Interviews

Dentalhygienikerin Ulrike Kremer im Interview

Häusliche Mundpflege bei Senioren – Was hilft?

28.10.2016
aktualisiert am: 02.11.2016

Dentalhygienikerin Ulrike Kremer
Dentalhygienikerin Ulrike Kremer

In unserem Interview erklärt die erfahrene Dentalhygienikerin Ulrike Kremer, was älteren Menschen bei der Mundpflege zugute kommt. Ein Patentrezept gibt es nicht, aber vielfältige Hilfsmittel gehen auf die spezifischen Bedürfnisse von Senioren ein und erleichtern ihnen die Mundpflege zuhause. Außerdem gilt es, Grundsätzliches zu beachten: Beim Zähneputzen einfach mal auf einen Stuhl setzen, Lesebrille aufziehen und mit dem Vergrößerungsspiegel das Putzen kontrollieren.

Bei Senioren tritt häufiger Wurzelkaries auf, viele leiden unter Parodontitis*. Wie kommt das?

Diese Zunahme ist ein Problem, das wir durch eine wirksame Prophylaxe selbst geschaffen haben: Wurzelkaries tritt häufiger auf, da Zähne zunehmend länger erhalten bleiben. Wenn die Bewegungsfähigkeit dann abnimmt, können Senioren ihre Zähne nicht mehr so gut reinigen – und es entstehen Beläge. Das bereits freiliegende Dentin geht schnell in Lösung und es kommt zu Wurzelkaries. Oder zu einer Gingivitis, die zur Parodontitis wird, wenn die Beläge am Zahnfleischsaum weiterhin nicht entfernt werden.

Beläge sind also das größte Übel für die Mundgesundheit, auch im Alter. Wie kann es Patienten – trotz altersbedingter Funktionseinschränkungen der Feinmotorik, des Sehens und einer verringerten Tastempfindlichkeit – gelingen, ausreichend gründlich die Zähne zu putzen, um Plaque zu verhindern?

Es fängt bei Grundsätzlichem an. Fragen Sie einmal nach: „Setzen Sie sich hin zum Zähneputzen?“ Viele ältere Patienten tun das nicht, obwohl sie nicht mehr über längere Zeit ruhig stehen können, unsicher werden und deshalb das Zähneputzen zu früh beenden müssen. Dann bleiben natürlich zu viele Beläge übrig. Ich sage älteren Patienten: „Stellen Sie sich einen Vergrößerungsspiegel ins Bad und ziehen Sie Ihre Lesebrille auf“. Ganz wichtig für Parkinsonpatienten: Im Sitzen können sie den Arm auf dem Waschbeckenrand entlang bewegen. Das gibt Sicherheit beim Führen der Zahnbürste.

Welche Hilfsmittel sind sinnvoll?

Batteriebetriebene vibrierende Handzahnbürsten, wie Oral-B Pulsar oder Dr. Best Vibration können hilfreich sein. Die Vibration soll Beläge lockern, sodass der Patient diese mit der Rotationstechnik wegputzen kann. Man kann Zahnbürsten auch individualisieren, indem man sie mit einer Griffverstärkung oder einem Silikon- oder Schaumstoffgriff versieht.

Eine elektrische Zahnbürste nimmt dem Patienten die meiste Arbeit ab: Sind elektrische Zahnbürsten daher empfehlenswert für Menschen mit altersbedingten Bewegungseinschränkungen? Wenn ja, welche?

Wenn der Patient es sich leisten kann, ist eine rotierend-oszillierende elektrische Zahnbürste die beste Wahl für die häusliche Zahnpflege. Sie ist am einfachsten anzusetzen, nämlich im 90-Grad-Winkel. Schwieriger zu handhaben sind Schallzahnbürsten, denn diese müssen im 45-Grad-Winkel angehalten werden, um gründlich zu reinigen. Wer die Schallzahnbürste nicht gewohnt ist, toleriert sie im Alter meist ohnehin nicht, da die Schwingungen als unangenehm empfunden werden.

Empfehlen Sie bestimmte Zahnpasten?

Die Zahncreme muss dem Patienten zunächst einmal schmecken, ansonsten wird er sie nicht benutzen. Natürlich wäre es in dieser Altersklasse wünschenswert, wenn die Zahncreme antibakterielle Bestandteile enthält, wie Zinnfluorid oder Triclosan. Besonders niedrig abrasive Sensitivzahnpasten würde ich nicht empfehlen, da Patienten mit eingeschränkter Feinmotorik eine gewisse Abrasivität brauchen, um Plaque ausreichend zu entfernen.

Und wie erklären Sie das Ihren Patienten?

Meinen Patienten erkläre ich das so: Beläge entfernen ist wie Blätterteig vom Backblech runterschrubben oder Lindenblütensaft auf dem Auto. Da hilft auch kein Mikroschaber oder Mikrofasertuch. Wenn zu viel Plaque überbleibt, erreicht das Fluorid die Zahnsubstanz nicht und kann auch nicht aktiv werden. Soll ein Wirkstoff bioverfügbar werden und die Zähne schützen, muss er die Zahnoberfläche erst einmal erreichen: Der Dreck muss weg.

Sind Spüllösungen eine gute Ergänzung der Reinigung?

Im Rahmen der Pflege von Bettlägerigen kommen niedrig dosierte Chlorhexidin-Lösungen zum Einsatz, um die Mundhöhle auszuwischen. Mundspülungen ohne Wirkstoffe hingegen sind bei vielen Senioren beliebt, bringen aber nichts für die Mundhygiene. Solange diese Lösungen keinen Alkohol enthalten, sind sie zwar eine unnütze Geldausgabe, aber zumindest unbedenklich. Alkoholhaltige Präparate sollten hingegen nicht verwendet werden, da sie die Schleimhaut austrocknen.

Wie sieht es mit der Zahnzwischenraumpflege aus?

Zahnseide ist wenig sinnvoll für Senioren. Besser: Interdentalbürstchen. Mit ihnen kommen Senioren in der Regel ganz gut zurecht. Und man kann eine individuell passende Länge aussuchen.

Empfehlen Sie Mundduschen?

Mundduschen sind weniger gründlich als Bürstchen. Sie sind aber besser als gar keine Zahnzwischenraumpflege. Sie können benutzt werden, solange keine akuten Entzündungen in der Mundhöhle vorliegen. Ansonsten besteht die Gefahr einer Bakteriämie.

Die Schleimhaut älterer Menschen ist weniger feucht und elastisch als in der Jugend. Wie kann man da helfen?

Bei trockener Mundschleimhaut muss man nach der Ursache fragen. Die Trockenheit kann durch Medikamente verursacht sein, die die Speichelproduktion hemmen, oder auch einfach aus einer unzureichenden Flüssigkeitsaufnahme resultieren. Gerade Inkontinenz hemmt Patienten oftmals, ausreichend zu trinken.
Speichelersatzmaterialen können bei Mundtrockenheit sinnvoll sein. Ob sie eingesetzt werden können, ist allerdings eine Kostenfrage, denn der Patient muss sie selbst bezahlen. Die Speichelproduktion kann auch durch kauintensive Nahrung angeregt werden und durch zuckerfreie Drops – die sind bei Älteren beliebter als Kaugummis, die diesen Zweck auch erfüllen würden.

Mundgeruch kann das soziale Miteinander stark belasten. Wie kann man ihn bekämpfen?

Die Hauptursache sind auch hier Beläge, die nicht weggeputzt wurden; weitere Gründe können Gingivitis, Parodontitis oder offene Kavitäten sein. Als Quelle von Mundgeruch im Alter kommt auch die Zunge infrage: In einer „Landkartenzunge“ oder in einem sehr ausgeprägten Zungenrelief kann sich Plaque festsetzen. In diesen Fällen empfiehlt sich eine Zungenreinigung. Bei Mundgeruch sollte man stets die Ursache abklären. Diese kann unter Umständen auch in einer HNO- oder in einer Magen-Darm-Erkrankung liegen.

Wenn auch weniger häufig als früher – herausnehmbare Prothetik ist noch immer ein Thema bei Älteren. Und die „Dritten“ sollten nicht zum hygienischen Problem werden. Wie sollte eine Prothese gereinigt werden?

  • Prothesen müssen regelmäßig gereinigt werden.

  • Prothesen müssen regelmäßig gereinigt werden.
    © proDente e. V./Johann Peter Ki
Grundsätzlich muss jede Prothese mit Zahnbürste oder Prothesenbürste und Zahnpasta oder Reinigungsschaum gebürstet werden. Zusätzlich wendet man ein- bis zweimal wöchentlich ca. 10 Minuten eine Reinigungstablette an. Nur das Sprudeln reicht allerdings nicht aus – vorheriges Bürsten ist unverzichtbar.
Gerade für Menschen in der Pflege sind Prothesenreinigungsbäder für den häuslichen Bereich, auch Ultraschallbäder, geeignet. Diese sind erschwinglich: Sie kosten in der Regel zwischen 35 und 65 Euro. Man setzt einmal wöchentlich die Lösung an und legt die zuvor gebürstete Prothese hinein. Die Vorteile: eine desinfizierende Wirkung und ein angenehmer Geschmack beim Tragen.

Ist es schwierig, Senioren zu einer guten Mundhygiene zu motivieren?

Die Bereitschaft zur Mundhygiene ist bei den Senioren sehr unterschiedlich ausgeprägt. Die, die das Recall kennen, bleiben uns treu erhalten und wollen oftmals von sich aus die Recall-Intervalle verkürzen, weil sie merken, dass sie nicht mehr so gründlich putzen können. Jene hingegen, die nicht an eine regelmäßige PZR gewöhnt sind, lehnen diese eher ab und weisen sogar fatalistisch darauf hin, dass sich das bei ihnen ja nicht mehr lohne ... Zudem benötigen Senioren ab einem gewissen Punkt einfach Unterstützung bei der Zahnpflege. Eine Vertrauensperson oder eine Pflegekraft muss je nach Einschränkung mehr oder weniger stark helfen bzw. in manchen Fällen letztendlich ganz übernehmen (Tab. 1 u. 2, siehe unten).

Dann müssen die Pflegekräfte bzw. die Angehörigen pflegebedürftige Patienten zum Recall zu Ihnen bringen?

Ja, und das passiert nicht immer. Kopfschmerzen bereiten uns die Menschen, die zuhause gepflegt werden. Die kippen aus der Versorgung heraus, wenn die Angehörigen sie nicht mehr zu uns in die Praxis bringen.
Dies gilt ebenfalls für Pflegeeinrichtungen. Wenn alte Menschen zahnmedizinisch nicht mehr versorgt werden, führt das zu allgemeingesundheitlichen Problemen. Eine keimbelastete Mundhöhle kann zu einer schlechten Einstellung des Diabetes führen, Medikamente müssen höher dosiert werden bei Herz-Kreislauf-Krankheiten und es besteht die Gefahr einer Lungenentzündung, die im fortgeschrittenen Alter tödlich enden kann.

Welche PZR-Intervalle sind für Senioren sinnvoll?

Das kann man nicht allein am Alter festmachen. Es kommt auf die Allgemeinverfassung des Patienten an. Tendenziell muss man damit rechnen, dass sich die Intervalle von 4 Monaten auf 3 und zuletzt auf 2 Monate verkürzen. Manche Senioren können das leider kaum bezahlen. Bei denen, die eine regelmäßige PZR schätzen und sie sich auch leisten können, ist es kein Problem.

Frau Kremer, wir danken Ihnen für das Gespräch.

* DMS V zur Wurzelkariesprävalenz bei den jüngeren Senioren: bezogen auf die bezahnten   Studienteilnehmer: 32%; Parodontitisprävalenz: 44,8% moderat 19,8 % parodontal schwer erkrankt.       (Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie. Hrsg. A. Rainer Jordan und Wolfgang Micheelis/IDZ. Materialienreihe Band 35. Deutscher Zahnärzte Verlag, Köln 2016.)

 

 

Belastbarkeitsstufe (BS)

Therapie-

fähigkeit

Mundhygiene-

fähigkeit

Eigenver-

antwortlichkeit

1

normal

normal

normal

2

leicht reduziert

leicht reduziert

normal

3

stark reduziert

stark reduziert

reduziert

4

keine

keine

keine

 

Tab. 1: Die zahnmedizinische funktionelle Kapazität von Senioren nach Nitschke und Hopfenmüller (Nitschke I, Hopfenmüller W. Die zahnmedizinische Versorgung älterer Menschen. Die Berliner Altersstudie, Akademie Verlag Berlin 1996).

Erklärungen:
BS 1: Selbstständige häusliche Mundhygiene und regelmäßiges Recall.
BS 2: Weitgehend selbstständiges Putzen; engeres Recall mit spezieller Anleitung nötig.
BS 3: Sollen selbst putzen, jedoch Nachputzen ist erforderlich.
BS 4: Das Pflegepersonal muss die tägliche Mund- und Prothesenreinigung übernehmen

 


Einteilung der Mundhygienefähigkeit häuslich:

Gruppe I Patienten ohne eingeschränkte Mundhygienefähigkeit

  •  Zahn- und Prothesenhygiene können selbstständig durchgeführt werden
  •  Motivation und professionelle Anleitungen werden umgesetzt


Gruppe II Patienten mit leicht eingeschränkter Mundhygienefähigkeit

  •  Benötigen zur Mundhygiene spezielle Hilfsmittel, wie Griffverstärkungen,

     Lupen und Kosmetikspiegel

  •  Kontrolle der Mundhygiene und Prothesenreinigung

     durch geschultes Pflegepersonal und Kontaktpersonen

Gruppe III Patienten mit stark eingeschränkter Mundhygiene

  •  Brauchen ständige Hilfe von Pflegepersonal für die Zahn-, Mund- und

     Prothesenpflege sowie Körperhygiene durch Pflegepersonal und Kontaktpersonen

Gruppe IV nicht mehr mundhygienefähige Patienten

  •  Pflegepersonal muss Mund- und Prothesenpflege durchführen
  •  Eine enge Kooperation zwischen Zahnarzt und Pflegenden ist notwendig, besonders

      wenn noch Zähne vorhanden sind


Tab. 2: Einteilung für Senioren nach der Fähigkeit zur häuslichen Mundhygiene (aus: GABA Gesund im Alter auch im Mund Lernprogramm 2003).

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dentalhygienikerin Ulrike Kremer

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dentalhygienikerin Ulrike Kremer


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