Parodontologie


Individuelles Behandlungsprogramm in der pädiatrischen Zahnheilkunde zur Reduzierung der Zahnarztphobie

Abb. 1: Angstfaktor beim ersten Termin
Abb. 1: Angstfaktor beim ersten Termin

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Zahnarztangst bei Kindern, schlechter Mundhygiene und mangelnder Compliance? Dies war die Ausgangsfrage der hier dargestellten Pilotstudie, die über den Zeitraum von 3 Jahren in einer Zahnarztpraxis durchgeführt wurde. Durch ein spezielles Behandlungsprogramm für Kinder sollten alle drei Aspekte positiv beeinflusst werden. Nachfolgend werden das spezielle Behandlungskonzept, die Ergebnisse sowie ihre Auswertung vorgestellt und diskutiert.

Die Zahngesundheit bei Kindern konnte in den vergangenen Jahren z. B. aufgrund in der Praxis durchgeführter Früherkennungsuntersuchungen und systematischer Individualprophylaxemaßnahmen, Gruppenprophylaxe in Schulen und Kindergärten, öffentlicher Aufklärungskampagnen usw. stark verbessert werden. Trotz all dieser Maßnahmen diagnostizieren wir bei einigen Kindern immer noch eine unzureichende Mundhygiene, ein besonders hohes Kariesrisiko und oft eine fehlende Compliance. Die Gruppe der Kinder mit einer Zahnarztphobie ist dabei besonders auffällig. Dies veranlasste uns, nach den Zusammenhängen zwischen Angstpatient, unzureichender Mundhygiene, erhöhtem Kariesrisiko und der Non-Compliance zu forschen, mit dem Ziel, eine Verbesserung der Gesamtsituation zu erreichen. Mit unserer Untersuchung sehen wir den Zusammenhang zwischen folgenden Parametern: Zahnarztphobie – Non- Compliance – unzureichende Mundhygiene. Um unsere Zielsetzung zu erreichen, führten wir in unserer Praxis ein spezielles Kinderbehandlungskonzept ein. Verbesserte sich ein Parameter, hatte dies in der Regel eine Verbesserung der weiteren Parameter zur Folge. Der Start unseres individuellen Kinderprogramms erfolgte im Juni 2011. Der Beobachtungszeitraum von 3 Jahren ermöglichte uns eine aussagekräftige Datenauswertung.

Planung und Vorbereitung der Untersuchung

Die Behandler absolvierten das Curriculum Zahnärztliche Hypnose und Kommunikation DGZH. Mithilfe einer ritualisierten Verhaltensführung und hypnotischer Kommunikation wurde bei den Kindern eine Veränderung zu einer positiven Wahrnehmung des Praxisbesuches erreicht. In mehreren praxisinternen Fortbildungsmaßnahmen sowohl von externen Trainern als auch durch die Behandler erfolgte eine umfangreiche Schulung des Teams. Als Probanden wurden 54 Kinder im Alter zwischen ca. 2 und 10 Jahren mit unterschiedlichem Angstfaktor aus unserem Patientenstamm bzw. Neupatienten ausgewählt. Weitere Auswahlkriterien erfolgten nicht. Die Probanden kommen aus dem südöstlichen Teil Bayerns.

Die Befunderhebung in der ersten Sitzung bestand aus: Erhebung des Angstfaktors 0 (keine Angst) bis 10 (große Angst), Beurteilung der Mundhygiene und der Compliance. War beim Erstkontakt keine Behandlung und somit keine Erhebung der Mundhygiene möglich, erfolgte dies bei einem Folgetermin, sobald eine Behandlung möglich war. In einer oder mehreren weiteren Sitzung(en) wurden erneut der Angstfaktor erhoben und Mundhygiene sowie Compliance beurteilt; zudem eine Individualprophylaxe durchgeführt. Alle Kinder bzw. Eltern erhielten bei Behandlungsbeginn eine altersgerechte „Kindermappe“.

Mappe 1: Kindermappe (Vorschulalter)

  • Elternbrief
  • Fragebogen – „Die Welt Ihres Kindes“
  • Anamnese des Kindes
  • „Zahnarzt und Kleinstkinder“ – häufig gestellte Fragen
  • Information zu Nuckelflaschenkaries
  • Information zu Früherkennungsuntersuchung bei Kindern bis 6 Jahre

Mappe 2: Kindermappe (Grundschulalter)

  • Elternbrief
  • Fragebogen – „Die Welt Ihres Kindes“
  • Anamnese des Kindes
  • Information zu Milchzähne/Wechselgebiss und Zahnwechsel/ bleibendes Gebiss
  • Fluoridinformation (Wirkungsweise, Dosierung, Richtwerte der Fluoridzufuhr)
  • Information zu Fissurenversiegelung und Applikation CHX-Lack

Mappe 3: „Ein Weg zur entspannten und angstfreien Zahnbehandlung Ihres Kindes“ für Kinder mit hohem Angstfaktor und/oder ggf. notwendiger Hypnose

  • Informationsbrief zu Behandlungsablauf, Elternanweisung
  • Fragebogen für die Kinderbehandlung/Hypnose, einschließlich „Die Welt des Kindes“

Instruktionen für die Eltern

Damit der Besuch für die Eltern und das Kind so angenehm wie möglich verläuft oder eine Verbesserung der Situation herbeigeführt wird, spielt das Elternverhalten bei der Umsetzung des Kinderprogramms eine große Rolle. Die Eltern werden vorab z. B. durch den Elternbrief der Kindermappe, durch ein Gespräch mit dem Behandler usw. über die Regeln informiert.

  • • Das Kind sollte einen geliebten Gegenstand mitbringen (Puppe, Plüschtier usw.).
  • • Das Behandlungsgeschehen sollte von den Eltern ruhig und entspannt beobachtet werden. Jeder Eingriff in die Behandlung – auch gut gemeinte Unterstützung – kann den Behandlungserfolg gefährden und sollte vermieden werden.
  • Anweisungen oder Aufforderungen an das Kind während der Behandlung, z. B. Aussagen wie „Du brauchst keine Angst zu haben, es tut überhaupt nicht weh, es dauert nicht lange“ usw., sollten unterbleiben.
  • Angstbegriffe (z. B. Angst, Schmerz, Spritze, bohren) sollten in Gegenwart des Kindes nicht gebraucht werden.
  • Es sollte kein Geschenk versprochen werden.
  • Keine Erwartung, dass sich das Kind schon beim ersten Termin behandeln lässt.
  • Erst nach der Behandlung mit dem Kind reden, loben, auch für kleine Fortschritte.
  • Eine positive Zielorientierung der Eltern im Hinblick auf die Therapie des Kindes ist wichtig.
  • Eigene negative Zahnarzterfahrungen sollten nicht erwähnt werden.

Um mit dem Kind möglichst effektiv und ohne Ablenkung arbeiten zu können, sollten Kinder über 3 Jahre möglichst ohne Eltern ins Behandlungszimmer kommen. Wenn das Kind das nicht will, sollte die Begleitperson auf eine Person beschränkt sein. Die wichtigsten Voraussetzungen zur Vermittlung von Mundhygienemaßnahmen bei Kindern sind die Schaffung einer Compliance und der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zum Zahnarzt und Team.

Die Behandlung

Der erste Termin wurde so vereinbart, dass die Ankunftszeit ca. 15 Minuten vor dem eigentlichen Behandlungstermin ist, so können die Patientendaten erfasst werden, die Anamnese/„Die Welt Ihres Kindes“ ausgefüllt werden, ggf. noch Fragen von Eltern/Kind beantwortet werden. Durch eine ritualisierte und/oder hypnotische Verhaltensführung während der Behandlung empfinden die Kinder die Behandlung in der Regel mehr und mehr als positives Erlebnis. Das Kind wird vom Behandler oder vertrauter Assistenz persönlich mit Blickkontakt und mit seinem Namen begrüßt, im Wartezimmer abgeholt und in das Behandlungszimmer begleitet. Das Lieblingskuscheltier/Puppe des Kindes wird mitgenommen.

Im Behandlungszimmer

  • Die vorliegenden Informationen laut Anamnese und „Die Welt des Kindes“ wurden vorbereitet und vom Behandler gesichtet.
  • „Kinderkiste“ wurde vorbereitet.
  • In Absprache mit dem Kind sitzt das Kind entweder allein auf dem Stuhl oder auf dem Schoß der/des Mutter/Vaters.
  • Eine Beziehung zwischen Kind – Behandler – Assistenz wird hergestellt (Gespräch, Körperkontakt, Blickkontakt) – keine Einmischung der Eltern.
  • Wenn möglich, kann jetzt eine erste kurze Befundaufnahme erfolgen.
  • Eingewöhnung – show – tell – do.
  • Negativ besetzte Ausdrücke (bohren, Angst usw.) werden vermieden, positiv besetzte Begriffe verwendet, z. B. Politurbürste – Straßenkehrmaschine, Sauger – Schlürfi, Anästhetikum – Einschlafperlen usw.
  • Mit dem Kind werden Vereinbarungen für die nächste Behandlung getroffen.
  • Ggf. Erstellen von Fotos mit intraoraler Kamera, während der Behandler mit Mutter/Vater Befund, Anamnese und weitere Therapieplanung bespricht.
  • Entscheidung, ob weitere Behandlung mit Kinderhypnose erfolgen soll.
  • Kind loben und bei guter Mitarbeit aus der praxiseigenen Schatzkiste belohnen. Öffnen des Mundes bedeutet auch, dass sich die Schatzkiste öffnet.

Behandlungsende

  • Mit dem Kind Vereinbarung für den nächsten Termin treffen (wird dokumentiert), z. B.: „Nächstes Mal darf die Straßenkehrmaschine über deine Zähne fahren.“, oder „Dein Zahnhaus Nr. 55 rechts oben braucht ein neues Dach.“
  • Terminvereinbarung für 2. Termin: kurze Wiederholung show – tell – do. Darauf folgt die Behandlung und weitere Eltern-Kind-Beratung oder Mitgabe der Hypnoseinformationen.

Ritualisierte oder hypnotische Verhaltensführung – die Behandlungsabfolge läuft bei den folgenden Terminen ähnlich ab, mit dem Ziel, den Angstfaktor weiter zu reduzieren und damit die Compliance zu verbessern.

  • Abb. 2: Angstfaktor aktuell
  • Abb. 3: Mundhygiene beim ersten Termin
  • Abb. 2: Angstfaktor aktuell
  • Abb. 3: Mundhygiene beim ersten Termin

  • Abb. 4: Mundhygiene aktuell
  • Abb. 5: Compliance beim ersten Termin
  • Abb. 4: Mundhygiene aktuell
  • Abb. 5: Compliance beim ersten Termin

  • Abb. 6: Compliance aktuell
  • Abb. 6: Compliance aktuell

Individualprophylaxe

Das Ziel, den Angstfaktor und die Compliance zu verbessern, wird nur erreicht, wenn sich auch die Mundhygiene verbessert, deshalb sind Individualprophylaxe-Maßnahmen ein besonders wichtiger Bestandteil des Kinderbehandlungskonzepts. Aufgrund der Beurteilung der Mundhygiene werden bei allen Kindern Prophylaxemaßnahmen in der Regel unter Einbeziehung der Eltern durchgeführt. Zur Verbesserung der Mundhygiene ist bei Kindern mit hohem Angstfaktor und einer Non-Compliance als erste Maßnahme oft lediglich die Aufklärung über die altersgerechte häusliche Mundhygiene mit den richtigen Mundhygieneartikeln möglich. Dazu gehören: fluoridhaltige Zahnpasten (mit einem dem Alter entsprechenden Fluoridgehalt) und eine geeignete Zahnbürste (weiche Kinderzahnbürste, spezielle Kinder-E-Zahnbürste). Ein wichtiges Ziel ist, dass Kinder mit den richtigen Zahnpflegeprodukten zur häuslichen Mundpflege motiviert werden, weil sie Spaß daran haben – die Zahnbürsten dürfen/sollen bunt sein, E-Zahnbürsten bereiten den Kindern in der Regel mehr Freude als Handzahnbürsten, gut schmeckende Zahnpasten, lustige Zahnpastatuben usw. Kreativität ist hier gefordert: Kindgerechte Geschichten rund um die Zähne und die Mundhygiene mit all dem notwendigen Zubehör usw. sind hilfreich. Abhängig von der (immer besser werdenden) Behandlungsbereitschaft werden Individualprophylaxetermine vereinbart, bei denen das gesamte Spektrum der Prophylaxe und altersgerechter Mundhygieneartikel individuell zum Einsatz kommt. Selbstverständlich erfolgt auch eine Ernährungslenkung für Kind und Eltern.

Ergebnisse

Es konnte nachgewiesen werden, dass bei Verbesserung des Angstfaktors eine Verbesserung der Compliance und der Mundhygiene erfolgte. Kinder, die beim ersten Termin eine schlechte Mundhygiene aufwiesen, gaben im Durchschnitt einen höheren Angstfaktor an als Kinder mit einer guten Mundhygiene. Bei insgesamt 34 Kindern wurden folgende Faktoren komplett dokumentiert, bei weiteren 20 Kindern konnten nicht alle Faktoren erfasst werden. Zwei der 34 Kinder haben weitere Termine versäumt bzw. die Behandlung abgebrochen. Die Werte wurden wie folgt in den nachfolgenden Auswertungen angegeben:

  • Angstfaktor (AF) vor dem 1. Termin – Angstfaktor aktuell: hoher Angstfaktor = 8-10, mittlerer = 3-7, kein/niedriger = 0-2
  • Mundhygiene beim 1. Termin – Mundhygiene aktuell: schlechte Mundhygiene = 1, mittlere = 2, gute/sehr gute = 3
  • Compliance beim 1. Termin – Compliance aktuell: schlechte Compliance = 1, mittlere = 2, gute/sehr gute = 3

Auswertung 1: Einfluss des Programms auf alle Faktoren Gegenüberstellung Angstfaktor (AF), Mundhygiene (Muhy) und Compliance (Beha) – erster Termin zu aktuelle Werte (Abb. 1-6).

Fazit: In allen Bereichen (Angstfaktor, Mundhygiene, Behandlungsfähigkeit) konnte eine erhebliche Verbesserung vom Anbeginn des Kinderprogramms bis zum aktuellen Zeitpunkt festgestellt werden.

Auswertung 2: Angstfaktor und Mundhygiene Von insgesamt 25 Kindern, die zu Beginn des Kinderbehandlungsprogramms einen hohen Angstfaktor angaben, hatten 36 % eine schlechte und 36 % eine mittlere Mundhygiene, lediglich 28 % der Kinder wiesen eine gute bis sehr gute Mundhygiene auf. Aktuell haben in der gleichen Gruppe nur noch 24 % eine schlechte und 16 % eine mittlere Mundhygiene, die Anzahl der Kinder mit einer guten bis sehr guten Mundhygiene erhöhte sich auf 60 %. Von insgesamt 6 Kindern, die beim ersten Termin einen mittleren Angstfaktor angaben, hatten 33 % eine schlechte und 50 % eine mittlere Mundhygiene, lediglich 17 % der Kinder wiesen eine gute bis sehr gute Mundhygiene auf. Aktuell haben in der gleichen Gruppe nur noch 16 % eine schlechte und 17 % eine mittlere Mundhygiene, die Anzahl der Kinder mit einer guten bis sehr guten Mundhygiene erhöhte sich auf 67 %. Von insgesamt 9 Kindern, die zu Beginn des Kinderbehandlungsprogramms einen geringen/gar keinen Angstfaktor angaben, hatten nur 11 % eine schlechte, 45 % eine mittlere und 44 % der Kinder eine gute bis sehr gute Mundhygiene. Aktuell hat in der gleichen Gruppe 0 % eine schlechte Mundhygiene, die mittlere Mundhygiene verbesserte sich auf 33 % und die gute bis sehr gute Mundhygiene auf 67 %.

Fazit: Kinder mit mittlerem bis hohem Angstfaktor (1 bzw. 2) wiesen zu Beginn der Behandlung vermehrt eine schlechte Mundhygiene auf. Aufgrund des Kinderprogramms konnte eine wesentliche Verbesserung der Mundhygiene erzielt werden. Kinder mit geringem Angstfaktor (3) wiesen auch schon zu Beginn der Behandlung eine wesentlich bessere Mundhygiene auf, der Wert konnte auch hier noch verbessert werden:

  • 24 % der Kinder mit hohem Angstfaktor weisen aktuell eine schlechte Mundhygiene auf (36 % zu Beginn).
  • 16 % der Kinder mit mittlerem Angstfaktor weisen aktuell eine schlechte Mundhygiene auf (33 % zu Beginn).
  • 0 % der Kinder mit geringem Angstfaktor weisen aktuell eine schlechte Mundhygiene auf (11 % zu Beginn).

In der Pilotstudie wurden gesondert die Zusammenhänge bezüglich Angstfaktor und Compliance (Auswertung 3) und Mundhygiene und Compliance (Auswertung 4) dargestellt. Diese Auswertungen finden Sie auf www.pnc-aktuell.de/puttkammer

Fazit

Die Ergebnisse der Pilotstudie lassen einen Zusammenhang zwischen den Faktoren Angst, Mundhygiene und Compliance erkennen: Je schlechter die Mundhygiene, desto höher der Angstfaktor und umgekehrt. Die Compliance wird sowohl durch einen hohen Angstfaktor als auch schlechte Mundhygiene negativ beeinflusst. Durch ein gezieltes Kinderprogramm konnten bei den meisten Kindern alle drei Faktoren erheblich verbessert werden. Letztendlich ist die Hypothese aufzustellen, dass durch die Verringerung der Angst, die infolgedessen stark verbesserte Compliance und eine bessere Mundhygiene das Kariesrisiko und weitere Erkrankungsrisiken des stomatognathen Systems deutlich reduziert werden könnten. Weitere Untersuchungen zu diesen Zusammenhängen wären sehr wünschenswert.

 

 

 

 

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Dagmar Puttkammer-Wendl

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Dagmar Puttkammer-Wendl


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