Parodontologie

Aus dem Alltag eines Patienten mit Behinderung

„Es ist nicht immer leicht, ich zu sein!“

"Es ist nicht immer leicht, ich zu sein!"
"Es ist nicht immer leicht, ich zu sein!"

Für viele Menschen mit Behinderung ist das Thema Zahngesundheit schwerer zu handhaben als für Menschen ohne Behinderung. Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung zählen zur Hochrisikogruppe für Karies- und Zahnfleischerkrankungen. Umso wichtiger ist also die Vorsorge zur Verbesserung der Zahn- und Mundhygiene. Neben einer umfänglichen Barrierefreiheit bedeutet dies für Zahnarztpraxen v. a. eins: Zeit, Zeit, Zeit. Autorin Jutta Pagel-Steidl schildert Stationen aus dem täglichen Familienleben mit einem behinderten Kind und gibt Tipps für die erfolgreiche Kommunikation und Behandlung in der Zahnarztpraxis.

„Spontan einmal einen Stadtbummel machen, in einem Straßencafé ein Päuschen einlegen, ein Spaghettieis löffeln und die Sonne genießen.“ – davon träumt Maria M. (38). „Spontan geht bei uns gar nichts. Selbst ein Stadtbummel muss mindestens so gut geplant sein wie eine Expedition auf den Mount Everest.“ Ihr Sohn Thomas (15) ist von Geburt an körper- und mehrfachbehindert. Er nutzt einen Rollstuhl. Da er nicht sprechen kann, verwendet er eine Kommunikationshilfe, einen Talker mit Sprachausgabe. Gemeinsam mit einem Sonderpädagogen seiner Schule für Körperbehinderte wurde in vielen Sitzungen sein Wortschatz aufgebaut und die Handhabung des Talkers eingeübt.

 

Pünktlich um 7.05 Uhr klingelt der Fahrer des Sonderfahrdienstes, um Thomas abzuholen. Die Fahrt zur Schule dauert etwa 60 Minuten, da unterwegs noch andere Kinder mit Behinderung zusteigen. Bei Maria M. klingelt daher der Wecker jeden Morgen um 5.15 Uhr. Da heißt es keine Zeit verlieren, denn das Aufstehen, Windeln wechseln, Waschen, Anziehen und der Transfer in den Rollstuhl dauert bei Thomas eine gute Stunde. Er ist voll auf die Hilfe seiner Mutter angewiesen. Noch schnell ein Müsli zum Frühstück und dann ist es schon Zeit für die Schule.

 

Ihr Mann Klaus (43) kümmert sich morgens darum, dass Thomas` jüngere, nicht behinderte, Schwester Lucie rechtzeitig fertig wird, bevor er selbst zur Arbeit geht. Die Eltern sind ein eingespieltes Team. Der Alltag ist minutiös durchgeplant. Wenn alle aus dem Haus sind, findet Maria M. Zeit, sich frisch zu machen und zu frühstücken. Ist ein solches Familienleben nicht unheimlich anstrengend?

 

„Thomas ist ein richtiger Schatz“

 

Maria M. lacht. „Es geht mir gut. Der Zusammenhalt in unserer Familie ist super. Mein Mann und ich unterstützen uns gegenseitig. In der Klasse unseres Sohnes sind sieben Kinder. Nur bei drei Kindern sind die Eltern noch zusammen. Die anderen Mamas sind alleinerziehend. Ich möchte mit niemandem tauschen. Wenn Thomas einen mit seinen dunklen Augen anstrahlt, da ist so viel Liebe, Wärme und Geborgenheit in diesem Blick. Wenn er sich freut, dann gluckst er. Und wenn er was nicht mag, dann strampelt er wie wild. Er spürt genau, ob es mir gut geht oder nicht. Wenn ich hektisch werde, etwa beim Anziehen, weil ich am Morgen selbst etwas getrödelt habe, dann spürt Thomas diese Unruhe und verkrampft. Dann brauchen wir beide die doppelte Zeit und sind auch noch schweißgebadet. Seit Thomas auf der Welt ist, lehrt er mich Achtsamkeit und Gelassenheit. Thomas ist ein so fröhlicher Junge, er ist ein richtiger Schatz.“ Gut zwei Drittel aller Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen leben zu Hause. Das Leben mit einem schwer behinderten Kind ist eine Herausforderung. Zum Alltag zählen auch die regelmäßigen Therapiestunden, Arztbesuche und Klinikaufenthalte. Fehlende Rampen und Aufzüge, hohe Bordsteine, nicht vorhandene Rollstuhltoiletten mit Wickeltischen – auch für erwachsene Menschen – erschweren den Alltag noch mehr. Auch Maria M. kann davon ein Lied singen.

 

Und wie wird es nach der Schule weitergehen? Thomas wird nie in der Lage sein, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er wird zeitlebens auf Sozialhilfe angewiesen sein. Der Gedanke daran bedrückt die Eltern. Sie finanzieren die Assistenz für den Kinobesuch oder auch die Reittherapie, die die Krankenkasse nicht bezahlt.

  • Auch wer ohne Lautsprache unterwegs ist, hat viel zu sagen. Möglich wird dies mit unterstützter Kommunikation, ob in Form von sogenannten BLISS-Tafeln (Bild), Symbolen oder Talkern.

  • Auch wer ohne Lautsprache unterwegs ist, hat viel zu sagen. Möglich wird dies mit unterstützter Kommunikation, ob in Form von sogenannten BLISS-Tafeln (Bild), Symbolen oder Talkern.

 

 „Zähne putzen – aber richtig!“

 

Maria M. legt großen Wert auf die regelmäßigen Vorsorgetermine beim Zahnarzt. Der gelernten Kinderkrankenschwester ist die Mund- und Zahngesundheit ihres Sohnes wichtig. Schon ganz früh hat sie das „richtige“ Zähneputzen eingeübt. „Das ist sehr aufwendig. Ich muss Thomas dazu bequem lagern, seinen Kopf halten, ihn dazu bringen, den Mund ganz weit zu öffnen und erst dann kann ich mit dem Putzen beginnen.“ Mutter und Sohn haben ihr eigenes Ritual entwickelt. „Ich lege seine Lieblings-CD ein. Für Thomas ist das das Signal, jetzt geht es den Bakterien im Mundraum an den Kragen!“ Angst vor dem Zahnarzt hat Thomas daher nicht.

 

Maria M. hat lange nach der „richtigen“ Zahnarztpraxis gesucht. Ein ganz wichtiges Entscheidungskriterium war dabei die barrierefreie Erreichbarkeit und Zugänglichkeit der Praxis. „Ohne fremde Hilfe reinkommen“, nennt sie es. „Thomas hat schon beim Betreten der Praxis gespürt, dass er als Patient willkommen war. Er wurde von der Mitarbeiterin an der Empfangstheke ganz normal begrüßt. Da war die erste Hürde genommen. Das Vertrauen war einfach da.“ Menschen mit Behinderungen sind Experten auf dem Gebiet der basalen Kommunikation und spüren genau, ob sie willkommen sind oder nicht. Unser Tipp: „Reden Sie direkt mit dem Menschen mit Behinderung – und nicht über ihn hinweg. Bemühen Sie sich um gleiche Augenhöhe, gehen Sie im Gespräch mit einem Rollstuhlfahrer ruhig auch mal in die Hocke. Sprechen Sie langsam und deutlich und schauen Sie Ihr Gegenüber direkt an.“

 

Eine stressfreie Umgebung in der Praxis ist für eine erfolgreiche Behandlung unerlässlich. Deshalb: nehmen Sie sich ausreichend Zeit, denn „schnell“ geht gar nichts. Konzentrieren Sie sich voll auf den Patienten mit Behinderung. Sortieren Sie nicht nebenher „schnell“ noch Instrumente für den nächsten Patienten. Ihr Patient mit Behinderung braucht Ihre volle Aufmerksamkeit – Nebengeräusche stören und sorgen für Unruhe.

 

Für Patienten im Rollstuhl ist auch die bequeme Lagerung auf dem Behandlungsstuhl oder im Rollstuhl wichtig. agerungskissen geben stabilen Halt und Sicherheit. Ein schmerzfreies Liegen hilft, sich auf die Zahnbehandlung zu konzentrieren! Erklären Sie Ihrem Patienten genau und mit ruhiger Stimme, was ihn erwartet. Erklären Sie Ihr Vorgehen mit einfachen Worten. Keine Sorge, Sie werden verstanden! Wichtig ist immer, dass Sie auch bei der Behandlung selbst die nächsten Schritte erklären – von Anfang bis zum Schluss.

 

Das Surren des Air-Flow bei der professionellen Zahnreinigung empfinden manche Menschen so störend, dass sie am liebsten vom Stuhl hüpfen würden. Machen Sie daher mit Ihren Patienten eine Reise durch den Mund und erzählen Sie eine Geschichte. Das hilft, sich zu entspannen. Und wenn Sie spüren, dass der Patient eine Pause braucht – dann machen Sie eine Pause. Dann geht es umso leichter für Sie beide weiter. 

 

Lesetipp

 

In dem achtseitigen Wegweiser „Ein Koffer voller Zahnbürsten … – Zahngesundheit bei Menschen mit Behinderungen“ hat der „Landesverband für Menschen mit Körperund Mehrfachbehinderung Baden- Württemberg e. V.“ Tipps rund um die Mund- und Zahngesundheit bei Menschen mit Behinderungen zusammengefasst. Im ersten Teil geht es um das richtige Zähneputzen, im zweiten Teil steht der Besuch beim Zahnarzt im Mittelpunkt. Zudem enthält die Broschüre einen Zusatzanamnesebogen für Patienten mit Behinderung. Den Link zum Download finden Sie hier, der gedruckte Wegweiser kann auch gegen Portoersatz beim Landesverband (Adresse siehe unten) bestellt werden.

 

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Jutta Pagel-Steidl

Bilder soweit nicht anders deklariert: Jutta Pagel-Steidl


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