Parodontologie

Ernährung und Parodontitis – ein Review

Können wir Parodontitis über die Ernährung beeinflussen?

23.05.2016
aktualisiert am: 09.06.2016

Gesund im Mund kommt auch von einer gesunden Ernährung.
Gesund im Mund kommt auch von einer gesunden Ernährung.

Die Präventions- und Behandlungsstrategie gegenüber der Volkskrankheit Parodontitis beruht derzeit im Wesentlichen auf dem Biofilmmanagement zur Kontrolle der pathogenen Keime. Ergänzungen des Behandlungsspektrums wären jedoch wünschenswert. Ein möglicher Baustein ist die Ernährung – ihr Einfluss auf die Immunantwort und damit auch auf die Wirtsreaktion bei der Parodontitis wird häufig diskutiert. Im vorliegenden Übersichtsartikel stellen die Autoren aktuelle Erkenntnisse zum Potenzial verschiedener Mikronährstoffe vor.

Die chronische Parodontitis zählt zu den häufigsten Erkrankungen, die im Erwachsenenalter auftreten. In Deutschland sind unter den Erwachsenen 52,7 % von einer mittelschweren und 20,5 % von einer schweren Form der Parodontitis betroffen, bei den Senioren sind 48,0 % an einer mittelschweren und 39,8 % an einer schweren Parodontitis erkrankt [1]. Die Parodontitis wird durch eine opportunistische Infektion mit vorwiegend gramnegativen, anaeroben, in Biofilmen organisierten Bakterien ausgelost. Die darauf erfolgende Immunantwort führt letztlich zur Destruktion des bindegewebigen und knöchernen Zahnhalteapparates. Ausmaß und Progression der Gewebszerstörung sind sowohl von der genetischen Disposition als auch von erworbenen Risikofaktoren abhängig; zu Letzteren zahlen systemische Erkrankungen und Umweltfaktoren, wie Rauchen und Stress [2, 3]. Derzeit ist die Behandlungs- und Präventionsstrategie im Wesentlichen darauf ausgerichtet, das pathogene Keimspektrum in der Mundhohle und speziell im dentalen Biofilm zu reduzieren und somit den Faktor auszuschalten, der die Entzündungskaskade in Gang setzt. Auf diesem Weg soll die Gewebshomöostase aufrechterhalten bzw. wiederhergestellt werden, und die Entzündung soll ausheilen [4]. Obwohl mit diesem Ansatz sowohl in der Prävention als auch in der Therapie der Parodontitis sehr gute Ergebnisse erzielt werden können [5], verbleiben doch Fragen nach einem möglichen alternativen Vorgehen. Zum einen sind unter der bisherigen Therapie immer wieder Falle zu beobachten, in denen trotz eines funktionierenden Biofilmmanagements eine Krankheitsprogression mit weiterer parodontaler Destruktion bis hin zum Zahnverlust auftritt [6]. Andererseits funktioniert die Kontrolle der Parodontitis durch Biofilmmanagement nur mit einem hohen Aufwand an Behandlungszeit, besonders in der Erhaltungsphase (UPT). Mögliche Grenzen einer effektiven Therapie liegen u. a. in der Bereitschaft der Patienten zur regelmäßigen Teilnahme an der Erhaltungstherapie und in der Bereitstellung der notwendigen personellen und finanziellen Ressourcen zur Bewältigung dieses enormen Behandlungsvolumens. Auf der Suche nach alternativen Behandlungsansätzen, die eine Modulation der Wirtsantwort in Richtung einer Ausheilung der Entzündung bewirken konnten, wird die Rolle der Ernährung oder bestimmter Ernährungsbestandteile immer wieder diskutiert [6]. In der vorliegenden Arbeit werden die Ergebnisse aus einer Auswahl der zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen, die in jüngster Zeit zu diesem Thema durchgeführt wurden, in einem kurzen Review zusammengefasst, und es wird ein Ausblick auf mögliche Konsequenzen für das klinische Management der Parodontitis gegeben.

 

Hypothese: So könnten Antioxidantien einer Parodontitis entgegenwirken

 

Nährstoffe können grob in sechs Klassen eingeteilt werden, und zwar in Kohlenhydrate, Fette, Proteine, Mineralien, Vitamine und Wasser. Als Mikronährstoffe werden die Substanzen bezeichnet, von denen nur geringe Mengen (im Bereich von einigen Mikrogramm bis Milligramm pro Tag) aufgenommen werden müssen. Hierzu zählen Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, Aminosäuren und mehrfach ungesättigte Fettsauren (polyunsaturated fatty acids = PUFA).

 

Parodontitis entsteht als Folge einer Entzündungsantwort des Wirtsorganismus auf pathogene Bakterien. Ein Mechanismus der unspezifischen Immunreaktion ist die Phagozytose der pathogenen Mikroorganismen durch polymorphkernige neutrophile Granulozyten (PMN), bei der reaktive Sauerstoffverbindungen (ROS = reactive oxygen species) freigesetzt werden, wie das Superoxid- Anionenradikal (O2 ?), Wasserstoffperoxid (H2O2) und das Hydroxylradikal (OH). Reaktive Sauerstoffverbindungen können über unterschiedliche Mechanismen zur Gewebsschädigung fuhren, u. a. durch Lipidperoxidation nach Aktivierung der Cyclooxygenase und Lipidoxygenase, DNA-Schädigung durch Basenhydroxylierung und Stimulation der Freisetzung proinflammatorischer Zytokine durch Makrophagen und Monozyten [7]. Oxidativer Stress wird als Ungleichgewicht zwischen der Produktion reaktiver Sauerstoffverbindungen und der möglichen Neutralisation durch Antioxidantien definiert [8]. So wird verständlich, wie die Bereitstellung von Antioxidantien einen Einfluss auf die Entstehung und Progression einer Parodontitis nehmen konnte. Als natürlich vorkommende Nahrungsbestandteile können eine Reihe chemisch sehr unterschiedlicher Substanzen, wie u. a. Vitamine und Mineralstoffe, eine antioxidative Wirkung entfalten oder unterstützen.

 

Einfluss unterschiedlicher Mikronährstoffe auf eine parodontale Entzündung

 

Vitamin E

Vitamin E hat eine wichtige Funktion in der Stabilisierung der Struktur der Zellmembran gegenüber der Schädigung durch reaktive Sauerstoffverbindungen [9] und tritt als Bestandteil von Früchten, Nüssen und Körnern auf. Der Effekt auf parodontale Gewebe wird uneinheitlich bewertet. Die Ergebnisse der klinischen Untersuchungen der Studiengruppen von Slade [9] sowie Cohen [10] konnten den Zusammenhang zwischen Vitamin-E-Spiegel und parodontalem Kollagenverlust, den Asman und Mitarbeiter im Tierversuch an Ratten beobachtet hatten [11], nicht bestätigen.

 

Vitamin C

Skorbut mit seinen parodontalen Symptomen, die denen einer akuten Gingivitis ähneln können [12], wurde schon vor etwa 250 Jahren als Folge einer Mangelernährung erkannt. Ohne die Funktionen einzelner Vitamine zu kennen, fand der englische Schiffsarzt Lind in einer sehr frühen experimentellen Untersuchung im Jahr 1753 heraus, dass die Erkrankung durch intensiven Verzehr von Fruchten heilbar ist [13]. Aus einer Untersuchung im Rahmen des Java-Projektes zur Erforschung der Parodontitis ist bekannt, dass Personen mit einer Unterversorgung mit Vitamin C über einen Zeitraum von drei Jahren einen stärkeren Verlust an klinischem Attachment erleiden als Vergleichspersonen mit ausreichender Vitamin-C-Zufuhr (2,58 mm gegenüber 1,83 mm) [14]. In einer Untergruppe dieser Studienpopulation wurden – nach Supplementierung mit 200 mg Vitamin C, 25 mg Calciumthreonat und 100 mg Citrusflavonoid täglich – eine signifikante Senkung der Belastung mit parodontalpathogenen Spezies (Porphyromonas gingivalis, Prevotella intermedia, Tannerella forsythia, Parvimonas micra, Fusobacterium nucleatum, Treponema denticola) und eine Reduktion des Wertes an glykiertem Hämoglobin (HbA1c) und C-reaktivem Protein (CRP) festgestellt. Die Autoren erklären dies mit einer verbesserten Immunantwort nach Supplementierung [15]. Einen erhöhten Antikörpertiter gegen Porphyromonas gingivalis bei Vitamin-C-Mangel fanden auch Pussinen und Mitarbeiter. Dagegen konnte kein Zusammenhang zwischen dem Antikörpertiter gegen Aggregatibacter actinomycetemcomitans und der Versorgung mit Vitamin C nachgewiesen werden [16].

 

Hinweise auf ein erhöhtes Parodontitisrisiko bei Vitamin-C-Mangel wurden auch in mehreren epidemiologischen Studien an japanischen Senioren gefunden [17, 18]. Staudte und Mitarbeiter untersuchten insgesamt 80 Personen, von denen 58 eine manifeste Parodontitis aufwiesen und 22 als gesunde Kontrollgruppe dienten. Von den an Parodontitis Erkrankten nahmen die 38 Personen der Testgruppe über zwei Wochen je zwei Grapefruits als Ergänzung zur normalen Nahrung zu sich. Zu Beginn der Untersuchung wiesen die Probanden der Testgruppe und die der Kontrollgruppe mit Parodontitis einen durchschnittlichen Vitamin-C-Plasmaspiegel von 0,47 mg/dl bzw. 0,49 mg/dl und damit eine Unterversorgung, die gesunden Kontrollen einen Plasmaspiegel von 1,07 mg/ dl (= optimal versorgt) auf. Nach Abschluss der zweiwöchigen Supplementierungsphase erreichten die Probanden der Testgruppe einen Plasmaspiegel von 0,81 mg/dl (= optimal versorgt) und einen niedrigeren Sulkus-Blutungs- Index nach Mühlemann und Son [19] (bei Nichtrauchern Veränderung von 1,68 zu 1,05, bei Rauchern von 1,76 zu 1,22, signifikant nur bei Nichtrauchern). Die Sondierungstiefen veränderten sich durch die Intervention nicht signifikant [20]. Die Supplementierung mit Vitamin C ergänzend zu Scaling und Wurzelglättung bewirkte in der Studie von Gokhale und Mitarbeitern eine stärkere Reduktion des Sulkus-Blutungs-Indexes [21]. Ein Einfluss auf die Sondierungstiefen konnte auch in dieser Studie nicht nachgewiesen werden. Durch nicht chirurgische Parodontitistherapie kann der antioxidative Status verbessert werden. In einer anderen randomisierten Studie konnte kein Unterschied des antioxidativen Status durch zusätzliche Gabe von Vitamin C nachgewiesen werden. Die parodontale Heilung wurde ebenfalls nicht durch die Supplementierung mit Vitamin C beeinflusst [22].

 

Unter dem Begriff Epigenetik werden Veränderungen der Genregulation zusammengefasst, die nicht mit Modifikationen der DNA-Sequenz einhergehen. Auslöser sind Umweltfaktoren wie Rauchen und Ernährung, aber auch Entzündungsprozesse [23]. Zusätzlich zur schon lange bekannten antioxidativen Wirkung des Vitamin C wird aktuell diskutiert, dass Vitamin C über den Mechanismus der Regulation der DNA-Transkription mittels Histon-Modifikation die Synthese proinflammatorisch wirkender Proteine beeinflussen konnte [24]. Die täglich empfohlene Aufnahme schwankt zwischen 60 bis 90 mg für Männer und 75 mg für Frauen (laut Food and Nutrition Board, 2000) [25] bzw. etwa 200 mg (nach Levine et al., 2001) [26].

 

Vitamin D

Vitamin D hat eine wichtige Funktion in der Regulation des Calciumspiegels im Blut. Eine dauerhafte Unterversorgung stört die skelettale Homöostase und kann zur Calciumfreisetzung aus dem Skelett und speziell auch aus dem alveolaren Knochen fuhren. Zusätzlich wird eine antioxidative Wirkung besonders der hormonell aktiven Form (1?,25-Dihydroxy-Vitamin D) angenommen [27]. Damit wäre eine Wechselbeziehung zwischen Vitamin-D-Mangel und parodontaler Destruktion mit unterschiedlichen Mechanismen zu begründen. In einer in Korea durchgeführten epidemiologischen Untersuchung mit insgesamt 6011 Teilnehmern konnte eine Relation zwischen einem Vitamin-D-Mangel und erhöhter parodontaler Entzündung, gemessen am Community Periodontal Index (CPI), nur für aktive Raucher bestätigt werden [28]. Andererseits konnte ein geringfügig positiver Einfluss einer Supplementierung mit Vitamin D auf Sondierungstiefen, klinisches Attachmentlevel und die Sondierungsblutung in der parodontalen Erhaltungstherapie festgestellt werden [29, 30].

 

Vitamin B

Vitamine aus dem B-Komplex spielen bei der Wundheilung eine Rolle. Effekte bei gingivalen Erkrankungen, wie die Senkung des Gingiva-Indexes und Reduzierung gingivaler Vermehrungen, wurden beschrieben [31]. Yoshihara und Mitarbeiter berichten von einem Einfluss der regelmäßigen Vitamin-B-Zufuhr auf die Anzahl vorhandener Zahne bei japanischen Senioren. Ein Ruckschluss auf Zahnverluste als Folge parodontaler Destruktion ist dabei allerdings nicht zwingend zulässig [32]. Dagegen wurde bei einer Auswertung von im Rahmen der SHIP-Studie (Study of Health in Pomerania) erhobenen Daten ein signifikanter Zusammenhang zwischen niedrigem Vitamin- B-Spiegel und geringfügig erhöhten Sondierungstiefen (+ 0,1 mm), klinischem Attachmentverlust (+ 0,23 mm) und einem erhöhten Risiko (relatives Risiko = 1,57) fur Zahnverluste gefunden [33].

 

Vitamin A

Carotinoide sind als Radikalfänger bekannt [34]. Einige Carotinoide können von Herbivoren und auch vom Menschen als Provitamin A zur Synthese von Vitamin A genutzt werden. Ein erhöhter antioxidativer Carotinoidspiegel nach Nährstoffsupplementierung bewirkte geringfügig verbesserte parodontale Parameter [35]. Lycopin gehört als Tetraterpen ebenfalls zur Familie der Carotinoide und wird v. a. in roten Fruchten und Gemüsen (Tomaten, Papaya, Melonen, Grapefruit) gefunden [36]. Neben positiven Effekten in der Behandlung der oralen Leukoplakie [37] konnte in einer randomisierten Studie – allerdings nur in einem kleinen Studienkollektiv von insgesamt 20 Probanden – eine stärkere Verbesserung der gingivalen Parameter bei zusätzlicher täglicher Einnahme von 8 mg Lycopin gegenüber einer rein mechanischen Biofilmkontrolle gezeigt werden [38].

 

Kombination von Antioxidantien

In einigen Arbeiten wurden die Wirkungen mehrerer miteinander kombinierter Mikronährstoffe auf das Parodontium untersucht. Eine randomisierte Studie, bei der den Probanden unterstutzend zur nicht chirurgischen Parodontitistherapie entweder ein Placebo gegeben wurde oder kommerziell verfügbare Kapseln zur Mikronährstoffergänzung (Juice PLUS+) verabreicht wurden, zeigte geringfügige und damit klinisch eher nicht relevante, aber statistisch signifikante Verbesserungen des Behandlungsergebnisses bezüglich der Sulkusfliesrate, der Sondierungstiefen und der Sondierungsblutung (BOP). In dem Präparat war eine Kombination von Beta-Carotin, den Vitaminen E und C und Folsäure enthalten [39]. Während in der soeben genannten Studie ausschließlich Nichtraucher teilnahmen, fanden Novembrino und Mitarbeiter eine Verbesserung des antioxidativen Status bei Einnahme des gleichen Präparates durch schwere Raucher (mehr als 20 Zigaretten pro Tag über mindestens 10 Jahre). Parodontale Parameter wurden hier nicht mitgeteilt [40]. Dahingegen fanden Dodington et al. (2015) eine verbesserte Heilung nach Scaling und Wurzelglättung bei erhöhter Zufuhr von Beta-Carotin, Vitamin C und E, Alpha-Linolensäure (ALA), Eicosapentaensäure (EPA), und Docosahexaensäure (DHA) nur in der Gruppe der Nichtraucher [41].

 

Omega-3-Fettsäuren

Im menschlichen Organismus können Omega-3-Fettsauren nur synthetisiert werden, wenn Alpha-Linolensäure als essenzieller Nahrungsbestandteil zur Verfügung steht. Die übrigen Omega-3-Fettsauren müssen nicht zwingend mit der Nahrung aufgenommen werden. Eine ausreichende Zufuhr von mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsauren (PUFA) mit der Nahrung, beispielsweise aus Fischöl wie der Eicosapentaensäure und der Docosahexaensäure, verbessert allerdings die Gewebekonzentration dieser Substanzen, denen eine entzündungshemmende Wirkung u. a. durch eine verminderte Freisetzung von Interleukin 1 (IL-1), Interleukin 6 (IL-6) und des Koloniestimulierenden Faktors aus Leukozyten zugeschrieben wird [42]. Es wird angenommen, dass PUFA die durch neutrophile Granulozyten vermittelte Gewebszerstörung stoppen können [43, 44]. Es werden unterschiedliche Mechanismen diskutiert: die Inhibition der Chemotaxis von neutrophilen Granulozyten und Monozyten und die verminderte Bildung von Adhäsionsmolekülen auf der Oberflache von Monozyten, Makrophagen und Endothelzellen, die zur Stimulierung der Entzündungsantwort beitragen. Weiterhin wird eine gesteigerte Bildung von Resolvinen und Protektinen gesehen. Dies sind Mediatoren, die antiinflammatorisch wirken und zur Heilung einer Läsion beitragen können [45, 46].

 

In einer über fünf Jahre angelegten longitudinalen Studie wurde eine erhöhte Parodontitisprogression bei geringer Aufnahme von Eicosapentaensäure und Docosahexaensäure beobachtet [47]. Vergleichbare Resultate wurden auch in einer Querschnittsstudie, gewonnen aus dem Datenmaterial des National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES), gesehen [48]. Dagegen provozieren gesättigte Fettsauren eher eine Verstärkung der Entzündungsreaktion durch die erhöhte Produktion freier Sauerstoffradikale. Eine direkte Korrelation zwischen der Aufnahme von gesättigten Fettsauren und dem Fortschreiten der Parodontitis konnte erhoben werden [49]. Ein kombinierter Ansatz zur Modulation der Wirtsreaktion besteht in der Supplementierung von PUFA wie Eicosapentaensäure und Docosahexaensäure und der zusätzlichen Gabe von niedrig dosierter Acetylsalicysäure (81 mg pro Tag). Wird diese Kombination ergänzend zum mechanischen Debridement eingesetzt, resultiert eine signifikante zusätzliche Reduzierung der Aktivität der Matrixmetalloproteinase 8 (MMP-8) und der Konzentration des Transkriptionsfaktors Nuclear Factor ?B, der in der Bildung proinflammatorischer Zytokine eine mediale Rolle spielt. Die parodontalen Parameter werden ebenfalls positiv beeinflusst, wobei insbesondere eine stärkere Reduktion der Stellen mit Sondierungstiefen über 4 mm auffällt [50]. Wird auf das begleitende mechanische Biofilmmanagement verzichtet, sind trotzdem eine Reduktion des C-reaktiven Proteins (hsCRP) und des Interleukins 1? in der Sulkusflüssigkeit sowie eine Verringerung der Sondierungstiefen um etwa 0,3 mm zu beobachten [51].

 

Das Ergebnis dieser Studien lasst insoweit Fragen offen, als nicht bekannt ist, wie hoch der Anteil des Behandlungseffektes ist, der auf die Medikation mit Acetylsalicylsäure zurückgeführt werden kann. Weiterhin sollte der längerfristige Einsatz von ASS auch in geringer Dosierung wegen der möglichen Nebenwirkungen in dieser Indikationsstellung kritisch überdacht werden.

 

Einfluss von Ernährungsstilen

 

Neben den zahlreichen Arbeiten, die sich speziell mit den Wirkungen einzelner Mikronährstoffe auf die parodontale Entzündung beschäftigen, finden sich auch einzelne Studien, in denen komplexere Ernährungsgewohnheiten untersucht werden. Die Effekte einer sogenannten vollwertigen Ernährung wurden an 20 Patientinnen in der Menopause evaluiert, die an einer leichten bis moderaten Parodontitis erkrankt waren. Über den Zeitraum von 12 Monaten fanden wiederholte Ernährungsberatungen statt mit dem Ziel einer Umstellung auf eine vollwertige Kost mit einem hohen Anteil von Fruchten, Gemüse und reduziertem Konsum von Fleisch, Fisch und Milchprodukten. Nach Abschluss der Ernährungsintervention wurden eine geringfügige Reduzierung der Sondierungstiefen (um 0,2 mm), eine Reduktion des Gingiva-Indexes und gesenkte Konzentrationen von Interleukin 1? und Interleukin 6 in der Sulkusflüssigkeit gemessen [52].

 

Im Rahmen einer Produktion des Schweizer Fernsehens konnte eine Gruppe von zehn Personen über einen Zeitraum von vier Wochen unter simulierten Lebensbedingungen der Jungsteinzeit beobachtet werden. Während des Versuchszeitraums nahmen die Probanden Nahrung zu sich, die durch einen hohen Anteil von nicht aufbereitetem Getreide, Honig, Milch und Waldfruchten bei völligem Verzicht auf raffinierten Zucker gekennzeichnet war. Die Probanden hatten keinen Zugang zu modernen Mundhygienehilfsmitteln. Nach Abschluss des Versuches zeigten sich erwartungsgemäß ein deutlich erhöhter Plaqueindex (Steigerung von 0,68 auf 1,47) und eine Zunahme der gesamten Bakterienzahl aus subgingivalen Proben. Im Gegensatz zu dem aus den klassischen Versuchen von Löe und Theilade bekannten Ablauf einer experimentellen Gingivitis [53] war keine signifikante Veränderung des Gingiva-Indexes, aber eine signifikante Reduktion der Sondierungsblutung (BOP 34,8 % statt 12,6 %) und der Sondierungstiefen um durchschnittlich 0,2 mm zu beobachten. Die Autoren fuhren das Ergebnis im Wesentlichen auf den hohen Anteil von Antioxidantien in der Diät zurück [54]. In einer Untersuchung, in der parodontale Parameter von jeweils 100 Probanden mit einer vegetarischen und einer nicht vegetarischen Ernährungsweise verglichen wurden, zeigten sich signifikant niedrigere Sondierungstiefen, eine geringere Sondierungsblutung (BOP) und ein günstigerer parodontaler Screening-Index (PSI) in der Gruppe der Vegetarier [55]. Ob dies allein auf den Einfluss der Ernährungsweise zurückzuführen ist oder allgemein auf ein gesundheitsbewussteres Verhalten, das sich auch in einer signifikant besseren Mundhygiene ausdruckte, konnte in der Studie nicht geklärt werden. Allerdings fanden Staufenbiel und Mitarbeiter in den gleichen Untersuchungsgruppen bei Vegetariern eine signifikant höhere Anzahl von kariösen Defekten und dentalen Erosionen, die mit einer geringeren Fluoridapplikation und häufigeren säurehaltigen Zwischenmahlzeiten (Obst) begründet werden [56]. Dies gibt einen wichtigen Hinweis darauf, dass bei Ernährungsempfehlungen in der zahnärztlichen Praxis stets die Auswirkungen auf die gesamte orale Gesundheit in den Blick genommen werden sollten.

 

Fazit

 

Ein grundsätzliches Problem bei der Interpretation aller klinischen Studien liegt darin, dass eine Vielzahl von Ernährungsbestandteilen Einfluss auf die Immunreaktion bei einer Entzündung nehmen kann und es im Gegensatz zu Tierversuchen kaum möglich ist, für alle Probanden eine tatsachlich standardisierte Diät einzuhalten. Daher sind Störfaktoren nicht sicher auszuschließen, was möglicherweise ein Grund dafür ist, dass in Tierexperimenten beobachtete Effekte in klinischen Tests nicht immer nachvollzogen werden können.

 

Aus den vorliegenden Daten kann gefolgert werden, dass die ausreichende Versorgung mit natürlichen Antioxidantien, Omega-3-PUFAs, Vitamin D und Calcium einen positiven Einfluss in der Prävention und Behandlung der Parodontitis hat [57-60]. Da eine Unterversorgung mit Antioxidantien in der gesunden Bevölkerung Mitteleuropas selten ist, wird zumindest hier bei gezielter Supplementierung kein größerer Effekt auf die Epidemiologie der Parodontitis zu erwarten sein. Mögliche schwerwiegende Nebenwirkungen (einschließlich Todesfallen) einer Übersupplementierung vor allem mit Vitamin E und Beta-Carotin sind zu beachten (Tab. 1) [61-63]. Zum Effekt von Antioxidantien auf die parodontale Entzündung ohne gleichzeitige konventionell- mechanische Therapie gibt es noch keine ausreichende Evidenz [64], sodass derzeit von diesem Ansatz abgesehen werden sollte.

 

Für die Zukunft bedeutendere Fortschritte werden wohl in der weiteren Erforschung der Omega- 3-PUFAs und ihrer zahlreichen Stoffwechselprodukte im Hinblick auf die Verschiebung der Entzündungsantwort weg von weiterem Fortschreiten und weiterer Gewebsdestruktion hin zur Entzündungsfreiheit parodontaler Läsionen zu erzielen sein [65]. Es bleibt abzuwarten, ob die klinische Anwendung dieser Erkenntnisse das Potenzial entwickelt, neben der bekannten antimikrobiellen Strategie ein zusätzlicher Baustein in der langfristigen Betreuung der Parodontitispatienten zu werden.

  • Tabelle 1: Empfehlung zur Dosierung verschiedener Antioxidantien (modifiziert nach [61]). Erläuterung: RDA = Recommended Dietary Allowance = durchschnittliche Tageszufuhr, die den Nährstoffbedarf deckt; TUIL = Tolerable Upper Intake Level = tägliche Höchstdosis, bei der keine Nebenwirkungen eintreten.
  • Tabelle 1: Empfehlung zur Dosierung verschiedener Antioxidantien (modifiziert nach [61]). Erläuterung: RDA = Recommended Dietary Allowance = durchschnittliche Tageszufuhr, die den Nährstoffbedarf deckt; TUIL = Tolerable Upper Intake Level = tägliche Höchstdosis, bei der keine Nebenwirkungen eintreten.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Prof. Dr. Peter Hahner

Bilder soweit nicht anders deklariert: Prof. Dr. Peter Hahner


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