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Gießener Arbeitsgruppe untersucht die Effektivität von Zahnputztechniken – ein Interview mit Prof. Dr. Renate Deinzer

25.02.2016
aktualisiert am: 01.03.2016

Prof. Dr. rer. nat. Renate Deinzer - Leiterin des Instituts für Medizinische Psychologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen
Prof. Dr. rer. nat. Renate Deinzer - Leiterin des Instituts für Medizinische Psychologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen

In der Zahnmedizin werden viele Zahnputztechniken beschrieben. Vielfach wird die modifizierte Bass-Technik empfohlen, gerade bei Gingivitis und Parodontitis. Welche Technik die effektivste ist, weiß man bislang aber nicht sicher. Eine Arbeitsgruppe an der Justus-Liebig-Universität Gießen geht nun dieser Frage nach. Das multidisziplinäre Team unter Leitung von Prof. Dr. Renate Deinzer (Institut für Medizinische Psychologie) war von den ersten Ergebnissen seiner Studien überrascht: Die Hypothese, dass die modifizierte Bass-Technik die Gingivaränder besonders effektiv reinigt, konnte nicht bestätigt werden. Im Interview erklärt Prof. Deinzer, weshalb noch nicht feststeht, welche Technik tatsächlich die beste ist, und wie der Zahnarzt vorgehen kann, um gute Zahnputzfertigkeiten zu vermitteln.

Wie ist es um die Zahnputzfertigkeiten der deutschen Bevölkerung bestellt?

Ich wüsste jetzt keine Studie, der repräsentativ die deutsche Bevölkerung zugrunde liegt. Wir haben im Rahmen unserer Studien allerdings schon mehrere Kohorten von jungen Deutschen untersucht, und zwar von Studierenden der Gießener Universität und von zufällig ausgewählten 18-Jährigen aus der Stadt Gießen. Als wir diese aufforderten, ihre Zähne im Labor so gründlich wie möglich zu putzen, konnten wir unmittelbar danach an 80 % der Gingivarandflächen noch immer Zahnbeläge sehen. Das spricht nicht für besonders gute Fertigkeiten, wenn man Fertigkeiten definiert als die Fähigkeit, Plaque zu entfernen.

Welche Putztechnik ist nach Ihren Untersuchungen die effektivste?

Nach unseren Erfahrungen bei jungen Erwachsenen hat dort die Fones-Technik wohl am ehesten einen Vorteil. Mit unseren Studien untersuchen wir junge Erwachsene, die eigentlich schon wissen, wie man Zähne putzt, und bringen ihnen gezielt noch einmal eine Technik bei. Das machen wir hochstandardisiert, computergestützt – damit aber auch ein bisschen wirklichkeitsfern, weil nur ein einziges Mal. Eine Sitzung dauert eine Dreiviertelstunde, das ist also sehr intensiv. Die Teilnehmer scheinen diese Putztechnik auch tatsächlich zu lernen, wie wir anhand von Videobeobachtungen, die wir zum Abschluss einer unserer Studien gemacht haben, feststellen konnten. Dabei sind diejenigen, die gelernt haben, mit der Fones-Technik zu putzen, also mit kreisenden Bewegungen, erfolgreicher gewesen und hatten nach dem Putzen weniger Beläge als die Gruppe, die die modifizierte Bass-Technik angewendet hat.

Woran könnte das liegen?


Bei der Interpretation dieser Daten sollte man sehr zurückhaltend sein, denn junge Menschen lernen heute ganz offensichtlich vornehmlich mit kreisenden Bewegungen zu putzen, wenn sie in der Gruppenprophylaxe entsprechend angeleitet werden. In Verbindung mit KAI wird das Zähneputzen so beigebracht. Somit könnte es sein, dass wir sie einfach bei einer ihnen bekannten Technik abgeholt haben und es ihnen leichter gefallen ist, diese zu adaptieren.

Welche Putztechnik empfehlen Sie heute?

Ich glaube, es ist verfrüht, derzeit eine bestimmte Technik zu empfehlen, denn wir haben bisher zu wenig Evidenz auf diesem Feld: Es gibt fast keine randomisierten kontrollierten Studien auf hohem methodischem Niveau. Auch müssten einerseits noch mehr Techniken getestet werden. Andererseits trainieren wir bisher die Teilnehmer nur einmal und wiederholen dies nicht, wie das idealerweise der Fall sein sollte. Auch müssen wir möglicherweise unterscheiden, ob es um Kinder, Jugendliche oder Erwachsene geht. Diese Aspekte sollten noch untersucht werden. Da würde ich noch nicht so weit gehen zu sagen, die eine Technik ist die allerbeste.
Und bevor wir über Techniken reden, sollten wir uns Gedanken über Systematik machen. Das Interessante bei der Beobachtung der jungen Erwachsenen in unseren Studien ist, dass ein erheblicher Teil weitgehend ohne erkennbare Systematik putzt und nur die wenigsten von ihnen beim Putzen alle Sextanten von außen und innen erreichen. Das ist ein Zeichen für fehlende Systematik. Das heißt, bevor wir überhaupt über Technik reden, müssen wir den Menschen beibringen, dass sie mit der Zahnbürste überall im Mund hinkommen müssen, nicht nur an bestimmte Flächen. Schon da scheinen wir ein massives Defizit zu haben.

Sie würden also sagen, Systematik ist erst einmal wichtiger als eine bestimmte Technik?

Auch die beste Technik bringt mir zumindest dort gar nichts, wo ich nicht hinkomme.

Wie sieht es mit der Erlernbarkeit der Techniken aus: Ist die Fones-Technik leichter erlernbar als die modifizierte Bass-Technik?

Das behaupten zumindest unsere 18-jährigen Studienteilnehmer. Diese sagen, dass sie mit der modifizierten Bass-Technik Schwierigkeiten haben: Sie sei kompliziert. Wir stellen auch fest, dass die Leute in der Bass-Gruppe tendenziell ein bisschen länger brauchen, die computerbasierten Instruktionen zu durchlaufen. Obwohl diese Trainingseinheiten für beide Gruppen völlig parallelisiert sind, also die gleiche Anzahl von Bildern, Videos und Instruktionen enthalten.
Wenn wir 28 Wochen nach dem Training schauen, in welchem Ausmaß die Teilnehmer die jeweilige Technik anwenden, stellen wir fest, dass beide Gruppen ihre Technik verinnerlicht haben: Diejenigen, die die Bass-Technik gelernt haben, putzen 70 % der Putzzeit mit Bass-Technik, diejenigen, die die Fones-Technik gelernt haben, 70 % der Zeit mit der Fones-Technik. Auffällig bei den 18-Jährigen ist, dass kein einziger, der das Fones-Training hatte oder in der Kontrollgruppe war, jemals Verhaltensweisen der Bass-Technik zeigt. Aber umgekehrt sehr wohl: Teilnehmer, die die Bass-Technik gelernt haben, zeigen durchaus Verhaltensweisen der Fones-Technik.

Wie lässt sich eine systematische Technik, Bass- oder Fones- Technik, didaktisch am wirksamsten vermitteln?

Wir haben zwar Ideen, wie man es machen sollte, aber konkrete Forschungsergebnisse gibt es hierzu noch nicht. Aus den Bewegungswissenschaften wissen wir, dass das wiederholte Eintrainieren von Bewegungen und Abläufen sinnvoll ist. Die Bewegungsabläufe müssen so beherrscht werden, dass sie ganz automatisch richtig ablaufen – wie beim Schreiben oder Spielen eines Musikinstruments. Aus bewegungswissenschaftlicher Sicht ist da insbesondere eines nötig: Üben, üben, üben, und zwar in kleinen Schritten mit vielen Wiederholungen.

Und wie bringt der Zahnarzt seinem Patienten am besten systematisches Zähneputzen bei?

Da uns hier wissenschaftliche Evidenz fehlt, kann ich an dieser Stelle nur meine Meinung als Verhaltenswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Mundhygieneverhalten wiedergeben. Tatsächlich würde ich empfehlen, erst einmal den Patienten zu beobachten: Wie putzt er? Schauen, was hat er denn schon adaptiert, wo hole ich ihn ab? Dabei würde ich ihn so gründlich putzen lassen, wie er kann, und danach seine Zähne anfärben und mit ihm gemeinsam feststellen, wo noch Plaque vorhanden ist. So bin ich einfach überzeugender, wenn ich erläutere, dass sich etwas ändern muss. Und dann würde ich mit ihm überlegen, wie er jetzt die Schwachstellen, die wir entdeckt haben, beseitigen kann. Das würde ich anschließend mit ihm trainieren. Die Wahl der Technik würde ich momentan auch von den Präferenzen des Patienten abhängig machen. Also schauen, welche Technik er sowieso schon anwendet und mit welcher er gut zurechtkommt. Dabei würde ich aber immer eine feste Systematik vereinbaren, die sich wiederum auch an seinen Vorlieben orientieren kann.

Das ist ja ein relativ zeitintensives Vorgehen. Kann eine Dentalhygienikerin die Unterweisung übernehmen und damit die Zahnärztin bzw. den Zahnarzt entlasten?

Ja, wenn die Dentalhygienikerin das gut kann, ist das prima. Das muss die Zahnärztin bzw. der Zahnarzt aber regelmäßig sicherstellen. Ich erlebe zu oft, dass Leute berichten, die Dentalhygienikerin habe gesagt: „Ach, das manuelle Putzen ist zu schwierig, dann machen wir es eben mit der Elektrischen.“

Wie bewerten Sie die Reinigung mit der elektrischen Zahnbürste?

Es gibt ja Metaanalysen, die einen kleinen Vorteil der oszillierend- rotierenden Bürsten gegenüber den Handzahnbürsten zeigen. Da müssen Sie jetzt allerdings wieder ganz vorsichtig sein und sich genau anschauen, mit welchen manuellen Techniken das elektrische Putzen verglichen wurde und wie gut die Studienteilnehmer manuell geschult worden sind. Und wenn ich lese, dass häufig mit der modifizierten Bass-Technik verglichen wird, die bei uns ja nicht so gut abgeschnitten hat, dann müsste man noch mal überlegen, ob das der richtige Vergleich ist. Da ist noch nicht das letzte Wort gesprochen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Dagmar Kromer-Busch


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