Parodontologie

Organisation und psychologisches Management

Kinderbehandlung in der Allgemeinzahnarztpraxis

02.05.2013


In Deutschland sind durchschnittlich 47,4 % der kariösen Milchzähne bei 6- bis 7-Jährigen nicht versorgt [1]. In diesem Beitrag soll das organisatorische und psychologische Management dargestellt werden, um den Behandlungsalltag mit Kindern zu erleichtern und qualitätsorientiert zu handeln.

Terminvereinbarung

  • Abb. 1: Unterschiedliche Terminarten bei der Kinderbehandlung.

  • Abb. 1: Unterschiedliche Terminarten bei der Kinderbehandlung.
Anhand des Organigramms in Abbildung 1 sehen Sie die verschiedenen Terminarten, die in der Praxis auftreten. Im Rahmen des QM-Systems werden Behandlungsabläufe definiert und hinterlegt. Dies beginnt mit der Terminvereinbarung am Telefon oder durch persönliches Erscheinen in der Praxis.

Die Mitarbeiter an der Rezeption stellen den Erstkontakt mit Ihren zukünftigen Patienten her. Sie vermitteln durch ihr Auftreten und Verhalten einen ersten Eindruck von der Praxis. Folgende positive Eigenschaften der Mitarbeiter erleichtern den Einstieg und senken die Hürde, die Praxis zu besuchen, deutlich:

  • Hilfsbereitschaft
  • Höflichkeit
  • Sachlichkeit auch in Stresssituationen
  • gepflegtes Äußeres
  • Zuverlässigkeit
  • Charisma
  • Diskretion
  • Souveränität

Die Mitarbeiter am Empfang sind angewiesen, nachfolgende Dinge abzufragen: persönliche Patientendaten, Telefonnummer, Grund für den Termin (Überweisung, 1. Besuch, Schmerzen?) vorhandene aktuelle (nicht älter als sechs Monate) Röntgenbilder. Den Eltern werden Informationen zum Verhalten bezüglich des Termins gegeben:

  • nur positive Zahnarzterfahrungen äußern
  • nicht zu viel von einer Behandlung erzählen, das Praxisteam erklärt es besser mit altersgerechten und positiven Worten
  • keine Belohnungsgeschenke versprechen
  • Sätze und Worte vermeiden wie Spritze, Bohrer oder „Hat es weh getan?“

Es empfiehlt sich, Zeitfenster für Kinderbehandlung in einer Praxiswoche einzurichten, ebenso tägliche Zeiten für Schmerzpatienten oder Familiennachmittage. Es gibt immer Notfälle, die ohne Anmeldung in Ihrer Praxis stehen. Diese müssen je nach Dringlichkeit zeitnah versorgt werden: Wenn möglich als letzte Patienten vor der Mittagspause oder am Sprechstundenende, ansonsten sind bestellte Patienten über die Gründe der dadurch entstehenden Wartezeiten zu informieren.

Empfang in der Praxis

Jedes Kind soll von der ersten Begrüßung am Empfang über die zahnärztliche Sitzung bis zur Verabschiedung spüren, dass es für diese Zeit im Mittelpunkt steht und alle Praxismitarbeiter sich bemühen, den Aufenthalt in der Praxis so angenehm wie möglich zu gestalten. Abweichend von den normalen Gepflogenheiten wird das Kind zuerst begrüßt und Augenkontakt hergestellt.

Notfall

  • Abb. 2: Notfallbehandlung.

  • Abb. 2: Notfallbehandlung.
Bei Unfällen Tetanusschutz und Bewusstlosigkeit klären, bevor die intra- und extraorale Inspektion stattfindet. Zahnschäden erstversorgen und weitere Termine vereinbaren (Abb. 2). Schmerzlinderung steht bei Kindern im Vordergrund. Mit einer provisorischen Versorgung/Füllung und einer Schmerzmedikation wird dies erreicht. Behandlungstermine mit aufgeschobener Dringlichkeit werden dann zeitnah vereinbart [2].

Praxisgestaltung

Durch die Gestaltung eines Empfangstresens auf halber Höhe ist Augenkontakt sofort möglich. Anderenfalls steht die Mitarbeiterin auf und schaut zum Kind. Eine freundliche Atmosphäre macht es vielen Kindern und Eltern deutlich leichter, die Praxis gerne wieder zu besuchen. Dem nicht immer vermeidbaren Geruch nach zahnärztlichen Materialien und Desinfektionsmitteln kann man mit einer Duftsäule im Eingangsbereich entgegenwirken.

Eine Kinderecke im Wartezimmer mit Spielzeug, Büchern und Malutensilien eignet sich hervorragend, um die Wartezeit spielerisch zu überbrücken

  • Abb. 3: Eine Kinderecke im Wartezimmer hilft, die Wartezeit zu überbrücken.

  • Abb. 3: Eine Kinderecke im Wartezimmer hilft, die Wartezeit zu überbrücken.
und dem Kind die Möglichkeit zu geben, in Ruhe anzukommen und zu vergessen, dass es eigentlich beim Zahnarzt ist. Ein Bällebad oder Baumhaus ist natürlich etwas Besonderes in einer Zahnarztpraxis, aber auch eine positive Werbung für deren Kinderfreundlichkeit (Abb. 3).

Helle Farben in den Behandlungsräumen oder sogar die Einrichtung von Themenzimmern wie ein rosa Zimmer oder Afrikazimmer oder ein Fernseher an der Decke sorgen für eine angenehme Atmosphäre. Der Röntgenraum kann ebenfalls für alle Patienten z.B. als Weltraumzimmer gestaltet werden.

Anmeldeunterlagen

Während der Wartezeit füllen die Eltern die Anmeldeformulare aus. In der Patientenanmeldung sollten neben den persönlichen Daten auch Informationen über die Familienverhältnisse und Erziehungsberechtigung enthalten sein. In der Anamnese sind Fragen zu Impfungen, Problemen bei der Geburt sowie Erkrankungen und Medikamenten enthalten. Auch der jeweilige Kinderarzt wird hier eingetragen, damit bei Unklarheiten ein Ansprechpartner besteht.

Die zahnmedizinische Anamnese gibt Informationen über Vorerfahrungen bei Kollegen, Traumata im Mund- und Gesichtsbereich sowie Ernährungsgewohnheiten und die Anwendung von Fluoriden. Mit diesen Informationen haben Sie einen Überblick, können gezielt beraten und auf die individuellen Erwartungen der Eltern eingehen.

Behandlungszimmer

Das Kind wird von der Helferin im Wartezimmer auf Augenhöhe begrüßt und ins Behandlungszimmer begleitet. Dabei nimmt die Mitarbeiterin die Hand des Kindes und stellt einen ersten Körperkontakt her. Dem Kind wird das Behandlungszimmer gezeigt, es darf auf dem Behandlungsstuhl Platz nehmen und diesen einmal ausprobieren. Sehr kleine Kinder sitzen auf dem Schoß der Eltern. Die Helferin klärt etwaige Unklarheiten aus der Anamnese und den Grund für den Besuch.

Wenn Sie das Zimmer betreten, werden Sie kurz dem Kind vorgestellt und erhalten eine Kurzinformation zum Patienten.

  • Abb. 4: Anhand der Tell-Show-Do-Methode werden die Behandlungsabläufe erklärt.

  • Abb. 4: Anhand der Tell-Show-Do-Methode werden die Behandlungsabläufe erklärt.
Die Kommunikation mit dem Kind sollte sich zunächst nicht auf den Mund beziehen und zu Beginn mit anderen Dingen beschäftigen. Gute Themen zum Einstieg sind Fragen zu Freunden des Kindes, Erlebnissen im Kindergarten oder Lieblingsfilmen.

Befundaufnahme

Die Tell-Show-Do-Methode eignet sich, um dem Kind die Behandlungsabläufe vorzustellen und zu demonstrieren (Abb. 4) [3]. „Tell“ bedeutet kurz beschreiben, was durchgeführt wird. „Show“ bedeutet zeigen und auch mundfern ausprobieren. „Do“ steht für durchführen.

  • Tab. 1: Bei der Wortwahl für das Instrumentarium ist Kreativität gefragt.

  • Tab. 1: Bei der Wortwahl für das Instrumentarium ist Kreativität gefragt.
Bei der Wortwahl für das Behandlungsinstrumentarium werden positive, bildererzeugende Worte gewählt. In Tabelle 1 ist eine kleine Auswahl dargestellt, der Kreativität sind in diesem Bereich keine Grenzen gesetzt. Es besteht auch die Möglichkeit, die Begriffe aus der Tabelle in eine Geschichte einzubauen, z.B. die Häuser der Milchzahnstraße zu zählen. Die Aufmerksamkeit und Kooperationsbereitschaft des Kindes können dadurch hergestellt werden, um den Befund und bei Bedarf eine vorläufige Planung aufzunehmen [4].

Im Anschluss erhält das Kind eine Belohnung für seine Mitarbeit, deren Sinn auch erklärt werden muss. Während das Kind wieder im Wartezimmer spielt, wird in Ruhe mit den Begleitpersonen gesprochen und das weitere Vorgehen festgelegt. Ergebnis der Erstvorstellung sind der Befund, die Aufklärung der Begleitpersonen über Ernährung, Getränke, häusliche Mundhygiene und ein Eindruck von der kindlichen Kooperation. In Abbildung 5 ist ein Ablaufplan dargestellt, der für das QM-System nutzbar ist. Kariesfreie Kinder kommen halbjährlich zur Kontrolle (Abb. 6). Diagnostizierte Karies bedeutet Röntgendiagnostik und Behandlungsplanung sowie Aufklärung über Versorgungsmöglichkeiten.
  • Abb. 5: Ablaufplan.
  • Abb. 6: Kontrolle.
  • Abb. 5: Ablaufplan.
  • Abb. 6: Kontrolle.

Rechtliche Aspekte

Für die Röntgendiagnostik und die folgende Therapie benötigen Minderjährige die schriftliche Einwilligung der Erziehungsberechtigten. Bei getrennt lebenden Eltern mit gemeinsamem Sorgerecht müssen beide einwilligen, falls nicht eine entsprechende Vollmacht vorliegt. Aufgrund der rechtlichen Besonderheiten bei

  • Abb. 7: Beispiel eines Dokumentationsbogens.

  • Abb. 7: Beispiel eines Dokumentationsbogens.
der Kinderbehandlung sollte auf diese Unterlagen besonderer Wert gelegt werden. Bei jeder invasiven Behandlung wie auch beim Auftragen von Fluorid liegen diese Unterlagen dann vor.

Dokumentation

Für die Dokumentation dieses Termins eignen sich praxisindividuelle Doku-Bögen. Abbildung 7 zeigt den in meiner Praxis genutzten. Dort werden alle Gesprächsinhalte erfasst und auch notiert, wer das Kind begleitete. Sinnvoll für weitere Termine sind Informationen über das Verhalten (kooperativ, unkooperativ, Schoßexamen) sowie Vorlieben des Kindes, z.B. für Farben, Trickfilme, Tiere.

Probebehandlung

Der darauffolgende Termin kann eine Probebehandlung sein, um die Kooperation zu testen. Eine Mitarbeiterin mit Erfahrung in Kinderbehandlung, Prophylaxe oder Hypnoseausbildung führt dies als Privatleistung bei dem Kind durch. Alle Instrumente werden gezeigt, die Zähne werden gereinigt und poliert. Die spielerische Art steht im Vordergrund und das Kind erfährt ein positives Behandlungserlebnis. Treten hier schon Schwierigkeiten auf, wird mit den Eltern über Alternativen zur normalen Behandlung gesprochen. Bei schwierigen Fällen oder komplexen Befunden wird das Kind zu einem Spezialisten überwiesen.

Therapie

Der Behandlungstermin findet im günstigen psychologischen Hoch, also während der Vormittags- oder der frühen Nachmittagsstunden unter Berücksichtigung des persönlichen Rhythmus des Kindes statt. Das Behandlungszimmer ist komplett vorbereitet, damit keine Unruhe aufkommt. Die Behandlungszeit liegt innerhalb der Aufmerksamkeitsspanne des Kindes. Als Richtwert gilt bei 4-Jährigen 15 min. Pro Lebensjahr kommen 5 min dazu [5].

Eine gute Schmerzausschaltung erleichtert die Therapie, vermeidet negative Erfahrungen und wird mit Verhaltensführung zu Beginn durchgeführt. Jede Handlung wird in einem nicht zu lauten Tonfall sprachlich begleitet. Die Tell-Show-Do-Methode kommt hier wieder zum Einsatz, auch das Erzählen einer Geschichte kann benutzt werden, was die Zahnbehandlung zum Nebenschauplatz macht.

Am Ende wird das Kind gelobt, über das Taubheitsgefühl in der Lippe nach der Injektion aufgeklärt sowie kurz über den nächsten Termin informiert. Anschließend erhalten die Begleitpersonen die notwendigen Verhaltensregeln wie Nahrungskarenz oder Überwachung des Kindes.

Nach einem Behandlungsabbruch werden mit den Eltern das weitere Vorgehen und Behandlungsalternativen besprochen sowie ein neuer Termin vereinbart. Alternativen sind Behandlungen mit Sedierung, Behandlung in Vollnarkose oder eine erneute Probebehandlung [6].

Fazit

Die vorgestellten Überlegungen dienen zur Steigerung der Kooperationsbereitschaft und sind die Voraussetzungen für eine qualitätsorientierte Behandlung in Lokalanästhesie. Zukünftig sehe ich noch weiteres Ausbaupotenzial in der Praxis bei der frühkindlichen Erziehung zur Mundgesundheit sowie Vorsorgemaßnahmen zur Vermeidung frühkindlicher Karies unter Einbeziehung der digitalen Medien.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Rebecca Otto

Bilder soweit nicht anders deklariert: Rebecca Otto


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