Prophylaxe

Warum Geräte und Pulver aufeinander abgestimmt sein sollten – Polierkelche und Pasten nicht mehr notwendig

AIRFLOW® entwickelt sich zum Stand der Technik

27.11.2018

Abb. 1a–c: Schmelzoberfläche mit Biofilmresten vor der Reinigung (a), nach Politur mit gering abrasiver Paste/weichem Polierkelch (b: Cleanic, RDA-Wert 27/Pro-Cup Soft, beide KerrHawe) und mit Erythritol-Pulver (c: AIRFLOW® PLUS Pulver, E.M.S.).
Abb. 1a–c: Schmelzoberfläche mit Biofilmresten vor der Reinigung (a), nach Politur mit gering abrasiver Paste/weichem Polierkelch (b: Cleanic, RDA-Wert 27/Pro-Cup Soft, beide KerrHawe) und mit Erythritol-Pulver (c: AIRFLOW® PLUS Pulver, E.M.S.).

Bei der professionellen Zahnreinigung (PZR) wird klassischerweise zunächst Zahnstein mit Hand-, Ultraschall- oder Schallinstrumenten entfernt. Anschließend wird die entstehende raue Oberfläche mit rotierenden Kelchen und Bürstchen geglättet. Eine Studie hat jedoch gezeigt, dass dadurch oberflächlicher Schmelz verloren geht, wenn auch in moderatem Ausmaß (Abb. 1a–c) [1]. Dagegen bleibt bei der AIRFLOW® Methode mit der Verwendung von feinkörnigem Pulver die ursprüngliche Schmelzstruktur erhalten.

Wenn AIRFLOW® mit geeigneten Produktsystemen durchgeführt wird, lässt sich die oben beschriebene PZRAbfolge vereinfachen und verkürzen: Nach dem Anfärben im Rahmen der Mundhygiene-Instruktion („Guided“ Biofilm Therapy) werden zunächst alle Zahnoberflächen und zusätzlich Gingiva, Zunge und Gaumen mit einem gering abrasiven Pulver gereinigt (Abb. 2). Anschließend ist verbleibender Zahnstein besser erkennbar, sodass sich Ultraschall gegebenenfalls schneller und effektiver anwenden lässt.

  • Minimalinvasive Pulver können ohne Risiko zur Weichgewebsreinigung eingesetzt werden.
  • Abb. 3: AIRFLOW® mit feinkörnigem Pulver eignet sich auch sehr gut für die Reinigung um festsitzende kieferorthopädische Apparaturen.
  • Minimalinvasive Pulver können ohne Risiko zur Weichgewebsreinigung eingesetzt werden.
  • Abb. 3: AIRFLOW® mit feinkörnigem Pulver eignet sich auch sehr gut für die Reinigung um festsitzende kieferorthopädische Apparaturen.

Dieses Vorgehen ist allerdings nur mit speziellen Pulvern möglich und entsprechend dokumentiert. So ist das von E.M.S. (Electro Medical Systems, CH-Nyon) empfohlene Produkt auf Erythritol- Basis (AIRFLOW® PLUS Pulver) besonders feinkörnig (14 μm); Dentin, Wurzeloberflächen und Weichgewebe werden nachweislich geschont [2]. Daher lässt es sich auch auf Zahnhälsen sowie subgingival sicher anwenden.

Sehr gut eignet sich Erythritol-Pulver für PZR und andere Maßnahmen bei Kindern und Jugendlichen, auch auf Milchzahnschmelz [3] und Multiband-Apparaturen (Abb. 3) [4,5]. Erythritol ist ein angenehm schmeckender Zuckeralkohol, der bei regelmäßigem Einsatz eine sehr gute kariespräventive Wirkung hat [6]. Nur bei starken Verfärbungen wird – auf gesunden Schmelzoberflächen – ein stärker abrasives Pulver auf Natriumbikarbonat- Basis verwendet. Auch hierfür stehen Produkte mit reduzierter Korngröße zur Verfügung (z.B. AIRFLOWCLASSIC Comfort Pulver mit 40 μm) (Abb. 4a–c) [7].

  • Abb. 4a–c: Schmelzoberfläche nach 5 Sekunden AIRFLOW® mit unterschiedlichen Pulvern (links: Kalziumkarbonat; Mitte: Erythritol; rechts: Natriumbikarbonat 65 μm)
(REM-Aufnahmen x2.000).
  • Abb. 4a–c: Schmelzoberfläche nach 5 Sekunden AIRFLOW® mit unterschiedlichen Pulvern (links: Kalziumkarbonat; Mitte: Erythritol; rechts: Natriumbikarbonat 65 μm) (REM-Aufnahmen x2.000).
    © Caren Barnes [7]

Parodontale und periimplantäre Anwendung

Mit entsprechend ausgestatteten AIRFLOW® Systemen lässt sich bei vielen Patienten das gesamte Biofilm-Management in PZR und parodontaler Erhaltungstherapie (UPT) durchführen [8]. Die subgingivale Anwendung wurde ab Ende der 1990er-Jahre von E.M.S. entwickelt und in publizierten klinischen Studien dokumentiert [9–13]. Im Jahr 2003 kam die Methode mit den zugehörigen Perio-Aufsätzen auf den Markt, zunächst in Kombination mit einem speziell dafür entwickelten, gering abrasiven Pulver auf Glyzin-Basis (AIRFLOW® PERIO). Heute kann das in dieser Indikation ebenfalls gut untersuchte Erythritol-Pulver verwendet werden, sodass während der Recall-Sitzung kein Wechsel der Pulversorten notwendig ist [14,15].

  • Abb. 5: Parodontales Debridement erfolgt mit speziellen Düsen oder Einmal-Aufsätzen, über die geeignete feinkörnige Pulver appliziert werden.
  • Abb. 6: Auch für die Reinigung von Implantatoberflächen und Suprastrukturen kann AIRFLOW® eingesetzt werden, wiederum mit entsprechend schonenden Pulvern.
  • Abb. 5: Parodontales Debridement erfolgt mit speziellen Düsen oder Einmal-Aufsätzen, über die geeignete feinkörnige Pulver appliziert werden.
  • Abb. 6: Auch für die Reinigung von Implantatoberflächen und Suprastrukturen kann AIRFLOW® eingesetzt werden, wiederum mit entsprechend schonenden Pulvern.

Im parodontalen Recall lässt sich der Biofilm allein mit dafür geeigneten AIRFLOW® Geräten und Pulvern sicher und effektiv entfernen (Taschen bis 9 mm ohne akute Entzündung/Pus) (Abb. 5) [9,16]. Die Methode ist besonders patientenfreundlich [17] und könnte sich zum Standard in der UPT entwickeln [18]. Aus gegebenem Anlass ist darauf zu achten, dass die Indikation vom Anbieter ausdrücklich freigegeben (siehe Gebrauchsanleitung) und möglichst auch klinisch dokumentiert ist (Anbieter fragen). Zunehmend bedeutsam wird AIRFLOW® auch für die periimplantäre Belagsentfernung (Abb. 6). Dafür eignen sich wiederum Perio-Düsen oder -Aufsätze, in Kombination mit subgingivalen Pulvern [19–23]. Nach einem systematischen Review werden bei Periimplantitis Blutungsindizes mit AIRFLOW® signifikant besser reduziert als z.B. mit Karbonküretten oder Laser [24]. Auch hier ist es empfehlenswert, vor Auswahl eines Produktsystems auf entsprechende klinische Nachweise zu achten.

Pulver ist nicht gleich Pulver

Der Begriff Airpolishing steht für Abstrahlen (wörtlich „Luftpolieren“) mit druckbeschleunigten Luft-Pulver-Wasser-Gemischen und kann synonym mit AIRFLOW® verwendet werden. Ursprünglich entwickelt für die Kavitätenpräparation, wird die Technik seit Ende der 1970er-Jahre überwiegend in der Prophylaxe eingesetzt. Zu den Pionieren in diesem Bereich gehören Dentron (USA) und das Schweizer Unternehmen E.M.S. Supragingivales AIRFLOW® galt lange Zeit als invasiv und unsauber. Bei korrektem Anstellwinkel und guter Absaugung funktionieren moderne Systeme schonend und dabei effektiv. Auch hygienisch sind sie weitgehend unproblematisch.

Wie oben bereits anklingt, ist AIRFLOW® aber nur sicher, wenn geeignete Pulver verwendet werden. So zeigte eine europaweite Umfrage bei Zahnärzten und Dentalhygienikerinnen, dass etwa jeder zweite subgingival mit abrasiven Pulvern für die PZR arbeitet [25]. Auch einige Produkte für die supragingivale Anwendung sind zu invasiv. Sie erzeugen relativ raue Oberflächen oder sogar Krater im Schmelz, Dentin oder in Restaurationsmaterialien. Das gilt laut Studien z.B. für ein perlenförmiges Kalziumkarbonat- und ein Kalzium-Natrium-Phosphosilikat-Pulver [3,7,26].

Ob ein Pulver sanft oder eher invasiv wirksam ist, hängt primär von der Größe, dem spezifischen Gewicht und der Härte der Partikel ab [27]. Verdoppelt sich etwa der Durchmesser eines Pulverpartikels, so verachtfachen sich sein Volumen und dadurch die kinetische Energie. Die am weitesten entwickelten Produkte haben einen durchschnittlichen Durchmesser von nur noch 14 μm (AIRFLOW® PLUS Pulver), bei sehr homogener Größenverteilung, und sind entsprechend sanft zu allen oralen Oberflächen. Ist zugleich die Wirksamkeit nachgewiesen, können diese Pulver als besonders geeignet gelten.

Auf Kompatibilität achten

Weiterhin bedeutsam sind der eingestellte Gerätedruck und eine ausreichende Wassermenge (möglichst maximal). Hinzu kommt ein korrekter Aufprallwinkel der Partikel, der 30 bis 60 Grad beträgt. Die Düsenöffnung sollte bei supragingivaler Anwendung 3–5 mm von der Zahnoberfläche entfernt sein. Bei Verwendung geeigneter feinkörniger Pulver wird die Düse dabei auch in Richtung Sulkus gerichtet. Dadurch gelingt bei der PZR eine Reinigung bis in den leicht subgingivalen Bereich (laut E.M.S. bis zu 4 mm) [16]. Praktische Schulungen und detaillierte Informationen zur Guided Biofilm Therapy bietet die Swiss Dental Academy.

AIRFLOW® Tischgeräte haben gegenüber Handstücken, die über den Turbinenanschluss angewendet werden, verschiedene Vorteile: So ist – v.a. bei Geräten der neuesten Generation – eine bessere Verwirbelung von Luft und Pulver sichergestellt. Der Pulververbrauch ist nach Herstellerinformationen geringer als bei Handys. Für ein gutes Ergebnis müssen die Systeme regelmäßig gewartet werden. Gerät und Pulver sollten zudem exakt aufeinander abgestimmt sein. Werden nicht geeignete Pulver verwendet, kann die Hardware Schaden nehmen.

Medizinische Risiken?

Als mögliche Nebenwirkung von AIRFLOW® werden in Falldarstellungen Emphyseme genannt [28]. Diese laut Literatur seltenen Komplikationen scheinen v.a. bei ungeeigneter Kombination luftgetriebener Handstücke (Turbinenanschluss) mit nicht darauf abgestimmten Pulvern aufzutreten [29]. Bei korrekter Anwendung lassen sich Emphyseme mit hoher Wahrscheinlichkeit vermeiden.

Eingesetzte Pulver, v.a. für subgingivales AIRFLOW®, sollten für optimale Biokompatibilität wasserlöslich sein [27]. Aber auch andere Faktoren sind klinisch möglicherweise bedeutsam. So steht die in einem neuen, feinkörnigen Pulverprodukt enthaltene Trehalose im Verdacht, bei Risikopatienten schwere Magen-Darm- Infektionen zu begünstigen. Das auch für Lebensmittel zugelassene Disaccharid wird durch spezielle Stämme des Problemkeims Clostridium difficile verstoffwechselt [30].

Ob diese Beobachtungen für das orale Biofilm-Management relevant sind, ist nach Autorenkenntnis nicht geklärt. Ein gewisser Anteil des Pulvers könnte aber durchaus in den Darm gelangen und dort bei prädisponierten Patienten zu Problemen führen. Es scheint daher sicherer, auf bewährte Produkte auf Basis von Glyzin oder Erythritol zurückzugreifen.


EU-Medizinprodukte-Verordnung: Erweiterte klinische Nachweispflicht 

Nach der im vergangenen Jahr verabschiedeten Medical Device Regulation (MDR) müssen Anbieter ab dem Jahr 2020 klinische Daten zu ihren Medizinprodukten umfangreicher erheben als bisher. Ohne eigene Studien werden Unternehmen dann kaum noch in der Lage sein, Medizinprodukte auf den Markt zu bringen. 

Referenzprodukte im Bereich AIRFLOW® stammen meist von E.M.S. Das Unternehmen bemüht sich nach eigenen Angaben, alle Indikationen wissenschaftlich abzusichern und seine Produktsysteme nur bei günstigen klinischen Ergebnissen entsprechend zu vermarkten. Dies ist aufgrund der Vielzahl publizierter Studien, für die E.M.S.-Produkte verwendet wurden, gut nachvollziehbar.


Zusammenfassung

  • AIRFLOW® (Airpolishing) gilt heute als sichere, dabei effektive und hygienische Methode.
  • Voraussetzung sind aufeinander abgestimmte Geräte und Pulver und deren korrekte Anwendung.
  • Wichtigste Indikationen sind PZR, parodontale Erhaltungstherapie und die Reinigung von Implantaten und Suprastrukturen.
  • Auf Dentin und Wurzeloberflächen sollten nur klinisch geprüfte, feinkörnige Pulver verwendet werden.
  • Rotierende Bürstchen und Kelche mit Polierpasten sind nicht mehr erforderlich (Alternative „Guided Biofilm Therapy“).
  • Im Patienteninteresse sollte auf Biokompatibilität und wissenschaftliche Dokumentation geachtet werden.

Dr. Jan H. Koch

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