Parodontologie


Risikofaktoren für die Entstehung und Progression von Parodontitiden

Abb. 1: Risikofaktoren und Entstehung der Parodontitis (modifiziert nach Page & Kornman, 1997).
Abb. 1: Risikofaktoren und Entstehung der Parodontitis (modifiziert nach Page & Kornman, 1997).

Keine Parodontitis ohne Bakterien: Pathogene Mikroorganismen liegen stets vor, wenn eine Parodontitis diagnostiziert wird – sie sind aber nicht allein dafür verantwortlich. Risikofaktoren, wie etwa das Rauchen, tragen zusätzlich zur Entstehung und zum Fortschreiten der Erkrankung bei. Der Autor gibt im Folgenden eine Übersicht über mögliche Faktoren.

Parodontitis ist eine entzündliche Erkrankung, die mit dem Verlust von parodontalem Knochen, Kollagen und Attachment einhergeht. Pathogene Mikroorganismen stellen eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die Entstehung und das Fortschreiten von Parodontitiden dar. Normalerweise werden die Mikroorganismen durch verschiedene Abwehrmechanismen des menschlichen Körpers (Wirt) kontrolliert (Abb. 1). Mikroorganismen können jedoch zur Destruktion des Parodonts führen, indem sie die Wirtsabwehr teilweise umgehen, unterdrücken, fehlleiten oder eine überschießende Wirtsreaktion induzieren. Zusätzlich zu den parodontalpathogenen Mikroorganismen sind verschiedene äußere und innere Risikofaktoren für die Entstehung und das Fortschreiten von Parodontitiden erforderlich. Solche Risikofaktoren können die immunentzündliche Wirtsantwort und/oder den Stoffwechsel der parodontalen Weich- und Hartgewebe beeinflussen und dadurch zur parodontalen Destruktion beitragen.

Ob ein bestimmter Faktor das Risiko für Parodontitiden erhöht, ist häufig schwierig zu beurteilen. In der Regel sind hierfür langjährige Studien erforderlich, die zeigen, dass das Vorliegen eines bestimmten Faktors zu einem späteren Zeitpunkt zur Parodontitis führt. Zusätzliche Nachweise bringen sogenannte Interventionsstudien, wenn sie zeigen, dass durch die Reduktion oder Eliminierung eines solchen Faktors die Entstehung bzw. das Fortschreiten der Parodontitis vermindert oder vermieden werden kann. Im Folgenden wird zwar die Bezeichnung „Risikofaktor“ benutzt, es sei aber darauf hingewiesen, dass gegenwärtig zumeist nur Plaque/schlechte Mundhygiene, Rauchen, unkontrollierter Diabetes mellitus und genetische Veranlagung als echte und nachgewiesene Risikofaktoren für Parodontitis angesehen werden.

Mikrobielle Beläge

Parodontalpathogene Mikroorganismen stellen eine notwendige Bedingung für die Entstehung und Progression von Parodontitiden dar. Die Mikroorganismen sind in einem Biofilm organisiert. Zahnstein, überstehende Füllungs- und Kronenränder, Karies, Zahnfrakturen, bestimmte Zahnstellungen, -morphologien und -furchen fördern die Entstehung und Ansammlung von mikrobiellen Belägen. Die Beseitigung solcher Beläge reduziert das Auftreten, den Schweregrad und das Fortschreiten von Parodontitiden, sodass mikrobielle Beläge als echter Risikofaktor für Parodontitiden angesehen werden können. Unklar ist jedoch, ob bestimmte Bakterienspezies (z.B. P. gingivalis, T. forsythia, T. denticola, A. actinomycetemcomitans) als echte Risikofaktoren oder lediglich als Risikoindikatoren betrachtet werden sollten, da die erhöhte Anzahl solcher Spezies in parodontalen Taschen nicht notwendigerweise deren Ursache, sondern deren Folge sein könnte.

Rauchen

Das Rauchen von Zigaretten, Zigarren und Pfeife zählt zu den am besten untersuchten und bestätigten Risikofaktoren für Parodontitis. Raucher leiden häufiger als Nichtraucher an Parodontitis. Die Parodontitis bei Rauchern ist zudem stärker ausgeprägt und schreitet auch schneller voran. Es besteht eine Dosisabhängigkeit, d.h. der negative Einfluss des Rauchens auf das Parodont steigt mit der Anzahl der gerauchten Zigaretten pro Tag an. Obwohl im Vergleich mit Nichtrauchern immer noch erhöht, besitzen ehemalige Raucher ein geringeres Parodontitisrisiko als aktive Raucher.

Genetische Veranlagung

Genetische Risikofaktoren können sowohl die immunentzündliche Wirtsantwort als auch den Weich- und Hartgewebestoffwechsel betreffen. Es wird angenommen, dass der Anteil genetischer Faktoren an der Entstehung von Parodontitiden durchschnittlich 50 % betragen kann. Für das Vorliegen von genetischen Risikofaktoren sprechen die familiäre Häufung von Parodontitiden, Zwillingsstudien, aber auch das vermehrte Vorkommen von Parodontitis bei bestimmten Erkrankungen mit genetischen Defekten.

Diabetes mellitus und andere Erkrankungen des Gesamtorganismus

Im Laufe der letzten Jahre konnten zahlreiche Assoziationen zwischen Parodontitis und Erkrankungen des Gesamtorganismus nachgewiesen werden. Ein unkontrollierter Diabetes mellitus erhöht das Risiko für Parodontitis. Diabetiker mit schlechter glykämischer Einstellung haben häufiger Parodontitis; die Parodontitis ist im Durchschnitt stärker ausgeprägt und schreitet auch schneller voran. Ein unkontrollierter Diabetes mellitus muss daher als ein echter Risikofaktor für Parodontitis angesehen werden. Ob andere allgemeinmedizinische Erkrankungen und Zustände, wie z.B. Osteoporose, Arthritis und Adipositas, echte Risikofaktoren für Parodontitis darstellen, kann derzeitig nicht abschließend beurteilt werden.

Psychoemotionaler Stress

Ob Stress das Risiko für Parodontitis beeinflusst, wird kontrovers diskutiert. Veränderte Hormonspiegel können Auswirkungen auf immunentzündliche Prozesse haben, was zu einem erhöhten Parodontitisrisiko beitragen könnte. Bei Stress kommt es oftmals auch zu Veränderungen der Mundhygiene, des Tabak- und Alkoholkonsums sowie der Nahrungsauswahl, sodass möglicherweise auch indirekte Effekte auf das Parodont ausgeübt werden. Interessanterweise scheint weniger das Auftreten von psychoemotionalem Stress als vielmehr die unzureichende Stressbewältigung das Risiko für Parodontitis zu erhöhen.

Okklusale Störungen

Ebenfalls wird kontrovers diskutiert, ob Überbelastung der Zähne das Risiko für Parodontitis steigert. Eine Studie konnte zeigen, dass Parodontitispatienten mit okklusalen Störungen höhere Sondierungstiefen aufweisen als Parodontitispatienten ohne solche Störungen.

Alter

Momentan ist auch noch unklar, ob Alter das Risiko für Parodontitis erhöht oder ob es sich lediglich um die Akkumulation der parodontalen Destruktion über die Zeit handelt, sodass im höheren Alter mehr und stärkerer Knochen- und Attachmentverlust vorliegt. Dass allerdings in hohem Alter tatsächlich eine verminderte Fähigkeit zur Gewebeheilung und immunentzündlichen Infektabwehr besteht, kann nicht geleugnet werden. Da das Alter jedoch nicht beeinflusst werden kann, ist die Frage, ob Alter tatsächlich ein echter Risikofaktor ist, klinisch von untergeordneter Bedeutung.

Geschlecht

Eine Vielzahl von Studien hat gezeigt, dass Männer im Vergleich zu Frauen stärker zur parodontalen Destruktion neigen. Ein Großteil des erhöhten Risikos könnte jedoch durch schlechtere Mundhygiene oder vermehrten Tabak- und Alkoholkonsum bei Männern zustande kommen. Weiterhin könnten genetische Faktoren für das erhöhte Parodontitisrisiko verantwortlich sein.

Sozioökonomischer Status

Bildung und Einkommen werden als Risikoindikatoren betrachtet. Sie beeinflussen das Verhalten und Bewusstsein für Gesundheit sowie den Zugang zu Gesundheitsressourcen und sind daher mit Parodontitis assoziiert.

Ethnische Herkunft

Parodontitiden kommen z.B. häufiger bei Individuen mit afrikanischer, lateinamerikanischer oder asiatischer Herkunft vor. Dafür könnten genetische Faktoren, aber auch sozioökonomische Faktoren verantwortlich sein.

Zusammenfassung

Für eine verbesserte Prävention und Therapie von Parodontitiden ist die Aufdeckung parodontaler Risikofaktoren von großer klinischer Bedeutung. Als echte Risikofaktoren für Parodontitis können mikrobielle Beläge/schlechte Mundhygiene, Rauchen, genetische Faktoren und ein schlecht eingestellter Diabetes mellitus angesehen werden. Weitere Risikofaktoren werden diskutiert. Von klinischer Bedeutung ist vor allem, ob solche parodontalen Risikofaktoren beeinflussbar sind, wie z.B. die glykämische Einstellung eines Diabetes mellitus.


Dieser Beitrag stammt aus dem Lern-Programm Prophylaxe Team Club College für Prophylaxe-Fachkräfte von CP GABA (aus Kapitel 1, Teil 2: Entstehung von Parodontitis und Wechselwirkungen mit Allgemeinkrankheiten). Mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers: CP GABA GmbH

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Prof. Dr. James Deschner

Bilder soweit nicht anders deklariert: Prof. Dr. James Deschner


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