Gesellschaften/Verbände

Pressekonferenz zum 30-jährigen Jubiläum der IfK

Kariesprävention mit Fluorid etabliert und erfolgreich

15.06.2021

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Seit 30 Jahren setzt sich die Informationsstelle für Kariesprophylaxe (IfK) für eine breite Verwendung von Fluorid zur Prävention von Karies ein. In einer Online-Pressekonferenz am 09.06.2021 zum diesjährigen Jubiläum wurde Resümee gezogen. 

Zu Wort kamen der Sprecher der IfK und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung und Präventive Zahnmedizin, Universitätsprofessor Stefan Zimmer, Dr. Gudrun Rojas als stellvertretende IfK-Sprecherin sowie der Toxikologe Prof. Andreas Schaper, Universität Göttingen.

Fluoridiertes Speisesalz als Basismaßnahme zur Kariesprävention

Schwerpunkt der Aufklärungsarbeit der Informationsstelle liegt auf dem Einsatz von fluoridiertem Speisesalz als Basisbaustein für die Kariesprävention. Dies erklärt sich aus der Geschichte der IfK (Abb. 1). Wie Prof. Zimmer ausführte, wurde fluoridiertes Speisesalz auf Bestreben von Prof. Gisela Hetzer als vormalige Vertreterin des Fachbereichs der Kinderzahnheilkunde und von Dr. Hanns-Werner Hey in Deutschland eingeführt; die wissenschaftlichen Grundlagen hatte der Schweizer Präventionsforscher Prof. Thomas Marthaler gelegt.

  • Abb. 1: Die Meilensteine aus 30 Jahren IfK.
  • Abb. 1: Die Meilensteine aus 30 Jahren IfK.
    ©IfK

Mit der Vertriebserlaubnis von fluoridiertem Speisesalz im Jahr 1991 wurde zeitgleich die Informationsstelle gegründet, um Aufklärungsarbeit zu leisten und die Bedeutung des fluoridierten Speisesalzes bekannt zu machen. Der IfK wurde ein wissenschaftlicher Beirat mit Experten aus den Bereichen Zahnmedizin, Pädiatrie, Pharmakologie und Toxikologie sowie aus Verantwortlichen des öffentlichen Gesundheitsdienstes zur Seite gestellt. Sie ist dem Deutschen Arbeitskreis für Zahnheilkunde (DAZ) angegliedert.

Seit im Dezember 1992 in Bad Reichenhall die erste Charge mit 250 mg Fluorid/kg Salz (Natrium- oder Kaliumfluorid) vom Band lief, hat sich viel getan (Abb. 1): Inzwischen setzen knapp 60% der deutschen Haushalte das mit Fluorid angereicherte Salz bei der Essenszubereitung ein. 2015 wurde die Anreicherungsgrenze auf 310 mg/kg Salz erhöht, damit angesichts eines sinkenden Salzkonsums eine ausreichende Fluoridzufuhr mit den Verzehrmengen von Salz erreicht werden kann.

2018 wurde eine unbefristete Erlaubnis zur Anreicherung von Speisesalz mit Fluorid erteilt – zuvor musste kontinuierlich eine behördliche Sondererlaubnis eingeholt werden. Dass fluoridiertes Speisesalz evidenzbasiert als wirksame Maßnahme zur Kariesprävention anerkannt ist, zeigt u.a. dessen Aufnahme in die zahnärztliche Leitlinie zu Fluoridierungsmaßnahmen [1].

Prof. Zimmer stellte heraus, dass über die Speisesalz-Fluoridierung gerade Kinder und Erwachsene in schwierigen sozialen Lagen erreicht werden. Eine sehr hohe kariesprotektive Wirkung habe auch die Wirkstoff-Zufuhr über Fluoridzahncreme, Mundspüllösungen und insbesondere mittels einer 2x jährlichen Anwendung von Fluorid-Lacken in der Zahnarztpraxis. 

Kaum fluoridiertes Salz in der Kantine

Aufgrund einer Genehmigung aus dem Jahr 1998 darf Jodsalz mit Fluorid in Einrichtungen zur Gemeinschaftsverpflegung grundsätzlich verwendet werden ‒ jedoch ist dies mit hohen gesetzlichen Anforderungen und Sondergenehmigungen verbunden. Daher wird es in Schulküchen, Mensen und Kantinen meist nicht benutzt. Dabei bestätigte u.a. eine Studie der Universität Heidelberg unter Federführung von IfK-Beirat Prof. Andreas Schulte, dass die Verwendung dieses Salzes auch in Küchen von Kantinen problemlos möglich sei und eine gute Wirkung zeige [2].

Den kariespräventiven Effekt der Speisesalz-Fluoridierung in der Gemeinschaftsverpflegung untersuchte zuletzt die „Gambia-Studie“ von Beiratsmitglied Prof. Andreas Reiner Jordan bei 441 Vorschulkindern im Alter von 3 bis 5 Jahren: Bei der Gruppe, die Gemeinschaftsmahlzeiten mit fluoridiertem Salz einnahmen, war der jährliche Karieszuwachs nur halb so hoch wie in der Kontrollgruppe (1,29d teeth gegenüber 3,83d teeth) [3]. Die Kinder benutzten keine Zahncreme beim Zähneputzen; der Effekt beruht also allein auf der Fluoridzufuhr durch das im Salz.

Einheitliche Fluorid-Empfehlungen für Kinder

Dr. Gudrun Rojas informierte über die 4 Säulen der Kariesprophylaxe: Zahnpflege, zahngesunde Ernährung, die Anwendung von Fluoriden und regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen durch den Zahnarzt. Sie erläuterte zudem die neuen ‒ jetzt einheitlichen ‒ Fluoridempfehlungen für die Jüngsten. Unter Koordinierung des Netzwerks „Gesund ins Leben“, das an der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung angesiedelt ist, haben sich Pädiater und Zahnärzte, vertreten durch die jeweiligen wissenschaftlichen Fachgesellschaften, auf einen Fluoridfahrplan geeinigt (Abb. 2) [4].

  • Abb. 2: Die neuen einheitlichen Fluoridempfehlungen für Kinder.
  • Abb. 2: Die neuen einheitlichen Fluoridempfehlungen für Kinder.
    ©BLE 2021

Wie Rojas erläuterte, sollen Säuglinge Vitamin D-Tabletten mit 0,25 mg Fluorid erhalten ‒ mindestens bis der erste Milchzahn durchbricht. Danach ist entweder der Umstieg auf reine Vitamin D-Präparate und das Putzen mit einer Fluorid-Zahnpasta in Reiskornmenge mit einem Wirkstoffgehalt von 1.000 ppm möglich. Oder: Die Vitamin-D-Tabletten mit Fluorid werden weiter gegeben und die Milchzähnchen zunächst mit Zahnpasta ohne Fluorid geputzt.

Ab dem 2. Geburtstag sollen alle Kinder mit fluoridhaltiger Zahncreme in erbsengroßer Menge putzen. Mit dem 6. Geburtstag empfiehlt sich Zahnpasta, die 1.450 ppm Fluorid enthält, denn die bleibenden Zähne brechen durch und brauchen mehr Schutz.

Als Leiterin des Zahnärztlichen Dienstes der Stadt Brandenburg an der Havel bestätigte Rojas, dass Kinder zusätzlich zur häuslichen Mundpflege vom Zähneputzen bei der Gruppenprophylaxe in der Kita stark profitieren. Auch fluoridiertes Speisesalz sollte zum Alltag in der Familie gehören (Abb. 3).

  • Abb. 3: Empfehlungen für kombinierte Fluoridzuführ über Zahncreme und Speisesalz.
  • Abb. 3: Empfehlungen für kombinierte Fluoridzuführ über Zahncreme und Speisesalz.
    ©IfK

Wie steht es um die Toxizität von Fluorid?

Den immer wieder in der Bevölkerung aufkommenden Befürchtungen, Fluoride könnten gesundheitsgefährdend sein, trat Toxikologe Prof. Andreas Schaper entgegen. Schaper differenzierte zwischen akuter und chronischer Toxizität. Als Leiter des Giftnotrufs Nord nimmt Schaper regelmäßig Meldungen über verschluckte Zahnpasta entgegen.

Diese Fälle verliefen jedoch in den allermeisten Fällen symptomlos; Magen-Darm-Probleme könnten in Einzelfällen auftreten, so der Referent. Schwere Komplikationen, wie Krampfanfälle und Koma seien bei einer Fluoridaufnahme über 100mg bei Kleinkindern möglich, sind beim Giftruf Nord über 25 Jahre bei 1.613 gemeldeten Fällen nie verzeichnet worden und absolut unwahrscheinlich. Auch chronische Effekte systemischer Fluoridierung sind nicht zu erwarten.

So kommt eine groß angelegte Untersuchung des Leibniz-Instituts an der TU Dortmund, in der Studien zur Neurotoxizität von Fluorid analysiert wurden, zu dem Schluss, dass bei der aktuellen Fluoridexposition in Europa kein Anlass zur Besorgnis bestehe [5]. Studien, die einen Zusammenhang zwischen einer Fluoridzufuhr während der Schwangerschaft und einer verminderten Intelligenz des Kindes aufzeigen, seien laut IfK nicht auf deutsche Verhältnisse übertragbar [6].

Die Gefahr einer Überdosierung ist bei Erwachsenen in der Regel sehr gering. Nutzen Kinder jedoch beispielsweise gleichzeitig fluoridierte Zahnpasten, Speisesalz und Fluoridtabletten, kann sich während der Schmelzbildung eine Fluorose bilden.

Daher sollte beim Zahnarzt eine Fluoridanamnese erfolgen. Um das Kariesrisiko wirksam zu vermindern und das Fluorose-Risiko gering zu halten, sollte der Wert ungefähr 0,05mg pro kg Körpergewicht täglich betragen [4].

Aktionswoche mit Experten-Sprechstunde: „Karies keine Chance geben“

Fragen rund um die Themen Mundhygiene und Kariesvorbeugung können Verbraucher vom 27. September bis 01. Oktober an die Experten der IfK stellen. Der wissenschaftliche Beirat steht in dieser Woche täglich von 10 bis 12 Uhr sowie Dienstag und Donnerstag zusätzlich von 16 bis 18 Uhr zur Verfügung. Die normale Hotline ist weiterhin von 09:00 bis 17:00 Uhr erreichbar. Einfach anrufen unter: 069 / 2470 6822

Dagmar Kromer-Busch


Quelle:
Informationsstelle für Kariesprophylaxe


Weiterführende Literatur
  1. S2k-Leitlinie "Fluoridierungsmaßnahmen zur Kariesprophylaxe“. 2013. Update der Leitlinie AWMF Register-Nr. 083-001.
  2. Schulte AG, Salt fluoridation in Germany since 1991, Schweiz Monatsschr Zahnmed 2005(115): 659–662. Online abrufbar unter: https://www.swissdentaljournal.org/fileadmin/upload_sso/2_Zahnaerzte/2_SDJ/SMfZ_2005/SMfZ_08_2005/smfz-08-forschung-4.pdf 
  3. Jordan RA, Schulte AG, Bockelbrink AC, Puetz S, Naumova E, Warn LG, Zimmer S. Caries-Preventive Effect of Salt Fluoridation in Preschool Children in The Gambia: A Prospective, Controlled, Interventional Study. Caries Res. 2018;51(6):596–604 
  4. Flothkötter M et al. Kariesprävention im Säuglings- und frühen Kindesalter. Handlungsempfehlungen des bundesweiten Netzwerks Gesund ins Leben. Monatsschr Kinderheilkd April 2021.
  5. Guth, S., Hüser, S., Roth, A. et al. Toxicity of fluoride: critical evaluation of evidence for human developmental neurotoxicity in epidemiological studies, animal experiments and in vitro analyses. Arch Toxicol 94, 1375–1415 (2020).
  6. Zimmer S, Brockstedt M, Stellungnahme zur ELEMENT-Fluorid-Studie: Welche Bedeutung hat das Studienergebnis für Deutschland? 2018. Online abrufbar unter: https://www.kariesvorbeugung.de/kariesprophylaxe-aktuell/stellungnahme-zur-element-fluorid-studie-welche-bedeutung-hat-das-studienergebnis-fuer-deutschland/