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Interview zur Heidelberger Hundertjährigen-Studie

Parodontale Erkrankungen bei Hundertjährigen

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Bislang gab es kaum Daten zur parodontalen Gesundheit bzw. zu parodontalen Erkrankungen bei hochbetagten Menschen in Deutschland. Eine Arbeitsgruppe am Universitätsklinikum Heidelberg hat 2019 eine epidemiologische Untersuchung bei Hundertjährigen in Südwestdeutschland durchgeführt und legte jüngst die Ergebnisse vor. Verbunden mit diesen Daten sind Fragen nach der Versorgung dieser Gruppe wie auch Erkenntnisse zu den Faktoren, die den Zahnerhalt bzw. die parodontale Gesundheit bis ins hohe Alter unterstützen. Lesen Sie im Folgenden ein schriftlich geführtes Interview mit den Studienautorinnen Dr. Caroline Sekundo und ZÄ Eva Langowski.

PnC: Zur Zielsetzung Ihrer Studie: Warum überhaupt eine Erhebung zum parodontalen Zustand bei Hundertjährigen?

  • Dr. Caroline Sekundo

  • Dr. Caroline Sekundo
    © privat
ZÄ Eva Langowski (EL): Als erste Arbeitsgruppe weltweit haben wir eine klinische Untersuchung der Mundgesundheit von Hundertjährigen durchgeführt. Dazu gehört selbstverständlich auch die Erhebung des Parodontalstatus.

  • ZÄ Eva Langowski

  • ZÄ Eva Langowski
    © privat
Dr. Caroline Sekundo (CS): Es ist noch nicht lange her, dass man davon ausging, dass Menschen in diesem Alter zahnlos sein müssten. Wir konnten mit unserer Untersuchung zeigen, dass stabile parodontale Verhältnisse auch in sehr hohem Alter vorzufinden sind.

Können Sie uns Ihre persönlichen Erfahrungen mit den Studienteilnehmern schildern?

CS: Die Resonanz der Hundertjährigen war insgesamt sehr positiv. Die Menschen haben viel erlebt und freuen sich über die Aufmerksamkeit und über die Möglichkeit, ihre Geschichten zu erzählen. Am eindrucksvollsten war es für mich zu sehen, dass Gesundheit in diesem Alter möglich ist. Es gab Hundertjährige, die auf die Frage nach Medikamenteneinnahmen geantwortet haben: „Gar keine“. Viele haben noch zu Hause gelebt. Andererseits war für mich auch bemerkenswert, wie unterschiedlich die Zustände in Pflegeeinrichtungen sein können.

EL: Es war insgesamt eine sehr lehrreiche Erfahrung, mit so vielen Menschen dieses hohen Alters sprechen zu dürfen. Einige Studienteilnehmerinnen waren an dem Projekt sehr interessiert und haben auch viel aus ihrem eigenen Leben berichtet. Insbesondere die Interviews zur Mundgesundheit in Kindheit und Jugend der Hundertjährigen haben Impulse für weitere Geschichten gegeben. Wir haben den Studienteilnehmerinnen Fragen zu ihren Mundhygienegewohnheiten gestellt, um zu erfahren, wie die Prophylaxe in ihrer Kindheit ausgesehen hat.

Ist Ihnen eine dieser Geschichten besonders im Gedächtnis haften geblieben?

EL: Zum Beispiel die Geschichte einer Hundertjährigen, welche in Dresden aufwuchs und nach dem Zweiten Weltkrieg in russische Kriegsgefangenschaft geriet. Sie litt in den 9 Jahren dort unter anderem an starker Mangelernährung, welche schließlich zu Skorbut führte. Dadurch verlor sie in den folgenden Jahren alle natürlichen Zähne und trägt seit nun bereits über 50 Jahren Totalprothesen. Dies zeigt auch, wie die Studienergebnisse durch die Lebensereignisse dieser Generation beeinflusst wurden.

Würden Sie die Erhebung genau so wieder durchführen oder würden Sie den methodischen Ansatz verändern?

CS: Durch die Vor-Ort-Besuche haben wir uns bemüht, die Belastungen für die Hundertjährigen gering zu halten und die Studienteilnahme zur interessanten Erfahrung werden zu lassen. Unsere Befragungen und Untersuchungen waren trotzdem sehr umfassend. Ich bin der Überzeugung, dass wir hier ein gutes Gleichgewicht gefunden haben.

EL: Es wären sicherlich auch diverse Folgestudien interessant, die noch mehr Aufschluss über die einzelnen Faktoren geben, welche die Mundgesundheit in sehr hohem Alter beeinflussen.

Wie Sie in der Einleitung zu Ihrer Studie schreiben, hängen die Zahlen der in einer Studie erfassten Parodontitisfälle einerseits von dem Untersuchungsprotokoll, aber auch von dem gewählten Klassifikationssystem ab. Schließlich setzen die verschiedenen Klassifikationen unterschiedliche Grenzen zwischen Krankheitsstadien/ berücksichtigen unterschiedliche Kriterien. Welche der 2 berücksichtigten Klassifikationen (siehe Zusammenfassung der Studie) spiegelt nach Ihrer Einschätzung am besten das klinische Bild wider?

CS: Für epidemiologische Untersuchungen wie die unsere ist die CDC/AAP-Fallklassifikation besonders geeignet. Diese ermöglicht die Beurteilung des Schweregrades der Erkrankung, ist weltweit anerkannt und lässt somit auch den Vergleich mit anderen Alters- und Bevölkerungsgruppen zu.

Erwiesen sich die gesetzten Cut-off-Levels grundsätzlich als sinnvoll bei dieser Altersklasse? (Grenzwerte, die für die Erhebung genutzt wurden: PD 4 mm vs. 6 mm, CAL 3 mm, 5 mm)

CS: Da dies die erste Studie zum parodontalen Zustand bei Hundertjährigen ist und es weltweit keine Vergleiche gibt, halten wir diese Grenzwerte zunächst für sinnvoll, schließlich gab es durchaus Fälle, bei denen diese unterschritten wurden. Ein progressiver Attachmentverlust ist demnach nicht zwingend durch hohes Alter gegeben.

Was haben Sie festgestellt?

  • Zitat Dr. Caroline Sekundo

  • Zitat Dr. Caroline Sekundo
    © Dr. Caroline Sekundo
EL: Die Mundgesundheit von Hundertjährigen war insgesamt altersentsprechend gut. Nur rund ein Drittel der Hundertjährigen war zahnlos, daher konnten wir bei 35 Studienteilnehmer*innen Parodontalbefunde erheben. Die parodontalen Befunde dieser Gruppe waren sogar besser als vergleichbare Untersuchungen von 75- bis 100-Jährigen in der 5. Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS V). Das Institut Deutscher Zahnärzte (IDZ), insbesondere Prof. Jordan, haben uns hier freundlicherweise weiterführende Informationen zur Verfügung gestellt, sodass wir sagen können, dass schwere Parodontalerkrankungen seltener vorkommen. Es gibt jedoch einen großen Anteil an Patienten mit moderater Parodontitis.

Haben die Ergebnisse Sie überrascht?

EL: In einigen Fällen bestimmt! Ein Studienteilnehmer zum Beispiel berichtete, er putze sich nur etwa einmal in der Woche mit einer Handzahnbürste die Zähne. Hilfsmittel zur Zahnzwischenraumpflege benutze er keine und die Ernährung kann als durchschnittliche mitteleuropäische Kost beschrieben werden. Trotzdem wies er in diesem hohen Alter kaum Zahnverlust auf.

Angesichts dessen, dass Parodontitis eine chronische fortschreitende Erkrankung ist und im Alter zusätzliche Risikofaktoren wie eine eingeschränkte motorische Fähigkeit zur Mundhygiene bestehen, hätte man da nicht mit einem stärkeren Fortschreiten der Parodontitis und damit auch mit einem höheren Prozentsatz schwerer Fälle gerechnet?

CS: Wir waren positiv überrascht, insbesondere im Vergleich zu bereits bekannten Daten jüngerer Senioren. Man muss jedoch im Hinterkopf behalten, dass die schweren Fälle in diesem Alter bereits in Zahnlosigkeit gemündet sein könnten. Wir wissen, dass eine gute Mundhygiene für die parodontale Gesundheit wichtig ist. Die häusliche Zahnpflege, die wir von unseren Patienten routinemäßig erwarten, weist jedoch kein Hundertjähriger mehr auf. Die Mundhygiene war bei allen Teilnehmern defizient, die klinischen Befunde variierten jedoch deutlich. Diese erste Pilotstudie kann uns auf solche Fragen noch keine Antworten geben, aber sie ist natürlich eine Initiative für weitere Forschung.

Ist die Erhebung repräsentativ?

CS: Die Repräsentativität ist natürlich regional begrenzt, da wir nur Einwohner aus angrenzenden Meldebezirken im 60-km-Radius um Heidelberg rekrutiert haben. Da die Heidelberger Hundertjährigen- Studien im Gerontologischen Institut der Universität Heidelberg bereits seit vielen Jahren etabliert sind, haben wir hier dankenswerterweise Tipps und Unterstützung erfahren. In der Regel ist der Weg über die Einwohnermeldeämter die beste Möglichkeit, um eine repräsentative Stichprobe zu erhalten. Wir haben alle gemeldeten Einwohner im passenden Alter mehrfach kontaktiert und zur Teilnahme eingeladen und jedem eine Vor-Ort- Untersuchung angeboten. Angesichts der Herausforderung, diese extreme Altersgruppe von der Teilnahme an einer klinischen Studie zu überzeugen, sind wir mit unserer Antwortrate von 13% sehr zufrieden.

Konsequenzen aus den Ergebnissen

Statistische Signifikanz konnten Sie für den Zusammenhang zwischen der Anzahl erhaltener Zähne und dem Vorhandensein eines Pflegegrades feststellen. Wie könnte man dies erklären?

EL: Das könnte unterschiedliche Ursachen haben. Ein Erklärungsansatz ist, dass im Fall von Pflegebedarf häufig die Motorik und die Eigenverantwortlichkeit eingeschränkt sind. Das Pflegepersonal hat oft zu wenig Zeit und Angehörige werden nicht ausreichend geschult, um der Zahnpflege von pflegebedürftigen Personen nachzugehen. Außerdem ist es nicht allgemein bekannt, dass auch die Fähigkeit zur eigenen Mundhygiene mit dem Alter abnimmt. Ein anderer Ansatz bietet die Erklärung, dass Personen, die insgesamt in einer schlechteren gesundheitlichen Verfassung sind, auch eine schlechtere Mundgesundheit aufweisen. Diese Faktoren beeinflussen sich ja bekanntlich gegenseitig.

Was bedeutet das Ergebnis für die Praxis? Besteht ein hoher Behandlungsbedarf bei diesen Hochbetagten?

CS: Aus der Zahnarzt-Perspektive besteht natürlich Behandlungsbedarf. Aber die Therapiefähigkeit ist in dieser Altersgruppe kaum noch vorhanden, eine systematische parodontale Behandlung mit initialer und korrektiver Phase ist den Hundertjährigen nur in Ausnahmefällen zuzumuten. Wir haben auch dazu Einschätzungen vorgenommen, die vor Kurzem in der Zeitschrift Scientific Reports veröffentlicht wurden. Empfehlenswert für die Alterszahnheilkunde ist es, mit präventiven Maßnahmen frühzeitig und offensiv vorzugehen und restaurative Maßnahmen möglichst defensiv vorzunehmen. Wir wissen jetzt, dass es geht: Zähne können auch hundert Jahre funktionell erhalten bleiben.

In welche Richtung könnte weitere Forschung gehen?

CS: Besonders interessant wäre es, herauszufinden, welche besonderen Eigenschaften es einigen unserer Probanden trotz defizienter Mundhygiene erlaubt haben, einen solch herausragenden Zahnstatus vorzuweisen.

EL: Dazu wäre es neben der Bestimmung des oralen Mikrobioms noch interessant, longitudinale Studien anzusetzen, welche die Mundgesundheit hochbetagter Personen über einen längeren Zeitraum untersuchen.

Redaktion PnC: Wir bedanken uns für das Interview!

Fragen: Dagmar Kromer-Busch


Heidelberger Zahnärztliche Hundertjährigen-Studie

Fragestellungen der Studie

Wie hoch ist die Prävalenz von Parodontitis/Periimplantitis bei Hundertjährigen in Südwestdeutschland? Welche Zusammenhänge zwischen Erkrankung und soziodemografischen Faktoren bestehen? Welche altersbezogenen Trends können abgeleitet werden?

Methode, Teilnehmer, Zeitraum

Im Rahmen der Querschnittserhebung Heidelberger Zahnärztliche Hundertjährigen-Studie (HD100Z) wurden vor 1920 geborene Menschen über Einwohnermeldeämter in Süddeutschland (Heidelberg und Umgebung) identifiziert. 55 Hundertjährige wurden zu Hause oder in der Pflegeeinrichtung aufgesucht. Von den 35 bezahnten Probanden konnten 33 parodontal untersucht werden (n = 33). Auf Periimplantitis konnten 5 Probanden untersucht werden (n = 5), darunter 2 zahnlose. Zeitraum der Erhebungs-/klinischen Untersuchungsphase: April bis Oktober 2019.

Ausschlusskriterien für parodontale Untersuchung

1. Zahnlosigkeit, 2. Allgemeinerkrankungen, die eine Antibiose vor parodontaler Sondierung erforderlich machen.

Diagnostik und Klassifikation

Ein vollständiger Parodontalstatus wurde erhoben mit Sondierungstiefen, Attachmentverlust, Bleeding on Probing, Furkationsbeteiligung und Zahnmobilität/Lockerungsgrad. Periodontal Disease Surveillance Project by the Centers for Disease Control and Prevention and the American Academy of Periodontoloy Case Definitions (CDC/AAP) und der Community Periodontal Index (CPI). Soziodemografische und Gesundheitsdaten (u.a.: Rauchen, Mundhygiene, Diabetes mellitus, BMI und Pflegegrad) wurden erfragt (Selbstauskunft oder Angehörige) und mit Dokumenten (Arztbriefe oder Dokumentationen im Pflegeheim) abgeglichen.

Ergebnisse

Die mittlere Anzahl der Zähne betrug 9,5 ± 7,1; pflegebedürftige Hundertjährige hatten deutlich weniger Zähne als andere (8,5 vs. 17,0 Zähne, p = 0,03). Die mittlere Sondierungstiefe betrug 2,7 ± 0,8 mm; der mittlere klinische Attachmentverlust betrug 4,2 ± 1,7 mm. Bei ca. 3% der Zähne wurden ein Lockerungsgrad 2 oder 3 und Furkationsbeteiligung festgestellt. Nach der CDC/AAP-Klassifikation hatten 25,8% der Hundertjährigen keine oder eine leichte Parodontitis, 54,8% der Hundertjährigen hatten eine moderate und nur 19,4% eine schwere Parodontitis. Von 27 untersuchten Implantaten bei 5 Hundertjährigen wurden 59,3% als gesund eingestuft, 29,6% hatten eine periimplantäre Mukositis, und 11,1% hatten eine Periimplantitis. 27,3% der Teilnehmer mit CPI-Code von 0, 1 oder 2 hatten eine Sonderungstiefe weniger als 4 mm. 39,4% zeigten eine Taschentiefe von 4–5 mm und wurden mit Code 3 klassifiziert, 33,3% mit Code 4 (PD ? 6 mm).

Schlussfolgerungen

„Diese Studie zeigte ein häufiges Auftreten moderater Parodontitis und periimplantärer Mukositis, während Symptome einer schweren Parodontitis, Furkationbeteiligung, Zahnbeweglichkeit oder Periimplantitis weniger häufig waren. Obwohl moderater Attachmentverlust allgegenwärtig war, kamen Fälle von hohem Attachmentverlust selten vor, was zeigt, dass Zähne bis in ein sehr hohes Alter erhalten werden können. Gegenwärtig wurde eine gute Mundgesundheit nur bei 14,3% der Hundertjährigen festgestellt, sodass ein erhebliches Verbesserungspotenzial vorhanden ist. In einer alternden Gesellschaft muss der zunehmende Behandlungsbedarf mittelschwerer parodontaler Erkrankungen durch moderne zahnmedizinische Versorgungssysteme abgedeckt werden.“ (S. 1177)


Quelle:
Sekundo C, Langowski E, Kilian S, Frese C. Periodontal and peri-implant diseases in centenarians. J Clin Periodontol. 2020;47:1170–1179. https://doi.org/10.1111/jcpe.13350 

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Eva Langowski - Dr. Caroline Sekundo


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