Parodontologie


Karies aus Liebeskummer?

Im Rahmen der Vierten Deutschen Mundgesundheitsstudie im Jahr 2006 wurde eine leicht rückläufige, jedoch immer noch gravierende Zahl von 14,5 Zähnen mit Karieserfahrung (DMFT-Index) bei Erwachsenen festgestellt. Mittelschwere und schwere Parodontalerkrankungen nahmen bei Erwachsenen und Senioren seit 1997 um 26,9 bzw. 23,7 % zu [1]. Gleichzeitig steigt die Rate psychischer Erkrankungen in Deutschland. Zwischen 2000 und 2004 verzeichneten drei der größten Krankenkassen einen Anstieg der Fehlzeiten wegen psychischer Leiden um 20 %. Man schätzt, dass jeder vierte Patient, der einen Hausarzt aufsucht, auch an einer psychischen oder psychosomatischen Störung leidet [2]. Auch in der Zahnarztpraxis ist mit diesem Verhältnis zu rechnen, weshalb hier den Zusammenhängen zwischen psychischen Beeinträchtigungen und Mundgesundheit nachgegangen werden soll.

Wer hat sich nicht schon einmal die Frage gestellt, ob die Gesundheit seiner Zähne nicht auch ein wenig von seiner seelischen Verfassung abhängt: Wer Kummer hat, tröstet sich mit Süßem und vernachlässigt das Zähneputzen. In der Nacht knirscht und presst er vor Sorgen auf seinen Zähnen herum. Das kann ja nicht gut sein, die Zähne leiden also mit.

Gibt es neben diesen bekannten Thesen wissenschaftliche Beweise für solche Zusammenhänge? Anhand einiger verbreiteter Befindlichkeitsstörungen werden mögliche Folgen für Zähne und Kiefer erklärt.

Depression, Angst, psychosomatische Erkrankungen

Psychische Erkrankungen sind ein Faktor, der mit einer erhöhten Karies- und Parodontitisaktivität einhergeht [3]. Depressionen sind eine sehr verbreitete Erkrankung. Schätzungsweise jeder Zehnte erkrankt mindestens einmal im Leben daran. Auslöser können beispielsweise belastende Veränderungen zwischenmenschlicher Beziehungen sein.

Wer an einer Depression leidet, fühlt sich meist erschöpft und antriebslos, zieht sich zurück und verliert Interesse und Freude am täglichen Leben. Dies führt häufig zur Vernachlässigung der Zahnpflege und zu ungesunder Ernährung. Verstärkend und oft verkannt ist die Tatsache, dass viele Menschen mit Depressionen unter Mundtrockenheit leiden. Speichel enthält jedoch neben Antikörpern verschiedene Mineralien und Enzyme, deren spezielle Zusammensetzung die Gingiva vor Entzündungen und die Zähne vor Demineralisierung schützt. Depressionen und Immunsystem sind eng miteinander verknüpft. So zeigen depressive Menschen häufig stärkere Entzündungsreaktionen. Ihr Immunsystem ist hochaktiv, obwohl es gar keine Krankheit zu bekämpfen gilt. Auch starker Stress kann möglicherweise bei Menschen mit entsprechender Veranlagung zu einer entzündlichen Überreaktion des Immunsystems führen, in deren Folge es zur Depression kommen kann. Körpereigene Entzündungsprozesse sind auch Teil der Vorgänge, die zu parodontalem Attachmentverlust führen.

Patienten mit Angststörungen produzieren weniger Lymphozyten und haben somit eine geschwächte Abwehr. Auch die zur Behandlung von psychischen Erkrankungen eingesetzten Medikamente können als Nebenwirkung Mundtrockenheit hervorrufen.

Eine spezifische Phobie kann auch den Zahnarztbesuch selbst betreffen: Schätzungen zufolge haben etwa drei Viertel der Erwachsenen Angst vor dem Zahnarzt, 5–8 % leiden sogar unter einer Zahnbehandlungsphobie. Diese ist wegen der Meidung des Zahnarztbesuches naturgemäß mit mehr Problemen bei der Erhaltung der Zahngesundheit verbunden.

Es gibt eine Reihe psychosomatischer Erkrankungen, die mit Beschwerden im Kiefer- und Gesichtsbereich einhergehen. Dazu gehören psychogene Zahnersatzunverträglichkeit, chronischer Gesichtsschmerz, aber auch somatoforme Störungen, bei denen körperliche Beschwerden bestehen, die somatisch nicht ausreichend begründbar sind.

Bei einem Verdacht auf Vorliegen einer psychischen Erkrankung, einer psychosomatischen Beteiligung an zahnärztlichen Problemen oder einer ausgeprägten Zahnbehandlungsphobie ist es für den Patienten sinnvoll, psychotherapeutische Hilfsangebote wahrzunehmen. Diese können in Absprache mit dem Hausarzt vermittelt werden und umfassen beispielsweise die Unterstützung durch Psychotherapeuten, Beratungsstellen oder spezialisierte Zahnärzte.

Suchtverhalten

Rauchen

Raucher haben nicht nur häufiger Parodontitis, bei ihnen zeigt sich auch ein schwererer Verlauf der Parodontalerkrankungen [4, 5]. Je nachdem, wie viel sie rauchen, ist die Wahrscheinlichkeit, an Parodontitis zu erkranken, bis zu 15-mal höher als bei Nichtrauchern. Sie verlieren häufiger Zähne infolge dieser Erkrankung und die Parodontalbehandlung zeigt geringere Erfolgsraten als bei Nichtrauchern. Raucher haben zudem häufiger Karies und dadurch eine höhere Zahnverlustrate als Nichtraucher [6]. Rauchen führt zu Durchblutungsstörungen, die sich im Mundraum aufgrund der feinen Gefäße besonders bemerkbar machen. Die Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen ist gestört. Die Granulozyten des Immunsystems werden geschädigt und sind schlechter in der Lage, Bakterien aufzuspüren und zu vernichten [7]. Ein verringerter Speichelfluss, der bei Rauchern häufig ist, begünstigt die Entstehung von Parodontitis und Karies.

Alkohol

Regelmäßiger Alkoholkonsum von mehr als fünf Drinks pro Woche geht mit einem erhöhten Schweregrad einer bestehenden Parodontitis einher [5, 8]. Alkohol in größeren Mengen setzt zudem die Aktivität des Immunsystems herab und führt zu einer Dysregulation der fein aufeinander abgestimmten Abläufe im Fall der Konfrontation mit Pathogenen [9].

Essstörungen

Essstörungen haben psychische Hintergründe, wirken sich körperlich aus und sind in vielen Dingen einer Sucht sehr ähnlich. Daher werden sie als psychosomatische Erkrankungen mit Suchtcharakter verstanden.

Derzeit werden drei Arten von „Essstörungen“ unterschieden: Anorexia nervosa (Magersucht), Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht) und andere sogenannte atypische Essstörungen, wie z.B. die Binge- Eating-Störung.

Essstörungen haben starke Auswirkungen auch auf die Mundgesundheit: Sie können Erosionen, Cheilitis, Parodontitis und Schwellungen der Speicheldrüsen mit Funktionseinbuße auslösen. Von besonderer Bedeutung ist die teilweise schwere Erosion des Zahnschmelzes durch sauren Mageninhalt bei fortgesetztem Erbrechen. Die Mangelernährung kann Auswirkungen auf die Knochenstabilität haben, auch die Menge der roten und weißen Blutkörperchen wird reduziert, was die Sauerstoffversorgung des Gewebes und die Immunfunktion beeinträchtigen kann. Mundwinkelrhagaden und Entzündungen der Mundschleimhaut sind möglich.

Besteht Verdacht auf eine Suchtproblematik, sollte im Hinblick auf die möglicherweise gravierenden allgemeingesundheitlichen Folgen auf jeden Fall eine Therapie durch spezialisierte Einrichtungen erfolgen. Raucher sollten über mögliche Gesundheitsrisiken aufgeklärt werden.

Stress, Sorgen, Überlastung

Stress ist eine natürliche Reaktion, die den Körper in Alarmbereitschaft versetzt und eine schnelle Reaktion auf Gefahren ermöglichen soll. Man unterscheidet zwischen Eustress, der eine notwendige und positiv erlebte Aktivierung des Organismus darstellt, und Disstress, eine belastende und schädlich wirkende Reaktion auf die Überforderung. Die Bezeichnung Stress wird allgemein im letzteren Sinne benutzt.

Kurzfristig führt Stress zu einer Ausschüttung von Adrenalin und Cortisol, das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, die Muskulatur wird vermehrt und die Verdauungsorgane werden weniger durchblutet. Die akute Stressreaktion ist nicht gesundheitsschädlich, solange sie innerhalb kurzer Zeit wieder abklingt.

Problematisch wird Stress, wenn er chronisch wird. Dann kann hoher Blutdruck entstehen, das Immunsystem wird gestört, sodass nicht nur die körpereigene Abwehr reduziert wird, sondern auch die Neigung zu Autoimmunerkrankungen steigt. Je länger man unter Stress leidet, um so eher zeigen sich auch körperliche Folgen.

Liebeskummer kann als ein extremer Stressfaktor für den Körper verstanden werden. Es handelt sich um eine psychische Ausnahmesituation, die zu starken körperlichen Reaktionen führen kann.

Stress kann zu Muskelverspannungen und Schmerzen führen

Schon seit Langem ist bekannt, dass Stress zu Muskelverspannungen und Schmerzen im Kiefer-, Gesichts- und Nackenbereich führen kann. Knirschen und Pressen in der Nacht oder bei Anstrengung führen zu Abrasionen, Schmerzen und funktionellen Störungen. Personen, die gehäuft belastenden Lebensereignissen ausgesetzt waren, leiden in stärkerem Maße an craniomandibulären Dysfunktionen [10]. Bei Schmerzpatienten korreliert der Grad des Stresses mit der Anzahl schmerzhafter Körperareale [11].

Therapiert werden diese Patienten hauptsächlich mit intraoralen Schienen, mit Verfahren zur Muskelentspannung und Beruhigung, Physiotherapie und speziellen Übungen. Als therapeutischer Ansatz sollte weiterhin die Einübung effektiver Problemlösestrategien angestrebt werden. Bestimmte Stressverarbeitungsstrategien, wie die gedankliche Weiterbeschäftigung mit Problemen, Neigung zu Selbstmitleid oder ein ausgeprägtes Bedürfnis nach sozialer Unterstützung, erwiesen sich als relevante Einflussfaktoren auf Schmerzen im Kiefer- und Gesichtsbereich. Als gesundheitspräventives Bewältigungsmuster gilt die weniger emotionale, mehr problemzentrierte Herangehensweise, verbunden mit Optimismus und Kontrollgefühl sowie die Einbindung in ein soziales Netzwerk [10].

Karies und Parodontitis – eine Stressfolge?

Mitarbeiter der IT-Branche haben signifikant häufiger Parodontitis und einen höheren DMFT-Index, wenn sie erhöhten Arbeitsbelastungen und Stress am Arbeitsplatz ausgesetzt waren [12]. Diese Studienergebnisse lassen sich vermutlich auch auf andere Berufsgruppen mit hohen Arbeitsbelastungen übertragen.

Mäßiger bis hoher Lernstress kann als Prädiktor für die Entwicklung kariöser Läsionen bei Studenten angesehen werden [13]. Negative Emotionalität war in einer Studie von Thomson et al. ein Faktor für Karies und kariesbedingten Zahnverlust [14]. Stress, emotional gewichtete Bewältigungsstrategien und finanzielle Belastungen waren in einer großen Untersuchung mit parodontalem Attachmentverlust verbunden [15].

Chronischer Stress beeinträchtigt das Immunsystem

Das Zusammenspiel von Nerven- und Hormonsystem in Stresssituationen ermöglicht kurzzeitige Höchstleistungen. Die langfristige Aktivierung durch chronischen Stress führt jedoch zu anhaltender Produktion von Stresshormonen, die dabei auch das Gleichgewicht der Immunantwort schwer beeinträchtigen können [16].

Es ist erwiesen, dass psychische Belastungen die Anfälligkeit gegenüber Krankheitserregern erhöhen. Stress kann die Konzentration des sekretorischen Immunglobulin A im Speichel senken, welches der Abwehr pathogener Bakterien dient. Bekannt ist auch, dass in Stresssituationen beispielsweise Glukokortikoide verstärkt ausgeschüttet werden. Sie beeinflussen alle immunkompetenten Zellen und setzen die Immunantwort herab.

Schlafmangel macht anfälliger

Genervt, traurig, überlastet – da ist ein gesunder Schlaf Mangelware. „Schlaf mehr, dann wirst du auch nicht krank!“: Omas guten Rat kennt man auch heute noch. Wie Schlafmangel tatsächlich das Immunsystem beeinträchtigt, wurde in einer neuen Studie gezeigt: Eine Woche Schlafmangel in Form von sieben Nächten mit je maximal sechs Stunden Schlaf kann Hunderte von Genen beeinflussen. Betroffen waren vor allem Gene, die für Entzündungen, Immun- und Stressreaktionen verantwortlich sind [17].

Stubenhocken fördert Karies

Der tägliche Aufenthalt an der frischen Luft kann nicht nur depressive Stimmung mindern, sondern durch die Bildung von Vitamin D auch Karies vorbeugen. Eine große Metaanalyse brachte die Gewissheit, dass Kinder mit ausreichender Vitamin-D-Versorgung eindeutig weniger Karies haben [18]. Vitamin D kann der Körper mittels ausreichender Sonnenlichtexposition selbst bilden, es ist in größeren Mengen in Fisch und Fischöl enthalten und wird Säuglingen regelmäßig in Tablettenform zugeführt. Auch wenn die Sonne noch so freundlich durch das Fenster scheint, zur Versorgung mit dem wichtigen Vitamin kann sie nur unter freiem Himmel beitragen, denn Fensterglas filtert UVB-Strahlung fast vollständig.

Stress-Essen ist ungesund

Viele Menschen essen unter Stress mehr und ungesünder als sonst. Studenten mit hohem Stressniveau nehmen mehr Süßigkeiten, Schokolade und Kuchen zu sich als ihre weniger gestressten Kommilitonen [19]. Der Body-Mass-Index ist bei Menschen, die unter Stress zu vermehrter Nahrungsaufnahme neigen, erhöht. Sie essen häufiger Hamburger, Pizza und Süßigkeiten und trinken mehr Alkohol als andere [20].

Eine häufige Aufnahme kohlenhydratreicher Kost gilt als eine der Säulen der Kariesentstehung.

Zähneputzen hilft

Ein zusätzlicher Faktor ist die eingeschränkte Mundhygiene. Menschen, die verstärktem Arbeitsdruck oder psychischem Stress ausgesetzt sind, sich in Prüfungssituationen befinden oder in eine depressive Stimmungslage gekommen sind, putzen sich nachgewiesenermaßen weniger die Zähne. Einige Wochen mangelnder Zahnpflege mit vermehrter Plaquebildung können eine Initialkaries oder Gingivitis hervorrufen oder eine Parodontitis fördern. Hier hilft nur die Aufklärung über die uneingeschränkte Notwendigkeit der Zahn- und Zahnzwischenraumpflege, unabhängig vom Befinden.

Seelische Balance

„Es gibt keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit“, betont die Weltgesundheitsorganisation WHO [21]. Eine körperliche und seelische Balance basiert auf der harmonischen Wirkung zahlreicher Faktoren. Ist das seelische Gleichgewicht gestört, kann das zu ernsthaften psychischen und körperlichen Erkrankungen führen. Gerade in unserer modernen Welt mit ihren zahlreichen Anforderungen, die als Stressoren wirken, ist ein ausgewogenes Verhältnis von Anspannung und Entspannung eine Grundlage für psychisches Wohlbefinden und Gesundheit.

Zusammenfassung

Auch wenn nicht jeder Liebeskummer zu Zahnproblemen führt, ist doch davon auszugehen, dass viele psychische Faktoren direkt oder indirekt Einfluss auf die Zahngesundheit haben. Diese Erkenntnis ist insbesondere für den ganzheitlich arbeitenden Zahnarzt wichtig. Bei Vorliegen gravierender psychischer Probleme sollte in die Therapie einbezogen werden, dass auch hier eine Ursache oder ein Verstärker von zahnmedizinischen Problemen liegen kann. Eine dauerhaft erfolgreiche Therapie ist nur dann möglich, wenn auch die psychischen Probleme adäquat behandelt werden.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. med. dent. Dipl.-Psych. Bettina Kanzlivius


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