Parodontologie


Erfolgreiche Implementation eines professionellen Parodontitiskonzepts in die zahnärztliche Praxis

Abb. 1: Prozessschema des Parodontitisbehandlungskonzepts.
Abb. 1: Prozessschema des Parodontitisbehandlungskonzepts.

Dauerhafte Therapieerfolge sind bei chronischer Parodontitis nur zu erreichen, wenn es gelingt, diese Patienten in ein nachhaltiges Behandlungskonzept zu integrieren und Behandlungsverläufe über Jahre gewissenhaft zu überwachen. Hierfür muss das gesamte Praxisteam effektiv zusammenarbeiten, und zwar vom ersten Kontakt mit dem Patienten angefangen über das Recall und die zahnärztliche Supervision. Den Löwenanteil der Behandlung – zeitlich gesehen – wird die Dentalhygienikerin (DH) übernehmen, da die therapeutische PZR und parodontale Vorbehandlung (PAV) in ihren Aufgabenbereich fällt. Im Folgenden wird ein systematisches Parodontitiskonzept detailliert vorgestellt.

Etwa 80 % der Bevölkerung leiden derzeit an der Volkskrankheit der chronischen Parodontitis. Diese manifestiert sich überwiegend im zweiten Lebensabschnitt. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie e. V. (DG Paro), Peter Eickholz, weist auf eine „dramatische Unterversorgung“ hin: „Wir haben die Parodontitis nicht im Griff. Nach konservativen Schätzungen stehen etwa acht Millionen behandlungsbedürftigen schweren Fällen von Parodontitis nur 980.900 abgerechnete Behandlungen gegenüber …

Nur eine langfristige Zahnerhaltung durch strukturierte parodontologische Therapie kann dem entgegenwirken“ [1]. Obwohl die Prophylaxe mittlerweile im Leistungsspektrum der Zahnarztpraxen fest verankert ist, klafft eine immer größere Lücke zwischen objektivem Bedarf und Bedarfsdeckung. Die Ursachen hierfür sind mannigfaltig: Sie liegen im Versicherungssystem, das die Leistungen als Privatleistungen deklariert, aber auch aufseiten der Patienten und der Leistungserbringer.

Einer der wesentlichen Gründe der Unterversorgung ist, dass die Besonderheiten der Parodontitis als chronische Krankheit zu wenig berücksichtigt werden und es in der Folge zu erheblichen Passungsproblemen zwischen Behandlungsbedarf einerseits und Behandlungsangebot andererseits kommt. Die Organisationsbedingungen der Zahnarztpraxen tragen den besonderen Versorgungsanforderungen dieser Gruppe von chronisch Kranken noch zu wenig Rechnung. Die Praxen sind einseitig auf typische Kommstrukturen programmiert. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht die Behandlung akuter Ereignisse. Nachhaltigkeit, Patientenbindung und -Mentoring, Edukation, Beziehungsaufbau spielen in den Prozessabläufen eine zu geringe Rolle. Dieses Angebot ist aber für eine effektive und auch wirtschaftlich effiziente Versorgung der Parodontitispatienten dringend erforderlich.

In Anlehnung an Petermann [2] lassen sich für Parodontitispatienten Krankheits- und Risikomerkmale der Krankheit identifizieren, die einem kontinuierlichen, vom Patienten aktiv betriebenen Therapiemanagement entgegenstehen:

• Parodontitis ist eine „hinterhältige Krankheit“ [3]. Sie ist langwierig, schleichend, über weite Phasen symptomarm. Sie entwickelt sich über Jahre unterhalb der Wahrnehmungsschwelle und löst einen vergleichsweise geringen Leidensdruck aus. Die Krankheit ist für das soziale Umfeld unauffällig; sie geht nicht mit Stigmatisierungen einher.

• Die Behandlungsprognose ist in den meisten Fällen nicht Heilung, oftmals Stillstand, nicht selten aber nur eine verlangsamte Progredienz der Erkrankung. Behandlungserfolge sind für den Patienten oftmals subjektiv kaum wahrnehmbar. Hierzu bedarf es objektiver Messverfahren der parodontalen Taschentiefe sowie einer Fotodokumentation und röntgenologischer Befunde, die dem Patienten eine Behandlungskontrolle ermöglichen. • Die Prophylaxe wird als unangenehm und schmerzhaft empfunden. Auch nach Beendigung der Prophylaxesitzung bleiben Schmerzen. Damit werden beim Patienten negative Affekte ausgelöst.

• Der Behandlungsaufwand ist für den Patienten hoch. Abgesehen von regelmäßigen Praxiskonsultationen erfordert die tägliche Zahn- und Mundhygiene viel Zeit und verursacht insgesamt hohe (privat zu finanzierende) Kosten.

• Parodontitis wird in der gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Wahrnehmung im Vergleich zu anderen chronischen Krankheiten eher als ein randständiges Problem angesehen.

• Wie auch bei anderen chronischen Krankheiten gibt es ein erhebliches soziales Gefälle. Die Gruppen mit dem höchsten Risikopotenzial weisen die geringsten Chancen der therapeutischen Erreichbarkeit und Compliance auf.

Die Charakterisierung dieses Behandlungsregimes macht deutlich, dass patientenseitig prinzipiell ungünstige Voraussetzungen für eine ausgeprägte Therapietreue vorliegen. Diese Bedingungen kumulieren häufig noch mit wenig einladenden und unterstützenden Organisationsbedingungen und mitunter leider auch mit mangelnder Fachkompetenz in den Zahnarztpraxen:

• Der Behandlungsfokus der Praxen liegt auf Akutbehandlung. Chronischen Krankheitsverläufen und Prophylaxe wird insgesamt zu geringe Aufmerksamkeit gewidmet. Der systemische Blick auf Zusammenhänge der Parodontitis mit anderen Erkrankungen und deren Therapien erfordert sehr gewissenhafte Patientenanamnesen, die in vielen Praxen nicht routinemäßig oder sorgfältig erhoben werden. So bleiben Risikofaktoren unerkannt, wichtige Therapievorbereitungen fehlen und die Therapien sind zu wenig an die komplexen Anforderungen der Patientenfälle adaptiert.

• Ansprache, Aufklärung, Information der Patienten über das differenzierte Leistungsspektrum und eine auf Behandlungsvertrauen abzielende kontinuierliche (über Jahre andauernde) Beziehung zum Patienten nehmen noch zu selten einen angemessenen Stellenwert ein.

• Enge Zeitfenster der Prophylaxesitzungen, insbesondere in der Initialbehandlung, wahrgenommene Hektik und Zeitdruck verunsichern zusätzlich die Patienten.

• Die Therapieüberwachung auf Grundlage umfassender Anamnese und Befunderhebung, sensible Beobachtung von Fort- und Rückschritten sowie eine kontinuierliche Adaptation der Prophylaxe- und Therapieverfahren erfolgen erst gar nicht oder geraten im Laufe der langjährigen Behandlung aus dem Blick.

• Der Stellenwert zeitnaher und zuverlässiger Terminierungen, die einen kontinuierlichen Behandlungsverlauf gewährleisten, ist in der Patientenanmeldung zu wenig transparent. Zwar funktioniert in den meisten Praxen der Patienten-Recall, er ist aber zu unpersönlich und zu wenig nachhaltig gestaltet, um eine wirksame Patientenbindung zu erreichen.

• Die Kooperation zwischen Zahnarzt und Dentalhygienikerin, die unter Berücksichtigung der jeweiligen Expertisen einen gegenseitigen Informationsaustausch und eine gemeinsame Fallbewertung gewährleisten könnte, ist unterentwickelt.

Die Auswirkungen für die Praxen sind kaum zu übersehen: Patienten mit Behandlungsindikation fallen durch das Raster oder gehen im Behandlungsverlauf verloren, die Prophylaxe-Teams sind nicht ausgelastet, und sie leiden zudem unter Terminabsagen. Insgesamt werden die wirtschaftlichen Potenziale der Prophylaxe zu wenig ausgeschöpft [4]. Eine mangelhafte Differenzierung zwischen kosmetischer (supragingival) und therapeutischer (subgingival) Zahnreinigung lenkt die Patienten in weniger geeignete Behandlungspfade. Das unkoordinierte Nebeneinander der einzelnen therapeutischen Prozesse führt zu Friktionen in den Abläufen, Missverständnissen, Kompetenzgerangel, mangelnder Verantwortungsübernahme, gegenseitigen Schuldzuweisungen, unter denen die Mitarbeiterzufriedenheit leidet und durch die Patienten verunsichert werden. Vor allem aber werden Zahnärzte und Zahnmedizinische Prophylaxeassistentin (ZMP)/- Dentalhygienikerin (DH) um ihre Behandlungserfolge betrogen.

Die Optimierung des Parodontitiskonzepts beginnt mit einer Restrukturierung

Insgesamt bieten sich drei interagierende Ansatzpunkte für eine systematische Optimierung an:

1. Konsequente Restrukturierung des gesamten Prozessablaufs der Parodontitisbehandlung beginnend beim Erstkontakt des Patienten.

2. Optimierung der Aufmerksamkeits-, Informations- und Kooperationsprozesse, die letztlich dafür sorgen, dass es zu einer wirksamen Implementierung eines Parodontitisprophylaxekonzepts kommt.

3. Aufbau und Gewährleistung einer aus Sicht des Patienten auf Dauer angelegten vertrauensvollen und tragfähigen Behandlungsbeziehung zum Patienten.

Die drei Ansatzpunkte lassen sich zu einem funktionellen Parodontitiskonzept verknüpfen. Von entscheidender Bedeutung ist dabei, einen strukturierten Prozessablauf zu definieren, in dem die einzelnen Phasen und Prozessbeteiligten sinnvoll aufeinander bezogen sind [5].

Therapieziele und Prozessphasen der Parodontitisbehandlung

Die Ziele der Parodontitistherapie lassen sich nach Mombelli wie folgt zusammenfassen:

• „substanzielle Plaquereduktion;
• kein Eiterfluss aus dem Sulcus;
• gesunde Gingiva, wesentliche Reduktion des Blutens auf
Sondieren (BOP);
• im Prinzip Reduktion der Sondierungstiefen unter 5 mm;
• minimale Persistenz vereinzelter Sondierungstiefen über
4 mm;
• keine harten Knochenkonkremente auf der Wurzeloberfläche;
• Abwesenheit von Hindernissen für die Plaqueentfernung
(Füllungs- und Kronenrandüberschüsse);
• keine Zunahme der Zahnbeweglichkeit;
• gesicherte Mitarbeit des Patienten und Beteiligung am
Recall“ [6].

Prozessbeginn stellt der Erstkontakt des Patienten mit dem Zahnarzt dar (Abb. 1).

Anamnese

Vor Beginn der Behandlung wird vom Patienten ein ausführlicher Gesundheitsfragebogen ausgefüllt, in dem er Auskunft gibt u. a. über Risikofaktoren, Medikamenteneinnahme sowie über systemische Vorerkrankungen, die mit der Parodontitis assoziiert sind. Angesichts des demografischen und epidemiologischen Wandels mit Zunahme chronischer Krankheiten und Multimorbidität müssen die Interdependenzen der unterschiedlichen Erkrankungen und Therapieverfahren in der Parodontitisbehandlung eine hohe Aufmerksamkeit erfahren. In den aktuellen Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. (AWMF) wird beispielsweise auf den Bedarf der antibiotischen Abdeckung bei Patienten nach Gelenkersatztherapie verwiesen [7].

Gleiches gilt für Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen, bei denen z. B. Herzklappen oder Stents eingesetzt wurden [8]. Werden solche anamnestischen Daten nicht erhoben, können ernsthafte Komplikationen eintreten. Darüber hinaus sollten besondere Lifestyle-Risikofaktoren erfasst werden, die von Nikotin-, Alkoholabusus bis zu Ernährungsgewohnheiten und psychischen Belastungen (Burn-out, Stress) reichen und eine Parodontitis triggern [9]. Gerade bei älteren Patienten ab 60 Jahren nimmt die Polypharmazie von mitunter mehr als sechs verschiedenen Medikamenteneinnahmen deutlich zu [10]. Um kausale Zusammenhänge mit der Parodontitis oder Inkompatibilitäten mit der Parodontitisbehandlung zu erkennen, sollten Patienten daher aufgefordert werden, eine Medikamentenliste zur Konsultation mitzubringen (Abb. 2).

  • Abb. 2: Patientenstatus vor Behandlungsbeginn.

  • Abb. 2: Patientenstatus vor Behandlungsbeginn.

Befundung/Diagnose

Leider erfolgt nicht in allen Zahnarztpraxen routinemäßig ein parodontales Screening (Abb. 3). Empfohlen wird, zur Messung des PSI-Codes die WHO-Sonde zu verwenden. Liegt das klinische Bild einer generalisierten chronischen Parodontitis (CP) vor (PSI-Code 3 oder 4, Taschentiefe > 4 mm), bedarf es zur weiteren Abklärung des Knochenverlaufs röntgenologischer Aufnahmen. Ein Orthopantomogramm (OPG) reicht in vielen Fällen nicht aus, da die Einzelzahnregionen nur unzureichend dargestellt werden. Gewissenhafte Anamnese und parodontales Screening erlauben mit hoher Sicherheit, Risikopatienten zu identifizieren.

  • Abb. 3: Parodontaler Screening-Index (PSI).
  • Abb. 4: Delegationsrahmen ZMP, ZMF, DH.
  • Abb. 3: Parodontaler Screening-Index (PSI).
  • Abb. 4: Delegationsrahmen ZMP, ZMF, DH.


Therapieplanung

Je nach Befunderhebung wird dem Patienten empfohlen, eine kosmetische (PSI-Code bis 2) oder therapeutische Zahnreinigung (PSI-Code 3 u. 4) vorzunehmen. Für die Ausrichtung der weiteren Behandlung und die wirtschaftliche Nutzung der Personalressourcen ist diese Differenzierung sinnvoll. Während die kosmetische Zahnreinigung von einer  Zahnmedizinischen Prophylaxehelferin (ZMP) bzw. einer Zahnmedizinischen Fachassistentin (ZMF) ausgeführt wird, muss die therapeutische PZR und parodontale Vorbehandlung (PAV) an eine DH delegiert werden [11] (Abb. 4). Da die Behandlungsintensität, die Anzahl der Konsultationen und die vom Patienten zu tragenden Kosten erheblich variieren, bedarf es einer umfassenden Aufklärung und Instruktion des Patienten durch den Zahnarzt. Stellt sich der Befund einer chronischen Parodontitis ein, muss der weitere Behandlungsverlauf gut vorbereitet werden:

 • Der Patient muss darüber orientiert werden, welche Kostenanteile privat und welche als Kassenleistung über den gesamten Verlauf bis zur Reevaluation zu finanzieren sind. Ein entsprechender Kostenvoranschlag muss rechtzeitig erfolgen, sodass der Patient die Entscheidung überdenken kann.

• Das Terminmanagement stellt besondere Herausforderungen, da die aus Patientensicht umfängliche vorausschauende Terminplanung mit den Behandlungserfordernissen (u. a. PZR, restaurative Maßnahmen) koordiniert werden muss, was erhöhte Anforderungen an Flexibilität und Qualifikation der Patientenanmeldung stellt.

• Bei Verdacht auf eine aggressive Parodontitis (AgP) wird dem Patienten ggf. eine für ihn kostenpflichtige mikrobiologische Analyse zur Keimbestimmung empfohlen [12].

• Besondere vulnerable Risikogruppen bedürfen oftmals der Einbeziehung von Angehörigen oder gesetzlichen Betreuern. Hierzu zählen zunehmend Patienten mit Demenz, behinderte oder pflegebedürftige Personen.

PA-Vorbehandlungen (Initialtherapie)

Die DH stellt in dem weiteren Behandlungsverlauf die zentrale Bezugsperson für den Patienten dar. Ihre häufigen Kontakte und vergleichsweise langen Kontaktzeiten ermöglichen intensivere Gespräche und Einblicke in die individuellen Lebenssituationen der Patienten. Für den Aufbau eines motivierenden und auf Vertrauen basierenden therapeutischen Regimes ist ihre Rolle kaum zu überschätzen [13].

Seitens der DH sind hierfür fundierte theoretische Kenntnisse, kommunikative Kompetenzen und klinische Erfahrungen erforderlich. Die ärztliche Anamnese wird sie mit weiteren wichtigen Details bereichern (Anamnese- Check-up), da viele sensible Informationen von den Patienten erst nach und nach mitgeteilt und klinische Zusammenhänge erst durch weitere Nachfragen identifiziert werden. Compliance-Probleme der Patienten werden von ihr in wertschätzender, motivierender und verständnisvoller Weise thematisiert, womit sie einen günstigen und nachhaltigen Einfluss auf das Risiko- und Hygieneverhalten der Patienten nehmen kann. Die regelmäßige Rückmeldung über Behandlungsfort- und -rückschritte fördern das Selbstmanagement sowie die Selbstwirksamkeit und erlauben dem Patienten eine verbesserte Behandlungskontrolle [14].

Hierbei übernimmt die Fotodokumentation eine wichtige Funktion, da sie objektive Vorher-nachher-Vergleiche ermöglicht. In dieser Phase ist eine gute Kommunikation und Kooperation zwischen DH und behandelndem Zahnarzt über elektronische Dokumentationssysteme und therapeutische Fallbesprechungen sicherzustellen, da sich für die DH oftmals Fragen zum weiteren Vorgehen ergeben und der Zahnarzt wichtige Anhaltspunkte für die Therapieplanung erhält.

Die Initialtherapie besteht aus ein bis drei parodontalen Vorbehandlungen (PAV) in Form einer subgingivalen PZR. Das gut geschulte Auge der DH sorgt hier für weitergehende intra- und extraorale Befunde in der Mundhöhle wie z. B. Abrasionen, Bruxismus, Veränderung der Kaufunktion (Myogelosen). Bereits in der ersten Sitzung erfolgen die Beurteilung der Mundhygiene mit Mundhygiene-Indizes (z. B. API und SBI) sowie Aufklärung, Beratung und Unterweisung der Patienten. Angesichts dieser umfänglichen Aufgaben ist dieser Behandlungstermin großzügig mit einer Dauer von etwa 75 Minuten anzusetzen. Ziel der PAV ist die mechanische Entfernung des Biofilms. Dabei „sollte dem subgingivalen Débridement eine supragingivale Reinigung vorausgehen“ [14], die vom Patienten im weiteren Verlauf aktiv unterstützt wird (z. B. durch Full-Mouth- Desinfection) [15]. In der zweiten Initialtherapie ist bei guter Compliance (API/SBI < 12 %) der Clinical Attachment Level Status (CAL-Status) aufzunehmen (Abb. 5). Hierzu gehört die Beurteilung:

• der Taschentiefen an 6 bis 10 Stellen pro Zahn (zunehmend mithilfe neuer elektronischer Messsonden),
• der Sondierungsblutung (Bleeding on Probing, BOP),
• des Attachment-Level-Verlusts (AL-V),
• der Furkationsbeteiligung sowie
• der Lockerungsgrade der Zähne.

  • Abb. 5: Parodontaler Clinical Attachment Level Status (PA-Status/CAL).

  • Abb. 5: Parodontaler Clinical Attachment Level Status (PA-Status/CAL).
Durch die elektronische Aufnahme des CAL-Status ist eine zügige Antragstellung an die Krankenkasse zur Kostenübernahme möglich. Außerdem werden etwaige Übertragungsfehler ausgeschlossen. Sofern ein (für den Patienten kostenpflichtiger) DNA-Test zur Keimbestimmung vorgenommen werden soll, erfolgt die dritte Initialtherapie, nach deren Auswertung das entsprechende Antibiotikum zur adjuvanten Therapie verschrieben wird [17]. Allerdings steht diese Behandlung wegen der zunehmenden Bakterienresistenzen und allergischer Reaktionen in der Kritik [18].

Synoptischer Befund

Eine erfolgreiche PAV stellt eine notwendige Voraussetzung für den weiteren Behandlungsverlauf dar. Der Zahnarzt beurteilt auf dieser Grundlage die weiteren therapeutischen Maßnahmen wie Extraktionen, konservierende und restaurative Maßnahmen (endodontische, implantologische, ästhetische Behandlungen), klärt mit den Patienten Behandlungsalternativen und Kosten.

Geschlossene Parodontitistherapie (antiinfektiöse Therapie)

Ziel der geschlossenen Parodontitistherapie ist das supra- und subgingivale Débridement aller bakteriell kontaminierten vertieften Zahnfleischtaschen mit einhergehender Wurzelglättung (Scaling, Root Planing) mit dem Ziel absolut entzündungsfreier Verhältnisse. Zur Regeneration des tiefliegenden Zahnfleisches (Saumepithel) ist eine geschlossene Parodontitistherapie indiziert, um die Infektion erfolgreich zu bekämpfen. Es ist ein enges Zeitfenster zu beachten, da binnen 24 Stunden zwei Behandlungen vorgenommen werden müssen, um eine Reinfektion nicht erkrankter Zahnfleischareale zu vermeiden [19]. Die Behandlung in tiefliegenden Taschen (subgingivale Depuration) erfordert wegen der damit verbundenen Schmerzsensationen eine Anästhesie. Die geschlossene Parodontitisbehandlung wird in der Regel an die DH delegiert. Der Delegationsrahmen ist dabei individuell festzulegen. Der Zahnarzt ist verpflichtet, „jederzeit für Rückfragen, Korrekturen oder bei Komplikationen zur Verfügung zu stehen. Im Rahmen seiner Aufsichtspflicht muss er überwachen, dass seine Mitarbeiterinnen seine Anordnungen und Weisungen beachten, …“ [20].

Reevaluation

Die Ausheilungsphase nach der geschlossenen Parodontitisbehandlung beträgt mindestens 8 bis 12 Wochen. Nach dieser Zeit erfolgt eine Wiederbefundung (Reevaluation), die folgende Maßnahmen einschließt:

• Fotostatus,
• Mundhygienestatus,
• CAL-Status,
• BOP und
• Risikoanalyse.

Sollten mehr als 5 Zähne Taschentiefen über 5,5 mm aufweisen, ist eine Therapieergänzung indiziert, die eine resektive und regenerative parodontalchirurgische Therapie beinhaltet und beim Kostenträger beantragt wird. Außerdem sollte eine weitergehende Risikoanalyse vorgenommen werden [21], aus deren Parametern das Parodontitisrisiko ermittelt werden kann und die weiteren Intervalle für die UPT (unterstützende Parodontitistherapie) festgelegt werden, die den Patienten ein Leben lang begleiten (Abb. 6 u. 7). Die Schweizerische Zahnärztegesellschaft (SSO) hat Beurteilungskriterien in Abhängigkeit von der Patientenmitarbeit (Compliance) entwickelt, die eine Orientierung geben, welche weiteren therapeutischen Schritte in der UPT sinnvoll sein können [22].

  • Abb. 6: Risikoanalyse n. Lang/Tonetti (Spiderweb).
  • Abb. 7: Risikoeinschätzung n. Lang/Tonetti.
  • Abb. 6: Risikoanalyse n. Lang/Tonetti (Spiderweb).
  • Abb. 7: Risikoeinschätzung n. Lang/Tonetti.

Im Rahmen der Reevaluation findet ein Nachinstrumentieren mit speziellen Küretten bei weiteren pathologisch vertieften Taschen statt. Die Reevaluation erfordert sensibles Vorgehen und Erfahrung, da nur mit einer Sondierungskraft von 0,2 N gearbeitet werden darf, um Gewebsdefekte zu vermeiden. Abschluss der Reevaluation stellt die Konsultation beim behandelnden Zahnarzt dar, der beurteilt, ob und inwieweit der geplante Verlauf der Therapie angepasst werden muss. Reevaluation und UPT stellen feste Bestandteile des weiteren Behandlungsverlaufes dar. Insofern ist nicht von einem Anfang und Ende der Behandlung, sondern von einer Prozessspirale bis zum Lebensende der Patienten auszugehen (Abb. 8).

  • Abb. 8: Patientenstatus nach parodontaltherapeutischer und restaurativer Behandlung (derselbe Patient wie in Abb. 2).

  • Abb. 8: Patientenstatus nach parodontaltherapeutischer und restaurativer Behandlung (derselbe Patient wie in Abb. 2).
FazitDie erfolgreiche Behandlung der Parodontitis hängt maßgeblich von einem funktionellen und komplexen Behandlungsarrangement ab, in dem Patient und professionelles Behandlungsteam eng zusammenwirken. Wie gezeigt werden konnte, lässt sich der Behandlungsprozess in einem hohen Maße standardisieren. Notwendige Voraussetzung ist, dass alle Beteiligten Kenntnis von den Abläufen haben und immer wieder auf deren Einhaltung achten. Von besonders hoher Bedeutung ist die Kooperation von Zahnarzt, Patientenanmeldung und DH, an deren Schnittstellen die größten Prozessrisiken auszumachen sind. Werden diese vernachlässigt, resultieren suboptimale Behandlungen, Unzufriedenheit von Patienten und Personal sowie Ressourcenvergeudung. Die DH nimmt in der Parodontitistherapie eine zentrale Stellung ein. Sie begleitet den therapeutischen Prozess, übernimmt weitgehend selbstständig wesentliche Behandlungsschritte, überwacht und steuert in Teilen den Behandlungsprozess, hält den engen Kontakt zum Patienten und motiviert ihn zur Mitwirkung.

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Sabine Meyer-Loos - Prof. Dr. phil. Peter Stratmeyer

Bilder soweit nicht anders deklariert: Sabine Meyer-Loos , Prof. Dr. phil. Peter Stratmeyer