Prophylaxe


Langzeiterfolg von Implantatversorgungen durch professionelle Therapiekonzepte

Abb. 1: Pressfahne am Instrument.
Abb. 1: Pressfahne am Instrument.

In unserer Prophylaxearbeit begegnen wir fast täglich Patienten mit festsitzenden oder bedingt abnehmbaren Suprakonstruktionen auf Implantaten. Der Langzeiterfolg dieser Implantatversorgungen hängt im Wesentlichen von der konsequenten häuslichen und professionellen Pflege ab. Die Autorin erläutert, welche Instrumente, Materialien und Verfahren zur schonenden Beseitigung des pathogenen Biofilms an Implantaten geeignet und effektiv sind.

Die Motivation und Instruktion des Patienten zu einer guten häuslichen Mundhygiene, das professionelle Débridement der Oberflächen von Implantaten und Aufbauteilen sowie eine konsequente Kontrolle zur Vermeidung periimplantärer Infektionen sollen Aufgabe und Ziel des speziell ausgebildeten zahnärztlichen Fachpersonals (ZMP, ZMF, DH) sein. Dies kann nur mit einem ausgeklügelten Prophylaxekonzept erreicht werden.

Zur Aufgabe des zahnärztlichen Behandlungsteams gehört bei der regelmäßigen Kontrolle (3 bis 6 Monate, je nach Indikation) die Früherkennung von Krankheitszeichen der periimplantären Gewebe. Es werden zwei Stadien der Erkrankung unterschieden. Während die Mukositis eine reversible Entzündung der Weichgewebe ohne Knochenabbau ist, wird die Periimplantitis als Infektion des Hart- und Weichgewebes beschrieben [1]. Die Mukositis sollte immer behandelt werden, da der Übergang von Mukositis zu Periimplantitis fließend ist. Insbesondere Patienten mit vorausgegangener Parodontitis sollen ein potenziell höheres Risiko für periimplantäre Erkrankungen haben. Es ist bekannt, dass eine Streuung von Mikroorganismen aus periimplantären Infektionsgebieten im gesamten Organismus ein großes Risiko für Allgemeinerkrankungen darstellt – ein Umstand, der von größter Wichtigkeit für die Intensität unserer Arbeit ist.

Für die erfolgreiche Prävention periimplantärer Entzündungen an implantatgetragenem Zahnersatz ist demnach ein schlüssiges Behandlungskonzept, das sich aus verschiedenen Komponenten zusammensetzt, entscheidend: 1. Befundung, 2. Diagnostik, 3. Aufklärung, Motivation und Instruktion, 4. Therapie, 5. Recall. Ungeachtet der Bedeutung von Befund, Diagnose und Aufklärung beschäftigt sich dieser Artikel mit dem Bereich der „Therapie“ und deren derzeitig gängigen Möglichkeiten.

Therapie

Ziel der Instrumentierung an Implantaten ist die komplette Entfernung von dentalem pathologischem Biofilm und harten Ablagerungen (Zahnstein, Konkremente) sowie die Wiederherstellung eines entzündungsfreien Ausgangszustandes der periimplantären Gewebe. Dies sollte schonend für das periimplantäre Weichgewebe vorgenommen werden und unter Berücksichtigung der empfindlichen Oberflächen von Implantaten und Suprakonstruktionen erfolgen. Eine Vergrößerung der Oberfläche durch Einbringen von Rillen, Kanten oder Titanabplatzungen sollte unter allen Umständen vermieden werden.

Zur Dekontamination der Oberflächen kommen mechanische und/oder chemische Verfahren infrage. Das CIST-Konzept von Lang et al. zur systematischen und kontinuierlichen Vorbeugung und Behandlung periimplantärer Erkrankungen beschreibt vier Behandlungsschritte, die abhängig vom Diagnoseverlauf bei den Kontrolluntersuchungen in einer definierten Reihenfolge angewendet werden sollten [2]:
A: mechanische Reinigung,
B: antiseptische Behandlung,
C: antibiotische Behandlung,
D: regenerativer oder resektiver Eingriff.
Im weiteren Verlauf des Artikels werden ausschließlich die Behandlungsschritte A und B besprochen.

A: Mechanische Reinigung (Dekontamination)

Der gründlichen Dekontamination der gesamten (infizierten) Oberfläche ist wohl die größte Sorgsamkeit zu widmen. Allein die Beseitigung von Débris in den Makrowindungen des Implantatgewindes ist sicherlich – egal mit welchem der zur Verfügung stehenden Materialien und Verfahren – eine Herausforderung Die Form des Implantats ist dabei weniger ausschlaggebend. Schwierig ist es, die Mikrooberflächen beschichteter und auch geätzter Implantate zu dekontaminieren. Sowohl bei den maschinellen als auch bei den manuellen Verfahren gibt es verschiedene Materialien und Formen. Eine weitere Schwierigkeit stellt bei einer bestehenden Periimplantitis die Art des Defektes dar. Es ist ausschlaggebend, wie gut der Entzündungsherd erreicht werden kann. Gerade hier ist die Auswahl des geeigneten Instruments entscheidend für Erfolg oder Misserfolg. Bezüglich der Defektmorphologie muss es klare Richtlinien vom Behandler an das zahnärztliche Fachpersonal geben. So sollte aus diesen Vorgaben hervorgehen, wann die Prophylaxefachkräfte den Patienten nur zum Recall einbestellen können und wann eine weitere Diagnostik (DVT, ST-Index) oder gegebenenfalls eine chirurgische Intervention nötig ist. Die Tabelle 1 gibt einen Überblick zu möglichen Behandlungsstrategien. Zur Feststellung der Sondierungstiefen am Implantat muss darauf geachtet werden, dass periimplantäre Gewebe nicht sondiert, sondern bestenfalls intentionell „angetippt“ werden. Dies gilt nur im Falle einer Blutung.

 

 

Tab.1: Überblick über mögliche Behandlungstherapien
SondierungstiefeBlutungBOPWeitere Diagnostik, TherapieInstruktion häuslichRecall, UPT
positivnegativ
< 3 mmjajaBiofilmentfernung,
Politur (Proxyt® 7),
Desinfektionslack
(Cervitec Plus®)
max. 6 Monate
4-5 mmjaPerioMarker®
Biofilmentfernung,
Politur (Proxyt® 7),
Desinfektionslack
(Cervitec Plus®)
Chlorhexidin-Gel
(Cervitec® Gel),
2 x täglich für
3–4 Wochen
Kontrolle nach
2 + 4 Wochen,
max. 3 Monaten
> 5 mmja, keine Kraterbildungja/nein

Biofilmentfernung,
Politur (Proxyt® 7),
PWS,
Desinfektionslack
(Cervitec Plus®)


aMMP-8-Test,
PerioMarker®

Chlorhexidin-Gel
(Cervitec® Gel),
2 x täglich für
3–4 Wochen
Kontrolle nach
2 + 4 Wochen,
max. 3 Monaten
ja, deutliche
Kraterbildung
> 2 mm
ja/neinsystemische Antibiotka-
Therapie,
Cürettage, PWS
eventuell Full-
Mouth-Disinfection
Kontrolle
nach 1 Woche
ja, deutliche
Kraterbildung
> 2 mm
ja/neinsystemische
Antibiotikagabe,
chirurgische
Therapie (resektiv,
regenerativ), PWS
eventuell Full-
Mouth-Disinfection
Kontrolle
nach 1 Woche

Materialien

Instrumente aus Carbon, Kunststoff, Titan oder auch Teflonbeschichtungen stehen zur Wahl. Während Stahlinstrumente gar nicht zur Verwendung kommen sollten, können rotierende Instrumente auf beschichteten Implantatoberflächen bedingt verwendet werden. Einer schall- und ultraschall gestützten Instrumentierung sowie ultraschallaktivierten Partikelverfahren (Vector®, Dürr Dental, Bietigheim-Bissingen) sollte allerdings der Vorzug gegeben werden (Tab. 2). Pulver-Wasserstrahl- Verfahren sind sicherlich am vielversprechendsten, möglicherweise in Kombination mit der antimikrobiellen photodynamischen Therapie (aPDT). Manuelle Verfahren können mit Scaler (supragingival), Spezial- und Universalküretten (Langer, Columbia) oder Spezialfloss erfolgen. Sowohl bei manuellen als auch maschinellen Verfahren gibt es neben den Materialien zusätzliche Unterschiede in der Ausführung und im Design.

 

Tab.2: Unterschiedliches Design der Materialien bei der maschinellen Reinigung
FormMaterialFirmen (Beispiele
konischpolymerSONICflex implant Pins, KaVo (Biberach)
abgerundete Hülsekunststoffbeschichteter MetallaufsatzEMS (München)
konischKunststoffCavitron® SofTip, Hager & Werken (Duisburg)
sondenähnlichKunststoffVector®, Dürr Dental (Bietigheim-Bissingen)

 

 

Tab.3: Produktauswahl für eine manuelle Reinigung
ProduktnameMaterialFirmen (Beispiele)
Universalkürette nach LangerTitanStoma (Emmingen-Liptingen)
Spezialkürette nach Gracey (reduzierter Satz)TitanStoma (Emmingen-Liptingen)
Universal- oder Orofacial Implantat DeplaquerHartkunststoffKerr (Rastatt)
Implacare Kunststoff-ScalerKunststoffHu-Friedy (Tuttlingen)
Implantat-ReinigerKunststoffHager & Werken (Duisburg)

Maschinelle Verfahren

Für unebene Bereiche wie freiliegende Gewinde (bei offenem Vorgehen) sollte die Reinigung mit einem Pulver-Wasserstrahl-Gerät (PWS) und anschließender Detoxikation z.B. mit Zitronensäure durchgeführt werden. Die Gefahr einer Luftembolie bei der PWS-Anwendung und dem damit verbundenen Weichteilemphysem sollte durch ein vorsichtiges und kontrolliertes Vorgehen vermieden werden. Es ist zu empfehlen, ausschließlich unter Sicht zu arbeiten. Neu hinzugekommen sind moderne Verfahren mit speziellen subgingivalen Aufsätzen und abriebarmen Pulvern auf Glycin- oder Erythritol-Basis. Beispiele für Glycin-Pulver sind ClinproTM, 3M Espe, Seefeld, und AirFlow® Perio, EMS, Nyon/Schweiz [3–5]. Der Vorteil der Subgingivaldüsen (EMS: Perio- Flow-Handstück mit Subgingivaldüse) liegt im seitlichen Austritt des Pulver-Wasser-Luft-Gemischs. In Studien von Prof. Petersilka et al. [6] und Flemmig et al. [7] konnte nachgewiesen werden, dass durch den besseren Zugang mit diesen Düsen der Biofilm in flachen Taschen bis 4 mm und auch bei mittleren Taschentiefen über 5 mm deutlich wirksamer entfernt werden kann als mit einer Kürette. Hervorzuheben ist der deutlich geringere Zeitaufwand im Vergleich zu subgingivalem Débridement mit herkömmlichen Verfahren wie Schall-/Ultraschall- und Handinstrumenten [8–10]. Es besteht eine hohe Patientenakzeptanz für Air-Polishing-Verfahren im Vergleich zu elektrischer und/oder manueller Instrumentierung [8, 11–13].

Manuelle Verfahren

Kunststoff-Scaler und -Küretten haben den Vorteil, dass sie als Einmalprodukte angeboten werden (Tab. 3). Erfahrungsgemäß können jedoch Überstände (Abb. 1) bei der Herstellung an den Arbeitsenden verbleiben. Dies kann zu Verletzungen führen, weshalb die Spitzen vor dem Gebrauch kontrolliert werden sollten. Zu bedenken ist eine mögliche Spanbildung am Instrument sowie an der Implantatoberfläche selbst. Momentan kann noch keine klare Aussage dazu gemacht werden, ob sich diese Späne im Gewebe ablagern und zu Inflammationen führen. Studien hierzu sind in Arbeit. Diese sollen klären, bis zu welchem Grad die Oberflächen poliert werden können und welcher Art von Schleif- oder Poliermittel dabei der Vorzug zu geben ist.

 

  • Abb. 2: Abstützung und optimaler Instumenteneinsatz.

  • Abb. 2: Abstützung und optimaler Instumenteneinsatz.

Carbonfaserinstrumente sollten ebenfalls als Einmalinstrumente verwendet werden. Laut Hersteller ist eine chemisch-thermische Desinfektion und anschließende Sterilisation möglich. Diskutiert wird in Fachkreisen jedoch, ob bei der porigen Oberfläche tatsächlich eine hundertprozentige Sterilität erreicht werden kann. Um sicher zu gehen, dass keine Restkeime auf dem Instrument sind, und um langfristig Kosten zu sparen, hat sich in unserer Praxis und in verschiedenen Universitätskliniken der Einsatz von Titaninstrumenten durchgesetzt (Abb. 2). Die zunächst kostspielige Anschaffung amortisiert sich durch eine hohe Langlebigkeit und hygienische Sicherheit. Ein Aufschleifen ist mit einem Keramikschleifstein möglich. Dies ist nur erforderlich, um die bei häufiger Benutzung auftretende Veränderung der Grundform des Instruments wiederherzustellen.

Bei den oben genannten instrumentellen Möglichkeiten der Bearbeitung von Implantatoberflächen gibt es allerdings zwei Gefahren: Zum einen können Titantätowierungen, ähnlich wie Amalgamtätowierungen, durch den invasiven Einsatz der Instrumente hervorgerufen werden. Insbesondere bei der Bearbeitung mit Stahlinstrumenten kann es zu Titanabplatzungen kommen (Abb. 3-5).

  • Abb. 3: Unbehandelte Titanoberfläche.
  • Abb. 4: Behandlung mit Carbonfaserkürette.
  • Abb. 3: Unbehandelte Titanoberfläche.
  • Abb. 4: Behandlung mit Carbonfaserkürette.

  • Abb. 5: Behandlung mit Stahlinstrument.
  • Abb. 5: Behandlung mit Stahlinstrument.

Außerdem können Polierkörperanteile oder Reste von Kunststoff- oder Carboninstrumenten im marginalen Bereich des periimplantären oder lymphatischen Gewebes verbleiben. Theoretisch kann dies zu potenziellen unerwünschten biologischen Effekten führen. Jedoch hält die Literatur bisher keine gesicherten Hinweise bereit.

Therapeutische Politur

Die therapeutische Politur beinhaltet die Entfernung von weichen Belägen supra- und subgingival mit geeigneten Polierkörpern und Pasten. Sie dient der Forderung nach möglichst hundertprozentiger Plaquefreiheit.

1. Polierpasten und Polierhilfsmittel

Jede Art der Politur geht – je nach Schleifkörperbeschaffenheit – mit einer Abtragung von Oberfl äche (z.B. Zahnhartsubstanz, Aufrauung) einher. Um den Abtrag auf ein Minimum zu reduzieren und einen möglichst hohen Politureffekt zu erhalten, muss bei der Auswahl der Polierpasten indikationsbezogen vorgegangen werden.

Im Falle der Implantatoberfl ächen muss unterschieden werden, welcher Teil poliert werden soll – beispielsweise der Implantatpfosten und die Suprakonstruktion oder eventuell freiliegende Implantatgewinde. Grobkörnige Pasten sind kontraindiziert. Zur Anwendung kommen möglichst feine Pasten (Proxyt® mit RDA 7, Ivoclar Vivadent, Schaan/Liechtenstein oder SuperPolish, Kerr, Rastatt), um einen Hochglanz der Oberfl ächen zu erzielen (Abb. 6). Grundsätzlich sollten Polierpasten die Kriterien hohe Reinigungseffi zienz, geringe Abrasivität und eine hohe Polierwirkung erfüllen.

  • Abb. 6: Politur mit Hochglanzpaste.

  • Abb. 6: Politur mit Hochglanzpaste.
Geeignete Polierkörper gibt es inzwischen in großer Auswahl. Hierbei sollte auch die allgemeine Anamnese des Patienten beachtet werden. Liegt zum Beispiel eine Latexallergie vor, sollte beim Polierkörper die latexfreie Variante verwendet werden. Im Allgemeinen sollte ein Polierkörper flexibel und weich sein (Vorteil: Biofi lmentfernung bis zu 2 mm im Sulkus) und mehrere Kammern haben, um die Polierpaste halten zu können.

Darüber hinaus ist bei der Politur auf Folgendes zu achten:

  • eine nur kurze Kontaktzeit (maximal 2 bis 3 Sekunden) des Polierkörpers mit dem Implantat bzw. der Suprakonstruktion,
  • eine Polierrichtung von Winkellinie zu Winkellinie und von Polierabschnitt zu Polierabschnitt,
  • eine Umdrehungszahl pro Minute zwischen 5.000 und 8.000 und
  • einen nur leichten Andruck gegen die Implantatfläche von ca. 100 bis 150 Pond (die Ränder des Napfes biegen sich leicht auf).

2. Politur der Okklusalverschraubung

Mithilfe von Polierbürsten aus Nylon können die Okklusalflächen von Verschraubungen gereinigt werden.

3. Politur der Implantat- und Zahnzwischenräume

Zur Politur der Implantat- und Zahnzwischenräume stehen verschiedene maschinell betriebene Interdentalbürsten zur Verfügung, die zusätzlich mit Polierpaste oder CHX-Gel, zum Beispiel Cervitec® Gel, Ivoclar Vivadent, bestückt werden können. Außerdem wird unter Brückengliedern, Geschieben, Stegen und um Implantatkronen mit dickem Spezialfloss, wahlweise auch mit Polierpaste oder CHX-Gel gereinigt und geglättet (Abb. 7).

  • Abb. 7: Stegreinigung mit Spezialfloss.

  • Abb. 7: Stegreinigung mit Spezialfloss.
4. Politur (Reinigung) der Zunge

Zwischen 60 und 80 % der Keime in der Mundhöhle werden der Zunge zugeschrieben. So sollte ein wesentlicher Bestandteil der Mundhygiene auch und gerade die Zunge betreffen. Eine professionelle Zungengrundreinigung (Abb. 8) ist obligat und muss fester Bestandteil jeder Prophylaxesitzung sein. Die Durchführung sollte folgendermaßen aussehen:
1. eine weiche Nylon-Polierbürste mit CHX-Gel bestücken,
2. ein niedertouriges Polierwinkelstück aufsetzen,
3. das Gazetuch (7,5 × 7,5 cm) befeuchten,
4. den Patienten die Zunge herausstrecken lassen und mithilfe der Gaze halten (nicht ziehen oder drücken),
5. mit leichtem Druck im vorderen Drittel auf der Zunge serpentinenartige Bewegungen durchführen,
6. zwischendurch den gelösten und im Gel gebundenen Zungenbelag entfernen,
7. dann erneut die Bürste mit CHX-Gel bestücken und das mittlere und hintere Drittel bearbeiten und
8. den Vorgang so lange wiederholen, bis die Zunge belagfrei ist.

B: Antiseptische Behandlung

Die chemische Dekontamination kann mittels Chlorhexidindigluconat- Präparaten (CHX) in Form von 0,1–0,2%igen Lösungen, einem 1%igen Gel, Medikamentenplättchen (PerioChip®, Dexcel Pharma, Alzenau) oder Lacken, Zitronensäure (citric acid), Natriumchlorid, Phosphorsäure, Kupfer-Kalziumhydroxid (Cupral®, Humanchemie, Alfeld/Leine) oder durch sulfonierte Phenole und Schwefelsäure (Biofilm-Remover HybenX®, Epien, St. Paul/USA) erfolgen.

CHX zählt als Antiseptikum zu den gebräuchlichsten Wirkstoffen. Es ist in seiner Wirkung intensiv und ausgesprochen stark. Die Spülung des periimplantären Defekts sollte mindestens eine Minute drucklos und intermittierend durchgeführt werden. Hierfür sind die aus der Endodontie bekannten Kanülen mit lateralem Austritt und abgerundetem Ende (z.B. von B. Braun, Melsungen) geeignet. Ebenfalls wirkungsvoll ist die Anwendung von in CHX (0,2 %) und in isotonischer Kochsalzlösung getränkten Gazestreifen, die im Wechsel eingebracht werden. Dies gilt insbesondere für titanplasmabeschichtete und sandgestrahlte bzw. säuregeätzte Oberflächen.
Bei der anschließenden Anwendung eines Lackes (Cervitec Plus®, Ivoclar Vivadent) haben wir den Vorteil der synergetischen Wirkung von CHX und Thymol, jeweils 1 % in Lösung. Nach dem Trocknen des Lacksystems liegt die Konzentration um das ca. 10-Fache höher. Der schützende Effekt der Behandlung kann bis zu drei Monate anhalten [14]. Die Anwendung (Abb. 9) schließt sich an die professionelle Reinigung und die Politur an.

CHX-Depotpräparate, wie z.B. Periochip®, bieten die Möglichkeit, in der parodontalen, periimplantären Tasche eine hohe Konzentration von CHX freizusetzen. Laut einer Studie der Uni Gießen löst sich das Medikamentenplättchen rückstandslos auf [15]. Die wirksame Konzentration des CHX in der Sulkusflüssigkeit bewirkt eine Reduktion der klinischen Zeichen wie Blutung und Sekretion. Zu bemerken ist, dass im Vergleich zur Kontrollgruppe der einzelverblindeten Studie kein Knochenabbau in den Taschen stattfand [16, 17].

Ebenfalls interessant an dieser Stelle ist die Anwendung eines Wirkstoffkomplexes auf Sulfat- und Schwefelbasis. Durch Penetrieren des dentalen Biofilms mit dem Dentalfluid HybenX® wird dem Biofilm das Wasser entzogen (Dehydrierung) und die Bakterien verlieren ihr Habitat (Lebensraum). Gleichzeitig kommt es zum Kollaps der Matrix und der Ablösung des Biofilms.

Das Einbringen des Dentalfluids erfolgt mit einer Spülspritze. Nach einer Einwirkzeit von maximal 20 Sekunden wird es mit Wasser ab- und ausgespült. Die Anwendung kann sowohl vor als auch nach dem maschinellen bzw. manuellen Scaling erfolgen. In unabhängigen US-Studien konnte eine erkennbare Verringerung der Plaque- und Biofilmneubildung innerhalb 90 Tagen nachgewiesen werden.

Cupral® liegt als wasserhaltige Paste vor und ist in die Kategorie der Breitbandtherapeutika einzugliedern [18, 19]. Seine Wirksamkeit gegenüber Aerobiern, Anaerobiern, Pilzen und deren Sporen ist aufgrund des hohen pH-Wertes von >12 und der hohen Anzahl von Cu-Ionen gegeben. Zur Behandlung von parodontalen und periimplantären Taschen wird z.B. ein Retraktionsfaden (Gr. 1, 2) mit der Salbe bestückt. Der Faden wird in die Tasche eingebracht und nach Möglichkeit wird der Zugang nach oben hin „offen“ gelassen. Der Verschluss des Tascheneingangs z.B. mit Resopac®, Hager & Werken, Duisburg, soll für die ersten Stunden ein „Auswaschen“ der Einlage verhindern. Für zwei bis drei Tage bleibt diese Einlage in der Tasche, bevor sie entfernt oder gegebenenfall ausgetauscht wird (Abb. 10–11).

  • Abb. 8: Zungengrundreinigung.
  • Abb. 9: Cervitec Plus®-Applikation.
  • Abb. 8: Zungengrundreinigung.
  • Abb. 9: Cervitec Plus®-Applikation.

  • Abb. 10: Ausgangsituation: aktive Tasche, Pusaustritt, nicht hygienefähiger Interdentalraum.
  • Abb. 11: Situation nach 11 Tagen (Einmalige Anwendung eines Cupralfadens).
  • Abb. 10: Ausgangsituation: aktive Tasche, Pusaustritt, nicht hygienefähiger Interdentalraum.
  • Abb. 11: Situation nach 11 Tagen (Einmalige Anwendung eines Cupralfadens).

Für die Anwendung chemischer Verfahren gilt in der Regel: Biofilm „aufreißen“. Auch der beste Wirkstoff hat meist keine Chance, wenn die komplexe Struktur des Biofilms vorher nicht zerstört wurde – entweder mit maschinellen und/oder manuellen oder chemischen Verfahren. In der professionellen und auch häuslichen Anwendung hat sich die Bestückung eines Spezialfloss (meridol®, Gaba, Hamburg) mit CHX-Gel 1 % bewährt. Das Implantat kann damit umschlungen und schonend auch unterhalb der Gingivagrenze gereinigt werden.

Therapiemöglichkeiten mit Softlaser

Eine weitere moderne Variante stellt die antimikrobielle photodynamische Therapie (aPDT) dar. Es handelt sich hierbei um ein Softlaserverfahren, bei dem durch einen photochemischen Prozess die Keimabtötung erreicht wird. Eine lichtaktive Farbstofflösung (Photosensitizer: Phenothiazinchlorid) wird in die Tasche eingebracht, dieser diffundiert in den Biofilm und lagert sich an den Bakterienzellwänden an. Nun wird mit einem Softlaser der Farbstoff aktiviert. Es entstehen Oxidationsmittel (Singulettsauerstoff), die irreversible Schäden an der Bakterienmembran hinterlassen [20]. Diese Behandlung ist für den Patienten schmerzfrei. Auch hier muss vor der aPDT ein sinnvolles Biofilmmanagement durchgeführt werden (maschinell/manuell). Die Behandlung sollte innerhalb von zwei Wochen dreimal stattfinden. Nach zwei Wochen erfolgt eine Kontrolle und ggf. eine erneute Softlaserbehandlung.

Fazit

Die Behandlung periimplantärer Strukturen, der Implantatoberfläche und der Suprakonstruktion erfordert ein hohes Wissen im Umgang mit Instrumenten, Materialien und Verfahren. Wie in allen anderen Bereichen der Behandlungen ist es der „Meistereffekt“, der darüber entscheidet, ob die Therapie minimalinvasiv, schonend, effektiv und damit erfolgreich ist.

 

Die Erstveröffentlichung dieses Beitrages erfolgte im "Jahrbuch Implantologie 2014" der Oemus Media AG (Leipzig).

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Sabine Reif-Bankmann

Bilder soweit nicht anders deklariert: Sabine Reif-Bankmann