Parodontologie

Ein Praxisbesuch aus Sicht einer fiktiven Patientin

Die Angst vor der Parobehandlung nehmen

06.05.2020

Symbolbild
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Auch ohne eine Studie durchzuführen, kann man es sich denken: Die allermeisten Patienten sehen einem subgingivalen Débridement wenig begeistert entgegen. Und ebenfalls wahrscheinlich: Den meisten hilft es, wenn sie in dieser Situation einfühlsam begleitet werden. Dentalhygienikerin Ester Hoekstra hat sich für den folgenden Beitrag in das subjektive Erleben einer (frei erfundenen) Patientin hineinversetzt, um zu zeigen, wie sich eine Patientin fühlt und was ihr in dieser Situation guttut.

Ich öffne die Türe der Zahnarztpraxis. Meine Hände sind feucht und zitterig. Obwohl ich mit dem Auto gekommen bin und nicht weit gehen musste, schwitze ich wie verrückt. Mein Mund ist trocken.

Die Dame am Empfang lächelt mich, wie jedes Mal, freundlich und beruhigend an: „Frau Mustermann, wie schön, Sie heute wieder zu sehen. Bitte nehmen Sie noch kurz im Wartezimmer Platz. Frau Hoekstra bereitet das Zimmer für Sie vor. Nehmen Sie sich auch gerne etwas zu trinken.“ Ich beruhige mich ein bisschen. Wie Frau Hoekstra beim vorigen Termin, der Vorbehandlung, versprochen hatte, ist sie auch heute wieder da. Ich atme noch einmal tief ein und aus.

Erst heute fällt mir auf, dass es hier gar nicht steril nach Zahnarzt riecht, sondern eher nach Blumen duftet. Im Wartezimmer ist das Licht angenehm, leise Musik ertönt aus dem Radio, auf einem Bildschirm werden Tipps für die Mundgesundheit gezeigt und eine große Auswahl an Zeitschriften liegt bereit. Ich nehme mir eine Zeitschrift, aber ich kann mich nicht aufs Lesen konzentrieren. Ich bin immer noch zu aufgeregt. Stattdessen schenke ich mir ein Glas Sprudelwasser ein.

Vertrauen gewinnen

Nach nur 5 Minuten holt mich Frau Hoekstra im Wartezimmer ab. Sie lächelt mich warm an und reicht mir ihre Hand. Sie begrüßt mich herzlich und nimmt mich mit in das Behandlungszimmer. Auch hier duftet es angenehm und wieder ist Musik im Hintergrund zu hören. Klassische Musik, die höre ich so gerne. Frau Hoekstra fragt mich, wie es mir geht, und ich sage ihr ganz ehrlich, dass ich Angst vor der Behandlung habe. Wie hat sie die genannt? Parodontitisbehandlung! Klingt, als würde es ernst. Sie lächelt mich wieder freundlich an, legt ihre Hand auf meinen Arm und sagt, dass sie die Behandlung erklären wird und wir es zusammen schaffen werden. Bis jetzt hat sie immer alles gut erklärt und ihre Versprechen gehalten. Bei den Vorbehandlungen hatte ich kaum Schmerzen. Ich beschließe, ihr einfach zu vertrauen.

Anschaulich erklären

Frau Hoekstra fragt mich, ob ich zwischenzeitlich krank war, andere Medikamente als bisher einnehme oder sich sonst etwas hinsichtlich meiner Gesundheit und meiner Lebensgewohnheiten verändert hat, was aber nicht der Fall ist.

Danach erklärt sie mir, was bei diesem Termin gemacht wird: „Wir beginnen mit einer Mundspüllösung, die den Wirkstoff Chlorhexidin beinhaltet. Dieser reduziert die Bakterien in der Mundhöhle. Auch Ihre Zunge, alle Nischen im Mund und die Interdentalräume werde ich mit Chlorhexidin desinfizieren. Dann werde ich Ihre Zähne unterhalb des Zahnfleischs mit speziellen Geräten und Instrumenten reinigen. Heute die ganze rechte Seite und morgen die linke.“ Dafür bekomme ich eine Betäubung. Zum Glück!

Frau Hoekstra erklärt weiter: „Entweder wir können die Mundpartie mit einem kleinen Pikser komplett betäuben oder Sie können eine Oberflächenanästhesie bekommen. Dafür wird nun ein Gel aufgetragen, das etwa 20 Minuten wirkt.“ Ich entscheide mich für die komplette Betäubung, weil ich sie bereits kenne und weiß, dass sie gut funktioniert. Frau Hoekstra bestätigt, dass das eine gute Idee sei. Sie drückt sanft meinen Arm und lächelt mich wieder an.

Nun zeigt sie mir Geräte und Instrumente. Ich erkenne einiges von der vorigen Sitzung wieder. „Das ist ein Ultraschallgerät, oder?“, frage ich. „Genau. Ich bin beeindruckt, dass Sie sich das gemerkt haben, Frau Mustermann.“ Danach zeigt sie mir die Handinstrumente: „Mit diesen Instrumenten werde ich den Zahnstein und damit auch die Bakterien so gründlich wie möglich unterhalb des Zahnfleischs entfernen.“ In einem Video kann ich mir das Vorgehen ansehen. Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt.

„Zum Schluss werde ich die Taschen dann noch mit Xylit ausspülen. Xylit ist ein Naturprodukt, ein Zuckeraustauschstoff [1]. Das Spülen hilft, weitere Bakterien zu beseitigen.“ Wie ich weiß, sind Bakterien für meine Zahnfleischerkrankung mitverantwortlich. Deshalb sollten krankheitsfördernde Bakterien natürlich verschwinden.

Auf Körperreaktionen vorbereiten

Frau Hoekstra warnt mich, dass mein Körper auf die Behandlung mit Fieber reagieren und es zu Empfindlichkeiten oder sogar Schmerzen kommen kann. Gut, dass sie mir das sagt – sonst hätte ich mir dann Sorgen gemacht.

Weiter meint sie: „Ihr Zahnfleisch wird sich im Laufe der Zeit zurückziehen, denn die Entzündung wird abklingen und die Schwellung zurückgehen. Dadurch sehen Ihre Zähne dann etwas länger aus.“ Sie zeigt mir dazu ein weiteres Video und erklärt: „Es kann auch sein, dass Ihre Zähne auf kalte wie süße Speisen oder Getränke empfindlich reagieren werden. Das kommt so: Wenn die harten Ablagerungen unterhalb des Zahnfleischs entfernt sind, Entzündung und Schwellung zurückgehen, dann liegen die Zahnhälse frei. Die Zahnhälse sind nicht so gut geschützt wie der Zahnschmelz; sie reagieren empfindlicher auf äußere Reize. Spezielle Zahncremes lindern solche Reaktionen, falls sie überhaupt auftreten [2]. Ich gebe Ihnen sicherheitshalber eine spezielle Zahnpasta mit. Bei Bedarf können Sie diese zweimal täglich anwenden.“ Das finde ich toll an dieser Praxis: Ich bekomme alles, was ich brauche, sofort mit. Und jeder macht sich Gedanken, welche Bedürfnisse ich habe. Ich fühle mich wirklich gut versorgt.

Den Patienten das Tempo bestimmen lassen

Frau Hoekstra erkundigt sich, ob ich Fragen zu ihren Erläuterungen habe. Nein, bislang ist alles klar. Dann wiederholt sie, dass ich nur die Hand heben muss, wenn ich eine Pause bei der Behandlung brauche. Das weiß ich schon, und es ist beruhigend, sich darauf verlassen zu können. Ich darf das Tempo hier bestimmen und ich habe nie das Gefühl, dass sie es mir übelnimmt, wenn ich einmal durchschnaufen muss.

„Es ist mir wichtig, dass Sie sich so wohl wie möglich bei uns in der Praxis fühlen.“ Während sie das sagt, lächelt sie mich wieder freundlich an. Noch einmal möchte sie wissen, ob ich noch Fragen habe, egal welche. Da fällt mir ein, dass ich die Interdentalbürste, die sie mir empfohlen hat, nur schwer bekommen kann. Kann ich die auch hier kaufen? Sie sagt, das sei kein Problem.

Nun holt Frau Hoekstra den Zahnarzt ins Zimmer und fasst zusammen, was wir besprochen haben. Er wiederholt in einer kürzeren Form das, was Frau Hoekstra mir in jedem Detail gezeigt hat und fragt nach Krankheiten, Allergien, medizinischen Eingriffen und Medikamenten. Verständlich, dass sich der Zahnarzt nicht ganz so viel Zeit nehmen kann; aber toll, dass er seine Dentalhygienikerin darin unterstützt, alles so ausführlich mit mir zu besprechen. Insofern: alles im grünen Bereich. Der Zahnarzt erläutert noch kurz die Risiken der Betäubung und mögliche Nebenwirkungen von Chlorhexidin. Und jetzt geht‘s los!


Zahnmedizinischer Hintergrund:

Die fiktive Patientin befindet sich gerade in der Phase der Initialtherapie. Ein subgingivales Débridement mittels Full Mouth Scaling (FMS) und Full Mouth Disinfection (FMD) wird durchgeführt. FMD beinhaltet nach dem Protokoll von Quirynen et al. (2015) eine intensive Anwendung von Chlorhexidin [3]. Die Patientin wurde vom Zahnarzt bezüglich FMD bereits in der vorangegangenen Sitzung aufgeklärt. Die vorangegangene Hygienephase umfasste zwei Parodontitisvorbehandlungen mit Instruktion, Inspektion und Palpation, Grob- und Feindepuration und Politur. Der parodontale Status wurde aufgenommen, Röntgenbilder ausgewertet (Abb. 1 u. 2).

  • Abb. 1–3: Klinische Ausgangssituation, Röntgenaufnahme und Parodontalstatus. In diesem Beitrag geht es um das Erleben einer frei erfundenen Patientin – dieser (reale) Patientenfall ist nur ein Beispiel zur Verdeutlichung des Krankheitsgeschehens, in dessen Rahmen wir uns hier bewegen.

  • Abb. 1–3: Klinische Ausgangssituation, Röntgenaufnahme und Parodontalstatus. In diesem Beitrag geht es um das Erleben einer frei erfundenen Patientin – dieser (reale) Patientenfall ist nur ein Beispiel zur Verdeutlichung des Krankheitsgeschehens, in dessen Rahmen wir uns hier bewegen.
    © Hoekstra

Bei den Parodontitisvorbehandlungen sind folgende parodontalen Parameter aufgenommen worden: Plaqueindex (PCR nach O`Leary), Blutungsindex (GBI nach Ainamo und Bay) und Bleeding on Probing (BOP).

Für den PA-Status (Abb. 3) wurden erhoben: Sondierungstiefen (ST), Rezessionen (jeweils 6 Messstellen), Furkationen, Lockerungen, Phänotyp, McCall‘sche Girlanden, Stillman-Spalten, Pusaustritt, Wurzelstammhöhe, Wurzelspreizung, Knochenabbauindex, durchschnittlicher Knochenabbau, vertikale Knochendefekte. Diagnose: Lokalisierte moderate Parodontitis an 14, 13, 11, 21, 36, 46 mit schweren Anteilen an 16, 37 (Phänotyp C).

Nach neuer Klassifikation: Parodontitis, lokalisiert 14, 13, 11, 21, 36, 46 Stadium II; an 16, 37 Stadium III, Grad B. Bei der Reevaluation (6 bis 12 Wochen nach Initialtherapie) werden alle Parameter erneut zur Bewertung des Therapieerfolgs aufgenommen und eine Risikoanalyse erstellt u.a. zur Bestimmung des Recalls.


 

 

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Ester Hoekstra


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