Parodontologie


Schwere chronische Parodontitis – einfach oder komplex

Mehr als jeder zweite Erwachsene in Deutschland hat eine chronische Parodontitis.
Mehr als jeder zweite Erwachsene in Deutschland hat eine chronische Parodontitis.

Mehr als jeder zweite Erwachsene in Deutschland hat eine chronische Parodontitis. Insbesondere bei schweren Verlaufsformen kann das frühzeitige Einleiten geeigneter Maßnahmen zum Therapieerfolg führen und einen drohenden Zahnverlust verhindern. Bei alleiniger Parodontitis-Diagnose hat sich das im Folgenden beschriebene Behandlungsschema bewährt. Sobald weitere behandlungsbedürftige Befunde vorliegen, müssen Therapieplanung und -verlauf mit den entsprechenden Fachdisziplinen koordiniert werden.

Über 10% der Betroffenen in Deutschland leiden an einer schweren Verlaufsform der chronischen Parodontitis, bei der ein Attachmentverlust von über 5 mm vorliegt und die unbehandelt zum Zahnverlust führen kann [1–3]. Aufgrund der Schwere der Verlaufsform ist ein frühes Handeln geboten, wodurch die Wahrscheinlichkeit für einen langfristigen Zahnerhalt steigt. Im Fokus steht hier eine konsequente Präventionsstrategie in der allgemeinzahnärztlichen Praxis mit regelmäßiger Untersuchung des parodontalen Zustands aller Patienten. Gegebenenfalls kann dann durch korrekte Diagnosestellung und entsprechende Therapie rechtzeitig eingegriffen werden.

Gemessen an der aktuellen Bevölkerungszahl, den in der DMS V präsentierten Zahlen zur Prävalenz der Parodontitis und den tatsächlich in Deutschland durchgeführten ca. 1 Mio. PA -Behandlungen jährlich [4], zeigt sich ein großer Bedarf der Versorgung schwerer Verlaufsformen chronischer Parodontitis. Die der generalisierten schweren chronischen Parodontitis zugrunde liegende Ätiologie unterscheidet sich kaum von der einer leichten oder moderaten Verlaufsform. Der Schwerpunkt der Therapie liegt auch hier auf den durch Patient und Behandler beeinflussbaren Ursachen und Risikofaktoren. Die mechanische Biofilm- und Konkremententfernung sowie eine Senkung der Risiken, wie z.B. Optimierung der Mundhygiene und Rauchentwöhnung, stellen daher auch bei der schweren chronischen Verlaufsform den Hauptteil der Therapie dar und machen eine schwere chronische PA in der täglichen Praxis behandelbar.

Sobald zusätzlich zu der Parodontitis weitere Diagnosen wie Karies, chronische apikale Parodontitiden, Funktionsstörungen und/oder eine Verletzung der biologischen Breite gestellt werden, muss zum bewährten Schema weitere Therapie koordinativ hinzukommen. Ein multidisziplinärer Ansatz ist gefragt, der für Behandler und Patient zur Herausforderung werden kann. Eine systematische, interdisziplinäre Planung und Herangehensweise führt aber auch in solchen Fällen zum positiven Therapieergebnis. Die im Folgenden vorgestellten Beispiele zeigen, dass bereits bei Diagnosestellung kommuniziert werden kann, ob ein einfacher, isoliert parodontaler oder ein komplexer, herausfordernder Behandlungsfall vorliegt.

Diagnosestellung

Allen therapeutischen Interventionen geht eine umfassende Diagnostik voran. Nur mittels Erhebung der allgemeinen und speziellen Anamnese und der Aufnahme aller relevanten Befunde können die korrekten Diagnosen gestellt werden (Diagramm 1). Neben der Aufnahme des Zahnstatus, Erstellung eines Funktionsstatus und bildgebenden Verfahren ist die Erstellung eines Fotostatus für die weitere Planung hilfreich. Im Zentrum der parodontalen Diagnostik stehen die Erfassung der Sondierungstiefen und Rezessionen zur Ermittlung des Attachmentverlustes, die Erfassung betroffener Furkationen, die Dokumentation der Lockerungsgrade sowie die radiologische Beurteilung des Knochenverlaufs. 

Die Erhebung der Sondierungsblutung kann zu Beginn der Therapie Aufschluss über den lokalen Entzündungszustand geben. Zur Vermeidung falsch positiver Ergebnisse sollte jedoch auf die Verwendung einer grazilen Sonde, sowie die Einhaltung der Sondierungskraft von 0,2N Wert gelegt werden (2). Auch, dass es bei Rauchern zu einem verringerten BOP kommen kann, sollte in die Bewertung einbezogen werden (3).

  • Diagramm 1: Die Befundung läuft bei jedem Patienten nach standardisiertem Schema ab. Alle relevanten Diagnosen werden dem Patienten anschließend im persönlichen Gespräch erläutert.
  • Diagramm 2: Therapieplanung bei der alleinigen Diagnose „generalisierte schwere chronische Parodontitis“.
  • Diagramm 1: Die Befundung läuft bei jedem Patienten nach standardisiertem Schema ab. Alle relevanten Diagnosen werden dem Patienten anschließend im persönlichen Gespräch erläutert.
  • Diagramm 2: Therapieplanung bei der alleinigen Diagnose „generalisierte schwere chronische Parodontitis“.

  • Abb. 1: Schwere chronische Parodontitis – einfach; isoliert parodontale Diagnose.
  • Abb. 1: Schwere chronische Parodontitis – einfach; isoliert parodontale Diagnose.

Nach Diagnosestellung wird der Patient über die zur Verfügung stehenden Behandlungsoptionen und Therapiephasen aufgeklärt. Wenn neben einer schweren chronischen Parodontitis bereits weitere behandlungsbedürftige Befunde vorliegen, kann die Therapie für den Behandler und Patienten zur Herausforderung werden. Insbesondere der Bedarf an prothetischer Versorgung aufgrund bereits fehlender Zähne, funktionelle Probleme sowie ausgedehnter kariologischer oder endodontischer Behandlungsbedarf verändern die gewohnten Therapieabläufe und führen häufig zu einer zeit- und kostenintensiven Behandlung.

Damit es auch hier nicht zu unvorhergesehenen Wendungen während der Therapie kommt, ist die initiale Erstellung eines vorläufigen Behandlungsplans erforderlich. Hierfür gilt es vorab herauszufinden, welche Ansprüche der Patient selbst hat. Im persönlichen Gespräch werden Wünsche und Vorstellungen analysiert und festgehalten. Die individuelle Planung der weiteren Therapie geschieht ggf. unter Einbeziehung weiterer Fachdisziplinen. Im interdisziplinären Austausch können unterschiedliche Behandlungsszenarien durchgesprochen und die nächsten Behandlungsschritte festgelegt werden. Die Entscheidung für oder gegen den Erhalt einzelner Zähne hängt dabei nicht mehr nur von ihrer individuellen Therapierbarkeit ab, sondern sollte im Gesamtkonzept der Planung kritisch geprüft werden.

Schwere chronische Parodontitis - einfacher Behandlungsfall

Die Therapie einer schweren chronischen Parodontitis ohne begleitende Diagnosen folgt in den meisten Fällen nach dem gleichen Konzept (Diagramm 2, Abb. 1).

Initialtherapie – Hygienephase

Ungeachtet des Schweregrades sieht die Therapie der chronischen Verlaufsform zunächst eine nichtchirurgische mechanische Reinigung aller erreichbaren Zahn- und Wurzeloberflächen vor [5]. Die Nutzung von Ultraschall- und Handinstrumenten stellt hierbei eine optimale Kombination dar. Während die Ultraschallinstrumente seltener zu Beschädigungen der betroffenen Wurzeloberflächen führen, hinterlassen sie im Gegensatz zu Handinstrumenten eine rauere Oberflächenstruktur [6]. In jedem Fall kann nach heutigem Kenntnisstand auf ein exzessives Entfernen des Wurzelzements verzichtet werden. Vielmehr liegt der Schwerpunkt der nichtchirurgischen PA -Therapie in der Schaffung einer von Biofilm und Konkrementen befreiten, glatten Wurzeloberfläche [7]. Bei therapieresistenten, sehr schweren Verlaufsformen oder modifizierenden Faktoren wie z.B. Diabetes kann eine adjuvante Antibiotikagabe zu einer Steigerung des Therapieergebnisses führen und die Wahrscheinlichkeit für weitere chirurgische Interventionen senken [8,9].

Um eine langfristige Stabilität der durch den Behandler geschaffenen sauberen Verhältnisse zu gewährleisten, steht in dieser ersten Therapiephase außerdem die Mundhygiene-Schulung des Patienten im Mittelpunkt. Eine reine Verordnung verschiedener Mundhygienehilfsmittel führt hierbei meist nicht zum Erfolg. Vielmehr bedarf es einer individuellen Beratung und intensiven Aufklärung über die persönliche Diagnose. Die verständliche Erläuterung des Zusammenhangs zwischen Mundhygiene und Parodontitis ermöglicht dem Patienten einen Einblick in die zugrunde liegende Problematik und eine selbstzentrierte Entwicklung eigener Handlungsstrategien, die bestenfalls in der Etablierung einer guten häuslichen Mundhygiene endet. Eine professionalisierte Kommunikation seitens des Behandlers, wie z.B. die motivierende Gesprächsführung, kann hierbei hilfreich sein [10,11].

Reevalution

Um die initiale Heilung nach erfolgter geschlossener Therapie abzuwarten, sollte frühestens nach 4 bis 6 Wochen [11] eine erneute Kontrolle der Sondierungstiefen vorgenommen werden, um eine erste Einschätzung der Veränderungen des Attachmentniveaus zu ermitteln. Die finale Heilung und Reifung des parodontalen Gewebes ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen. Daher ermöglichen die ermittelten Werte zunächst eine Einschätzung des zu erwartenden Therapieerfolgs und dienen als Grundlage für die weitere Prognosestellung und Planung möglicher korrektiver Maßnahmen. Auch eine erneute Überprüfung der häuslichen Mundhygiene kann zu diesem Zeitpunkt stattfinden. Ein optimales Biofilmmanagement durch den Patienten ist eine Grundvoraussetzung für das Gelingen eventueller chirurgischer Maßnahmen [12].

Bezüglich der weiteren Behandlungsstrategie kann bei Taschen, die sich im Vergleich zum Ausgangsbefund bereits verbessert haben (Verringerung der Sondierungstiefe, keine Entzündungszeichen), aber weiterhin tief sind, ein weiteres Abwarten in Betracht gezogen werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass noch mehr Ausheilungsprozesse in den Geweben über die Zeit stattfinden, ist gegeben. Bei Taschen, die nicht ausreichend auf die geschlossene Therapie angesprochen haben, bei denen jedoch lokale Faktoren wie hinterlassene Konkremente oder mangelnde häusliche Mundhygiene ausgeschlossen werden können, besteht die Option einer chirurgischen Herangehensweise (Abb. 2).

  • Abb. 2: Befund nach geschlossener Parodontitistherapie; klinische Ansicht und PAR -Status.

  • Abb. 2: Befund nach geschlossener Parodontitistherapie; klinische Ansicht und PAR -Status.
    © Bäumer/Rott/Kretschmar

Korrektive Phase – chirurgische Maßnahmen

Generell kann festgestellt werden, dass Zähne mit Sondierungstiefen von < 6 mm nach Initialtherapie bei guter häuslicher Mundhygiene und regelmäßigem Recall eine gute Langzeitprognose aufweisen [14]. Zähne mit Taschen ≥ 6 mm hingegen können von einer chirurgischen Parodontitistherapie profitieren. Es kommt durch den operativen Eingriff zu einer weiteren Taschenreduktion mit Gewinn an klinischem Attachmentniveau [15]. Bei der genaueren Herangehensweise ist jedoch strikt zu unterscheiden, ob die betroffenen Zähne im posterioren Bereich liegen oder ob es sich um Zähne im anterioren Bereich handelt, bei deren Therapie es möglicherweise zu ästhetisch kompromittierenden Ergebnissen kommen kann. Im Gespräch mit dem Patienten können Vor- und Nachteile der zur Verfügung stehenden Behandlungsoptionen beleuchtet werden, um dann gemeinsam das weitere Vorgehen festzulegen. Bei der Betrachtung patientenzentrierter Parameter, wie z.B. Lebensqualität in Bezug auf die Mundgesundheit, fällt auf, dass parodontalchirurgische Interventionen allgemein kaum zu einer Verbesserung dieser führen [16]. Das mag zum einen am Zeit- und Kostenaufwand liegen, hängt aber sicher auch mit den ästhetischen Belangen der Patienten zusammen.

Bei gut zugänglichen Taschen ≥ 6 mm, die nach der nichtchirurgischen Therapie keine Entzündungszeichen zeigen und im Bereich der ästhetischen Zone liegen, ist unter Abwägung aller Fakten in jedem Fall auch eine weitere Erhaltung mittels regelmäßiger Reinstrumentierung zur langfristigen Biofilmkontrolle indiziert. Bei chirurgischen Interventionen sind minimalinvasive und/oder regenerative Verfahrensweisen zu wählen, die einen weitgehenden Erhalt der Ästhetik in der Front ermöglichen. Eine Ausnahme stellt hier das „Gummy Smile“ bei kombiniertem prothetischem Behandlungsbedarf (s.u.) dar.

Im posterioren Bereich stehen verschiedenste chirurgische Verfahren zur Verfügung, die bei einer isolierten schweren chronischen Parodontitis darauf abzielen, möglichst die geschlossene Zahnreihe zu erhalten. Insbesondere Zähne mit Furkationsbeteiligung gelten hinsichtlich ihres langfristigen Erhalts als risikobehaftet. Nichtsdestotrotz stellt die chirurgische Therapie solcher Zähne, sei es mittels offenem Zugang mit oder ohne Ostektomie und Osteoplastik, regenerativer Techniken, Radektomie oder Tunnelierung, einen bewährten Weg zur Verbesserung der Prognose dar [17].

Nach Abschluss der korrektiven Phase und erneuter Reevaluation besteht die Notwendigkeit einer Überführung der Patienten in eine langfristige, regelmäßige und stabile Nachsorge.

Schwere chronische Parodontitis - komplexer Behandlungsfall

Prinzipiell unterscheidet sich die Systematik des Vorgehens bei einer schweren chronischen Parodontitis in komplexen Behandlungsfällen nicht von der bei alleinigem Vorliegen einer schweren chronischen Parodontitis, jedoch müssen Abzweigungen im Behandlungskonzept und relevante Wartezeiten berücksichtigt und eingeplant werden (Diagramm 3).

  • Diagramm 3: Therapieplanung bei den komplexen Behandlungsfällen. Durch die Einbeziehung unterschiedlicher Fachkollegen lassen sich auch schwierige Behandlungssituationen nach bewährtem Schema interdisziplinär lösen.

  • Diagramm 3: Therapieplanung bei den komplexen Behandlungsfällen. Durch die Einbeziehung unterschiedlicher Fachkollegen lassen sich auch schwierige Behandlungssituationen nach bewährtem Schema interdisziplinär lösen.
    © Bäumer/Rott/Kretschmar

Karies im parodontal geschädigten Gebiss

Die Hygienephase wird durch die Therapie kariöser Läsionen und den Austausch nicht hygienefähiger Füllungen ergänzt. Nicht therapierbare Zähne, die eine infauste strukturelle Zerstörung aufweisen, sollten entfernt werden. Zähne, die zwar langfristig eine hoffnungslose Prognose haben, während der Vorbehandlungsphase jedoch als Pfeilerzahn für eine vorrübergehende therapeutische Versorgung dienen können, werden belassen.

Endodontische Probleme im parodontal geschädigten Gebiss

Bei Verdacht auf eine primär endodontische Läsion, bei der es nur durch Ausbildung einer parodontalen Fistel zur Taschenbildung kommt, sollte lediglich das Endodont behandelt und auf eine parodontale Therapie an dieser Stelle verzichtet werden, um die Ausheilung des vitalen Parodonts nicht zu stören. Eine Reevaluation der betroffenen Stelle nach 2 bis 3 Monaten gibt Aufschluss über eine mögliche Mitbeteiligung des Parodonts [18]. Symptomatische Zähne mit chronischen apikalen Parodontitiden und/oder insuffizienter endodontischer Therapie sollten adäquat behandelt bzw. revidiert werden. Auch hier stellen weit fortgeschrittene, nicht restaurierbare Zerstörungen der Zahnsubstanz im Kronen- und/oder im Wurzelanteil einen Hauptgrund für Extraktionen dar. Zusätzlich wird eine Steigerung des Risikos für Frakturen nach endodontischer Therapie beschrieben [19]. In der Gesamtplanung muss also entschieden werden, ob solch ein Zahn der Therapie zugeführt oder besser entfernt werden sollte.

CMD im parodontal geschädigten Gebiss

Zwar löst ein okklusales Trauma keine Parodontitis aus, jedoch stellen funktionelle Probleme bei bestehender Parodontitis ein Risiko für eine Progression dar. Dieser sogenannte sekundäre okklusale Traumatismus (okklusale Interferenzen im parodontal reduzierten Gebiss) kann zu vermehrtem Knochenabbau führen [20]. Um das zu verhindern und um auch bei chirurgischen Maßnahmen eine maximale Regeneration zu erreichen, sollten okklusale Interferenzen schon während der Vorbehandlungsphase adressiert werden. Die okklusale Korrektur von Störkontakten durch Einschleifen oder die Eingliederung einer Schiene sind zur Entlastung indiziert (Abb. 3). Bei bereits vorliegender CMD-Problematik sollte eine Funktionsanalyse durchgeführt werden. Sofern erforderlich, kann die Bisslage mithilfe der provisorischen Versorgung bereits korrigiert werden. Gegebenenfalls kann für die Therapie funktioneller Probleme eine kieferorthopädische Behandlung sinnvoll sein.

  • Abb. 3: Patient mit Deckbiss; zur Entlastung der Frontzähne wurde nach PAR -Behandlung eine Aufbissschiene eingegliedert.
  • Abb. 4: Schwere chronische Parodontitis – komplex; Ausgangsbefund und Zustand nach Vorbehandlung mit therapeutischer Restauration.
  • Abb. 3: Patient mit Deckbiss; zur Entlastung der Frontzähne wurde nach PAR -Behandlung eine Aufbissschiene eingegliedert.
  • Abb. 4: Schwere chronische Parodontitis – komplex; Ausgangsbefund und Zustand nach Vorbehandlung mit therapeutischer Restauration.

Therapeutische Restaurationen im parodontal geschädigten Gebiss

Provisorische Phase

Erst die Schaffung parodontal hygienischer Verhältnisse ermöglicht eine optimale Durchführung der nichtchirurgischen Parodontitistherapie. Hierfür kann es auch erforderlich sein, defekten Zahnersatz zu entfernen und gegen ein (Langzeit-)Provisorium auszutauschen, das diese Voraussetzung erfüllt. Eine solche therapeutische Restauration ermöglicht sowohl dem Behandler als auch dem Patienten den zeitlichen Freiraum zur Schaffung korrekter struktureller und parodontaler Verhältnisse an den betroffenen Zähnen und verbessert damit die Langzeitprognose (Abb. 4).

Korrektive Phase – parodontalchirurgische Maßnahmen

Die Grenzen zwischen Vorbehandlung und korrektiver Phase sind in solch komplexen Behandlungsfällen häufig fließend. Während die definitive prothetische Rehabilitation beispielsweise noch auf sich warten lässt, ermöglicht die Schaffung parodontalhygienischer Verhältnisse und die Einstellung einer optimalen häuslichen Mundhygiene bereits eine weitere korrektive Therapie der zugrunde liegenden Parodontitis. Wie bei einer singulär vorliegenden schweren chronischen Parodontitis werden auch in multidisziplinären Fällen chirurgische Interventionen eingesetzt, um Sondierungstiefen zu reduzieren und Attachmentniveau zu gewinnen.

Taschentiefen von max. 4 mm ohne Entzündungszeichen sind bei geplanter KFO-Therapie [21] und umfangreicher prothetischer Versorgung anzustreben. In einigen Fällen kann ein parodontalchirurgischer Eingriff mit Ziel der Taschenelimination in der Front sogar zur Verbesserung der Ästhetik führen. Eine Ästhetikanalyse gibt Aufschluss, ob die Veränderung der Inzisalkantenlänge und des Gingivaverlaufs mit anschließender prothetischer Korrektur zu einem harmonischeren Ergebnis führen kann (Abb. 5).

KFO im parodontal geschädigten Gebiss

Sobald die parodontale Situation es zulässt, beginnen mögliche kieferorthopädische Stellungskorrekturen der (verbleibenden) Zähne. Zum einen kann hierdurch eine mögliche funktionelle Problematik therapiert werden, zum anderen ermöglicht die kieferorthopädische Behandlung durch Aufrichten oder Eingliederung von zunächst irrelevant erscheinenden Zähnen nicht selten eine Pfeilervermehrung für die anschließende prothetische Versorgung. Im Hinblick auf die Erhaltung der parodontalen Gesundheit ist solchen Verfahren der Vorzug zu geben, die mit leichten Kräften arbeiten, bei denen exzessive Zahnbewegungen ausbleiben und die über die gesamte Therapie eine Reinigungsfähigkeit der marginalen Gingiva gewährleisten [21,22] (Abb. 6). Eine kieferorthopädische Extrusion von Zähnen mit infauster Prognose gehört ebenso in das Behandlungsportfolio. So ist es möglich, hoffnungslose Zähne zur Schaffung eines Knochenlagers für eine spätere Implantation zu nutzen (Abb. 7).

  • Abb. 5: Die Smile-Analyse vor Therapiebeginn zeigt, dass die chirurgische Intervention mit Taschenelimination vor prothetischer Neuversorgung ästhetisch indiziert ist.
Parodontale Rezessionen nach offener PAR -Therapie stellen bei „Gummy Smile“ kein Problem dar (Prothetiker: Dr. Herbert Schorn, ZTM: Thomas Hahne).
  • Abb. 6: Kieferorthopädische Therapie ist bei gesundem reduziertem Parodont und korrekter Krafteinwirkung unkritisch. a) Zustand bei Therapiebeginn; b) Zustand
nach parodontaler und kieferorthopädischer Therapie (KFO: Dr. Werner Schupp).
  • Abb. 5: Die Smile-Analyse vor Therapiebeginn zeigt, dass die chirurgische Intervention mit Taschenelimination vor prothetischer Neuversorgung ästhetisch indiziert ist. Parodontale Rezessionen nach offener PAR -Therapie stellen bei „Gummy Smile“ kein Problem dar (Prothetiker: Dr. Herbert Schorn, ZTM: Thomas Hahne).
  • Abb. 6: Kieferorthopädische Therapie ist bei gesundem reduziertem Parodont und korrekter Krafteinwirkung unkritisch. a) Zustand bei Therapiebeginn; b) Zustand nach parodontaler und kieferorthopädischer Therapie (KFO: Dr. Werner Schupp).

  • Abb. 7: Konzept „extrude to extract“.
a) Ausgangssituation Zahn 22: externe Wurzelresorption mit infauster Prognose;
b) kieferorthopädische Extrusion zur Schaffung eines Knochenlagers;
c) Zustand nach Implantation;
d) endgültige prothetische Versorgung mit Implantat.
  • Abb. 7: Konzept „extrude to extract“. a) Ausgangssituation Zahn 22: externe Wurzelresorption mit infauster Prognose; b) kieferorthopädische Extrusion zur Schaffung eines Knochenlagers; c) Zustand nach Implantation; d) endgültige prothetische Versorgung mit Implantat.

Implantate im parodontal geschädigten Gebiss

Sofern weitere Pfeiler für die prothetische Versorgung benötigt werden, steht auch im parodontal kompromittierten Restgebiss die Implantation zur Verfügung. Als Grundvoraussetzung gilt hierbei die Etablierung stabiler parodontaler Verhältnisse durch die zuvor durchgeführte Parodontitistherapie. Um das Periimplantitisrisiko zu minimieren, sollten daher residuale Taschen mit einer Tiefe von > 4 mm vermieden werden. Nichtsdestotrotz sollten betroffene Patienten darüber aufgeklärt werden, dass es insbesondere bei Vorliegen schwerer Parodontitiden zu einer Erhöhung des Risikos für Implantatverluste, -misserfolge und biologische Komplikationen wie periimplantäre Mukositis kommt [23,24] und daher die regelmäßige Teilnahme an einer parodontalen Erhaltungstherapie mit kurzen Intervallen erforderlich ist [25].

Definitive Prothetik im parodontal geschädigten Gebiss

Stabile parodontale Verhältnisse ohne Entzündungszeichen ermöglichen auch im extrem parodontal geschädigten Restgebiss eine festsitzende Versorgung (Abb. 8). Selbst Zähne, die Lockerungsgrad I aufweisen, können als Anker solcher Versorgungen dienen, solange eine rigide primäre Verblockung gewährleistet ist [26]. Insbesondere im anterioren Bereich können unterstützende mukogingivalchirurgische Eingriffe, wie z.B. Rezessionsdeckungen oder chirurgische Kronenverlängerungen, erforderlich sein, um dem Patienten ein ästhetisch zufriedenstellendes Ergebnis zu ermöglichen. Bei schwierigen, parodontalchirurgisch nicht zu rekonstruierenden Verhältnissen in weitgehend zahnlosen Bereichen ist zusätzlich ein Einsatz gingivafarbener Keramik zum Ausgleich des Substanzverlusts denkbar. Voraussetzung für den langfristigen Erhalt solcher Versorgungen ist die konsequente Einstellung einer optimalen Okklusion, die Ermöglichung einer guten häuslichen Biofilmentfernung mittels hygienefreundlicher Kronenränder, insbesondere im Bereich von Furkationen, sowie die regelmäßige Teilnahme des Patienten an einer parodontalen Erhaltungstherapie [26–28].

  • Abb. 8: Schwere chronische Parodontitis, die komplexe Herausforderung: Zustand nach endgültiger Prothetik (Prothetiker: Dr. Herbert Schorn, ZTM: Thomas Hahne).

  • Abb. 8: Schwere chronische Parodontitis, die komplexe Herausforderung: Zustand nach endgültiger Prothetik (Prothetiker: Dr. Herbert Schorn, ZTM: Thomas Hahne).
    © Bäumer/Rott/Kretschmar

Fazit

Prinzipiell unterscheiden sich Behandlungsfälle, bei denen eine singuläre schwere chronische Parodontitis vorliegt, nicht von solchen, in denen zusätzlich kariologische, endodontische und/oder funktionelle therapeutische Bedürfnisse bestehen. Die rein parodontologischen Behandlungsschritte sind gleich. Allerdings müssen darüber hinaus Behandlungen anderer Fachdisziplinen eingebunden und verknüpft werden. Die Anforderungen an die Therapieergebnisse verändern sich je nach zusätzlichen involvierten Fachdisziplinen. Auch sind Therapieergebnisse häufig in einer kürzeren Zeit zu erreichen, um den Patienten in einer für ihn überschaubaren Zeit versorgen zu können. Da die Therapie komplexer Behandlungsfälle trotzdem häufig mehrere Jahre in Anspruch nimmt, sollte ganz zu Beginn feststehen, welchen Anspruch der Patient an seine zukünftige Versorgung hat.

Dank einer therapeutischen (provisorischen) Versorgung ist während der gesamten Behandlungszeit eine Anpassung des Behandlungsplans oder ein Pausieren möglich. Grundvoraussetzung sind hierbei die interdisziplinäre Herangehensweise und strukturierte Vorabplanung mit den Kollegen verschiedener Fachdisziplinen. Ganz besonders relevant für ein zufriedenstellendes Ergebnis ist eine über die gesamte Behandlung vorhandene Adhärenz seitens des Patienten. Die initiale Einbindung des Patienten in die Entscheidungsfindung etabliert ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Behandler und Patient. Ziel ist es, den Patienten kontinuierlich zu begleiten. Die regelmäßige Teilnahme des Patienten an einer individuellen Erhaltungstherapie ist essenzieller Bestandteil des Therapiekonzepts – insbesondere im Hinblick auf die parodontale Langzeitstabilität. Diese Therapiephase wird in einem weiteren Artikel umfassend beschrieben. 

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Weiterführende Links

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