Prophylaxe


Frühkindliche Karies – Aktuelle Prävalenzdaten und neue Präventionsansätze

Die frühkindliche Karies (auch: Early Childhood Caries – ECC) ist eine besonders aggressive, relativ weitverbreitete Form der Karies im Milchgebiss. Durch die jüngst eingeführten Vorsorgeuntersuchungen für Kinder ab 6 Monaten bis 3 Jahre wird nun eine Präventionslücke geschlossen, insbesondere um diese Form der Karies zu vermeiden. Im folgenden Beitrag werden Definition, klinisches Bild der ECC, Prävalenz, Ätiologie und aktuelle Präventionsstrategien erläutert.

  • Abb. 1: Ausgeprägte frühkindliche Karies aufgrund des exzessiven Genusses von Säften in der Flasche.

  • Abb. 1: Ausgeprägte frühkindliche Karies aufgrund des exzessiven Genusses von Säften in der Flasche.
    © Univ.-Prof. Dr. Katrin Bekes
Die Mundgesundheit hat sich in den vergangenen Jahren in Deutschland durch die Verfügbarkeit strukturierter Prophylaxeprogramme wesentlich verbessert [1]. Für das Milchgebiss gilt diese Beobachtung aber nur eingeschränkt. Die frühkindliche Karies (Early Childhood Caries) stellt nach wie vor eine Herausforderung und nicht gelöste Problematik für die Kinderzahnheilkunde dar [2]. Es handelt sich um eine besondere Ausprägung der Glattflächenkaries mit schnell fortschreitenden Läsionen und frühzeitiger Beteiligung der Pulpa, die schon kurz nach Durchbruch der ersten Milchzähne beginnt [3] (Abb. 1).

Definition

Nach Definition der American Academy of Pediatric Dentistry handelt es sich bei der ECC um das Vorliegen von mindestens einer kariösen Läsion (mit oder ohne Kavitation) bzw. einer wegen Karies fehlenden oder gefüllten Zahnfläche im Milchgebiss eines bis 71 Monate alten Kindes [4]. Eine ausgeprägte, schwere Form der frühkindlichen Karies, die „severe early childhood caries“ (S-ECC), kann diagnostiziert werden, wenn Kleinkinder unter 3 Jahren bereits mindestens eine Glattflächenkaries aufweisen. Bei 3- bis 5-Jährigen wird diese Diagnose abhängig vom dmfs- Wert der oberen Milchfrontzähne bzw. des Gesamtgebisses gestellt. So fallen 3-Jährige mit > 4 kariösen Zahnflächen, 4-Jährige mit > 5 Flächen und 5-jährige Kinder mit > 6 Zahnflächen mit Karies in diese Kategorie [4]. Kritik wurde an dieser numerischen Einteilung dahingehend geäußert, dass sie das Verteilungsmuster nicht berücksichtigt [5], welches sich klinisch abzeichnet.

Klinisches Bild: obere Inzisivi zuerst betroffen

Das klinische Bild der ECC kann in unterschiedliche Schweregrade eingeteilt werden, welche sich vorwiegend am Kariesbefallsmuster orientieren. Im ersten Stadium weisen die Zähne nur leichte Demineralisationen und somit kreidig weiße Areale auf. Im weiteren Verlauf kommt es zur allmählichen Zerstörung der Zahnsubstanz [6]. Zu Beginn erkranken die Glattflächen der oberen Inzisiven, die bei jeder anderen Kariesform erst relativ spät in den kariösen Prozess einbezogen werden. Erste Veränderungen sind oft schon am Ende des ersten Lebensjahres zu beobachten, und entsprechend ihrer Durchbruchsfolge werden im zweiten und dritten Lebensjahr auch die Molaren und Eckzähne involviert. Insofern ist die frühkindliche Karies als eine äußerst aggressive Form zu werten. Die Unterkieferzähne sind anfänglich noch durch die überlagernde Zunge und Speichelproduktion geschützt [7].

Prävalenz hoch, Sanierungsgrad bei jungen Kindern niedrig

Die frühkindliche Karies betrifft Kinder weltweit. Nicht nur in Deutschland, sondern auch international zählt sie zu einer der häufigsten chronischen Erkrankungen im Kleinkind- und Vorschulalter, deren 5-mal häufigeres Vorkommen als Asthma bzw. 7-mal häufigeres Auftreten als Heuschnupfen erwiesen ist. Die aktuellsten Daten [1] zeigen, dass in Deutschland im Durchschnitt nach wie vor jedes zweite Kind im Alter von 6 Jahren eine Karieserkrankung vorweisen kann. Der Sanierungsgrad in dieser Altersklasse ist weiterhin ungenügend, 43% der kariösen Milchzähne sind nicht versorgt. Erstmals wurden in den jüngsten epidemiologischen Begleituntersuchungen nun auch 3-jährige Kinder erfasst. Daten dazu liegen aus 10 Bundesländern bzw. Landesarbeitsgemeinschaften vor, die entweder im Rahmen der Gesundheitsberichterstattung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes oder als Untersuchungen in gezogenen Stichproben generiert wurden. Mit knapp 100.000 untersuchten Kindern aus verschiedenen Regionen Deutschlands konnte dabei ein annähernd repräsentatives Bild gezeichnet werden. Der durchschnittliche dmft-Wert liegt demzufolge bei 0,48. 13,7% der 3-Jährigen sind bereits von Karies betroffen. Im Durchschnitt zeigen diese Kinder 3,57 betroffene Zähne, was in solch einem jungen Alter kaum ambulant behandelbar ist. Daher nimmt in dieser Gruppe die d-Komponente, die unbehandelte Defektkaries, den größten Anteil am Kariesgeschehen ein (73%). Der Sanierungsgrad ist demzufolge sehr niedrig. Er liegt bei 26,1%.
Zur weltweiten Prävalenz liegen heterogene Angaben vor. Die große Varianz basiert auf unterschiedlichen Einflussfaktoren wie Kultur, Ethnizität, sozioökonomischem Status, Lebensstil, Ernährungsmuster und Mundhygiene sowie differierenden regionalen Einflüssen [8]. In einem kürzlich veröffentlichten Review berichten die Autoren von einer Prävalenz der ECC zwischen 1 und 12% in Industrienationen [9] und von ca. 70% in Entwicklungsländern sowie bei benachteiligten Bevölkerungsgruppen entwickelter Länder [8].

Ätiologie: multifaktoriell, Risikofaktor Nuckelflasche

Wie jede andere Kariesform ist auch die ECC multifaktoriell bedingt und die Folge eines bestimmten zeitlichen Zusammenspiels von kariogenen Mikroorganismen mit vergärbaren Kohlenhydraten auf der kariesanfälligen Zahnoberfläche [2]. Bei der Entstehung der ECC spielen die Eltern eine Schlüsselrolle, da sie sowohl die frühkindliche Ernährung als auch den Einfluss potenzieller Risikofaktoren und somit die Zahngesundheit ihrer Kinder entscheidend mitbestimmen. Als Hauptrisikofaktor ist der exzessive Gebrauch der Nuckelflasche mit kariogenen/erosiven Getränken, insbesondere nachts, identifiziert worden [8,10]. Die Gabe der Flasche erfolgt oft nicht aufgrund von Durst oder Hunger, sondern wegen Langeweile und Unlust in den Ermüdungsphasen, als Einschlafhilfe, in nächtlichen Wachphasen oder zur Zwischenmahlzeit.

Aktuelle Präventionsstrategien

In Deutschland existieren bereits verschiedene Maßnahmen zur Verbesserung der Mundgesundheit von Kindern. Derzeit haben Kinder zwischen dem 3. und vollendeten 6. Lebensjahr Anspruch auf 3 zahnärztliche Früherkennungsuntersuchungen. Diese bilden eine wichtige Grundlage. Die noch bestehende Präventionslücke zwischen 0 und 3 Jahren konnte seit dem 1. Juli 2019 geschlossen werden. Zahnärztliche Früherkennungsuntersuchungen können nun bereits ab dem 6. Lebensmonat wahrgenommen werden. Sie sind zeitlich auf die U-Untersuchungen beim Kinderarzt abgestimmt. Die zahnärztlichen Frühuntersuchungen der unter 3-Jährigen enthalten gesundheitserzieherische, gesundheitsfördernde und präventive (sowie wenn nötig kurative) Maßnahmen. Dazu zählt zunächst erst einmal die eingehende Untersuchung des Kindes unter Beachtung der Entstehungsmechanismen der ECC wie deutliche Plaqueakkumulation, Gingivitis oder kariöse Läsionen. Weiterhin sollte die Beratung der Eltern über die Ernährung, die richtigen Mundhygienemaßnahmen (inkl. Erlernen der Zahnputztechnik durch die Eltern) und die Verwendung von Fluoriden Bestandteil der Frühuntersuchung sein.
Eine weitere Neuerung hat sich im Bereich der Fluoridierung ergeben. Weiterhin ist das Auftragen von Fluoridlack zur Zahnschmelzhärtung für Kinder zwischen dem 6. und 34. Lebensmonat Kassenleistung geworden. Kleinkinder haben in diesem Alter ab sofort zweimal je Kalenderhalbjahr zusätzlichen Anspruch auf eine Zahnschmelzhärtung mit Fluoridlack in der Zahnarztpraxis. Dies ist als wichtiger und wirksamer Ansatz in der Vorbeugung des möglichen Entstehens einer ECC zu verstehen, da somit die Möglichkeit besteht, bereits entstandener Initialkaries effektiv entgegenzuwirken.
Insgesamt sind diese Neuregelungen neben einem wichtigen versorgungspolitischen Signal auch ein großer Erfolg der lösungsorientierten Zusammenarbeit von Krankenkassen und Zahnärzteschaft.

  • Abb. 2: Aufklärungsbroschüre für Eltern aus dem Projekt der DGKiZ in Kooperation mit Oral-B.
  • Abb. 3: Praxismaterialien für zahnärztliche KollegInnen aus dem Projekt der DGKiZ in Kooperation mit Oral-B.
  • Abb. 2: Aufklärungsbroschüre für Eltern aus dem Projekt der DGKiZ in Kooperation mit Oral-B.
  • Abb. 3: Praxismaterialien für zahnärztliche KollegInnen aus dem Projekt der DGKiZ in Kooperation mit Oral-B.


Ein ebenfalls beachtungswürdiges Initiativprojekt, welches sich der Problematik der frühkindlichen Karies annimmt, sind die von der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (DGKiZ) und Oral-B® unter dem Motto „Starke Zähne für starke Kinder – von Anfang an, ein Leben lang!“ entwickelten Materialien, die Eltern und Zahnarztpraxen bei der Bekämpfung der Erkrankung unterstützen möchten. Die Aufklärungsbroschüre (Abb. 2) ist als doppelseitiges Faltblatt im DIN-A5-Format aufbereitet. Sie soll den Eltern als Ratgeber dienen und gibt jeweils auf einer Seite Empfehlungen zu Themen wie u.a. dem richtigen Zähneputzen (elektrische Zahnbürste oder Handzahnbürste, KAI-Technik), fluoridhaltigen Zahncremes und ihrer Dosierung sowie zu einer altersgerechten, zahngesunden Ernährung.
Die Praxismaterialien (Abb. 3) bestehen aus einem Anamnesebogen und einer Kurzübersicht über das Basiswissen der Kinderzahnheilkunde für den Behandler sowie Tipps für die Eltern. Der Anamnesebogen umfasst eine Ernährungs-, Mundhygiene- und Fluoridanamnese. Dieser sollte vor der Behandlung von den Eltern ausgefüllt werden und kann dann als Gesprächsgrundlage für das zahnärztliche Beratungsgespräch im Rahmen der FU dienen.
Die Kurzübersicht über das Basiswissen beinhaltet die folgenden Themen: Aufgaben der Milchzähne, strukturelle Besonderheiten der Milchzähne, Gebissentwicklung, frühkindliche Karies und Folgen unversorgter kariöser Läsionen. Die Tipps für die Eltern fassen nochmals die 4 wichtigen Säulen der Kariesprophylaxe zusammen: Mundhygiene, Fluoridierungsmaßnahmen, Ernährung und der Hinweis auf regelmäßige zahnärztliche Kontrollbesuche. Nach dem Frühuntersuchungstermin des Kindes kann den Eltern dann die oben beschriebene Aufklärungsbroschüre überreicht werden, sodass sie zu Hause nochmals die wichtigen Punkte nachlesen können. Die DGKiZ und Oral-B erhoffen sich mit dem Projekt dazu beizutragen, die Mundgesundheit von Kleinkindern weiter zu verbessern und somit das Auftreten der frühkindlichen Karies weiter zu reduzieren.
Es wird nun in den nächsten Jahren von Interesse für alle Beteiligten sein, zu sehen, wie sich die in diesem Jahr gesetzten Neuerungen auf die Zahngesundheit der Kinder auswirken werden.


Die Materialien können angefordert werden über www.dentalcare-de.de.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Univ.-Prof. Dr. Katrin Bekes


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