Prophylaxe

Erfolgsmodell für Patient und Praxis

Kieferorthopädie und Prophylaxe

10.07.2013


Dass die Prophylaxe einen wichtigen Beitrag zur Zahn- und Mundgesundheit leistet, ist unumstritten! Mittlerweile haben die meisten Zahnarztpraxen hierfür speziell fortgebildetes Personal und einen separaten Raum. Es werden Konzepte für Kleinkinder, Jugendliche, Schwangere, Ältere, Implantate u.v.m. erarbeitet und manchmal findet man sie sogar sauber detailliert im QM-Ordner mit Arbeitsanleitung und Checklisten. Ein spezielles Prophylaxekonzept für die unterstützende Kfo-Behandlung findet man leider selten! Aber warum? Sind nicht gerade diese Patienten aufgrund des Alters, der Ernährungsgewohnheiten, durch Zahndurchbruch, -stellung und -härte und dann noch zusätzlich durch die kieferorthopädische Apparatur einem höheren Kariesrisiko ausgesetzt? Ein Grund für diese spezielle „Versorgungslücke“ könnte sein, dass sich der Kieferorthopäde hinsichtlich der Durchführung der Prophylaxe auf die Haus-Zahnarztpraxis verlässt und umgekehrt. Also mangelnde Kommunikation und Kooperation unter den Praxen?

Welche Praxis führt die therapiespezifische Kfo-Prophylaxe durch?

Hier geht es nicht darum, dass die eine Praxis der anderen einen Geschäftszweig abzieht! Es geht vielmehr darum, Hand in Hand zum Wohle des Patienten zusammenzuarbeiten. Der Patient war vor der Kfo-Behandlung bei seinem Zahnarzt, geht auch während dieser Behandlung für die jährlichen Untersuchungen und die klassischen IP-Leistungen dorthin und kehrt nach Kfo-Abschluss wieder ganz zu ihm zurück. Während der Kfo-Betreuung spricht aber auch alles dafür, dass die spezifische Prophylaxebetreuung vom Kieferorthopäden bzw. der dortigen Prophylaxemitarbeiterin durchgeführt wird. Der Patient ist in kürzeren Kontrollintervallen in der Praxis, die speziellen Instrumente und Geräte erlauben die Reinigung nach Apparaturentnahme und das Know-how der Mitarbeiter bei der Ligatur- und Spangenreinigung ist ebenfalls höher. Jede Praxis ist für ihr Behandlungsgebiet der Spezialist und Ansprechpartner für den Patienten.

Mein Tipp:
Unterschiedliche Prophylaxetherapien auch unterschiedlich benennen, damit Patienten und Eltern nicht das Gefühl bekommen, dass Leistungen doppelt erbracht und abgerechnet werden. Zum Beispiel führt die eine Praxis weiterhin die Individualprophylaxe durch und der Kieferorthopäde die „systematische Kfo-Prophylaxe“, die auch „therapiespezifische Prophylaxesitzung“ oder ähnlich heißen kann. Das ist dann eine klare Differenzierung zwischen beiden Präventionskonzepten.

Wann ist der beste Zeitpunkt für die therapiespezifische Kfo-Prophylaxe?

Wer glaubt, dass eine White-Spot-Läsion erst nach mehrmonatiger Multibandbehandlung auftreten kann, irrt. Øgaard u.a. zeigten, dass dies in nur vier Wochen möglich ist [1]. Die unterstützende Kfo-Prophylaxe muss deshalb von Anfang an im Betreuungsprogramm sein. Schon bei der Vorstellung in der Kfo-Praxis erhalten Patienten bzw. Eltern die entsprechende Information über das erhöhte Risiko bei Tragen festsitzender und herausnehmbarer Apparaturen. Das Ziel, Zähne nicht nur gerade rücken zu wollen, sondern auch gesund zu erhalten, ist für alle einleuchtend. In diesem Moment werden das Angebot, die möglichen Kosten (es sind GOZ-Positionen) und der Ablauf besprochen. Selbstverständlich kann die Aufklärung auch an eine hierfür geschulte Mitarbeiterin delegiert werden. Ein Beispiel könnte sein: „Um den Behandlungserfolg zu unterstützen, ist zusätzlich die therapiespezifische Kfo-Prophylaxe zu empfehlen. Meine Prophylaxekraft Frau … wird Sie gleich über das Konzept und den Ablauf informieren.“

Mein Tipp: Beratungen werden effizienter, wenn sie mit visuellen Hilfsmitteln unterstützt werden, z.B. mit laminierten Karten (Demo-Beratungsbox, Spitta) oder Schaumodellen. So können Prädilektionsstellen für Karies und Parodontitis verständlich vermittelt und Entscheidungen (bei den Eltern) erleichtert werden!

Risikoorientierte Kfo-Prophylaxe

Vor Beginn der orthodontischen Therapie ist immer das individuelle Risiko zu ermitteln. Nicht alle Patienten benötigen Maßnahmen gleicher Intensität. Treibt man aber zu wenig Aufwand, sind die Vorwürfe der Eltern (sicher zu Recht) schwerwiegend: „… und das, obwohl wir immer zur Prophylaxe gegangen sind und auch dafür bezahlt haben!“
Inhalt der Initialphase kann sein:

  • Berücksichtigung der Allgemeinanamnese
  • Ermittlung des DMFT/S-Index
  • Approximalraum-Plaque-Index (Beginn der Kfo-Therapie immer erst bei einem API < 30 %!)
  • Sulkus-/Papillen-Blutungs-Index (Kfo-Beginn wenn möglich erst mit 0 %)
  • Ernährungsanamnese (Gewohnheiten)
  • Lebensgewohnheiten (Schule, Verein, Hobbys)
  • Fluoridanamnese
  • Mikrobiologische Untersuchung (SM, LB)
  • Speichelparameter (pH-Wert, Fließrate)
  • Häusliche Mundhygienemaßnahmen (was, womit, wann, wie oft, wie lang …)

Aus den oben genannten Befunden und der geplanten Kfo-Therapie (herausnehmbar/festsitzend) resultiert die Einstufung in ein niedriges, mittleres oder hohes Kariesrisiko – und damit auch in das entsprechend notwendige Therapiekonzept. Die sich daraus ergebenden Prophylaxekosten sind für die Eltern leichter nachvollziehbar. Alle Befunde, die Beratung (mit Alternativen), die Kosten usw. müssen sich lückenlos in der Patientenakte wiederfinden. Nur was dokumentiert wurde, ist auch vollbracht worden!

Mein Tipp:
Spezielle Prophylaxe-Formblätter oder -Computerprogramme (Paro-Status, Florida Probe …) unterstützen Wirtschaftlichkeit, Komplexität und Rechtssicherheit.

  • Abb. 1: Risikoabschätzung nach Dr. George Beutner.

  • Abb. 1: Risikoabschätzung nach Dr. George Beutner.

Das Modell zur Risikoabschätzung (Abb. 1) hat sich in vielen Praxen bewährt. Diese Einstufung muss selbstverständlich periodisch (spätestens bei der Zwischenanalyse) überprüft werden, denn während der gesamten Kfo-Phase kann sie sich durchaus ändern.

Die Durchführung der unterstützenden Kfo-Prophylaxe

Nachdem das Kariesrisiko des Patienten nun eingestuft worden ist, bleibt die Frage, wie sich daraus eine Arbeitsanweisung ableiten lässt. Bei allen Risiken wird der gleiche Leitfaden befolgt, jedoch mit unterschiedlichen (!) Arbeitsschritten.

Der in jedem Schritt auf das ermittelte Risiko abgestimmte Leitfaden kann so aussehen:

  • Befunde erheben
  • Beratung, Instruktion
  • professionelle Zahnreinigung (wenn möglich nach Entfernung von Ligatur …)
  • therapieunterstützende Maßnahmen (Karies-, Gingivitisrisiko?)
  • Motivation/Remotivation
  • Recall
  • Dokumentation (vollständig und lückenlos)

Je höher sich das Risiko darstellte, desto intensiver und häufiger ist die Therapiemaßnahme. Werden die einzelnen Arbeitsschritte im QM verankert und wird danach gelebt, ist das die beste Qualitätssicherheit für Praxisinhaber und Patient und eine wichtige Hilfestellung für jede Mitarbeiterin.

Fallbeschreibung

Martin, 11 Jahre, trägt die festsitzende Apparatur seit drei Monaten. Kariesrisikoeinstufung: mittel. Patient teilt mit, dass er aufgrund eines Landschulheimaufenthaltes nicht die gewohnte Mundhygieneintensität betreiben konnte.

  • Abb. 2: Effizientes und professionelles Arbeiten erfordert eine auf die Behandlungsplanung abgestimmte Arbeitsplatzvorbereitung.
  • Abb. 3 u. 4: Nach einem kurzen Smalltalk mit Patient und Vater (Schaffung eines positiven Umfeldes, Erhalt von Informationen über häusliche Mundhygieneerfahrungen) werden Indizes erhoben wie Schleimhautzustand, Sulkus-Blutungs-Index und Plaque-Index. Die Plaque muss (!) für den Patienten visuell erkennbar gemacht werden. Entweder mit fluoreszenzbasierten Kameras (z.B. Acteon) oder mittels Farbindikatoren. In jedem Fall ist vor der Prophylaxesitzung eine Dokumentation mit der intraoralen Kamera zu empfehlen, da die Mundsituation besser verstanden und damit die Nachhaltigkeit der Motivation erhöht wird. Es gibt in der Praxis kein Gerät, das sich schneller amortisiert als die Kamera!
  • Abb. 2: Effizientes und professionelles Arbeiten erfordert eine auf die Behandlungsplanung abgestimmte Arbeitsplatzvorbereitung.
  • Abb. 3 u. 4: Nach einem kurzen Smalltalk mit Patient und Vater (Schaffung eines positiven Umfeldes, Erhalt von Informationen über häusliche Mundhygieneerfahrungen) werden Indizes erhoben wie Schleimhautzustand, Sulkus-Blutungs-Index und Plaque-Index. Die Plaque muss (!) für den Patienten visuell erkennbar gemacht werden. Entweder mit fluoreszenzbasierten Kameras (z.B. Acteon) oder mittels Farbindikatoren. In jedem Fall ist vor der Prophylaxesitzung eine Dokumentation mit der intraoralen Kamera zu empfehlen, da die Mundsituation besser verstanden und damit die Nachhaltigkeit der Motivation erhöht wird. Es gibt in der Praxis kein Gerät, das sich schneller amortisiert als die Kamera!

  • Abb. 4
  • Abb. 5, 6a u. b: Abgestimmt auf die Ist-Situation erfolgt die erneute Beratung zur Mundhygiene. Putztechniken werden zuerst am Modell gezeigt, vom Patienten eingeübt, um sie danach im Mund umzusetzen. Putztechnik (manuell oder maschinell) wie auch diverse Hilfsmittel (Interdentalbürste, Airfloss …), Putzdauer, Zeitpunkt, Zahnpasten, Spülungen und Fluoridierungsmaßnahmen werden besprochen. Mein Tipp: Die Kontrolle über Zustand und Vollständigkeit der Mundhygieneprodukte fällt leichter, wenn der Patient die zu Hause genutzten Produkte zu jeder Prophylaxesitzung mitbringt.
  • Abb. 4
  • Abb. 5, 6a u. b: Abgestimmt auf die Ist-Situation erfolgt die erneute Beratung zur Mundhygiene. Putztechniken werden zuerst am Modell gezeigt, vom Patienten eingeübt, um sie danach im Mund umzusetzen. Putztechnik (manuell oder maschinell) wie auch diverse Hilfsmittel (Interdentalbürste, Airfloss …), Putzdauer, Zeitpunkt, Zahnpasten, Spülungen und Fluoridierungsmaßnahmen werden besprochen. Mein Tipp: Die Kontrolle über Zustand und Vollständigkeit der Mundhygieneprodukte fällt leichter, wenn der Patient die zu Hause genutzten Produkte zu jeder Prophylaxesitzung mitbringt.

  • Abb. 6a
  • Abb. 6b
  • Abb. 6a
  • Abb. 6b

  • Abb. 7: Die professionelle Zahnreinigung erfolgt immer von grob nach fein. Der Vorteil einer Kfo-Praxis liegt genau in diesem Bereich, denn die Reinigung kann beim Ligatur-Wechsel erfolgen. Hier kommen maschinelle (z.B. Ultraschallgerät) wie auch manuelle „Spezial“-Scaler (z.B. M007) zum Einsatz.
  • Abb. 8 u. 9: Die Feinreinigung wird mit Pulver-Wasser-Strahlgerät (unter Beachtung der Anwendung und Kontraindikation bestimmter Pulverarten) und kleinen/weichen Polierbürsten mit Reinigungspaste (z.B. DMG, Hawe, Vivadent) durchgeführt. Abschließend erfolgt die Zungenreinigung mit Softbürste und CHX-Gel.
  • Abb. 7: Die professionelle Zahnreinigung erfolgt immer von grob nach fein. Der Vorteil einer Kfo-Praxis liegt genau in diesem Bereich, denn die Reinigung kann beim Ligatur-Wechsel erfolgen. Hier kommen maschinelle (z.B. Ultraschallgerät) wie auch manuelle „Spezial“-Scaler (z.B. M007) zum Einsatz.
  • Abb. 8 u. 9: Die Feinreinigung wird mit Pulver-Wasser-Strahlgerät (unter Beachtung der Anwendung und Kontraindikation bestimmter Pulverarten) und kleinen/weichen Polierbürsten mit Reinigungspaste (z.B. DMG, Hawe, Vivadent) durchgeführt. Abschließend erfolgt die Zungenreinigung mit Softbürste und CHX-Gel.

  • Abb. 9
  • Abb. 10: Therapieunterstützende Maßnahmen erfolgen risikoorientiert mittels Gelen, Pasten oder Lacken zur „Schmelzhärtung“ und/oder antibakteriellen Wirkung (in diesem Fall wurde Cervitec und Fluor Protector S appliziert).
  • Abb. 9
  • Abb. 10: Therapieunterstützende Maßnahmen erfolgen risikoorientiert mittels Gelen, Pasten oder Lacken zur „Schmelzhärtung“ und/oder antibakteriellen Wirkung (in diesem Fall wurde Cervitec und Fluor Protector S appliziert).

  • Abb. 11: Vorher-nachher-Bilder erleichtern das Verständnis (für die ganze Familie). Die Notwendigkeit und Wirksamkeit der unterstützenden Prophylaxesitzung wird bestätigt und der Weg zur Optimierung der häuslichen Bemühung gebahnt. Den Abschluss bilden immer die Terminvergabe für die nächste Kontrollsitzung, Einträge im Patientenpass, falls vorhanden, und die vollständige Dokumentation (einschließlich der Bilder).
  • Abb. 11: Vorher-nachher-Bilder erleichtern das Verständnis (für die ganze Familie). Die Notwendigkeit und Wirksamkeit der unterstützenden Prophylaxesitzung wird bestätigt und der Weg zur Optimierung der häuslichen Bemühung gebahnt. Den Abschluss bilden immer die Terminvergabe für die nächste Kontrollsitzung, Einträge im Patientenpass, falls vorhanden, und die vollständige Dokumentation (einschließlich der Bilder).

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Vesna Braun

Bilder soweit nicht anders deklariert: Vesna Braun


Warum ein sicherer Infektionsschutz für den zuverlässigen Betrieb der Zahnarztpraxis so wichtig ist und wie das am besten gelingt, erfahren Sie auf der Informationsseite
Hygiene schützt Leben‘.

Weitere Informationen

Am 07. April 2020 von 14:00-15:00 Uhr erfahren Sie in unserem kostenlosen Live-Webinar relevante Handlungsempfehlungen für Ärzte und Zahnarztpraxen zum Thema Coronavirus.

Jetzt anmelden

Kennen Sie alle notwendigen Maßnahmen und Verhaltensweisen im Umgang mit COVID-19?

Hier kostenlose Informationen