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Frühjahrstagung der DGKiZ: Es sind nicht nur Milchzähne!

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Der Einladung der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (DGKiZ) zur Frühjahrstagung am 29. und 30. April 2022 nach Würzburg folgten rund 430 Zahnmedizinerinnen und Zahnmediziner sowie Praxismitarbeiter. Die Tagung vermittelte den Teilnehmenden ein Update in verschiedenen Bereichen der Fachdisziplin.

  • Prof. Katrin Bekes, Präsidentin DGKiZ.

  • Prof. Katrin Bekes, Präsidentin DGKiZ.
    © Kromer-Busch
Prof. Katrin Bekes konnte erstmals in ihrer Funktion als Präsidentin der DGKiZ ein Präsenzpublikum begrüßen, nachdem 2020 und 2021 die Frühjahrstagungen coronageschuldet ausgefallen waren und die Jahrestagungen lediglich als virtuelle Online-Kongresse stattgefunden hatten. Die Präsidentin sowie die Tagungsleitung Dr. Yvonne Wagner freuten sich, dass die Möglichkeit zur persönlichen Begegnung nach langer Coronapause so bereitwillig genutzt wurde. Renommierte Referenten beleuchteten unterschiedliche Themengebiete, wie die Kariesprävention mittels unterschiedlicher Wirkstoffe, besondere Präventionsstrategien für Jugendliche in KFO-Behandlung, Therapiemöglichkeiten mittels Kronen und die Kinderanästhesie.

Auch speziellere Themen wie orale Habits, Bruxismus und das zu kurze Zungen- und Lippenband wurden angesprochen. Die Themenschwerpunkte galten auch für das Teamprogramm, das parallel stattfand und ebenfalls auf reges Interesse stieß.

Zentrales Problem: Frühkindliche Karies

Ausgangspunkt mehrerer Vorträge war ein zentrales Problem in der heutigen Kinderzahnheilkunde: die hohe Prävalenz der Early Childhood Caries (ECC; frühkindliche Karies). Oftmals wird auf den Gesamtrückgang der Kariesprävalenz bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland verwiesen. Dabei wird aber vergessen, dass die Karies im Milchzahngebiss weiterhin ein ernstes Problem darstellt mit einer Prävalenz von ca. 14% bei den 3-Jährigen, welche bis auf ca. 46% bei den Erstklässlern ansteigt.

Dabei beträgt der Sanierungsgrad (Füllungen und Extraktionen) bei den 3-Jährigen nur ca. 26% [1]; d.h., 3 von 4 Zähnen werden nicht behandelt. Nach den Beobachtungen aus der Praxis der Referenten nehmen überdies Extremfälle von ECC zu.

PD Dr. Alexander Rahman stellte in seinem vorab aufgrund von Erkrankung aufgezeichneten Vortrag „Ein guter Start ins Zahnleben – Kleinkinder beim Zahnarzt“ erste Daten zur Umsetzung der neuen zahnärztlichen Früherkennungsuntersuchungen (FU) vom 6. bis zum vollendeten 33. Lebensmonat vor. Diese wurden eingeführt, um die ECC einzudämmen. Daten aus den statistischen Erhebungen der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV 2022) zeigen jedoch, dass die Früherkennungsuntersuchungen bislang nur ungenügend angenommen wurden und sich vom Start im Jahr 2019 bis 2021 auch kein Aufwärtstrend abzeichnet.

Insbesondere zur FU1a stellen nur sehr wenige Eltern ihre Säuglinge in der Zahnarztpraxis vor. Die mangelnde Inanspruchnahme der zahnärztlichen Frühuntersuchungen erklärt sicherlich teilweise die weiterhin hohe Prävalenz von ECC in Deutschland. Bezüglich der Umsetzung der FUs plädierte Dr. Rahmann für das praktische Einüben der Mundhygiene, z.B. mittels Lift-the-Lip-Technik.

Zudem sieht er Potenzial in einer frühen Sensibilisierung der Eltern, am besten bereits in der Schwangerschaft der Mutter. Hierzu liegt bereits seit Langem ein Konzept aus der Kinderzahnheilkunde der Hannover Uniklinik von Prof. Hüsamettin Günay und Kollegen vor.

Zahnerhalt und Sanierung im Milchgebiss = Lebensqualität

  • Dr. Sabine Dobersch-Paulus.

  • Dr. Sabine Dobersch-Paulus.
    © Kromer-Busch
Wie Dr. Sabine Dobersch-Paulus ausführte, geht die hohe Kariesprävalenz bei den Jüngsten auf zuckerreiche Ernährung als auch auf „Dauerstillen“ zurück. Nicht nur Saftschorle aus der Nuckelflasche, sondern auch die Muttermilch (mit 5 bis 7% Laktose) wirkt kariogen.

Wenn ständig zur Beruhigung gerade nachts verfügbar, besteht ein hohes Risiko für das Nursing-Bottle-Syndrom (ECCII). Ein neues Problemfeld der Ernährung eröffnen nun die bei vielen Eltern beliebten „Quetschies“ – Fruchtmus, das sogar zusätzlich mit Zucker und Säure angereichert sein kann.

Wenn es um die Sanierung von Milchzahnkaries gehe, höre sie den Satz „Es sind doch nur Milchzähne, oder?“ häufig von Eltern, teils sogar von Kollegen, stellte Dr. Dobersch-Paulus fest. Die Tendenz, einfach auf die natürliche Exfoliation der Milchzähne zu warten, sei allerdings fatal. Ein Teufelskreis entstehe, wenn Kinder Schmerzen beim Essen und der Zahnpflege hätten, infolge noch weniger putzen und mehr weiche, zuckerhaltige Nahrung konsumierten.

Anhand von Patientenfällen mit ECC, Stadium III, belegte Dr. Dobersch-Paulus eindrucksvoll, wie stark Karies an Milchzähnen in wenigen Monaten voranschreiten kann und welche Folgen zu erwarten sind: Schmerzen, Fisteln, Abszesse, ektopischer Durchbruch bleibender Zähne, Schmelzdefekte bei bleibenden Zähnen (Turner-Zahn), Unterernährung sowie systemische Erkrankungen (erhöhte Infektanfälligkeit). Die gezeigten Patientenfälle führten deutlich vor Augen, wie stark die Lebensqualität betroffener Kinder eingeschränkt sein kann. Zudem entstehen hohe zusätzliche Kosten für das Gesundheitssystem, gerade auch durch vermehrt notwendige KFO-Behandlungen im bleibenden Gebiss.

  • Prof. Roland Frankenberger.

  • Prof. Roland Frankenberger.
    © Kromer-Busch
Prof. Roland Frankenberger gab in seinem so praxisnah-informativen wie unterhaltsamen Vortrag ein Update zu Adhäsiven und Kompositen. Er beurteilte die Adhäsiv- und Kompositentwicklung aus der Erfahrung von 30 Jahren Klinik und einer breiten Studiengrundlage.

Er kam zum Schluss, dass die heutigen Universaladhäsive einen guten Standard bieten, nicht so techniksensitiv wie vorangegangene 1-Flaschen-Adhäsive sind und auch im Dentin eine gute Haftung erzielen. Im Weiteren wies er auf häufige Fehlerquellen bei der Kompositfüllung hin, wie eine unzureichende Lichthärtung oder eine Kontamination mit Speichel, Blut etc.

Welche Milchzahnkrone darf es sein?

Wenn die Füllungstherapie im Milchzahngebiss an ihre Grenzen stößt, ist eine Versorgung mit konfektionierten Kinderzahnkronen sinnvoll. Prof. Katrin Bekes blieb die Antwort auf die Frage, die ihren Vortrag überschrieb „Welche Milchzahnkrone darf es sein?“, nicht schuldig: Stripkronen, Zirkonkronen und Stahlkronen bewährten sich in den jeweiligen Indikationen, so ihr Fazit.

Man müsse allerdings exakt arbeiten. Stripkronen erweisen sich im Frontzahnbereich als eine gute Alternative, sind allerdings aufwendig in ihrer Anwendung als Formhilfe. Zirkonkronen und Stahlkronen für Prämolaren und Molaren haben unterschiedliche Vorzüge: Zwar ist die Zirkonkrone als ästhetisch hochwertig anzusehen, sie geht aber mit mehr Substanzverlust bei der Präparation einher als die Stahlkrone. Die Präparation für Stahlkronen hingegen ist unkompliziert.

Diese präfabrizierten Kronen zeichnen sich durch guten Sitz und schnelles Handling aus, insbesondere in der Hall-Technik. Bei dieser minimalinvasiven Technik zur Versorgung kariöser Läsionen an den Milchmolaren wird die vorgefertigte Stahlkrone ohne vorherige Kariesexkavation auf einen kariösen Milchmolaren zementiert. Die jüngste Übersichtsarbeit [2] attestiert Stahl- und Keramikkronen eine etwa gleich gute Performance.

Aber, so schränkt die Referentin ein, noch fehle die Evidenz aus Langzeitstudien für eine abschließende Beurteilung der Kinderkeramikkrone. Die konfektionierte Stahlkrone hingegen gelte zurecht nach wie vor als einfach anzuwendende, zuverlässige und langlebige Therapieoption.

Neue Richtlinien zur Nüchternheit bei Narkosebehandlung

  • Dr. Martin Jöhr, Kinderanästhesist.

  • Dr. Martin Jöhr, Kinderanästhesist.
    © Kromer-Busch
Bei umfassenden Behandlungen im Milchzahngebiss ist eine Allgemeinanästhesie oftmals nicht zu vermeiden, um eine Komplettsanierung in einer Sitzung zu ermöglichen. Den Risiken und Neuerungen in der Kinderanästhesie widmete sich der renommierte Kinderanästhesist Dr. Martin Jöhr, der 40 Jahre in der Kinderanästhesie der Kinderklinik Luzern tätig gewesen war. Dr. Jöhr stellte fest, dass die Angst der Eltern, die Narkose schade dem Gehirn ihres Kindes, nach wie vor sehr prominent sei. Jedoch sei nach weit über 90 klinischen Studien nicht von einer Beeinträchtigung der kognitiven und intellektuellen Leistungsfähigkeit durch eine einmalige, kürzere Anästhesie auszugehen.

Das Alter des Kindes und die Erfahrung des Anästhesisten sind entscheidende Variablen hinsichtlich eines Komplikationsrisikos (APRICOT-Studie [3]). Zudem müssen Syndrome/Schädigungen wie Cerebralparese und Trisomie 21 bei Kindern für eine gelingende Anästhesie zwingend berücksichtigt werden, so Dr. Jöhr.

Eine willkommene Neuerung für die Kinderanästhesie bringt die aktuelle europäische Leitlinie [4] zur präoperativen Nüchternheit: 6 Stunden vor der Operation ist feste Nahrung erlaubt, Milch 4 Stunden, Muttermilch 3 Stunden und klare Flüssigkeit (Wasser) eine Stunde vorher. Sogar ein leichtes Frühstück kann am Morgen 4 Stunden vor der OP eventuell noch eingenommen werden („may be allowed“), was den Komfort für junge Patientinnen und Patienten erhöht.

Wie gute Rahmenbedingungen für eine Kindernarkose geschaffen werden können, stellte die Anästhesistin und Hypnosetherapeutin Kirsten Kossel in ihrem Vortrag dar. Sie betonte, dass die Zustimmung der Eltern in die Behandlung ihrer Kinder wichtig sei, um Unsicherheiten des Kindes zu vermeiden. Sie beschrieb den Zustand kindlicher Trance, der genutzt werden kann, um das Gelingen der Behandlung zu unterstützen.

Intensivprophylaxe in der KFO-Behandlung

Prof. Christopher Lux sprach zum Thema der Prävention von Demineralisationen bei festsitzenden kieferorthopädischen Apparaturen. Multibracket-Apparaturen erschweren die natürliche und die manuelle Zahnreinigung, was ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Läsionen zur Folge hat [5]: Die Hälfte bis zu annähernd zwei Drittel der KFO-Patienten entwickeln White Spots.

  • Prof. Christopher Lux.
  • Prof. Christopher Lux.
    © Kromer-Busch

Diese White-Spot-Läsionen seien häufig nicht remineralisierbar, wie Prof. Lux feststellte. Als Prädilektionsbereiche gelten die Bracketumgebung, der Approximalraum und der Gingivasaum.

Was tun, um White Spots zu vermeiden? Prof. Lux empfahl eine realistische Risikoabwägung im Vorfeld und eine emphatische Aufklärung der jugendlichen Patienten hinsichtlich Ernährung und Zahnreinigung. Zudem solle die Intensivprophylaxe während der Behandlung nicht an den Hauszahnarzt delegiert werden, sondern in die Verantwortung der KFO-Praxis übernommen werden.

In der Intensivprophylaxe bei festsitzenden Multibracket-Apparaturen habe sich das Anfärben der Zähne und die Reinigung mittels Air-Flow-Geräten als besonders unkomplizierte und schonende Methode bewährt. Geeignet sei das niedrigabrasive Strahlpulver Erythritol. Kaum hilfreich erscheint die Glattflächenversiegelung: Durch die Reinigung der Zähne werde auch die Versiegelung nach und nach entfernt.

Die Anwendung könnte indessen dazu führen, dass sich Patienten in falscher Sicherheit wiegten, so Prof. Lux. Evidenz gibt es hingegen für die Wirksamkeit von Fluoridlack zur Verhinderung von White Spots [6].

Zur mechanischen und chemischen Plaquekontrolle empfiehlt der Referent eine rotierend-oszillierende elektrische Zahnbürste und den Einsatz einer fluoridhaltigen Mundspüllösung. Einbüschelbürste und Intraoralbürsten leisten gute Dienste für das manuelle Reinigen der Bracketumgebung.

Probiotika, CCP-ACP und Hydroxylapatit – Alternativen zu Fluorid?

  • Prof. Nicole Arweiler.

  • Prof. Nicole Arweiler.
    © Kromer-Busch
Prof. Nicole Arweiler ging der Frage nach, welche Wirkungen von Probiotika in der Zahnmedizin erwartbar sind. Die Referentin stellte eine eigene Studie zur Untersuchung von Probiotika auf die orale Mikroflora vor. Diese ergab, dass es nicht sicher ist, ob Laktobazillen in den oralen Biofilm und den Speichel integriert werden, Probiotika jedoch offenbar Streptokokken reduzieren [7].

Obgleich Studien Hinweise auf einen möglichen Effekt geben, ist die Wirkung von probiotischen Bakterien auf kariöse Läsionen, auf die Zusammensetzung der Mundflora, den Aufbau der Darmflora nach Antibiotikagabe und hinsichtlich eines immunmodularischen Effekts zur Unterstützung der Parotherapie noch nicht ausreichend geklärt. Prof. Ulrich Schiffner beschäftigte sich im wissenschaftlichen Programm mit Prophylaxeprodukten mit CCP-ACP (Casein Phosphopeptid – amorphes Calciumphosphat) bzw. Hydroxylapatit; im Teamvortrag referierte er die neuen gemeinsamen Empfehlungen von Zahnärzten und Kinderärzten zur Kariesprävention mit Fluorid bei Kindern, die die Verwendung einer Fluoridzahncreme mit 1.000 ppm Fluorid bis ins Alter von 6 Jahren vorsieht – anstatt wie zuvor 500 ppm (Empfehlungen finden Sie hier).

Bezüglich der Applikation der Wirkstoffe CCP-ACP bzw. Hydroxylapatit kam Prof. Schiffner auf Basis der aktuellen Studienlage zu dem Schluss, dass für CPP-ACP zwar eine antikariöse Wirkung angenommen werden könne, aber bei Vorhandensein von Fluorid in Studien keine zusätzliche Wirkung nachgewiesen werden konnte.

Lediglich in der Behandlung von White-Spot-Läsionen gibt es Hinweise auf einen Nutzen der zusätzlichen Verwendung des Wirkstoffs für die Remineralisation. Für die Wirksamkeit von Hydroxylapatit wurden bislang keine belastbaren Belege gefunden.

Prof. Schiffner kam zum Schluss, dass Fluorid weiterhin als unverzichtbar in der Kariesprophylaxe anzusehen ist und CCPACP fallbezogen als Ergänzung herangezogen werden könne. Die Bedeutung von Fluorid wurde jüngst durch die Aufnahme in die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der WHO unterstrichen.

  • Prof. Ulrich Schiffner.
  • Prof. Ulrich Schiffner.
    © Kromer-Busch

Daumenlutschen, Zähnepressen – Schädigungen im Kindes- und Jugendalter 

  • Prof. Christian Hirsch.

  • Prof. Christian Hirsch.
    © Kromer-Busch
PD Dr. Yvonne Wagner gab dem Team einen Überblick zu Ursachen, Diagnose, Interventions- und Therapiemöglichkeiten oraler Habits und myofunktionalen Störungen im Kleinkindalter. Diese können zu Zahn- und Kieferfehlstellungen führen. Das Auftreten von Bruxismusaktivitäten bei Kindern und Jugendlichen beleuchtete Prof. Christian Hirsch.

Die dadurch verursachte Attrition im Gebiss kann erheblich sein. Da Ursachen meist außerhalb des Gebisses v.a. in sozialem Stress liegen, besteht die Aufgabe von Behandelnden in erster Linie in der symptombezogenen Therapie, um weiteren Verlust der Zahnsubstanz zu vermeiden, Schmerzen zu reduzieren und Restaurationen zu schützen. Dr. Darius Moghtader beschäftigte sich in seinem Vortrag mit dem zu kurzen Zungenband und Lippenband und stellte die Behandlungsweise – die auch durch Hospitation in seiner Praxis erlernt werden kann – vor.

Die Vorträge der ausnahmslos überzeugenden Referenten gaben ein umfangreiches Update in Sachen Kinderzahnheilkunde. Eindrucksvolle Falldokumentationen werden in Erinnerung bleiben – sie weisen auf die Notwendigkeit von Prophylaxe sowie einer frühen und kompetenten Behandlung im Milchzahngebiss hin.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dagmar Kromer-Busch