Interviews


„Nur bei vollständig entferntem Biofilm sind wir sicher“

18.02.2021

.
.

Prophylaxe nach dem Stand der Technik ist zugleich klinisch wirksam, sanft und substanzschonend. Nicole Einemann und Manuela Cordes, zwei erfahrene Dentalhygienikerinnen, berichten im Interview über ihre Erfahrungen mit einer modernen Version der Prophylaxestunde von Axelsson und Lindhe.

Was gehört für Sie zu einer Prophylaxesitzung?

  • Nicole Einemann

  • Nicole Einemann
    © privat
Nicole Einemann: Zu einer Prophylaxesitzung zählt das komplette Programm, d.h. sorgfältige Anamnese, Risikodiagnostik, Plaque- und Gingivitisindizes und bei Parodontitispatienten je nach Bedarf zusätzliche Befunde. Ganz zentral sind das Anfärben und ein konsequentes Biofilmmanagement. Und natürlich erklären wir, warum wir das alles tun, einschließlich Verbindungen zur Allgemeingesundheit. Wir sind beide zertifizierte Ernährungsberaterinnen und betrachten die Prophylaxe ganzheitlich. Diese ist für uns eine individuell abgestimmte medizinische Maßnahme und hat mit bloßer Kosmetik nichts zu tun.

  • Manuela Cordes

  • Manuela Cordes
    © privat
Manuela Cordes: Unsere Patienten wollen verstehen, wo ihr Nutzen liegt, auch weil sie dafür einen angemessenen Preis bezahlen. Dafür bieten wir das Bestmögliche. Vor allem in Bezug auf die Ergebnisse, also einen sauberen und gesunden Mund. Aber wir möchten ebenso, dass sich unsere Patienten wohlfühlen, und die Prophylaxe sollte nach Möglichkeit ein positives Erlebnis sein. Unsere Patienten spüren das und empfehlen uns gern weiter. Das gilt übrigens auch, wenn eine Sitzung bei starker Entzündung einmal nicht so angenehm war.

Das ist doch nicht selbstverständlich …?

Nicole Einemann: Nein, viele Menschen haben Respekt oder sogar Angst vor der Professionellen Zahnreinigung. Handinstrumente, Schallscaler, rotierende Bürsten und Polierpaste werden oft als unangenehm empfunden. Um eine individuell zugeschnittene Prophylaxe anbieten zu können, haben unserer Ansicht nach auch verschiedene Methoden ihre Berechtigung.

  • Ergonomie und Hygiene werden großgeschrieben: Mit modernen Airflow-Geräten und optimaler Absaugung sind Patient und Behandler geschützt.

  • Ergonomie und Hygiene werden großgeschrieben: Mit modernen Airflow-Geräten und optimaler Absaugung sind Patient und Behandler geschützt.
    © Dr. Arendt Dental
So benötigen wir bei manchen Patienten, z.B. mit schwerwiegenden Atemwegserkrankungen, auch Handinstrumente. Das Gleiche gilt bei tiefen entzündeten Taschen beim parodontalen Debridement. Seit etwa 2001 arbeiten wir wenn immer möglich mit AIRFLOW®-Geräten. Nicht zufällig kommen zu uns viele Angstpatienten. Airflowing wird meist als sanfte Methode empfunden und viele Patienten sind wirklich begeistert. Auch wegen des warmen Wassers bei den aktuellen Desktopgeräten. Das ist besonders bei freiliegenden Zahnhälsen wichtig. Wir arbeiten mit Entspannungstechniken und verwöhnen unsere Patienten zum Beispiel mit Kakaobutter für die Lippen.

Die meisten dieser Maßnahmen gehen auch in Kombination mit der Methode nach Axelsson und Lindhe. Was machen Sie klinisch anders?

  • Die Guided Biofilm Therapy (GBT) ist ein systematisches, evidenzbasiertes Protokoll für die oralmedizinische Prävention, Prophylaxe und Therapie. Sie ist modular aufgebaut und lässt sich indikationsbezogen für alle Patienten anwenden.

  • Die Guided Biofilm Therapy (GBT) ist ein systematisches, evidenzbasiertes Protokoll für die oralmedizinische Prävention, Prophylaxe und Therapie. Sie ist modular aufgebaut und lässt sich indikationsbezogen für alle Patienten anwenden.
    © EMS
Manuela Cordes: Die klassische Prophylaxestunde ist noch immer die Basis. Sie wurde aber mit der Guided Biofilm Therapy (GBT) an die heutige Zeit angepasst und ist klinisch sowie technisch auf dem neuesten Stand. Ganz wichtig für alle weiteren GBT-Schritte ist das Anfärben (Schritt 2). GBT bedeutet „geführt“. Das heißt, wir werden bei der Zahn- und Mundreinigung mit AIRFLOW® (Schritt 4) durch den angefärbten Biofilm zuverlässig angeleitet. Nur wenn dieser vollständig entfernt ist, können wir sicher sein.Ich bin auch nach 30 Jahren Berufserfahrung manchmal erstaunt, wie zäh der Biofilm sein kann. Bei Bedarf halte ich ein paar Sekunden länger auf die Zahn- oder Restaurationsoberfläche. Im Gegensatz zu rotierenden Polierern reinigt die Methode bis 4 mm subgingival und auch interdental.

Nicole Einemann: Ohne Anfärben bleibt gerade an den schwierigen Stellen Biofilm zurück. Eine Praxisstudie hat gezeigt, dass so 3 Mal mehr Restbeläge verbleiben [1]. Dies ist nicht die bestmögliche Behandlung. Und wie wir alle wissen, kann es dadurch zu fortschreitender Entzündung und Krankheit kommen – vor allem bei parodontal oder allgemeingesundheitlich belasteten Patienten. In fast allen Fällen lässt sich der Biofilm vollständig mit AIRFLOW® PLUS Pulver entfernen. Das ist effektiv und zugleich minimalinvasiv für Zahnsubstanzen und Weichgewebe [2,3]. Nur bei sehr hartnäckigen Verfärbungen und eigentlich nur bei starken Rauchern verwenden wir Natriumhydrogenkarbonat (AIRFLOW® CLASSIC COMFORT), aber nur ganz gezielt und auf gesundem und intaktem Schmelz.

Seit wann arbeiten Sie mit der Guided Biofilm Therapy?

  • Die Dentalhygienikerinnen Manuela Cordes (vorn) und Nicole Einemann arbeiten seit vielen Jahren zusammen, seit Anfang 2021 im Prophylaxeteam bei Dr. Arendt Dental in Bremerhaven. Beide sind auch in der Fortbildung und beim Berufsverband Deutscher Dentalhygienikerinnen (BDDH) aktiv.

  • Die Dentalhygienikerinnen Manuela Cordes (vorn) und Nicole Einemann arbeiten seit vielen Jahren zusammen, seit Anfang 2021 im Prophylaxeteam bei Dr. Arendt Dental in Bremerhaven. Beide sind auch in der Fortbildung und beim Berufsverband Deutscher Dentalhygienikerinnen (BDDH) aktiv.
    © Dr. Arendt Dental
Manuela Cordes: Seit 2018 behandeln wir nach dem GBT-Protokoll und sind davon wirklich überzeugt. Mit regelmäßigen Praxistrainings, durchgeführt von der Swiss Dental Academy (SDA), bleiben wir immer auf dem neuesten Stand. Und unsere Patienten freuen sich sehr darüber, dass es nicht mehr „piekst“ und die Behandlung oft nahezu schmerzfrei ist. Das gilt auch ganz weitgehend für das piezokeramische Ultraschallsystem PIEZON® mit PS Instrument. Das verwenden wir nach dem Airflowing bei härterem Zahnstein, aber nur so wenig wie möglich.
Wenn die Patienten regelmäßig 2- bis 4-mal pro Jahr kommen, ist meist nur Airflowing notwendig und die Prophylaxesitzung hat schon fast einen Wellnesscharakter. Airflowing und GBT entlasten uns auch als Behandlerinnen. Zum Beispiel können unsere Patienten ergonomisch optimal gelagert werden und die reduzierte Anwendung von Handinstrumenten schont die Handgelenke.

Kommen in der momentanen Corona-Zeit noch genügend Patienten und was tun Sie für deren und ihre eigene Sicherheit?

Nicole Einemann: Wir behandeln grundsätzlich jeden Patienten als potenziell infektiös – also mit Maske, Visier und Haarhaube; außerdem natürlich mit großer Absaugkanüle und starker Saugleistung. Bei uns werden die Geräte selbstverständlich nach jedem Patienten sterilisiert. Flächen werden im Handumdrehen desinfiziert, nichts steht in der Umgebung des Behandlungsstuhls herum. Das alles haben wir übrigens auch schon vor Corona so gemacht.

Manuela Cordes: Wir haben den Eindruck, dass mit den aktuellen Geräten, speziell dem AIRFLOW® Prophylaxis Master, noch weniger Aerosole freigesetzt werden. Außerdem spülen unsere Patienten vor jeder Behandlung mit einer antimikrobiellen Lösung. Zur weiteren Sicherheit wird gründlich gelüftet.

Wie lange dauert die GBT und wie sieht Ihr Patientenspektrum aus?

Nicole Einemann: Wir haben praktisch alle Patientengruppen, einschließlich Implantat- und KFO-Patienten sowie Kinder. In aller Regel dauert eine GBT-Sitzung rund 1 Stunde. Bei jüngeren Kindern oder wenn bei älteren Patienten nur einige Teleskope oder Implantat-Abutments zu reinigen sind, kann die Prophylaxe auch in einer halben Stunde erledigt sein, einschließlich Putztechniktraining. Kinder lieben die GBT ganz besonders.

 

Interessierte, die mehr über GBT erfahren möchten, können hier Ihre persönliche GBT-Live-Demo vereinbaren.

 

Die Korrespondenzadressen:
Manuela Cordes, Dentalhygienikerin
Nicole Einemann, Dentalhygienikerin
Dr. Arendt Dental
Hafenstraße 126
27576 Bremerhaven

Links Dr. Arendt Dental:
https://www.instagram.com/dentalhygiene_10.0/
https://www.arendtdental.de/team/#teprophylaxe
https://www.facebook.com/DR-ARENDT-DENTAL-139801199468153
https://www.instagram.com/dr_arendt_dental/

 

 

Literatur

  1. Bastendorf KD, Strafela-Bastendorf N, Mann P. Pilotstudie: Verbessert das Anfärben der Plaque die Ergebnisse einer PZR? Plaque 'N Care 2016; 2: 91–93.
  2. Buhler J, Amato M, Weiger R, Walter C. A systematic review on the effects of air polishing devices on oral tissues. International Journal of Dental Hygiene 2016; 14: 15–28.
  3. Ramaglia L, Sbordone L, Ciaglia RN, Barone A, Martina R. A clinical comparison of the efficacy and efficiency of two professional prophylaxis procedures in orthodontic patients. Eur J Orthod 1999; 21: 423–428.

 

 

Das Interview führte Dr. Jan H. Koch, freier Fachjournalist und Berater

 

 


Erfahren Sie im kostenlosen Live-Webinar 
„Scannen neu interpretiert – Medit i700“ von Permadental am 20.10.2021 von 14:00–15:00 Uhr alles über den Einstieg in die digitale Zahnmedizin und wie Sie das ganze Potenzial Ihrer Praxis freisetzen.

 

Jetzt kostenlos anmelden