Parodontologie

Erfahrungen aus einem Ambulanzbetrieb

Kommunikation bei Kindern


Kinderzahnbehandlungen sind in einem Routinebetrieb mit vielen Schmerzpatienten oft eine unerwartete Herausforderung. Noch viel zu wenige Praxen sind kindgerecht gestaltet. Oft aber genügen Kleinigkeiten, damit wir sie für unseren Nachwuchs so angenehm wie möglich vorbereiten. Kinder spüren sofort, ob sie willkommen sind oder nicht. Eine mehrjährige Erfahrung im Zahnambulatorium der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse Graz wird hier unter Bezugnahme auf erprobte Methoden der Angstreduktion durch kommunikative, kultursensible Zugänge und Gemeinschaftssinn vorgestellt.

Schmerzpatienten

Schmerzpatienten, darunter viele Kinder, erwarten mich täglich zu Behandlungsbeginn bei meiner Tätigkeit als angestellte Zahnärztin in einer

  • Abb. 1: Die Patientin hat selber die „Löcher gestopft“.

  • Abb. 1: Die Patientin hat selber die „Löcher gestopft“.
öffentlichen Einrichtung. Eines Tages suchte eine Dame, die nicht in Österreich aufgewachsen ist, meine Ordination auf. In ihrer Kindheit und Jugend musste sie – von der Schule verpflichtet – zweimal jährlich zum Zahnarzt gehen und da wurde „gebohrt“, ob sie wollte oder nicht. Damals schwor sie sich, dass sie, sobald sie erwachsen sein würde, nie wieder zum Zahnarzt gehen, sondern ihre Löcher selber versorgen würde. Gedacht, getan! Über Jahrzehnte hinweg stopfte die Patientin die Löcher ihrer Zähne mit Superkleber (Abb. 1)!

  • Abb. 2: Die Patientin hat einfach nicht mehr gelacht.

  • Abb. 2: Die Patientin hat einfach nicht mehr gelacht.
In Abbildung 2 sehen Sie eine junge Erwachsene. Auch sie suchte aus Angst sehr lange keinen Zahnarzt auf. Sie versteckte ihre kariösen Läsionen, indem sie einfach nicht mehr lachte. Bei diesen beiden Damen dürfte die Kommunikation mit dem Zahnarzt nicht gut gelaufen sein. Dabei sind Kinder mit so viel Vertrauensfähigkeit, Risikobereitschaft, Begeisterungsfähigkeit und auch Leidensfähigkeit ausgestattet. Wir sind im 3. Jahrtausend, und noch immer ist ein Teil der Bevölkerung über Mundhygiene und gesunde Ernährung bei Kindern nicht genügend aufgeklärt. So kommt es, dass Kinder beim ersten Zahnarztbesuch häufig mit Schwellungen und tief kariös zerstörten Milchzähnen erscheinen, eine sehr schlechte Ausgangssituation für die erste Erfahrung mit dem Zahnarzt! Wichtig ist, dass sich die Eltern trotz der tief kariös zerstörten Milchzähne ihrer Kinder willkommen fühlen. Meist kostet sie das Aufsuchen einer Praxis viel Überwindung. Oft haben sie ihre eigene massive Zahnarztangst bereits auf ihre Kinder übertragen. Ziel unserer Arbeit ist es, für Kinder mit kariösen Milchzähnen eine bestmögliche Versorgung zu gewährleisten.

First impressions go a long way – der Erstkontakt

Mit meinem Team versuche ich, den Eltern zuallererst meine Anerkennung für ihre Kinder zu vermitteln, und drücke meinen ganzen Respekt für sie aus. Wenn Eltern mit fünf kleinen Kindern kommen, erwarte ich, dass sie mir 100 saubere Milchzähne zeigen! Eine gewaltige Leistung! Wann immer es die Situation erlaubt, empfange ich neue Kinder persönlich im Wartezimmer, manchmal begrüße ich sie einfach auch nur kurz, damit sie mich schon einmal gesehen haben, falls es zu längeren Wartezeiten kommen sollte. Ich bin sehr oft mit verängstigten Kindern konfrontiert, die sich fest an die Mama klammern, wenn sie zur Tür hereinkommen. Manchmal sind weder die Mütter noch die Kinder der deutschen Sprache mächtig. Es hat sich bewährt, dass ich bei Kindern bis ca. fünf Jahren mit folgendem Begrüßungsritual beginne:

Ich lasse die Begleitpersonen nach der Begrüßung sofort auf einem normalen Sessel Platz nehmen und bitte sie, die Kinder auf ihren Schoß zu nehmen. Ich „beachte“ sie vorerst weiter gar nicht. Ich rufe die „Zahnputzmaus“ und sage

  • Abb. 3: Kinder folgen gebannt der Zahnputzmaus.

  • Abb. 3: Kinder folgen gebannt der Zahnputzmaus.
ihr, dass sie endlich aufstehen soll, weil wir Besuch bekommen haben. Ich frage sie, ob sie denn schon die Zähne geputzt hätte, und dann beginne ich mit dem Putzen, lasse sie über dem Waschbecken ausspucken und zähle dann feierlich ihre zwei Zähne. Dann begutachte ich die Zähne von allen Seiten mit dem zahnärztlichen Spiegel. Dieses Rollenspiel fasziniert fast alle Kinder so stark, dass sie die Mama loslassen und gebannt der Maus folgen (Abb. 3). Oft reicht das schon, dass ich auch die Zähne des Kindes zählen darf. Ist dies vorerst noch nicht möglich, dann zähle ich die Finger des Kindes und mache dabei eine Massage an den Grundgelenken und Mittelgelenken der zehn Finger. Dabei beobachte ich schon, ob sich das Kind entspannen kann, und kann so bereits ein wenig einschätzen, ob es auf weitere Beruhigungstechniken einsteigen wird. Zwischendurch mache ich auch die Augen zu, zähle ganz geheimnisvoll und lasse der Familie die Zeit, dass sie mich auch einmal beobachten kann. Meist sind wir dann so beim Zählen, dass wir von den Fingern weg ganz einfach auch die Zähne zählen können. Wenn das gelingt, ist schon viel erreicht. Ich versuche, dem Kind zu vermitteln, dass es mir wichtig ist und die Zähne Nebensache sind. Während ich die Zähne feierlich zähle, schaue ich dem Kind immer wieder in die Augen, lächle ihm zu und nicke mit dem Kopf. Wenn alles recht rund läuft, untersuche ich gleich mit kleiner Lampe und Spiegel und diktiere dabei der Assistentin sofort die Diagnose jedes Zahnes, sodass wir am Ende einen klaren Behandlungsplan vor uns haben. Es könnte ja sein, dass das Kind später den Mund nicht mehr aufmacht.

Besteht akuter Behandlungsbedarf, wie bei Schmerzkindern, aber die Untersuchung gelingt nicht, so frage ich die Eltern, ob sie mit einer kurzen
  • Abb. 4: Knie-zu-Knie-Untersuchung.

  • Abb. 4: Knie-zu-Knie-Untersuchung.
Knie-zu-Knie-Untersuchung einverstanden sind – auch wenn es Tränen gibt: Das Kind sitzt dabei mit dem Gesicht zur Begleitperson auf deren Schoß, ich sitze gegenüber in einer Knie-zu-Knie-Position und das Kind wird mit dem Rücken auf meine Oberschenkel gelegt (Abb. 4). Meist gibt es Geschrei, der Mund ist weit offen und ich kann mir rasch einen Überblick über den Zahnstatus verschaffen. Nach der Untersuchung beruhigen sich die Kinder meist recht rasch und verzeihen unmittelbar, dass ich sie „überrumpelt“ habe. Anhand des Befundes besprechen wir mit den Eltern das weitere Vorgehen. Es folgt die Aufklärung über die Möglichkeit der Narkosesanierung, der Sedierung mit Dormicum, zahnärztlicher Hypnose oder einer einfachen Behandlung mit Verhaltensführung, die ich ihnen in meiner Praxis anbieten kann. Immer erfolgt eine behutsame Aufklärung über Mundhygiene, Fluoridierungsmaßnahmen und gesunde Ernährung. Die Eltern sind sehr dankbar, wenn man ihnen zeigt, wie sie das Kind halten können bzw. müssen, wenn es das Zähneputzen verweigert. Die Kinder hören aufmerksam zu und erinnern zu Hause oft die
  • Abb. 5: Eltern als „Unterlage“.

  • Abb. 5: Eltern als „Unterlage“.
Eltern an das, was wir empfohlen haben. Eltern berichten mir das immer wieder! Kinder spüren sofort, ob wir sie mögen oder nicht. Es ist immer wieder eine Herausforderung ganz im Hier und Jetzt mit ihnen verankert zu sein. Wenn es zur Behandlung am Zahnarztstuhl kommt – wir haben keine Kinderliegen – benutzen wir einen Elternteil gern als „Unterlage“ (Abb. 5). Die Kinder genießen das meist so richtig, wir sind dankbar, weil die Eltern sie oft bei Füßen und Händen fest im Griff haben, sollte das einmal kurz nötig sein. Für die anderen Kinder haben wir ein Polster bereit.

Beruhigungstechniken

Obwohl sich zwei Behandlungsstühle im Raum befinden, das Telefon unbarmherzig läutet und Patienten an die Tür klopfen, haben wir gelernt, die Ruhe zu bewahren und diese auf die Kinder auszustrahlen. Kinder müssen spüren, dass sie in unseren Händen sicher sind und dass sie für uns in diesem Augenblick der wichtigste Mensch auf der Welt sind, unabhängig davon, was rundherum passiert. Wenn es möglich ist, hält eine Assistentin die Hand ganz ruhig über dem Herzen oder dem Bauch des Kindes. Manchmal bieten wir auch den Eltern an, sich hinter das Kind zu setzen und den Kopf zu halten. Kinder kommen oft ganz erschöpft nach einer durchwachten Nacht, weil die Zahnschmerzen sie schon so geplagt haben. Zur Beruhigung hilft uns manchmal auch der „Schnarchbär“. Er schnarcht und dabei hebt und senkt sich sein Bauch. Die Kinder können ihm die Hand auflegen. So ist uns schon manchmal ein Kind nach der Spritze eingeschlafen. Nach der Extraktion der Zähne, die die Schwellung verursacht haben, hat uns ein Kind den gefährlichen Zuckerlutscher geschenkt … Es bekam dafür ein Auto.

Jedes Kind ist anders, alle Begleitpersonen sind anders

Über Kommunikation bei Kindern zu schreiben, ist nicht einfach, weil jeden Tag alles neu scheint und auch ist. Wenn Kinder spüren, dass wir uns ganz in sie hineinversetzen, gelingt meist eine kindgerechte Feinabstimmung unserer Gesten und eine gewisse Entängstigung. Ich versuche, mich vor jeder Familie, die zu uns kommt, ganz „leer“ zu machen, um immer wieder neu beginnen zu können und nicht von einem Kind auf das andere Erwartungen zu übertragen – es entspricht auch der Einzigartigkeit eines jeden Kindes, jeder Familie.

Im Folgenden möchte ich noch einige Beobachtungen aus meiner 12-jährigen Tätigkeit als Zahnärztin mit Schwerpunkt Kinderzahnbehandlungen aufzählen.

Sprache

Ca. 80 % der Kommunikation soll „nonverbal“ ablaufen [1, 2]. Somit mache ich mir auch weniger Kopfzerbrechen, wenn die Familien der deutschen Sprache noch nicht so mächtig sind. Für die Kinder läuft es meist sehr rund, wenn wir uns auf Zahlen beschränken: 5 Finger, 5 Zähne, 1, 2, 3, Pause und bei 3 machen wir immer einen Stopp. Wenn dann die „Schlaftropfen“ beginnen, ein Schlafpölsterchen für den Zahn zu bauen, sagen wir immer wieder „Zahn schlaf ein, Zahn schlaf ein …“ je weniger Worte, desto einfacher ist es für uns! Manchmal übersetzen Eltern oder Geschwister und so kann ich besser „überwachen“, ob das übersetzt wird, was ich tatsächlich sage. Meist vereinbare ich das auch so mit der Familie.

Zu sehr lustigen Szenen kommt es, wenn ich Wörter aus der Muttersprache der Kinder aufgreife! Mein Team kann das Wort „Mund aufmachen“ schon in vielen

  • Abb. 6: Broschüren und Merkblätter in verschiedenen Sprachen.

  • Abb. 6: Broschüren und Merkblätter in verschiedenen Sprachen.
Sprachen. Wenn wir z.B. „otwori usta“ sagen, verstehen uns Kinder aus Bosnien, Serbien und Kroatien. Wir haben eine Zahnputzbroschüre in türkischer Sprache und Merkblätter in über zehn Sprachen, die wir uns von der Homepage von „styria vitalis“ herunterladen können (Abb. 6). Es ist eine Geste der Wertschätzung für die verschiedenen Kulturen und Sprachen, die dabei sind, sich in unserer Stadt zu inkulturieren bzw. die aufgrund eines Asylantenstatus nur auf „Durchreise“ sind. Oft erleben wir auch Menschen, die noch einen Kulturschock haben [3], und Männer, die aufgrund ihrer Religion einer Frau nicht die Hand geben. Das erkennen wir meist daran, dass Männer ihre Hand auf den Rücken legen bzw. auf das Herz, was auch eine sehr schöne Geste ist. Im Kalender vermerken wir den Fastenmonat Ramadan, um dies bei der Terminvergabe zu berücksichtigen bzw. einfach daran zu denken, wenn z.B. an heißen Sommertagen Eltern Kinder mit Schmerzen vorstellen und dabei an die eigenen Grenzen stoßen, weil sie schon den ganzen Tag gefastet haben.

Der Name des Kindes

Kinder lieben es, ihren Namen zu hören. Viele Kinder mit Migrationshintergrund haben Namen, die wir oft gar nicht so leicht aussprechen können bzw. die auch ihre Bedeutung verlieren, wenn man sie anders ausspricht. So üben wir gleich bei der Erstvorstellung die Aussprache und vermerken uns in der Karteikarte die Lautschrift bzw. den Kosenamen, mit dem das Kind gerufen werden möchte. Oft haben die Namen Bedeutungen wie Morgenröte, die Schöne vom Wald, Ebenbild der Mutter … Ich versuche Wörter wie „Schatzi“ absolut zu vermeiden, denn solche Ausdrücke sind nur ganz bestimmten Personen vorbehalten. Ich erinnere in diesem Zusammenhang gern an die in allen Kulturen der Welt verbreitete sogenannte goldene Regel, die besagt: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“

Loben, loben, loben

Kindern gefällt es, wenn man sie bewundert. Oft sind Kinder dabei, die sich extra schön oder megacool anziehen. Es wäre schade, wenn wir uns diese Zeichen für eine aufbauende Kommunikation entgehen lassen würden. Mit strengem Blick verfolge ich allerdings, wenn Mitarbeiter unbedachterweise die gekrausten Haare oder goldenen Locken der Kinder berühren und dabei deren Intimsphäre verletzen! Manchmal klatschen wir auch am Ende der Behandlung. Oft sage ich den Kindern, dass sie Zähne wie Perlen hätten, und versuche ihnen zu vermitteln, wie wichtig gepflegte Zähne sind. Das ist auch eine gute Gelegenheit, den Wert der Zahnseide zu demonstrieren, die ich aufgrund der häufig im Bissflügelröntgen entdeckten Interdentalkaries auch schon bei Kleinkindern empfehle.

Menschen mit besonderen Bedürfnissen

„Ihr habt mir die Angst ,verwunden‘“, sagte mir ein autistischer Teenager, während ein anderes Kind seinen Geschwistern erzählte, dass wir wie Engel seien. Oft können wir Kinder von klein auf betreuen und so wirksam Kariesprävention betreiben. Wir erleben so viel Dankbarkeit von Seiten der Eltern, wenn wir sie bei ihrer besonderen Aufgabe begleiten, dass wir selber daraus Kraft schöpfen können.

Geschenkekoffer

  • Abb. 7: Am Ende der Behandlung freuen sich die Kinder über den Geschenkekoffer.

  • Abb. 7: Am Ende der Behandlung freuen sich die Kinder über den Geschenkekoffer.
Das Geschenk am Ende der Behandlung ist zu einer Quelle für psychisches Durchhaltevermögen und Leidensbereitschaft geworden (Abb. 7). Bei 20 Kindern an einem Nachmittag brauchen wir 20 Geschenke. Wenn auch Geschwister neugierig in unseren Überraschungskoffer blicken, erhöht sich die Zahl weiter. Wir haben in unseren eigenen Kästen gekramt und Spielzeug mitgebracht … Damit haben wir die Familien dermaßen inspiriert, dass sie selber oft Geschenke für den Koffer abgeben. Einmal hat ein Teenager eine Tasche voller Matchboxautos gebracht mit der Begründung, dass es für ihn am schönsten war, wenn er bei uns ein Auto bekommen hat. Das Suchen in der Schatzkiste dauert oft sehr lange. Ich beobachte, wie die Kinder dabei das Geschehene noch reflektieren, häufig zeigen sie mir auch das Gefundene und erzählen mir, was sie damit tun werden. Oft berichten mir Eltern, dass das Geschenk einen Ehrenplatz am Nachtkästchen gefunden hat. Selbst wenn es zu einem Behandlungsabbruch kommt, finden wir immer etwas, wofür wir das Kind loben und belohnen können. Sollte ein Kind einmal kein Geschenk wollen, ist das meist ein Zeichen, dass es nicht mehr zu uns kommen wird. Gegen Ende der Volksschulzeit, wenn die Kinder nicht mehr zulassen, dass die Eltern die Mundhygiene kontrollieren, kramen sie auch bei uns das letzte Mal die Überraschungen durch – auch für uns ein Zeichen, dass wir sie ab jetzt als Erwachsene behandeln dürfen. Gern geben wir den Kindern auch Muster von neuen Zahnbürsten mit, v.a. weil wir oft nicht sicher sind, ob zu Hause jedes Kind eine eigene Zahnbürste hat. Bei Kindern, bei denen wir mit der Zahnputzmaus gearbeitet haben, ist dann die große Überraschung, dass ein Foto von der Maus auch auf der Zahnpaste ist!

Dokumentation

Auch in Stresssituationen sollte man es nicht versäumen, ein paar wichtige Notizen über den Behandlungsablauf zu notieren, z.B. ob ein 5-Jähriger allein auf dem Stuhl saß oder auf dem Vater lag, ob wir zur Spritze „Spritze“ gesagt haben oder ob es sich um „Traumkügelchen“ bzw. „Schlafperlen“ gehandelt hat. Vor allem Geschwister kennen oft den Ausdruck Spritze und kündigen das zu Hause schon an! Dennoch gelingt es manchmal, dass man die Kinder von den Schlafperlen überzeugen kann. Sehr wichtig ist auch die Beschreibung des Verhaltens der Eltern: Manchmal kann man sie gut in die Behandlung einbeziehen, manchmal ist es aber besser, wenn sie gar nicht im Raum sind bzw. auf dem Besucherstuhl Platz nehmen. Die meisten Eltern sind sehr dankbar, wenn ich dann im Rahmen meiner Beruhigungstechniken sage, dass alle im Raum ganz ruhig werden, dass alle einen Sitzplatz suchen. Zu diesem Zeitpunkt sind die Eltern dann auch meist von mir überzeugt und lehnen sich entspannt zurück. Beim nächsten Termin ist es sehr hilfreich, wenn man die Aufzeichnungen genau liest und für die Kinder Rituale, die sie so sehr brauchen, einhalten kann.

Begleitung statt Abschiebung

Geschätzte 15 % der Kinder müssen wir für Extraktionen unter Sedierung mit Dormicum bzw. in seltenen Fällen auch für Narkosesanierung überweisen, besonders wenn die Kinder sehr klein und ihre Befunde sehr groß sind. Dabei ist uns wichtig, dass wir der Familie einen neuen Termin mitgeben, damit sie sich nicht „abgeschoben“ fühlen, bzw. dass wir dann auch den „Neuanfang“ gut begleiten können. Wir sichern ihnen immer zu, dass sie sich jederzeit bei uns melden können, wenn etwas nicht klappt. Außerdem fertigen wir dann auch Platzhalter, Teilprothesen und manchmal auch Vollprothesen an. Vor allem im Oberkiefer müssen oft bereits alle Zähne extrahiert werden. Es ist erstaunlich, wie gut die Kinder bei der Abdrucknahme mitmachen. Meist ist der Leidensdruck, zahnlos zu sein, enorm.

Geschwister

  • Abb. 8: Geschwister dürfen zuschauen.

  • Abb. 8: Geschwister dürfen zuschauen.
Viele Familien, die zu uns kommen, haben mehrere Kinder und meist sind alle im Raum (Abb. 8). Wir nützen die Gelegenheit, um Geschwister zuschauen zu lassen oder auch einmal kurz zu „Assistenten“ zu erklären. Meist sind sie mächtig stolz, wenn sie den Spiegel halten dürfen. An den Türen finden sie Cartoons über die Anwendung von Zahnseide, Bilder von Babys mit Zahnbürste … Der Renner ist aber ein Aquarium aus Kunststoff! Oft stehen die Kinder lange davor und erklären mir dann, warum es nicht echt ist. Sie können mir genau berichten, wie viele „Nemo-Fische“ darin sind. Damit sind auch sie Experten, nicht nur ich.

Schnuller

Kinder, die bereits mit lutschoffenen Bissen zu uns kommen, konnten wir schon manchmal überzeugen, dass sie ihren Schnuller unserer Schlafmaus übergeben. Diese hat schon eine ganze Sammlung von Schnullern und die Eltern, die schon viel zur Schnullerentwöhnung unternommen haben, sind sehr dankbar, wenn das bei uns so unspektakulär gelingt!

Behandlungsunterbrechung

Mir passiert es manchmal, dass ich glaube, wenn ein Kind schon öfter behandelt wurde, müsse es jetzt rascher gehen können. Oft sind Kinder damit überfordert! Das ist auch für mich ein Hinweis, dass ich keine Erwartungen haben soll, sondern jedes Mal neu auf ein Kind eingehen muss. Kinder geben mir das klare Signal: „Frau Doktor, bitte langsam“.

Wenn Kinder bei anderen Zahnärzten schon negative Erfahrungen gemacht haben, ist es oft ganz schwierig für sie, eine Behandlung zuzulassen. Ein geduldiger Neubeginn mit Desensibilisierung ist nötig. Schulkinder lassen sich schon rascher motivieren und spüren meine Überzeugung, dass sie es schaffen. Oft hilft es auch, dass ich die Behandlung einfach unterbreche und den Kindern anbiete, zuerst ein anderes Kind zu behandeln und sie danach wieder an die Reihe zu nehmen. Bei diesem Angebot machen sie meist rasch den Mund auf. Häufig hilft auch das Ampelspiel, wo sie bei „Rot“ (erhobene Hand) die Behandlung unterbrechen können. Wenn die Hand ausgestreckt ist – „Grün“ – darf ich weitermachen. Damit bekommt ein Kind das Gefühl, einen angstbesetzten Vorgang kontrollieren zu können und ihm nicht wehrlos ausgeliefert zu sein, was eine wichtige Regel zur Vorbeugung von (Re-)Traumatisierung ist und die Compliance erhöht. Ebenfalls willkommene Unterbrechungen sind immer die Anforderung einer Bissflügelröntgenaufnahme oder die kieferorthopädische Beratung im Nebenraum bzw. einfach ein neuer Termin.

Teamarbeit

All dies gelingt nur, wenn das ganze Team an einem Strang zieht. Mitarbeitergespräche, gemeinsame Reflexionen sollten fest eingeplant werden. Oft übernehmen auch die Assistentinnen die Demonstrationen im Sinne des „Tell-show-do“-Prinzips, und ich nutze die Gelegenheit, um mit den Eltern das weitere Vorgehen zu vereinbaren. Wenn wir nach der Behandlung von 20 Kindern „erschöpft“ sind, wissen wir auch warum. Die gute Kommunikation mit den Eltern trägt sehr zum Gelingen der Behandlungen bei: Also haben wir nicht 20, sondern mindestens 40 Leute „behandelt“.

Ergebnisse und Diskussion

Im Zahnambulanzbetrieb der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse Graz wurde in einem Zeitraum von mehr als zehn Jahren für geschätzte 95 % der Kinder ein Behandlungszugangsmodus entwickelt. Gleichzeitig konnten auch die Zuweisungen für Narkosesanierungen deutlich reduziert werden. Rund 50 Kinder suchen pro Woche die Ordination auf, von denen wiederum ca. 70 % einen Migrationshintergrund haben. Viele Beratungen erfolgen auch telefonisch. Im Schnitt brauchen wir 15 Minuten für die Behandlungen. Die beschriebenen Techniken ergänzen einander im Zusammenspiel optimal. Ihre Verankerung im Leistungskatalog der Krankenkassen könnte das Bewusstsein für ihre Wichtigkeit sowie die Qualitätssicherung der Kinderzahnmedizin stärken. Die beschriebenen Ansätze werden bereits didaktisch in die Ausbildung/Fortbildung von Zahnarztassistenten, Zahnmedizinern und Zahnmedizinstudenten integriert. Ständige Fortbildung, kollegialer Austausch, Supervision und entsprechende Unterstützung der Zahnärzte bleiben weiterhin ausbaufähige Agenden.

Fazit

Kinder sind die Patienten, die uns am meisten brauchen. Oft sind sie auch ein Gradmesser für unsere persönliche Befindlichkeit. Sie machen uns am schnellsten deutlich, wenn wir nicht im Hier und Jetzt verankert sind. „Wie viele Nächte muss ich noch schlafen, bis ich wieder zum Zahnarzt gehen darf?“, fragte ein Mädchen seine Mutter. Wenn Kinder mit so einer Vorfreude kommen, brauchen wir nicht mehr viel Motivation, um Milchzähne zu versorgen. Jeden Tag gilt neu unser Motto:

„So wie wir auf die Menschen zugehen,
so sind sie dann für uns
und so sind sie dann auch für sich selber.“

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: DDr. Elisabeth Danner

Bilder soweit nicht anders deklariert: DDr. Elisabeth Danner