3. Schritt: 02 Anfärben und 03 Motivation

Wenn die Mundhygiene schlecht funktioniert, kann das an fehlendem Wissen und nicht ausreichender Fingerfertigkeit liegen. Hier hilft ein gründliches Aufklärungsgespräch und Mundhygiene-Training, wenn nötig gemeinsam mit einer Betreuungsperson. Der optimale Start ist immer das Anfärben des Biofilms (Abb. 2), am besten mit vorgetränkten Pellets (Biofilm Discloser, EMS). Mundhygiene-Instruktion mit Anfärben praktizierten schon die „Prophylaxe-Väter“ Axelsson und Lindhe – bei kleinen und großen Patienten. Das Vorgehen ist ebenso Teil aktueller Empfehlungen und bei präventiver PZR und Parodontitis-Patienten im Prinzip gleich [8,9].

  • Abb. 2: Das routinemäßige Anfärben gelingt besonders sauber mit vorgetränkten
Pellets.

  • Abb. 2: Das routinemäßige Anfärben gelingt besonders sauber mit vorgetränkten Pellets.
    © EMS

Bevor Patienten dem Anfärben widersprechen können, wird ihnen kurz erklärt, wozu angefärbt wird:

  • damit die wichtigste Ursache für Karies und Parodontitis (und andere Munderkrankungen) sichtbar wird – der Biofilm
  • damit der Patient diesen zu Hause effektiv entfernen kann, um gesund und attraktiv zu bleiben
  • damit der Patient sieht, dass die Prophylaxe-Expertin ihn bei der PZR vollständig entfernt hat – als Qualitätssicherung (der Patient zahlt!)

Angesichts dieser Argumente sind Patienten in der Regel überzeugt und lassen bereitwillig anfärben. Traditionell wird meist empfohlen, Patienten zuerst zu Hause oder in der Praxis putzen zu lassen und danach zur Kontrolle anzufärben. Alternativ kann es sinnvoll sein, die ungeputzten Zähne anzufärben und die gewohnte Mundhygiene erst in der Praxis durchführen zu lassen – in Ruhe und nach Möglichkeit mit der eigenen Zahnbürste. Damit werden gleich vier Ziele erreicht:

  1. Der Patient hat keinen Stress, wenn vor dem Termin zu wenig Zeit für die gewohnte Hygiene war.
  2. Der Patient sieht den Biofilm, der nach dem Putzen verbleibt. Ein gutes Ergebnis ist eine positive Bestärkung.
  3. Die Prophylaxe-Fachkraft kann beobachten, ob mit geeigneter Technik und sinnvoller Systematik geputzt wird.
  4. Die Zeit lässt sich messen, die für eine (fast) perfekte Reinigung benötigt wird (Empfehlung Prof. Dr. Stefan Zimmer, Witten-Herdecke). Das ist ein guter Anhaltspunkt, wie lange zu Hause geputzt werden sollte. Meist reichen 2 Minuten nicht aus.

Diese Maßnahme kostet Zeit, die aber bei den folgenden Prophylaxe-Sitzungen durch weniger Biofilm und Zahnstein wieder herausgeholt wird. Als sehr wirksame Hilfsmittel für die tägliche Mundhygiene haben sich zum Beispiel Philips Sonicare Schall-Zahnbürsten und AirFloss Interdentalreinigungsgeräte erwiesen (beide: Philips) [10,11]. Vor allem approximal und am Gingivasaum verbleibt jedoch – auch nach gründlicher Mundhygiene – Biofilm und damit Plaque-Färbemittel. Dieses wird dann im Rahmen der professionellen Zahnreinigung mit Airflow und schonendem Pulver (zum Beispiel Airflow Plus, beide: EMS) vollständig entfernt.

Kontrolle und Emphatie

Für eine besondere Patientengruppe scheint Anfärben – in Verbindung mit einem motivierenden Gespräch – besonders wirkungsvoll zu sein: für Jugendliche in kieferorthopädischer Behandlung [13]. Junge Patienten wollen also sowohl Empathie als auch Leistungs-Feedback und damit Kontrolle. Im Prinzip gilt das auch für Erwachsene. Die auf der Basis von Axelssons Prophylaxestunde entwickelte Guided Biofilm Therapy bietet dafür die optimalen Werkzeuge.

Teil 2 dieses Beitrages in der kommenden Ausgabe der Plaque n Care (September 2020) richtet den Fokus auf die primärpräventive Belagsentfernung, Teil 3 (November 2020) schließlich auf die sekundärpräventive Belagsentfernung.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Jan H. Koch


Weiterführende Links

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