Prophylaxe

Lachgassedierung in der Kinderzahnheilkunde

Eine kinderfreundliche Kombination: Lachgas und Verhaltensführung

09.09.2019
aktualisiert am: 13.09.2019

Abb. 1: Kinder schätzen besonders das entspannte Gefühl während der Behandlung.
Abb. 1: Kinder schätzen besonders das entspannte Gefühl während der Behandlung.

Die Lachgassedierung ist eine patientenfreundliche und sichere Methode, die Kooperation junger oder ängstlicher Kinder zu erhöhen. Die Kinder erleben die Behandlung bei vollständig erhaltenem Bewusstsein und kompetenten Schutzreflexen angstfrei und können so kooperative Strategien und eine positive Einstellung zu zahnärztlichen Maßnahmen entwickeln. Allerdings muss der Einsatz von Lachgas in ein Konzept der Verhaltensführung eingebettet sein, wenn er zum Erfolg führen soll.

Die Lachgassedierung erfährt derzeit eine Renaissance, da ihre Anwendung ein effektives Schmerz- und Angstmanagement aller Altersgruppen ermöglicht [9]. In Amerika ist sie in der Zahnheilkunde bereits seit den 1960er-Jahren etabliert, auch in den skandinavischen und angelsächsischen Ländern wird diese patientenfreundliche Methode in 65% aller Zahnarztpraxen angeboten [12]. Etwa 85% aller Kinderzahnärzte in Großbritannien und den USA wenden die Lachgassedierung während der Behandlung an [1].
In Deutschland arbeiteten laut einer Umfrage vom Bundesverband der Kinderzahnärzte (BUKiZ) im Jahre 2009 bereits 25% der Kinderzahnärzte mit der Lachgassedierung (Abb. 1), eine weitere Zunahme ist absehbar [11]. Die Deutsche Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (DGKiZ) stellt auf ihrer Webseite eine Liste der Behandler bereit, die sich für die Lachgasanwendung in der Kinderzahnheilkunde qualifiziert haben [10].

Ursachen von Zahnbehandlungsangst und deren Folgen

Zahnbehandlungsangst ist je nach Alter und Entwicklungsstand abhängig vom familiären Umfeld, bereits durchlebten Erfahrungen beim ersten Kontakt mit fremden Personen, unbekannten Geräten oder neuen Geräuschen, eventuell vorhandenen akuten Zahnproblemen oder der bisherigen Schmerzerfahrung [8]. Sie ist bei bis zu 30% aller zahnärztlichen Patienten in verschiedenen Formen zu beobachten [7].
Strategien der Angst- und Schmerzbewältigung sind umso weniger ausgeprägt, je jünger der Patient ist. Ältere Kinder mit negativer Vorgeschichte zeigen erhöhte Stressparameter durch die Vermischung von Angst und Schmerzempfinden [8]. Der Hippocampus wird durch den hohen Cortisol-Spiegel negativ beeinflusst, sodass in einer angstbesetzten Situation neue Lernerfahrungen blockiert werden. Die Amygdala (Teil des Limbischen Systems, „Mandelkern“), die für die emotionale Kodierung von Ereignissen zuständig ist, verbucht selbst neutrale Erfahrungen als unangenehm [8], was in der Folge die weitere zahnärztliche Behandlung erschwert. Um für eine qualitativ hochwertige und nachhaltige zahnärztliche Versorgung die notwendige Kooperation bei Kindern mit negativer Vorgeschichte oder jungen, ängstlichen Kindern herzustellen, sind die „soft skills“ Empathie und Geduld nicht bei jedem Behandler und in jeder Situation in ausreichendem Maß vorhanden. Es kommt daher relativ häufig vor, dass notwendige Behandlungen unterbleiben.
Dies spiegelt sich auch in den Zahlen der aktuellen Erhebung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege (DAJ) für das Jahr 2016 wider: Knapp 14% der 3-jährigen Kinder hatten schon Karieserfahrung, durchschnittlich 3,5 Zähne waren von Karies betroffen und der Sanierungsgrad von 27% muss als unzureichend beurteilt werden [6]. Zudem wies fast jeder zweite Grundschüler bei der Einschulung Karies an den Milchzähnen auf. Diese Kinder waren zu einem Drittel mit 4 bis 5 Zähnen betroffen, aber nur zur Hälfte saniert.
Primär behandlungsunwillige Kinder werden schlussendlich häufig unter Narkose behandelt, wobei die dentalen Probleme der jungen Patienten zwar gelöst werden, eine Gewöhnung an zahnärztliche Maßnahmen jedoch unterbleibt. Wenn die Narkosebehandlung bei strenger Indikationsstellung für akute Fälle reserviert bleiben soll, wie die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) in ihrer Stellungnahme schreibt [16], müssen patientengerechte Alternativen, wie die Verhaltensführung, die zahnärztliche Kinderhypnose oder die Lachgassedierung, zum Einsatz kommen.

Verhaltensführung unterstützt die Behandlung

  • Abb. 2: Dieser Patient kennt das Team schon länger und ist völlig entspannt, weil er sich in guten Händen weiß. Die Haltung beider Hände lässt erkennen, dass momentan eine kleine Trance stattfindet.

  • Abb. 2: Dieser Patient kennt das Team schon länger und ist völlig entspannt, weil er sich in guten Händen weiß. Die Haltung beider Hände lässt erkennen, dass momentan eine kleine Trance stattfindet.
    © von Gymnich
Im englischsprachigen Raum ist das „behaviour management“ seit Jahrzenten für die zahnärztliche Kinderbehandlung in den Praxisablauf integriert. Erprobte Verfahren, die auf wissenschaftlichen Grundlagen basieren, helfen, das erwünschte Zielverhalten der Patienten zu entwickeln und so eine qualitativ hochwertige zahnärztliche Versorgung durchzuführen. Durch die Basistechniken der Verhaltensführung lernen die Kinder den Ablauf der Behandlung kennen, entwickeln die entsprechende Kooperation und können diese für eine altersgerechte Zeitspanne aufrechterhalten [3].
Sind die Verhaltensregeln bereits vor dem Erstkontakt bekannt, z.B. durch einen Elternbrief oder die Webseite, und wird nach der Untersuchung gemeinsam mit den Eltern ein Behandlungskonzept zum Wohle des Kindes erstellt, entsteht eine tragfähige Behandlungsallianz. Jetzt muss das Team in der Lage sein, angemessen auf den Entwicklungsstand des Kindes, sein Temperament und seine Einstellung zur bevorstehenden Behandlung einzugehen und eine entspannte Atmosphäre herzustellen, in der das Kind kooperiert und vertrauensvoll und selbstbewusst interagiert. Erwünschtes Verhalten wird stets gefördert; mit Empathie, Toleranz und Flexibilität wird der junge Patient durch die Behandlung geführt. Furcht und Angst werden dadurch reduziert, das Verständnis für die Notwendigkeit der Behandlung und die Bedeutung der eigenen Mundgesundheit wächst. Dabei handelt es sich um einen höchst komplexen Vorgang, der als Kontinuum aller beteiligten Personen zu verstehen ist und je nach Erfahrung des Teams und nach aktuellem Entwicklungsstand des Patienten variiert. Um Behandlungsabbrüche zu vermeiden, sollten situationsabhängige Kompromisse bereitgehalten werden [3].
  • Abb. 3: Diese kleine Patientin befindet sich durch die Fokussierung auf den Zauberstab in einer leichten Trance und ist so von den Vorgängen im Mund völlig abgelenkt.

  • Abb. 3: Diese kleine Patientin befindet sich durch die Fokussierung auf den Zauberstab in einer leichten Trance und ist so von den Vorgängen im Mund völlig abgelenkt.
    © von Gymnich
Die Basistechniken der Verhaltensführung dürften allgemein bekannt sein: Tell-show-do zur Demonstration der Abläufe, Voice-Control als verbale Führung zur Durchsetzung der Regeln, dabei begleitend der nonverbale Einsatz von Körpersprache und Mimik. Direkter Körperkontakt trägt zur positiven Verstärkung bei. Auch die Fokussierung „weg von“ oder „hin zu“ der Behandlung hat bereits hypnotische Potenz, erkennbar an spontan auftretenden Trancezeichen (Abb. 2 u. 3). So kann die Behandlung von einem erfahrenen Team meist in entspannter Atmosphäre und völlig angstfrei durchgeführt werden.

Lachgas und Verhaltensführung

Neben der Verhaltensführung bei der zahnärztlichen Behandlung ist zur Angst- und Schmerzkontrolle bisweilen zusätzlich der Einsatz pharmakologischer Unterstützung erforderlich. Erfolgen Maßnahmen, bei denen sich der Patient ruhig verhalten soll oder die zu den unangenehmeren Prozeduren zählen, wirkt die Lachgassedierung unterstützend und ist in den zu erwartenden Effekten gut vorhersagbar.

  • Abb. 4: Aurika, 5 Jahre, fühlt sich mutig durch Unterstützung von Lilly, dem kleinen Lachgasdrachen.

  • Abb. 4: Aurika, 5 Jahre, fühlt sich mutig durch Unterstützung von Lilly, dem kleinen Lachgasdrachen.
    © von Gymnich
Besteht keine besondere Dringlichkeit der Behandlung, lassen sich ängstliche Kinder ohne Verhaltensprobleme oft bereitwillig mithilfe der Lachgassedierung behandeln, besonders wenn sie noch keine zahnärztliche Vorerfahrung haben. Die Anxiolyse (= Beseitigung von Angst) in Verbindung mit der entsprechenden Verhaltensführung und einer altersgerechten Vorgehensweise hilft bereits Kindergartenkindern, aber auch älteren, ängstlichen Patienten, die Behandlung gut zu bewältigen (Abb. 4).

Bindeglied zwischen Verhaltensführung und Sedierung

In der aktualisierten Richtlinie der American Academy of Pediatric Dentistry (AAPD) von 2011 zur Verhaltensführung von Patienten in der Kinderzahnheilkunde wird die Anxiolyse durch die Anwendung der Lachgas-Sauerstoff-Inhalation bei den Basistechniken der Verhaltensführung aufgeführt [3]. Auch die zweite Richtlinie der AAPD über den Einsatz der minimalen, moderaten und tiefen Sedierung und der Vollnarkose in der Kinderzahnheilkunde stellt fest, dass die inhalative Sedierung, bei der über eine Nasenmaske ein Lachgas-Sauerstoff-Gemisch als alleiniges Sedativum oder in Verbindung mit Lokalanästhesie verabreicht wird, nicht zu den Sedierungstechniken gerechnet wird [2]. Die Anxiolyse mittels Lachgassedierung schließt die therapeutische Lücke zwischen der verbalen Verhaltensführung und der moderaten Sedierung mit oral verabreichten Medikamenten, wie z.B. Dormicum [18]. Nachdem Anamnese, Befund und Diagnose erhoben wurden und die Lachgassedierung als unterstützende Methode für die Behandlung feststeht, verfügt der Behandler hier über „…eine sichere und erfolgreiche Technik, die Angst reduziert und eine effektive Kommunikation unterstützt.“ [3] (weitere Aspekte zur „Sicherheit der Lachgasanwendung“ s.u.).
Durch die Anxiolyse werden bei einem wachen Patienten die Angst und die Schmerzreaktion abgeschwächt oder beseitigt, das Bewusstsein bleibt dabei jederzeit erhalten. Die Reaktion auf Anweisungen erfolgt angemessen, sämtliche Vitalparameter sind stabil, die Schutzreflexe funktionieren normal, die Mobilität des Patienten nach Ende der Behandlung entspricht seinem Zustand vor Beginn derselben [4].
Wir verwenden seit 1999 täglich mehrfach Lachgas in unserer Kinderzahnarztpraxis. Es erhöht die Kooperation der ängstlichen Patienten in unserer Praxis bei vollständig erhaltenem Bewusstsein und kompetenten Schutzreflexen. Die Bedeutung, die dabei der Verhaltensführung mittels hypnotischer Sprachmuster bei diesem Verfahren zukommt, sollte nicht unterschätzt werden und fordert vom Anwender ein gewisses Maß an Erfahrung [15]. So vermitteln wir individuelle Bewältigungsstrategien und eine langfristig positive Einstellung zur Behandlung. Eine Untersuchung von Veerkamp et al. belegt, dass sehr ängstliche Kinder, die mithilfe der Lachgassedierung behandelt wurden, über durchschnittlich 72 Monate signifikant niedrigere Angstlevel zeigten als die Kinder, die während der Behandlung ausschließlich mit Verhaltensführung begleitet wurden [23].

Die praktische Durchführung einer Lachgasbehandlung

Eine gute Vorbereitung auf die Behandlung mit der „Kichernase“ ist von Vorteil, hier tragen praxisindividuelle Flyer dazu bei, Befürchtungen abzubauen. Die unmittelbare Wirkung und die objektiven Anzeichen der Sedierung sollten erklärt werden, weil sich Patienten während der Lachgasanwendung anders als gewohnt verhalten und unter Umständen eine Viertelstunde kommentar- und regungslos die Behandlung durchführen lassen. Uninformierte Eltern neigen dann dazu, in reibungslose Abläufe einzugreifen, was Störungen bis zum Behandlungsabbruch zur Folge haben kann.
Deswegen ist es wichtig, Eltern vor der Behandlung umfassend zu informieren. Durch das reduzierte Schmerzempfinden kann oft eine örtliche Betäubung vermieden werden, besonders wenn zusätzlich die zahnärztliche Kinderhypnose angewendet wird. Die Kinder sind dann deutlich entspannt, bewegungsreduziert und antworten auf Fragen zeitverzögert. Es können spontane Trancezeichen auftreten und während der ganzen Behandlung anhalten, ein absolut positiver und begrüßenswerter Effekt. Eltern sollten außerdem wissen, dass Streicheln die Kinder stört, sie das ruhige Auflegen einer Hand jedoch oft als Unterstützung schätzen. Durch das veränderte Zeitempfinden kann – bei entsprechender Erfahrung des Teams – die individuelle Behandlungsdauer der Patienten ausgedehnt werden, ohne sie zu überfordern.

  • Abb. 5: Die Kinder sind von der Größe der Lachgas- und Sauerstoff-Flaschen und der technischen Installation beeindruckt.

  • Abb. 5: Die Kinder sind von der Größe der Lachgas- und Sauerstoff-Flaschen und der technischen Installation beeindruckt.
    © von Gymnich
Wenn der junge Patient während des ersten Termins bei altersgemäßer Kooperation untersucht werden konnte und der Befund für eine Lachgasbehandlung geeignet erscheint, wird die Familie, wie oben beschrieben, über die Methode informiert. Unvoreingenommene Kinder dürfen die Nasenmaske gleich zur Probe aufsetzen, zurückhaltende suchen sich ihren Lieblingsduft aus und bekommen die Nasenmaske zum Üben mit nach Hause. Wird zufällig in einem benachbarten Zimmer eine Lachgasbehandlung durchgeführt, kann ein kurzer Blick auf den gut gelaunten Patienten zur allgemeinen Beruhigung beitragen. Technisch interessierte Kinder dürfen einen Blick in den Sicherheitsschrank werfen (Abb. 5).
Am Tag der Behandlung wird noch einmal kurz der aktuelle Gesundheitszustand abgefragt und die Eltern unterschreiben die Einverständniserklärung für die Lachgasbehandlung, die als Wunschleistung praxisindividuell abgerechnet wird. Der junge Patient bekommt die Maske auf die Nase gesetzt, schließt idealerweise den Mund und atmet ab jetzt nur noch durch die Nase ein und aus, während der Sauerstoff-Flow mit 100% bei etwa 5 l/min aufgedreht und das Scavenging-System gestartet wird. Manchmal muss die korrekte Nasenatmung noch kurz geübt werden (Abb. 6), gleichzeitig kann man das kleine Pulsoximeter vorstellen und am Finger anbringen, um die Ausgangswerte abzulesen und in der Akte zu notieren (Abb. 7).
  • Abb. 6: Diese kleine Patientin demonstriert, dass sie die Nasenatmung einwandfrei beherrscht: Dann kann es ja losgehen!
  • Abb. 7: Den kleinen Pulsoximeter-Gummibär lassen die Kinder gerne während der Behandlung auf ihrem Zeigefinger sitzen und sich dort ausruhen.
  • Abb. 6: Diese kleine Patientin demonstriert, dass sie die Nasenatmung einwandfrei beherrscht: Dann kann es ja losgehen!
  • Abb. 7: Den kleinen Pulsoximeter-Gummibär lassen die Kinder gerne während der Behandlung auf ihrem Zeigefinger sitzen und sich dort ausruhen.


Die Titration von Lachgas bis zum gewünschten Entspannungszustand erfolgt unter Beobachtung des Atemreservoir-Beutels, der nie ganz leer oder ganz voll sein sollte. Bei einer individuell optimalen Sedierung erfolgt auf Anweisungen stets eine adäquate Reaktion. Die entsprechenden Entspannungszeichen können beobachtet werden, der Patient fühlt sich wohl (Abb. 8), seine Augenbewegungen verlangsamen sich gegebenenfalls, es kann ein leicht glasiger Blick auftreten [4,11,19]. Im Laufe der Behandlung kann der anfänglich höher angesetzte Lachgaswert individuell reduziert werden, wenn zum Beispiel die „Spritze“ erfolgreich gegeben wurde und danach „nur noch gebohrt“ werden muss.
  • Abb. 8: Ein zufriedener Patient mit allerbester Laune.

  • Abb. 8: Ein zufriedener Patient mit allerbester Laune.
    © Baldus Medizintechnik
Äußerst selten beobachten wir objektive Anzeichen, die auf eine mögliche Überdosierung hindeuten können, wie Stirnrunzeln, zunehmende Blässe der Lippen, plötzliche Unruhe, Veränderung der Atemfrequenz und/oder der Atemtiefe, kleine Schweißperlen auf Nase, Stirn und Oberlippe oder eine plötzliche Zunahme der Herzfrequenz (Pulsoximeter). Subjektiv äußert der Patient Unwohlsein, Schwindel und beginnende Übelkeit, er klagt über beginnenden Kopfschmerz oder unangenehmes Kribbeln in den Extremitäten. Die Behandlung wird sofort unterbrochen und 100%iger Sauerstoff zugeführt, um den Patienten wieder in einen guten Zustand zu versetzen. Akute Nebenwirkungen wie Erbrechen sind daher bei aufmerksamer Beobachtung und zeitnaher Reaktion äußerst selten (0,5%) [19].

Selbstverständlich wird die Behandlung immer am Stück durchgeführt und der Patient ist währenddessen zu keinem Zeitpunkt unbeobachtet oder alleine im Zimmer. Gegen Ende, beispielsweise bei der Füllungspolitur, wird der Sauerstoffanteil wieder auf 100% erhöht, wodurch das Lachgas binnen 5 Minuten komplett abgeatmet und eine sogenannte „Diffusionshypoxie“* sicher vermieden wird. Der Endwert auf dem Pulsoximeter wird in der Akte notiert, ebenso die verwendete Lachgaskonzentration und das Verhalten während der Behandlung [24]. Nach dem langsamen Aufsetzen wird der Patient ausdrücklich für die tolle Zusammenarbeit gelobt und darf sich zur Belohnung sein kleines Geschenk aussuchen. Idealerweise verlässt danach eine höchst zufriedene Familie die Kinderzahnarztpraxis und freut sich auf den nächsten Termin.

Sicherheit der Lachgasanwendung

Die Lachgasanwendung ist eine sehr sichere Methode. Bei richtlinienkonformer Anwendung und Beibehaltung empfohlener Konzentrationen sind keine schweren Zwischenfälle bei Lachgasbehandlungen bekannt. Zier und Liu, die Daten von 1.585 Patienten (0,2 bis 17 Jahre, MW 5,2 Jahre) auswerteten, die über eine Nasenmaske während pädiatrischer Maßnahmen sediert wurden, konnten nachweisen, dass 98,1% der Behandlungen mit bis zu 50% N2O ohne Nebenwirkungen durchgeführt werden konnten [26]. Bei 5.779 Patienten (33 Tage bis 18 Jahre, MW 5,0 Jahre), die mit Konzentrationen bis zu 70% sediert wurden, blieben 95,7% der Behandlungen ohne Nebenwirkungen: „Nitrous oxide seems safe for children of all ages“ [25]. Die Lachgassedierung ist die einzige sichere Sedierungsmethode, die sich ohne Anwesenheit eines Anästhesisten einsetzen lässt und die sowohl in ihrer Länge als auch in ihrer Tiefe den Bedürfnissen des Patienten angepasst werden kann [11].
Nationale und internationale Richtlinien und Stellungnahmen bestätigen die Sicherheit der Lachgasanwendung für die Kinderzahnbehandlung. So hat eine gemeinsame nationale Stellungnahme im Jahr 2013** die klinischen Grundlagen des Einsatzes von Lachgas sowie die dazu notwendigen organisatorischen, personellen und technischen Voraussetzungen nebst Indikationen und Kontraindikationen dargestellt. Vor diesem Hintergrund ist die Lachgasanwendung aus der Sicht der Deutschen Gesellschaft für Anästhesie und Intensivmedizin vertretbar [21].
Die aktuelle Expertise der European Society of Anaesthesiology (ESA) kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass N2O von entsprechend gut ausgebildeten Nichtanästhesisten sicher angewendet werden kann [13]. Die American Society of Anesthesiologists (ASA) definiert die alleinige Verwendung eines N2O-Gemisches bis 50% als „minimal sedation“ mit „minimal risks“. Lediglich ein Lokalanästhetikum darf vom Zahnarzt (= Non-Anesthesiologist) zusätzlich gegeben werden [5]. Die Sedierung mit Lachgas wird bei vorschriftsmäßiger technischer Ausrüstung und fachgerechter Anwendung für die Kinderbehandlung ausdrücklich empfohlen und kann ohne einen Anästhesisten durchgeführt werden [5,9], auch Nüchternheit ist nicht vorgeschrieben [4]. Zwischenfälle sind selten und leicht zu beheben, das Behandlungsrisiko ist als gering einzustufen [9].
Auch die European Academy of Paediatric Dentistry (EAPD) unterstreicht in ihren Richtlinien zur Sedierung in der Kinderzahnheilkunde die Sicherheit und leichte Anwendbarkeit der Lachgassedierung und empfiehlt sie als bevorzugte Sedierungsart für die Kinderzahnheilkunde. In Verbindung mit einer Lokalanästhesie kann die Lachgassedierung eine mögliche Alternative zu einer Behandlung in Vollnarkose darstellen [14], die mit erhöhtem personellem und organisatorischem Aufwand einhergeht [18] und für den Patienten ein entsprechend größeres Risiko beinhaltet.
Auf die Bedeutung einer fundierten Ausbildung weist der Council of European Dentists (CED) in seiner Entschließung „Anwendung der inhalativen Lachgassedierung in der Zahnmedizin“ hin [7]. In einem 2-tägigen Kurs müssen sämtliche theoretischen und praktischen Grundlagen vermittelt und durch gegenseitige Sedierungsübungen der Umgang mit den Geräten und deren praktische Anwendung trainiert werden.

Indikationen und Kontraindikationen

Die Indikationen und Kontraindikationen gelten für Patienten der ASA-Klasse I (gesunder Patient) oder II (Patient mit leichter Allgemeinerkrankung). Hier ist eine Lachgassedierung problemlos möglich [7,9,11,12] und kann bei sorgfältiger Patientenauswahl in bis zu 90% der Fälle zum Behandlungserfolg führen [7].

Merke: Eine kurze Rücksprache mit dem behandelnden Kinderarzt ist bei einem unklaren Gesundheitszustand vor der geplanten Behandlung in jedem Falle anzuraten.

Indikationen für die Lachgassedierung:

  • Angst und Verunsicherung bei Kindern ab ca. 4 Jahren (auch jünger möglich)
  • Stressprävention (Asthma, leichte Herzerkrankung)
  • geringe Bewältigungskapazität (Alter, Verhalten, Phobie, Spritzenangst)
  • störender Würge- oder Schluckreflex
  • bestimmte geistige oder körperliche Behinderung
  • spezielle Behandlung (Notfall, Trauma, längere Sitzung, kleine Chirurgie) [11,19]

Kinder mit Asthma eignen sich übrigens gut für die Lachgassedierung, da die Angst- und Stressreduktion einem Anfall entgegenwirkt und das Gas zudem die Atemwege nicht reizt [19].

Relative Kontraindikationen für die Lachgassedierung sind:

  • beeinträchtigte Nasenatmung (Schnupfen) oder habituelle Mundatmung
  • starke Erkältung, Sinusitis
  • Otitis media, Mastoiditis
  • erhöhter zerebraler Druck
  • schwere psychische Verhaltensstörungen
  • fehlende Kommunikationsfähigkeit bei schwerer Behinderung
  • nicht substituierter Vitamin-B12-Mangel/Folsäuremangel
  • chronic obstructive pulmonary disease (COPD) (Der Atemantrieb bei Patienten mit COPD wird über den Sauerstoffpartialdruck im Blut gesteuert. Durch den hohen Sauerstoffanteil kann der Atemantrieb vermindert werden oder zum Stillstand kommen [19].)
  • neuromuskuläre Störung (Multiple Sklerose)
  • Chemotherapie durch Bleomycin-Präparate
  • Schwangerschaft im ersten Trimenon (Begleitperson) [11,19]

Absolute Kontraindikationen bestehen bei folgenden, in einer Kinderzahnarztpraxis kaum jemals vorkommenden Gegebenheiten: Pneumothorax, Ileus, kürzlich erfolgte Vitrektomie sowie Drogenabhängigkeit [9,19].

Ausrüstung: Mischgerät und Absaugung

Es dürfen selbstverständlich nur Geräte verwendet werden, die für die zahnärztliche Sedierung konzipiert und geprüft sind. Verschiedene Gerätebetreiber bieten sowohl analoge als auch digitale Geräte an, die Lachgas und Sauerstoff in stufenloser Abfolge mischen und die in verschiedenen Ausführungen als mobile Standgeräte oder als feste Installationen erhältlich sind (Abb. 9–11). Mit dem Mischgerät sollte nicht mehr als 50% N2O verabreicht werden können, somit auch nie weniger als 50% Sauerstoff. Der sogenannte „Nitro Lock“, der verhindert, dass Lachgas ohne Sauerstoff verabreicht wird, muss Bestandteil des Systems sein, ebenso müssen die Anschlüsse der Entnahmestellen eine Verwechselung von Lachgas und Sauerstoff ausschließen („Fail-Safe-System“). Die Raumluftbelastung kann zunächst durch ein geeignetes Absaugsystem reduziert werden. Hier sind fortlaufende Weiterentwicklungen der bestehenden Scavenging-Systeme zu beobachten [24]. Die Belastung der Behandler wird durch neue, gut sitzende autoklavierbare Doppelmaskensysteme weiter reduziert [24].

  • Abb. 9: Analoges Mischgerät der Firma Baldus.
  • Abb. 10: Analoges Standgerät, Hersteller: Tecno gaz.
  • Abb. 9: Analoges Mischgerät der Firma Baldus.
  • Abb. 10: Analoges Standgerät, Hersteller: Tecno gaz.

  • Abb. 11: Scavenging-System mit Durchflusskontrolle.
  • Abb. 11: Scavenging-System mit Durchflusskontrolle.

Als zusätzliche Maßnahme sollte der Patient dazu angehalten werden, möglichst wenig zu sprechen und stetig durch die Nase zu atmen, auch die Anwendung von Kofferdam reduziert den Gas- Ausstrom aus dem geöffneten Mund während der Behandlung. Ein Ventilator hinter dem Kopf des Patienten kann zusätzlich die Ausatemluft vom Behandlungsteam fernhalten, eine Raumlüftung ist nach jedem Patienten zu empfehlen [11]. Werden diese Sicherheitsvorkehrungen eingehalten, ist eine Gefährdung der Behandlungsteams durch erhöhte Lachgaskonzentrationen in der Raumluft nicht gegeben.

Fazit

In der Kinderzahnheilkunde hält die Lachgassedierung für junge oder ängstliche Kinder eine patientenfreundliche Methode bereit, die den Patienten ermöglicht, die Behandlung bewusst und angstfrei zu erleben und gleichzeitig kooperative Strategien und eine positive Einstellung zu zahnärztlichen Maßnahmen zu entwickeln. Das kommt erfreulicherweise auch dem zahnärztlichen Team zugute, das durch die verbesserte Mitarbeit entspannt arbeiten und dadurch qualitativ hochwertige Ergebnisse erzielen kann.


*Definition Diffusionshypoxie: Diffusionshypoxie kann auftreten als Folge eines zu schnellen Übertritts von N2O aus dem Blutstrom in die Alveolen, wodurch dort die Konzentration von Sauerstoff derart verdünnt wird, dass eine Hypoxie auftreten kann. Um dies zu vermeiden, wird nach Absetzen der Lachgaszufuhr 100% Sauerstoff für 3 bis 5 Minuten gegeben, bis das Lachgas vollständig über die Lunge abgeatmet ist [4,19].
**Stellungnahme der Fachverbände aus Anästhesie und Intensivmedizin (Deutsche Gesellschaft für Anästhesie und Intensivmedizin, DGAI), Zahnmedizin (Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, DGZMK) und Kinderzahnheilkunde (Deutsche Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde, DGKiZ).

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Isabell von Gymnich


Weiterführende Links

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