Prophylaxe

Die „Dritten“ ins Glas – reicht das?

Wissen und Glauben in Sachen Prothesenhygiene



Eigentlich ist die Sache doch allen Beteiligten klar, deshalb erfolgt die Aufklärung zur Prothesenhygiene oftmals nebenbei, quasi als Teil der Verabschiedung eines frischgebackenen Prothesenträgers. Wenn sich dieser Zahnersatz in einer späteren Sitzung dann als Dreckschleuder präsentiert, wird in der Akte „schlechte Compliance“ notiert und dem Patienten „mehr putzen!“ empfohlen. Woran liegt es, dass zwischen der aufwendigen Prophylaxeaufklärung bezahnter Patienten und den eher nebenbei gegebenen Prothesenhygiene-Hinweisen solch eine Lücke klafft?

Vergleicht man, was Zahnärzte, Zahntechniker, Firmen und Lehrbücher zur Prothesenhygiene empfehlen, zeigen sich erstaunliche Widersprüche. Das bezieht sich u.a. auf die Fragen, ob Prothesen nachts getragen werden sollen oder nicht, ob sie außerhalb des Mundes immer unter Wasser oder – im Gegenteil – trocken gelagert werden sollen, ob Reinigungstabletten schädlich oder nützlich sind. Dabei gibt es in der wissenschaftlichen Literatur zu einigen Punkten ganz klare Aussagen, die hier einmal zusammengefasst werden sollen.

1. Warum Prothesenreinigung?

Auf der Kunststoff- und Metalloberfläche der Prothesen bildet sich ein typischer Biofilm, der sich von der Plaque auf Zähnen insbesondere durch häufiges Vorkommen von Hefepilzen (Candida-Arten) unterscheidet. Unter den dort siedelnden Mikroorganismen sind natürlich auch Streptokokken und besonders häufig Staphylokokken (S. aureus), die neben anderen Keimen bei Aspiration eine durchaus lebensgefährliche Pneumonie hervorrufen können [16].

Zudem sammeln sich auf dem herausnehmbaren Zahnersatz Speisereste und Farbstoffe aus intensiv färbenden Lebens- und Genussmitteln wie Rotwein, Kaffee, Tee oder Nikotin an. Damit gibt es einige Gründe, warum Prothesen ebenso gründlich wie eigene Zähne zu reinigen sind:

  • Die pathogenen Keime müssen beseitigt werden, um einerseits Entzündungen des Prothesenlagers und andererseits eine Keimverschleppung durch Aspiration oder Ingestion zu verhindern, die bei Risikopatienten schlimmstenfalls sogar tödlich enden könnten.
  • Die Speisereste sind nicht nur ein ästhetisches Ärgernis; bei ihrer Zersetzung entsteht ein unangenehmer Foetor ex ore.
  • Die Farbauflagerungen stören optisch.

Natürlich bekommen Prothesenzähne weder Karies noch Parodontitis. Anders sieht es bei Teilprothesenträgern aus: Diese haben ja die vielen inzwischen ersetzten Zähne nicht „aus heiterem Himmel“ verloren, sondern zumeist durch ebenjene Karies und Parodontitis. Und die noch vorhandenen Restzähne unterliegen selbstverständlich weiterhin diesen beiden Risiken. Teilprothesenträger haben es also mit zwei Sorten Biofilm zu tun, der Zahn- und der Prothesenplaque. Eine mangelhafte Prothesenhygiene führt dann rasch zum Verlust der für den Prothesenhalt oftmals so wichtigen letzten Pfeiler!

2. Welche Prothesenflächen sind bei der Hygiene wichtig?

Natürlich fällt der Blick zuerst auf die Außenflächen der Prothesen, man sieht sofort die Speisereste in den Zahnzwischenräumen und die Farbauflagerungen an den Übergängen zwischen Prothesenzähnen und Basiskunststoff. Das ist unschön und riecht womöglich auch unangenehm – ernsthaft

  • Abb. 1: Die dem Gaumen zugewandte Prothesenfläche ist das eigentliche Problem!

  • Abb. 1: Die dem Gaumen zugewandte Prothesenfläche ist das eigentliche Problem!
gesundheitsschädlich aber ist nur die Verschmutzung an der Prothesenbasis, also der zur Schleimhaut zeigenden Kunststoffoberfläche, die man wegen der sonst verloren gehenden Passgenauigkeit nicht auf Hochglanz polieren kann (Abb. 1). Im Mittelpunkt steht speziell die Palatinalfläche der Oberkieferprothese. Dort sind die Lebensbedingungen für viele pathogene Mikroorganismen besser, dort sind sie vor der mechanischen Einwirkung durch Zunge und Wange geschützt, dort gibt es keine Spülwirkung durch Getränke oder Speichelfluss, dort können sie durch den lang währenden und innigen Kontakt zur Schleimhaut entsprechende Entzündungen hervorrufen. Diese Infektionen sind zunächst immer schmerzfrei, werden also auch im akuten Stadium vom Prothesenträger kaum wahrgenommen. Unter der Gaumenplatte bildet sich dann ein Reservoir, aus dem die pathogenen Keime in Richtung Pharynx und Trachea wandern: Man fand – je nach Spezies – eine 30- bis 80%ige Übereinstimmung der Flora unter der Prothesenbasis und auf der Pharynx-Schleimhaut [17]!

Der weit verbreitete Glaube, Totalprothesen dürften keine Nischen oder Spalträume aufweisen und sollten für eine optimale Plaqueabweisung am besten noch mit einer dünnen Schicht farblosen Kunststoffes überzogen werden, geht also am eigentlichen Problem vorbei und sorgt für eine fragwürdige Prothesenästhetik: Unseren Senioren verpasst man überwiegend Zahnstellungen und -gestaltungen, wie sie bei gesunden Achtzehnjährigen zu finden wären. Dieses offensichtliche Missverhältnis gibt die Zahnlosen, auch wenn es selbstverständlich ungewollt ist, der Lächerlichkeit preis. Denn wer seinen Zahnersatz noch selbstständig reinigen kann, der darf auch altersgerecht gestaltete Prothesen bekommen, bei denen die Gingiva eben nicht bis zur Schneidekante modelliert ist.

Fazit: Der Biofilm auf der zur Schleimhaut gewandten Prothesenfläche ist oft nicht auf den ersten Blick wahrnehmbar und wird deshalb bei der Prothesenhygiene oft vernachlässigt. Wegen seines hohen pathogenen Potenzials hat dessen Entfernung Priorität. Danach folgen die anderen Flächen.

3. Prothesen nachts tragen?

Das ständige Prothesentragen über 24 Sunden am Tag ist signifikant mit der Entstehung einer Candida-assoziierten Prothesenstomatitis verbunden [4]. Nahezu übereinstimmend wird deshalb empfohlen, die Prothesen nach der Eingewöhnungsphase von etwa drei bis vier Wochen nachts grundsätzlich herauszunehmen. Manche Patienten wollen sich jedoch auch während der Nacht nicht „demaskieren“; es gibt genügend Fälle, in denen der Lebenspartner nichts von der Prothese weiß. Die Regel lautet dann: Der Zahnersatz soll nachts so oft wie eben möglich entnommen werden. Je seltener dies geschieht, desto mehr zusätzliche Prophylaxemaßnahmen sind zu ergreifen, beispielsweise die Verwendung chlorhexidinhaltiger Gele und eine effektive Schleimhautbürstung während der üblichen Mundhygiene.

4. Prothesen immer feucht lagern?

Herausgenommene Prothesen gehören in ein Glas mit Wasser – das scheint eine unumstößliche Wahrheit zu sein. So steht es in allen Lehrbüchern der Totalprothetik und so klären wohl fast alle Zahnärzte ihre Patienten auf. Als Grund für diese eiserne Regel galt, dass der PMMA-Basiskunststoff durch den permanenten Wechsel von Austrocknen und Wassersättigung derartigen Dimensionsänderungen unterworfen sei, dass er mechanisch instabil werde, dass Risse und Versprödung aufträten. Unter klinischen Bedingungen sieht es freilich anders aus: Stafford und Mitarbeiter untersuchten 1986 (!) die Dimensionsveränderung wassergesättigter Prothesen, die für die Dauer einer ausgedehnten Nachtruhe von jeweils acht Stunden trocken lagen. Es kam dadurch zu einer Dimensionsverkleinerung um ca. 0,05 %. Eine Außenkante von beispielsweise 5,00 cm Länge wäre demnach auf 4,997 cm geschrumpft, eine klinisch nicht wahrnehmbare Veränderung. Interessant ist aber, was sich auf trocken gelagerten Prothesenoberflächen abspielt: Die Besiedelung mit dem Stomatitis auslösenden Hefepilz Candida albicans verringert sich ohne weitere Maßnahmen signifikant [13, 15]!

Fazit: Nach der abendlichen Hygiene soll man die Prothesen trocken lagern, denn im feuchten Milieu vermehren sich die Restkeime gut. Eine Schädigung durch diese Trockenlagerung ist nicht zu befürchten. Allerdings erspart die Trockenlagerung nicht die übliche Hygiene, denn es gibt spezielle Keime, die auch ohne Feuchtigkeit wahre Überlebenskünstler sind, beispielsweise Staphylokokken!

5. Sind Haftmittel aus hygienischer Sicht bedenklich?

Prothesenhaftmittel haben sich in wissenschaftlichen Untersuchungen längst bewährt und ihre Indikation gefunden. Trotzdem werden sie hierzulande in der „offiziellen“ Prothetik, also in Lehrbüchern und Lehrmeinungen, überwiegend abgelehnt. Als ein Grund wird dabei oft genannt, Haftmittel seien mikrobielle Nährböden auf den Prothesen. Die wissenschaftlichen Daten besagen jedoch das Gegenteil: Zwei neuere klinische Untersuchungen zeigten bei Totalprothesenträgern mit oder ohne Haftmittelnutzung weder hinsichtlich der Oberflächenbesiedelung mit Hefepilzen noch bezüglich der Keimzahl im Speichel signifikante Unterschiede [8, 10]. Auch eine dritte, über zwei Monate laufende Studie ergab kein zusätzliches Keimwachstum der oralen Flora durch prolongierte Haftmittelnutzung [11].

Fazit:
Wenn Haftmittel nach Herstellerangaben genutzt und am Abend möglichst rückstandslos entfernt werden, stellen sie kein Hygieneproblem dar.

6. Häusliche mechanische Reinigungsverfahren

Die Grundregel lautet: Die Prothesen nach jedem Essen einmal abspülen, um Speisereste zu entfernen, abends erfolgt dann die Grundreinigung. Man hat festgestellt, dass es sinnvoller ist, die Prothese einmal am Tag möglichst gründlich als besonders oft zu reinigen. Darüber ist man sich weitgehend einig. Eine große Vielfalt herrscht bei der Reinigungsmittel-Empfehlung. Diese reicht von Kernseife über Abwaschmittel bis hin zu normalen Zahnpasten und speziellen Schäumen, die mit Handbürsten, üblichen Zahnbürsten oder extra Prothesenbürsten benutzt werden sollten. Hinter dem Rat, Kernseife zu nutzen, soll die Annahme stecken, dass damit „eingeseifte“ Prothesen wegen des abscheulichen Geschmacks automatisch viel länger und intensiver gereinigt werden. Die Empfehlung, möglichst nicht die relativ abrasiven Zahnpasten und stattdessen einen abrasionsfreien Reinigungsschaum zu nutzen, basiert auf der Annahme, auf einer leicht aufgerauten Prothesenoberfläche siedele sich mehr Plaque ab. Im Ergebnis der Hygienebemühungen käme es also zu einer Verschlechterung der Hygienesituation. Dieser leicht aufrauende Effekt ist auch nachgewiesen worden. Allerdings stellt sich hier die Frage der klinischen Relevanz dieses Postulates: Wie eingangs schon genannt, ist der eigentliche Risikobereich die zur Schleimhaut gewandte Prothesenoberfläche, die bekanntlich fast nie hochglänzend ist. Dagegen unterliegen die Außenflächen immer auch einer geringen Selbstreinigung durch Speichelfluss und Muskelwirkung. Wenn nun ein Prothesenträger seinen Zahnersatz versehentlich mit einer normalen (also abrasiven) Zahnpasta gründlich bearbeitet und dabei eine mikroskopisch wahrnehmbare Rauigkeit erzeugt, wird er den dort möglicherweise deshalb etwas schneller wachsenden Biofilm auch am nächsten Abend mit der gleichen Gründlichkeit wieder entfernen. Die Aufrauung durch abrasive Pasten ist (insbesondere durch den Hersteller der nicht abrasiven Schäume) nachgewiesen worden, es gibt jedoch bisher keine Studie, die einen wirklichen klinischen Schaden bei den zu abrasiv putzenden Patienten fand. Es ist allerdings vorstellbar, dass es bei Risikopatienten sinnvoll sein könnte, auch diese Möglichkeit der Keimabsiedelung zu vermeiden (siehe Punkt 10).

Selbstverständlich kann man die Effektivität der vorhandenen bzw. die Notwendigkeit einer besseren Prothesenhygiene auch durch Anfärben

  • Abb. 2: Diese Prothese wurde offensichtlich perfekt gereinigt ...

  • Abb. 2: Diese Prothese wurde offensichtlich perfekt gereinigt ...
  • Abb. 3: ... auch wenn mithilfe des unter UV-Licht sichtbaren Plaquerelevators an den typischen Schmutzecken feine Plaquereste erkennbar werden. Die dortige Plaque ist für den Patienten jedoch praktisch harmlos.

  • Abb. 3: ... auch wenn mithilfe des unter UV-Licht sichtbaren Plaquerelevators an den typischen Schmutzecken feine Plaquereste erkennbar werden. Die dortige Plaque ist für den Patienten jedoch praktisch harmlos.
der Prothesenplaque demonstrieren. Bei der Verwendung des weit verbreiteten, tiefroten Plaquerelevators Erythrosin ist aber zu bedenken, dass er aus den feinen Fissuren zwischen Kunststoffbasis und Prothesenzähnen nur mühselig zu entfernen ist. Deshalb bietet sich hier ein unter UV-Licht fluoreszierendes Präparat an: Fluorescein-Natrium. Mit jeder einfachen Geldscheinprüflampe kann dann der Erfolg oder Nichterfolg der häuslichen Prothesenreinigung demonstriert werden (Abb. 2 u. 3).

Fazit: Es kommt darauf an, herausnehmbare Prothesen wenigstens einmal pro Tag (abends) gründlich zu reinigen. Dies sollte über einem halb mit Wasser gefüllten oder einem mit einem Handtuch ausgelegten Waschbecken geschehen, damit es bei einem versehentlichen Herunterfallen nicht zu Sprüngen oder Brüchen kommt. Eine gut in der Hand des jeweiligen Prothesenträgers liegende Bürste würde allein schon ausreichen, zusammen mit einem Reinigungsmittel geht es jedoch schneller und auch effektiver. Es kann nicht schaden, dabei abrasive Stoffe zu meiden, allerdings ist es wichtiger, dass überhaupt effizient gereinigt wird. Möglichst nach jedem Essen sollten die Prothesen abgespült werden, um ästhetisch und olfaktorisch störende Speisereste zu beseitigen.

7. Prothesenreinigung und -desinfektion in der Praxis

Mittlerweile ist es unbestritten, dass Patienten mit einer durchschnittlichen oder gar hohen Kariesanfälligkeit auch bei sehr guter häuslicher Mundhygiene zu einer regelmäßigen professionellen Zahnreinigung geraten wird, der karies- und parodontitisprotektive Nutzen gilt als wissenschaftlich gesichert. Genauso sollte auch mit Prothesenträgern verfahren werden, nur dass man bei deren Prophylaxetermin anstelle einer PZR eben eine gründliche Prothesenhygiene durchführt. Es sollte zur Routine gehören, den herausnehmbaren Ersatz bei jedem Zahnarztbesuch für zehn Minuten in das Desinfektionsbad zu legen. Die antimikrobielle Lösung dringt in die feinen, mit bloßem Auge nicht wahrnehmbaren, oberflächlichen Rauigkeiten der Kunststoffbasis ein und verringert die Keimlast deshalb effektiver als häuslich anzuwendende Methoden. Danach können, je nach Bedarf, im zahntechnischen Labor weitere Maßnahmen ergriffen werden: Die Prothesen können in ein Ultraschallbad mit einer konzentrierten (meist sehr sauren) Reinigungslösung eingelegt werden (z.B. dentaclean, Fa. Bredent). In diesem sauren pH-Wert löst sich auch Zahnstein sehr gut. Neben einer guten Reinigung bieten sogenannte Nadelbäder (MicroClean-Gerät, Fa. Schütz Dental) gleichzeitig eine politurähnliche Oberflächenbearbeitung: In der Reinigungslösung befinden sich viele feine Stahlnadeln, die über einen Magneten verwirbelt werden und dadurch auch schwer zugängliche Bereiche der eingelegten Prothese (z.B. Geschiebe und Teleskope) mechanisch aufarbeiten. Wie auch die PZR bei Bezahnten kosten diese Maßnahmen Geld, sie sind nicht Bestandteil der GKV.

Fazit: Um die häusliche Prothesenhygiene zu unterstützen, sollte herausnehmbarer Zahnersatz bei jedem Zahnarztbesuch routinemäßig desinfiziert werden. Schwer zu entfernende Beläge sind mithilfe zahntechnischer Geräte einfach zu beseitigen, wobei allerdings Kosten für die Patienten entstehen.

8. Reinigungstabletten – nützlich oder gefährlich?

In Deutschland werden jährlich etwa 70 Mio. Euro für diese Tabletten ausgegeben, was angesichts eines Stückpreises zwischen 2 und 9 Cent ein ordentlicher Umsatz ist. Dieses Verbraucherverhalten steht im Gegensatz zu den Empfehlungen in der überwiegenden Zahl deutscher Prothetiklehrbücher, welche sich auch auf den Websites vieler Dentallabore und in Zeitschriften zur Altenpflege wiederfinden: Chemische Prothesenreiniger (CPR) würden den Basiskunststoff verspröden, die Farbstoffe „angreifen“, die Oberflächen aufrauen und seien darüber hinaus kaum wirksam [9, 20]. Die auf den zahntechnischen Portalen vielfach gegebenen Negativempfehlungen reichen von „niemals“ über „nur in Ausnahmefällen“ (in welchen?) bis zu „höchstens einmal pro Woche“. Nur in zwei 1991 bzw. 1993 erschienenen Lehrbüchern [2, 5] wird die tägliche Verwendung der CPR als notwendige Ergänzung zur mechanischen Reinigung bezeichnet und diese Empfehlung mit wissenschaftlicher Literatur belegt. Um es vorwegzunehmen: Hier haben die Verbraucher recht! Dagegen darf man den vielen Gegnern der CPR vorhalten, dass sie alte Vorurteile ungeprüft übernommen haben und die aktuelle Literatur schlicht ausblenden. Strafmildernd kann immerhin ins Feld geführt werden, dass sich die international verfügbaren Produkte hinsichtlich ihrer Inhaltsstoffe sehr unterscheiden und dass es insbesondere auf dem nord- und südamerikanischen Markt tatsächlich einige Reinigungstabletten gibt, die den Prothesen gegenüber genauso aggressiv sind wie gegenüber dem Biofilm. Sie enthalten z.B. Natriumhypochlorit oder sind mit einem pH-Wert deutlich über 10 sehr alkalisch. Die in Deutschland erhältlichen Produkte stellen dagegen einen guten Kompromiss aus Wirksamkeit und Ungefährlichkeit dar, sie gehören zu den Gruppen der leicht alkalischen bis schwach sauren Peroxide (pH-Werte zwischen 9 und 4). Ihre wichtigsten Inhaltsstoffe sind u.a. Tenside als Reinigungsmittel, Komplexbildner zur Senkung der Wasserhärte, Per-Verbindungen als Sauerstoff-Abspalter, Salze der Carot’schen Säure als Mikrobiozide, CO2-Abspalter für die Sprudelbildung. Dazu kommen neben Aromastoffen einzelne Spezialitäten der Hersteller. Beispielhaft sei hier Silikon genannt, welches einen belagabweisenden Oberflächenfilm bilden soll. Die anekdotisch geschilderten Fälle von Materialschäden durch diese Produkte erweisen sich bei genauerem Nachfragen in der Regel als Folge einer unsachgemäßen Handhabung.

In der neueren wissenschaftlichen Literatur finden sich mittlerweile Belege für eine erstaunliche Wirksamkeit hier erhältlicher CPR. In einer In-vitro-Studie erwies sich das saure CPR-Produkt NitrAdine® auf mit verschiedenen Mikroorganismen kontaminierten Prothesenoberflächen als ziemlich effizient: Candida albicans verschwand vollkommen. Der als Erreger von Pneumonie und Endokarditis sowie wegen seiner Tendenz zur Multiresistenz gefürchtete Staphylococcus aureus wurde um 7 Log-Stufen vermindert, der hartnäckige Krankenhauskeim Pseudomonas aeruginosa um fast 8 Log-Stufen [6]. Bei der Bewertung dieses Ergebnisses hilft ein Vergleich: Ein Desinfektionsmittel ist dadurch definiert, dass es die Keimzahl um 5 Log-Stufen reduziert. In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass 99,999 % der Keime eliminiert wurden. Natürlich sind solche Ergebnisse in klinischen Studien schwerer zu erzielen, aber auch in vivo gelang bei zusätzlicher Anwendung von NitrAdine® eine signifikante Reduktion des Biofilms und der Candida-Kolonisation [14]. Den Vorwurf der Nutzlosigkeit kann man diesem und ähnlichen CPR-Produkten also nicht machen!

Trotzdem besteht bei Anwendung der CPR ein spezielles Risiko: Die Nutzer könnten sich daran gewöhnen, die Verantwortung für die Sauberhaltung ihrer Prothesen komplett einer Chemikalie zu übergeben. Aber nur das recht aggressive Natriumhypochlorit ist in der Lage, einen über 48 Stunden gewachsenen komplexen Biofilm weitgehend zu entfernen [19]. Diese Substanz aber gehört zu den eingangs erwähnten, die den Prothesenkunststoff mit der Zeit wirklich schädigen könnten, und ist in den hierzulande erhältlichen Produkten nicht enthalten.

Fazit: Prothesenreinigungs-Tabs sind viel besser als ihr Ruf! Die in Deutschland verkauften Produkte sind bei üblicher Anwendung ungefährlich für Mensch und Prothese. Die häufig zu findenden Warnungen vor diesen Tabletten sind unbegründet, denn sie basieren auf Studien mit sehr stark alkalischen oder Hypochlorit enthaltenden Produkten des amerikanischen Marktes. Allerdings ist die alleinige Verwendung der Tabs nur kurzfristig ausreichend, zur üblichen Prothesenhygiene sollte immer auch eine mechanische Komponente gehören.

9. Kann man die Mikrowelle benutzen?

Was im ersten Moment absurd klingt, könnte in der Zukunft durchaus einmal eine sinnvolle Maßnahme sein: Abends die Prothese kurz in den Mikrowellenofen legen. Denn dass in den handelsüblichen Geräten bei ca. 650 W Leistung nach 3 min so gut wie kein Keim überlebt, ist inzwischen nachgewiesen worden [12]. Unter Mikrowellen versteht man allgemein die Frequenzbereiche zwischen 1 und 300 GHz, also den elektromagnetischen Spektralanteil zwischen den sogenannten Radiowellen und dem Infrarotlicht. Die handelsüblichen Mikrowellenöfen arbeiten mit Frequenzen um 2,5 GHz, sie haben zwei verschiedene Wirkungen: Zunächst führen sie durch eine rasend schnelle räumliche Umorientierung der Wassermoleküle zu einer Erhitzung, außerdem treten elektromagnetische Effekte auf, wodurch z.B. Zellmembranen zerstört werden. Beide Effekte bewirken das Absterben der Mikroorganismen auf und im (!) Prothesenkunststoff, der damit nahezu sterilisiert wird. Allerdings existieren einige Einschränkungen dieser Methode: 1) Sie ist zwar bei der Keimabtötung nahezu unschlagbar, bewirkt aber keinen Reinigungseffekt. Farbstoffe, Speisereste und der Biofilm würden in einem Mikrowellengerät nur dann beeinflusst, wenn die Prothesen dort in einer wässrigen Lösung lägen. 2) Prothesen mit metallischen Anteilen sind grundsätzlich ungeeignet, also alle Modellgussbasen und auch gebogene Drahtklammern. 3) Unter dem Einfluss der Mikrowellen kann es zu klinisch spürbaren mechanischen Änderungen des Prothesenbasis-Kunststoffs kommen. Die dazu vorliegenden Studienergebnisse sind uneinheitlich [3]. Offensichtlich bewirken insbesondere die jeweils ersten Anwendungen von Mikrowellen eine Kontraktion des Kunststoffs, wodurch sich die Lage der Prothesenzähne geringfügig, aber doch relevant ändert.

Fazit: Noch ist unklar, wie sich die Mikrowellen auf die physikalischen Eigenschaften des PMMA und der verschiedenen „alternativen“ Basiskunststoffe auswirken, es gibt noch keine validen Empfehlungen zur Häufigkeit dieser Maßnahmen und zum Lagerungsmedium für die Prothesen. Es darf aber damit gerechnet werden, dass es mittelfristig erste „mikrowellenfeste“ Prothesen gibt, deren Desinfektion dann wahrscheinlich am einfachsten und doch effektivsten sein könnte. Derzeit ist von individuellen häuslichen Tests aber noch dringend abzuraten!

10. Prothesenhygiene bei Risikopatienten

Zum Risikopatienten werden beispielsweise ältere Menschen unter immunsupprimierender Medikation (z.B. nach Transplantationen und bei Autoimmunerkrankungen) oder mit krankhaft geschädigtem Immunsystem wie bei Leukämie. Dazu kommen auch primär Gesunde, die nach einem Unfall plötzlich chronisch bettlägerig bzw. hospitalisiert sind. Sie alle sind durch die unter ihren Prothesen siedelnden Keime deutlich mehr gefährdet, denn auch bei gesunden Totalprothesenträgern finden sich neben der üblichen Standortflora die respiratorischen Pathogene Enterobacter cloacae, Klebsiella pneumoniae und Staphylococcus aureus. Die Aspiration solcher Keime gilt lange schon als einer der Hauptinfektionswege der Pneumonie [18]. Besonders gefährdet sind Bewohner von Pflegeheimen: Dort zählt Pneumonie zu den häufigsten Todesursachen. Dementsprechend senkt eine konsequente Mund- und Prothesenreinigung die Inzidenz der Pneumonie bei Pflegebedürftigen signifikant [1].

Aber wer führt die Reinigung aus? Die Patienten selbst sind häufig nicht mehr dazu in der Lage. Oft sind aber die Pflegekräfte mit dieser relativ einfachen Tätigkeit überfordert, der Ekel vor Dingen aus fremden Mündern sitzt erstaunlicherweise tief. Gerade deshalb sollte dieses Thema von den Angehörigen immer angesprochen werden! Es empfiehlt sich, auf den Pflegestationen ein zahnärztliches Desinfektionsbad vorzuhalten, in das die Prothesen der Risikopatienten einmal wöchentlich für 10 min eingelegt werden. Die tägliche Prothesenhygiene sollte dem üblichen Ablauf entsprechen: Nach jeder Mahlzeit sollte also einmal im kräftigen Wasserstrahl abgespült werden und nach dem Abendbrot eine mechanische Reinigung mit Zahn-, Prothesen- oder Handbürste folgen. Danach muss (!) die Prothese täglich für 15 min in ein CPR-Bad und wird dann bis zum Morgen trocken gelagert. Die Mundschleimhaut sollte wenigstens einmal täglich mit einer weichen Zahnbürste massiert werden. In besonders gefährlichen Situationen, z.B. unter Chemotherapie bei Leukämie, sollte die Prothese nur zum Essen getragen werden, um das Keimreservoir unter dem Zahnersatz gar nicht erst entstehen zu lassen.

An ein sonst verbreitetes Mittel zur wirksamen intraoralen Keimreduktion wird bei Zahnlosen selten gedacht, und das zu Unrecht: Denn chlorhexidinhaltige Mundspülungen sind insbesondere gegen Candida albicans hochwirksam. Sie sollten allerdings in nichtalkoholischer Lösung benutzt werden, um chronisch entzündete Schleimhäute nicht zu reizen. Eine fünfzehnminütige Lagerung der Prothesen z.B. in Corsodyl beseitigt zumindest unter In-vitro-Bedingungen alle Hefepilze auf der Oberfläche [7].

Fazit: Bei Risikopatienten sind Prothesen als Infektionsquellen zu betrachten. Unter diesem Aspekt wird sofort klar, dass es eines besonderen Regimes aus regelmäßiger professioneller Desinfektion sowie einer täglichen mechanischen und chemischen Reinigung mit CPR oder auch Chlorhexidinlösung bedarf!

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Felix Blankenstein


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