Prophylaxe

Klassisch versus modern

Neue Methode der PZR im Vergleich

13.11.2015

Air-Flow Master Piezon Gerät.
Air-Flow Master Piezon Gerät.

Bereits in den ersten Arbeiten der Prophylaxepioniere Axelsson und Lindhe, Ende der 70er-Jahre, wurden Inhalt und Ablauf einer Prophylaxesitzung beschrieben. Aufgrund des wissenschaftlichen und technischen Fortschrittes gibt es heute Möglichkeiten, die es zulassen, die professionelle Zahnreinigung effizienter, effektiver, substanzschonender (minimal abrasiv und atraumatisch) und mit mehr Patienten- sowie Behandlerkomfort durchzuführen. Eingeschränkt gewebeschonende Handinstrumente können in der Erhaltungstherapie durch Ultraschallinstrumente (Piezon, EMS Electro Medical Systems, München) und Air-Polishing (Air-Flow mit niedrigabrasivem erythritolbasiertem Plus-Pulver, EMS) zum Vorteil des Behandlers und des Patienten ersetzt werden. Im folgenden Beitrag wird in einer Gegenüberstellung anhand eines Patientenfalls die klassischen Methode (Axelsson/Lindhe) mit der modernen Methode (Guided-Biofilm-Therapy) verglichen.

Am Beispiel eines 20-jährigen Patienten, der kieferorthopädisch versorgt ist und vermehrte Plaqueablagerungen sowie eine hyperplastische Gingiva zeigt, beschreibt die Autorin den Ablauf, die Durchführung und das Zeitmanagement einer strukturierten, professionellen Prophylaxesitzung. Im Oberkiefer wurde nach der modernen Methode mithilfe der Piezontechnologie (EMS No Pain) und Air-Flow Technologie (EMS, Air-Flow mit Plus-Pulver) gearbeitet. Der Unterkiefer wurde nach der klassischen, herkömmlichen Methode (Handinstrumente, Ultraschalltechnologie, Polierkelch, Bürste, Polierpaste CCS rot und Proxyt fine, Ivoclar Vivadent, Ellwangen) behandelt.

Ablaufbeschreibung (Arbeitsphasen)

1. Arbeitsplatzvorbereitung

Ratsam ist es, Grundinstrumente und Basisprodukte gezielt auf die jeweilige Behandlungsmaßnahme des Patienten abzustimmen und dementsprechend vorzubereiten (Abb. 1-3). Damit kann man viel Zeit während der Prophylaxebehandlung sparen und das Einhalten der Hygienekette vereinfachen.

  • Abb. 1: Herkömmliche Vorbereitung des Trays.
  • Abb. 2: Moderne Vorbereitung des Trays.
  • Abb. 1: Herkömmliche Vorbereitung des Trays.
  • Abb. 2: Moderne Vorbereitung des Trays.

  • Abb. 3: Air-Flow Master Piezon Gerät.
  • Abb. 3: Air-Flow Master Piezon Gerät.



2. Abholen des Patienten und Wiederholungsanamnese (2 Minuten)

Ein kurzes Einführungsgespräch, in dem gezielt auf Wünsche und Rückfragen eingegangen werden kann, gibt dem Patienten ein Gefühl des Ankommens, schafft Vertrauen und vermittelt Interesse und Professionalität. Es folgen die Kontrolle und das Abfragen der Wiederholungsanamnese. Dieser unabdingbare Arbeitsschritt hat zum Ziel, Veränderungen der Gesundheit, neue Risiken, Infektionsprophylaxe und Medikamente zu prüfen und in den Behandlungsablauf zu integrieren. Mithilfe der gefilterten Angaben wird abklärt und sichergestellt, welche technischen und materiellen Hilfsmittel für die Prophylaxesitzung benutzt werden können, ohne den Patienten und auch den Behandler einem gesundheitlichen Risiko auszusetzen. Erst nach Abklärung wird mit der Durchführung der professionellen Reinigung begonnen.

3. Mundhöhlendesinfektion (1-2 Minuten)

Um vor der Weiterbehandlung die Bakterienzahl zu reduzieren, empfiehlt sich eine Spülung mit Chlorhexidin 0,2 %. Eine weitere moderne Möglichkeit besteht darin, die gesamte Mundhöhle (Full-Mouth-Therapie nach Flemmig) einschließlich Zunge, Wange, Gaumen und Umschlagfalten mithilfe der Air-Flow Technologie und Plus-Pulver auf sanfte und einfache Weise zu reinigen (Abb. 4). Schon in diesem einfach erscheinenden Arbeitsschritt wird erfolgreich Biofilm-Management (Guided-Biofilm-Therapy) betrieben.
  • Abb. 4: Reinigung der Mundhöhle mit Erythritol.

  • Abb. 4: Reinigung der Mundhöhle mit Erythritol.


4. Diagnostik (7 Minuten)

Nach der visuellen Inspektion der Zähne erfolgt die Kontrolle der Mundhöhlenschleimhäute. Hierbei werden Zungenoberfläche/Unterseite, der Gaumen, der Mundboden, die Umschlagfalte sowie Lippen und Wangeninnenflächen genau beurteilt. Danach wird eine Reevaluation der Karies-, Parodontitis- und Erosionsdiagnostik durchgeführt (PSI, Messung der Sondierungstiefen, Mundhygiene-Indizes usw.). Dabei haben sich elektronische Systeme bewährt, die eine Verlaufskontrolle ermöglichen. Für die Erhebung des Plaque-Index ist es hilfreich, mittels Mira 2 Ton (miradent, Hager & Werken GmbH & Co. KG, Duisburg) anzufärben. Die Patientensituation kann neutral dargestellt und sichtbar gemacht werden (Abb. 5). Um eine genaue Reproduzierbarkeit der Indices zu gewährleisten, ist es für das gesamte Prophylaxeteam einer Praxis ratsam, sich auf die Dokumentation bzw. Auswertung eines bestimmten Index und Systems zu einigen.
  • Abb. 5: Einfärbung mit Mira 2 Ton Farbe vor Reinigung im Ober- und Unterkiefer.

  • Abb. 5: Einfärbung mit Mira 2 Ton Farbe vor Reinigung im Ober- und Unterkiefer.


5. Mundhygiene-Reinstruktion und Remotivation (5 Minuten)

Die diagnostischen Befunde sollten genau mit dem Patienten besprochen werden. Sie sind die Grundlage einer erfolgreichen Reinstruktion und Remotivation der häuslichen Mundhygienemaßnahmen. Nur wenn der Patient seine Situation versteht, ist eine bessere Compliance zu erwarten. Sehr hilfreich zur Instruktion sind Anschauungsmaterialien, Spiegel mit Vergrößerung und eine intraorale Kamera. Auf Basis der erhobenen Befunde sollte der Patient aus dem großen Sortiment der zur Verfügung stehenden Hilfsmittel (Handzahnbürste, rotierende oder Schallzahnbürste, Zahnpasten, Interdentalraumbürstchen, Zahnseide, Zungenreiniger usw.) individuell instruiert, jedoch nicht mit zu vielen Hilfsmitteln und Techniken überfordert werden. Zusammengefasst muss betont werden, dass für eine effektive Mundhygiene die Motivation und Instruktion des Patienten ein zentraler und anspruchsvoller Baustein der professionellen Prophylaxesitzung ist. Die Auswahl der geeigneten Hilfsmittel und Instruktion richtet sich nach den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten des Patienten.

6. Behandlungsvorbereitung (2 Minuten)


Dazu zählt das Tragen einer Schutzbrille als Infektionsschutz sowohl für den Behandler als auch den Patienten. Des Weiteren sollten die Lippen durch Eincremen geschützt werden. Der Patientenkomfort kann ebenfalls durch das Anlegen eines OptraGate-Gummis (Ivoclar Vivadent) erhöht werden, das eine übersichtlichere Darstellung der Mundhöhle ermöglicht. Auch die Verwendung von Parotisrollen kann sehr hilfreich sein.

7. Professionelle Zahnreinigung (30 Minuten)

7.1. Moderne Erhaltungstherapie (allgemein)

Die moderne professionelle Zahnreinigung beinhaltet die Entfernung von harten und weichen Ablagerungen auf besonders sanfte Art und Weise. Das Biofilm-Management spielt heute eine immer größere Rolle. Durch die Air-Polishing Technologie mit niedrigabrasiven Pulvern werden Oberflächen nicht nur supragingival und sulkulär, sondern auch subgingival bis in tiefe Taschen gereinigt bzw. Biofilm-Management durchgeführt. Eine klassische Politur mit herkömmlichen Polierpasten, Kelchen und Bürstchen, die nur supragingival möglich ist und immer von Substanzverlust begleitet wird, erübrigt sich. Mit dieser neuen Technologie kommt es nicht mehr zu Verletzungen der Weichgewebe um den Zahn und der Schleimhäute. Ein weiterer großer Vorteil liegt darin, dass alle restaurativen und prothetischen Versorgungen der Mundhöhle gereinigt und gleichzeitig poliert werden, ohne dass diese Materialien aufrauen oder beschädigt werden.

7.2. Moderne Erhaltungstherapie (Patientenfall)

Im vorliegenden Fall wurden im Oberkiefer zuerst mithilfe der Air-Flow Technologie und Erythritol-Pulver (Plus, EMS) oberhalb und unterhalb der Schmelzzementgrenze der durch Anfärben sichtbar gemachte Biofilm sowie Verfärbungen entfernt (Abb. 6, OK). Nur mit der neuen Technologie ist es möglich, bei Verschachtelungen und schwer zugänglichen Stellen, die mit Polierkelch und Bürstchen nicht erreichbar sind, schnell und einfach eine perfekte Politur durchzuführen. Zudem kann mit dieser Technologie beispielsweise auch das Metall von kieferorthopädischen Apparaturen gereinigt werden, ohne Gefahr zu laufen, es zu beschädigen. Ist der Biofilm entfernt, werden Zahnstein und eventuell subgingivale Konkremente deutlich sichtbar und können gezielt mit einer sehr feinen Ultraschallspitze (EMS Piezon/PS-Spitze) entfernt werden. Diese Entwicklung der Ultraschalltechnologie wird in der neuen Generation als „Piezon No Pain“ bezeichnet. Es handelt sich dabei um eine intelligente Technologie, die eine blitzschnelle, kontinuierliche Leistungsanpassung ermöglicht. Das EMS-Instrument misst den Widerstand (ca. 125-mal pro Sekunde), den harte Ablagerung dem Instrument entgegensetzen und gibt diesen Widerstandwert als Information an das eingebaute Modul im EMS-Gerät weiter (ständiges Feedback). Die Intensität der Instrumentenspitze wird so dem „Schwierigkeitsgrad“ der zu entfernenden harten Ablagerungen angepasst. Ist der Widerstand (Zahnstein, Konkremente) entfernt, reduziert das Gerät die Leistung automatisch. Demzufolge ist es möglich, sowohl schonend als auch effizient zu arbeiten. Freiliegende, hypersensible Zahnhälse sowie Wurzeloberflächen werden schmerzfreier behandelt und der Patientenkomfort erhöht sich. Nur in Ausnahmefällen ist eine Nachpolitur mit der Air-Flow Technologie und Erytrithol-Pulver (Plus, EMS) notwendig.

Da der Patient eine hyperplastische Gingiva vorwies, musste in diesem Fall sulkulär gereinigt und poliert werden. Ziel war es, auch hier ein erfolgreiches Biofilm-Management durchzuführen. Dies ließ sich sehr gut mit der Air-Flow Technologie Plus (Erytrithol) erreichen, ohne das Gewebe zu traumatisieren. Der Patient empfand die Behandlung als sehr angenehm.

7.3 Klassische Behandlungsmethode (Patientenfall)

Im Unterkiefer lag die gleiche Ausgangssituation vor. Hier wurden nun herkömmliche Materialien zur Reinigung verwendet (Ultraschall, Handinstrument, Polierkelch, Polierbürste, Polierpasten CCS rot und Proxyt fine). Mithilfe maschineller und manueller Instrumente wurden harte und weiche Beläge supragingival und sulkulär entfernt. Anschließend folgte eine Vorpolitur sämtlicher Areale mit einer Polierpaste (CCS rot) und verschiedenen weichen Bürstchen jeglicher Form. Zur Feinpolitur kam ein softer Polierkelch mit einer feinen Polierpaste (Proxyt fine) zum Einsatz (Abb. 6, UK). Die Schwierigkeit gegenüber der Air-Flow Polishing Therapie bestand darin, dass gewisse Regionen sehr schwer bzw. nicht ausreichend erreichbar waren. Sulkulär lassen sich Politur und Biofilm-Management nicht so präzise durchführen. Es entstanden schneller leichte Verletzungen an der Gingiva. Gerade in der Region der Brackets war die Reinigung schwieriger als mithilfe des Air-Flow Polishing und Erytrithol (Plus). Im Vergleich zur Behandlung im Oberkiefer mittels Piezon No Pain und Air-Flow Technologie Plus wurden im Unterkiefer mehr Materialien, Hilfsmittel und etwas mehr Zeit benötigt. Die Reinigung mithilfe der Air-Flow Technologie Plus war vom Reinigungserfolg präziser.

8. Kontrolle des Perfektionsgrades und chemische Plaquekontrolle (10 Minuten)

Die Kontrolle des Reinigungsperfektionsgrades kann mit einer feinen Tastsonde (hier: Hu Friedy EXD 3CH, Frankfurt am Main) und Lupenbrille sehr gut durchgeführt werden. Danach folgen die Kontrolle des Zahnarztes und eine chemische Plaquekontrolle. Da eine hyperplastische Situation vorlag, wurde ein Chlorhexamed Gel 1 % appliziert. In der nächsten Sitzung zwei Tage später folgte die Fluoridierung mit Elmex Fluid.

9. Recall (2 Minuten)

Eine regelmäßige professionelle Betreuung ist eine Basisleistung der Prävention. Es ist wichtig, auf Grundlage der erhobenen Befunde einen passenden Zeitpunkt für den Folgetermin festzulegen. Dieser richtet sich nach zahlreichen individuellen Faktoren. Hierbei wird nach Risikogruppen unterschieden (individuelle, altersspezifische, risikoorientierte Prophylaxe).

Fazit

Im Ablauf und der Durchführung der professionellen Erhaltungstherapie findet ein Paradigmenwechsel statt, der es notwendig macht, alte eingefahrene Wege zu hinterfragen. Die wissenschaftlichen und technischen Voraussetzungen sind geschaffen. Es ist an der Zeit, die vereinfachte, effizientere, effektivere, komfortablere und vor allem substanzschonendere Behandlung zum Wohle und der Gesundheit unserer Patienten einzusetzen.

 

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