Gesellschaften/Verbände

Nachbericht

Parodontale Gesundheit für ein besseres Leben

Die Referenten (von lks. nach re.): Prof. Dr. Peter Eickholz, Dr. David Cavan, Prof. Iain Chapple, Prof. Dr. Dr. Søren Jepsen und Prof. Dr. Juan Blanco. Prof. Blanco wird Prof. Jepsen als Präsident der EFP nachfolgen.
Die Referenten (von lks. nach re.): Prof. Dr. Peter Eickholz, Dr. David Cavan, Prof. Iain Chapple, Prof. Dr. Dr. Søren Jepsen und Prof. Dr. Juan Blanco. Prof. Blanco wird Prof. Jepsen als Präsident der EFP nachfolgen.

Die European Federation of Periodontology, kurz „EFP“, feiert ihr 25-jähriges Jubiläum unter dem Motto „Parodontale Gesundheit für ein besseres Leben“. Sie ruft zum weltweiten Handeln für eine Verbesserung von Mundgesundheit, allgemeiner Gesundheit und des Gesundheitswesens auf. Dazu setzt die EFP verstärkt auf eine Breitenwirkung durch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit; ein Puzzleteil dazu ist die Pressekonferenz vom 12. April in Frankfurt am Main, über die wir im Folgenden berichten.

Meist werden Jubiläen genutzt, um innezuhalten und mit Wohlgefallen auf das Erreichte zurückzuschauen. Gewissermaßen ein gegenseitiges Schulterklopfen unter den Verantwortlichen. In diesem Fall ist es einmal anders. Der Europäische Dachverband der nationalen wissenschaftlichen Fachgesellschaften für Parodontologie (European Federation of Periodontology) feiert in diesem Jahr 25-jähriges Jubiläum. Die Referenten der Pressekonferenz im Frankfurter Flughafengebäude halten jedoch keine Laudatio, sondern betonen in erster Linie den Handlungsbedarf angesichts einer fast dramatischen Situation.

Die Prävalenz von Parodontitis ist sehr hoch.

  • Parodontitis schlägt sich auch als Kostenfaktor nieder erklärt Prof. Dr. Dr. Søren Jepsen .

  • Parodontitis schlägt sich auch als Kostenfaktor nieder erklärt Prof. Dr. Dr. Søren Jepsen .
Der bis Ende April amtierende EFP-Präsident Prof. Dr. Dr. Søren Jepsen sprach von schwerer Parodontitis als sechsthäufigster Krankheit weltweit. Ungefähr 11 % der Weltbevölkerung sind betroffen. In Europa geht man von 100 Millionen Fällen aus. Die Werte für Deutschland werden von der EFP mit 20 bis 30 Millionen beziffert, davon 8 Millionen schwere Fälle. In der Öffentlichkeit sind diese Zahlen noch nicht angekommen.

Um hier anzusetzen und überhaupt ein Problembewusstsein zu schaffen, möchte die Führung des EFP alle Akteure einbeziehen, von den „Health Professionals“, also in erster Linie den Zahnärzten und dem Fachpersonal für Prophylaxe, der Wissenschaft, Institutionen und Politik, Dentalindustrie und Sponsoren bis hin zu den Patienten, der Öffentlichkeit und den Medien. Für eine verstärkte Presse- und Öffentlichkeitsarbeit wurde u. a. ein neues Internetportal gelauncht sowie ein weltweiter Tag der Parodontologie – am 12. Mai – ausgerufen.
Grundlagen für eine bessere Informiertheit der Öffentlichkeit und der Zahnärzteschaft hat der Dachverband in wissenschaftlicher Hinsicht in der Vergangenheit bereits geschaffen: Mit dem internationalen Parodontologie-Kongress, der EuroPerio, und der europäischen Konferenz, dem European Workshop of Periodontology, unterstützt er evidenzbasiertes wissenschaftliches Arbeiten in der Parodontologie, um gesicherte Erkenntnisse für die Parodontitisprävention und -therapie zu filtern und zu sammeln.

 

Unbehandelte Parodontitis: gefährlicher und teurer Risikofaktor für die Gesundheit

Eine Unbehandelte Parodontitis stellt ein ernstzunehmendes Problem für die (Allgemein-)Gesundheit dar und schränkt die Lebensqualität von Betroffenen ein. Wenn Parodontitis gemeinschaftlich mit „Volkskrankheiten“ wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auftritt, ist von einem wechselseitigen ungünstigen Einfluss auszugehen, der sich auch als Kostenfaktor für die Solidargemeinschaft niederschlägt, wie Prof. Jepsen anhand einer auf Versicherungsdaten basierenden Studie aufzeigte [1]. Allein bei Diabetes-Patienten könnten nach diesen Berechnungen 40 % der jährlichen Aufwendungen eingespart werden, wenn bei ihnen eine ebenfalls bestehende Parodontitis erfolgreich therapiert würde. Mit dem Kostenargument tritt die EFP an politische Institutionen heran, um auf diesem Wege eine verstärkte Behandlung der Parodontitis zu erreichen.

 

Deutschland: ca. 7 Millionen schwere Parodontitis-Fälle nicht behandelt

Versicherungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland zeigen, dass Parodontitis hierzulande nicht ausreichend therapiert wird.

  • Prof. Dr. Peter Eickholz bemängelt, dass ca. 7 Millionen Fälle schwerer Parodontitis jährlich in Deutschland unversorgt bleiben.

  • Prof. Dr. Peter Eickholz bemängelt, dass ca. 7 Millionen Fälle schwerer Parodontitis jährlich in Deutschland unversorgt bleiben.
„Es besteht eine deutliche Unterversorgung der deutschen Bevölkerung hinsichtlich der Parodontalgesundheit“, stellte Prof. Dr. Peter Eickholz, Vorsitzender der deutschen Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO) fest. Diese stehe im Gegensatz zu der besorgniserregenden Prävalenz von rund 8 Millionen Fällen schwerer Parodontitis. „Im Jahr 2013 wurden beispielsweise nur 973.000 Parodontitis-Fälle im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung behandelt und das, obwohl fast 90 % der Deutschen gesetzlich krankenversichert sind.“ Nach diesen Schätzungen blieben ungefähr 7 Millionen Fälle schwerer Parodontitis jährlich in Deutschland unversorgt. Die Gründe dafür sieht Prof. Eickholz in der schlechten Bezahlung dieser Leistungen, mangelnder Ausbildung und dem wenig ausgeprägten Bewusstsein der Öffentlichkeit für diese Erkrankung.

 

Parodontitis und Allgemeingesundheit

Das Gefahrenpotenzial von Parodontitis liegt gerade in den Wechselwirkungen zu anderen chronischen Erkrankungen. Immer mehr parodontologische Studien bestätigen einen Zusammenhang zwischen Parodontitis und systemischen Krankheiten, wie Typ-2-Diabetes oder kardiovaskulären Erkrankungen. Prof. Iain Chapple, Vorsitzender des wissenschaftlichen Ausschusses der EFP, betonte die Bedeutung von Parodontitis über die Zahngesundheit hinaus: „Bei manchen Patienten kann die Erkrankung ein Auslöser oder ein Symptom für eine andere chronische, nichtübertragbare Erkrankung sein“.

Dr. David Cavan gestand ein, das erste Mal vor einem zahnmedizinisch versierten Publikum zu sprechen. Das überraschte, denn Dr. Cavan ist der Direktor für Politik und Programme bei der Internationalen Diabetesvereinigung (International Diabetes Federation, IDF). Das letzte Mal wird es jedoch voraussichtlich nicht gewesen sein, da sich beide Organisationen, IDF und EFP, künftig gemeinsam für eine bessere Mundgesundheit einsetzen wollen. Diabetes und Parodontitis zeigen Wechselwirkungen und Parallelen als „Volkskrankheiten“. Eine parodontale Entzündung könne „zu sehr ungünstigen Krankheitsverläufen bei Menschen mit Typ-2-Diabetes beitragen und sogar deren Progression beschleunigen“, so Dr. Cavan. Des Weiteren habe Diabetes – wie Parodontitis – eine immens hohe und steigende Verbreitung weltweit. 2015 waren laut Diabetesatlas der IDF 415 Millionen Menschen betroffen. Auch bei Diabetes ist der hohe Prozentsatz der unerkannten Fälle problematisch: 7 bis 8 % der Deutschen wissen nicht, dass sie einen Diabetes haben.

 

Jede Zahnarztpraxis ist gefordert

Bündelt man die Forderungen und die damit verbundenen Aufgaben, die in den Referaten der Pressekonferenz zusammenkamen, kann man einen ganzen Katalog niederschreiben. Zu den zentralen Forderungen gehören, anknüpfend an die Diabetesproblematik, ein Diabetes-Screening auch in Zahnarztpraxen sowie die verstärkte Untersuchung und Behandlung von Diabetespatienten auf Parodontitis hin. Zahnarzt und Team sollten darüber hinaus Verhaltensänderungen wie gesündere Ernährung und mehr Bewegung bei ihren Patienten anmahnen. Sehr wichtig wäre zudem ein früheres Erkennen von Parodontitis, was durch den emotionalen Vortrag des Patienten Helmut Kleinschmidt vor Augen geführt wurde. Bei Kleinschmidt, der einen Herzinfarkt erlitten hatte, wurde Parodontitis diagnostiziert – jedoch erst später und zufällig, und das obwohl er die Zahnarztpraxis regelmäßig, sogar zur PZR, aufgesucht hatte und die Erkrankung schon einige Zeit bestand. Für ein frühes Erkennen der Parodontitis ist das regelmäßige Sondieren bei Vorsorgeuntersuchungen entscheidend, wie Prof. Eickholz betonte. Wurde eine Gingivitis oder Parodontitis diagnostiziert, muss sie konsequent behandelt werden.

Weitere Gründe für Fälle wie den des Patienten Kleinschmidt sieht die EFP in dem zu geringen Stellenwert der Parodontologie im Lehrplan der Universitäten, der zu schlechten Bezahlung der Leistungen in diesem Bereich sowie allgemein in der Beratung durch den Zahnarzt. Abhilfe kann hier nur auf politischer Ebene geschaffen werden.

Um ihre Forderungen durchzusetzen, wird die EFP sicherlich einen langen Atem brauchen. Sie setzt auch auf den Druck der Öffentlichkeit, die dafür erst einmal aufgeklärt werden muss. Wenn der Patient demnächst fragt: „Habe ich eine Zahnbetterkrankung?“, ist der Dachverband Parodontitis schon einen ganzen Schritt weiter.


Literatur

[1] Jeffcoat MK et al: Impact of Periodontal Therapie on General Health. Am J Prev Med 47 (2), 166-174 (2014).

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dagmar Kromer-Busch

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dagmar Kromer-Busch